„Auch der Beste braucht einmal Glück“

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Sie sind die letzten Teamchefs, die Österreich bei Großturnieren betreut haben: Josef Hickersberger und Herbert Prohaska. Im Interview sprechen die beiden über unehrliche Spieler, mediale Einflussversuche und verpasste Karrierechancen.

Am frühen Nachmittag sind im Gastgarten des Schweizerhauses im Wiener Prater fast alle Tische besetzt. Die drei Tassen Kaffee am ballesterer-Tisch irritieren Herbert Prohaska, als er zum Interviewtermin kommt. „Sind wir auf einer Konferenz?“, fragt er unter Gelächter an den Nebentischen. Das Bier für Prohaska wird schon zum Tisch gebracht, während er noch mit den Kellnern am Eingang plaudert. Mit etwas weniger Getöse aber ebenso gut gelaunt erscheint Josef Hickersberger, der sich ein Krügerl, gefolgt von Kaffee und Apfelstrudel, bestellt. Prohaska wählt Bierfleisch: „Aber bitte keine große Portion!“

 

ballesterer: Ende Mai müssen die Teamchefs ihre EM-Kader benennen. Wie trifft man diese Entscheidungen?

Prohaska: Zu entscheiden, wen man zu Hause lässt, ist wirklich schwierig. Ich habe alle Spieler angerufen. Du weißt natürlich, dass sie auf dich böse sind, wenn sie nicht dabei sind. Ich habe auf die aktuelle Form gesetzt.

Hickersberger: Wenn die Entscheidungen auf rein fachlichen Kriterien beruhen, ist es ja noch relativ einfach. Wenn man aber welche treffen muss, die schwer zu begründen sind, kann man die eine oder andere Nacht nicht gut schlafen.

 

Wann war das so?

Hickersberger: Bei der Qualifikation für 1990 war die Wahl zwischen Bruno Pezzey und Heribert Weber schwierig. Ich habe mich damals für den Weber entschieden, der hat dann aber beim letzten Qualifikationsspiel nicht spielen können. Da wir dieses Match gewonnen haben, habe ich mich bei der WM für seinen Ersatzmann, den Ernst Aigner, entschieden. Man kann natürlich darüber diskutieren, ob es nicht eine bessere Lösung gegeben hätte.

Prohaska: Man hat auch das Problem, dass die Spieler nicht ehrlich zu sich sind. 1998 habe ich dem Herzog gesagt: „Andi, du kannst nicht spielen, du ziehst den Fuß hinter dir her, und jeder sieht es.“ Aber er hat mir gesagt, dass er mit einer Spritze eh spielen könne. Was machst du da?

Hickersberger: Man kennt das eh selber, ich hab in Argentinien auch gespielt, obwohl ich eine Zerrung gehabt habe.

Prohaska: So ist das halt: Du wünschst dir auf der einen Seite, dass die Spieler ehrlich sind, weißt aber auch, dass sie spielen wollen.

Hickersberger: Willst du jetzt sagen, ich war nicht ehrlich?

Prohaska: Bei dir ist es gut gegangen, wir sind ja weitergekommen.

 

Herr Hickersberger, Sie haben vor der EM 2008 ja viele Spieler im Blick gehabt.

Hickersberger: Zu viele, vielleicht habe ich den Überblick verloren.

 

Ist die Qualität der Spieler heute höher als damals?

Hickersberger: Ja. Diejenigen, die jetzt den Sprung in den EM-Kader knapp verpassen, wären bei mir Stammspieler gewesen.

Prohaska: Der Marcel Koller braucht sich keine Gedanken machen, mit wem er hinfährt, weil das für ihn längst feststeht. Dadurch erspart er sich auch die Diskussionen in den Medien. Mir wollten sie den Alexander Manninger als dritten Tormann reindrücken. Darüber hätte ich mir also Gedanken machen sollen – wer als dritter Tormann mitfährt?

Hickersberger: Dafür habe ich den Manninger 2008 mitgenommen.

Prohaska: Eben, der war 1998 in einem Alter, wo ich gewusst habe, dass er noch fünfmal die Chance hat, sich zu qualifizieren.

Hickersberger: Diese Einflussversuche wären bei mir völlig verkehrt gewesen, ich hätte garantiert den anderen mitgenommen. Ich lasse mir doch meinen Kader nicht diktieren.

 

Haben Sie ein Autoritätsproblem?

Hickersberger: Nein, ich habe nur erlebt, wie das ist, wenn ein Teamchef auf Zurufe von Zeitungen mit großer Auflage reagiert.

Prohaska: Daran kann sich vielleicht nicht mehr jeder erinnern. Unter Teamchef Branko Elsner hat sich der Hans Krankl beschwert, weil er nicht gespielt hat. Die Krone ist dann eingestiegen. Am Matchtag hat der Elsner dann gesagt, dass der Krankl statt dem Pepi spielen würde, woraufhin der Pepi heimgefahren ist.

Hickersberger: Ich möchte erwähnen, dass ich dem Elsner trotzdem unglaublich viel verdanke. Er hat mich später als Assistenten zum Nationalteam geholt, da hat meine Trainerkarriere begonnen.

 

1990 hat Österreich vor der WM gute Ergebnisse gegen Spitzenteams erzielt. War die Erwartungshaltung damals ähnlich wie bei der diesjährigen EM?

Hickersberger: Das ist sicher vergleichbar. Eine zu hohe Erwartungshaltung kann zu einem Problem werden. Du brauchst nur dein Eröffnungsspiel nicht gewinnen und bist schon gewaltig unter Druck. Nur glaube ich, dass diese Mannschaft so viel Qualität und Erfahrung hat, dass sie damit umgehen kann.

Prohaska: Dieses Mal sollte die Gruppe zu schaffen sein, obwohl auch Ungarn und Island auf keinen Fall leichte Gegner sind. Bei uns glauben alle, dass uns die Euphorie bei der EM tragen wird. Nur haben die Ungarn und die Isländer diese Euphorie auch.

Hickersberger: Wahrscheinlich war auch ich 1990 von den Resultaten in der Vorbereitung geblendet. Wir haben zu Hause gegen die Niederlande plötzlich 3:0 geführt. Ich habe mir nie in meiner Karriere so sehr gewünscht, dass der Gegner Tore macht. Denn nach so einem Spiel erwarten die Leute plötzlich, dass du bei der WM ins Semifinale kommst. Wir haben das erste Spiel gegen Italien gehabt – in Italien. Der Herbert war lang genug dort, der kennt sich aus. Dort kannst du eigentlich nicht gewinnen. Sei ehrlich, Herbert.

Prohaska: Vor allem gegen die Mannschaft, die Italien damals gehabt hat.

 

Braucht man bei einer Endrunde besonders viel Glück?

Hickersberger: Ich will nicht sagen, dass wir Glück brauchen, aber Pech dürfen wir keines haben, obwohl wir wirklich eine tolle Mannschaft haben.

Prohaska: Österreich muss immer Glück haben, Deutschland oder Barcelona brauchen das nicht, weil die alles haben, um zu gewinnen. Glück gehört halt dazu, das ist viel besser als Können.

Hickersberger: Na ja, nein.

Prohaska: Der Krankl hat einmal zu mir gesagt, dass ich bei meinen Titeln immer nur Glück gehabt hätte. Da habe ich geantwortet: „Hansi, wenn ich wählen könnte zwischen glücklichster und bester Trainer der Welt, nehme ich immer glücklichster.“ Auch der Beste braucht einmal Glück.


Foto: Stefan Reichmann


Lesen Sie das gesamte Interview in der aktuellen Ausgabe des ballesterer (Nr. 112 Juni/Juli 2016). Seit 13. Mai österreichweit in den Trafiken sowie einige Tage später im deutschen und Schweizer Bahnhofsbuchhandel und digital im Austria-Kiosk der APA!

Referenzen:

Heft: 112
Rubrik: Thema
ballesterer # 120

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