Außer Kontrolle

cache/images/article_1738_aussee_140.jpg Als der SV Bad Aussee vor vier Jahren in die Erste Liga aufstieg, stand die gesamte Gemeinde Kopf. Es folgten ein Selbstmord des Sportdirektors, ein Konkursverfahren und die Auflösung des Vereins. Nirgendwo in Österreich haben der Größenwahn und der Traum vom Profifußball dramatischer geendet als im Ausseerland.
Im Gasthaus Lehmgrube am Ortsende sitzen nur noch vier Gäste und die Wirtin. Es ist erst 19 Uhr, aber die Stimmung angesichts des bevorstehenden Feiertags schon gehoben. Günther bestellt sein achtes Bier und lädt freundlich an den Stammtisch ein. Noch warten wir ein paar Minuten, bis wir uns als Journalisten aus Wien zu erkennen geben, die die Geschichte des SV Bad Aussee recherchieren wollen. Doch auch ohne Zutun gerät das Gespräch automatisch auf die tragische Episode, welche die beschauliche Kurstadt im steirischen Salzkammergut und ihre nicht ganz 5.000 Einwohner noch lange beschäftigen wird.


Günther hat das Buch gelesen. »Tot im Tor« lautet der Titel des kürzlich erschienenen Romans von Alexander Haide, der sich mit den Geschehnissen rund um den SV beschäftigt. Bis zum bitteren Ende. Bis zum Selbstmord des ehemaligen Sportdirektors Hans Pehringer. »Den Hansi hab ich schon von klein auf gekannt«, sagt Günther. Wie so viele hier. In Bad Aussee, das wird schon kurz nach unserer Ankunft klar, bleibt wenig geheim. Als wir den Grund unseres Besuchs verraten, reagieren die Männer am Stammtisch keineswegs feindlich. Ihre Blicke werden prüfender, die Aussagen vorsichtiger, aber das Gesprächsthema wechseln sie nicht. Zu sehr hat sie bewegt, was Anfang der 2000er Jahre mit einem riskanten Höhenflug begann und 2010 mit der Auflösung des Vereins endete.


Dazwischen lagen der Aufstieg von der fünftklassigen Oberliga in die zweithöchste österreichische Spielklasse, die umstrittene Errichtung eines neuen Stadions, der Auftritt und Abgang eines deutschen Arbeitgeberpräsidenten sowie bekannter Sponsoren und Spieler. Was folgte, war der Zusammenbruch des Vereins und einer menschlichen Existenz, der die Gemeinde spaltete. In Österreich sind Erzählungen von überambitionierten Funktionären und Politikern, die ihren Dorfverein mit Vehemenz nach oben treiben, nicht eben selten. Doch in Bad Aussee ist alles noch rasanter und verrückter abgelaufen.

Teures Heim, stolz allein
Bis auf Günther haben alle ausgetrunken. Es ist Zeit, in den Ort zurückzukehren. Neben dem Gasthaus hat ein großer Auflauf begonnen. In der Disco Salzhaus ist der Rapper Sido zu Gast. Das Stadion von Bad Aussee liegt gleich daneben. Es ist nicht lange her, dass ein deutscher Besucher eine ähnliche Begeisterung auslöste, als er aus dem Hubschrauber einen Ball auf das Spielfeld warf. Er wäre besser zu Hause ­geblieben.


Wenn das Panoramastadion sprechen könnte, es würde gewiss die Geschichte erzählen, als der deutsche Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt sich 2003 tatsächlich zu einem Spiel seines SV Bad Aussee einfliegen ließ. Die Ausseer hatten den mächtigen Industriellen und Aufsichtsratsvorsitzenden des VfB Stuttgart, der seit den frühen 1990er Jahren ein Ferienhaus im Ort besitzt, ehrenhalber zum Präsidenten ihres Fußballvereins gemacht. Hundt war es auch, der 2003 den Bau des schmucken Stadions ermöglichte. Nach seinem erfolgreichen Einsatz für den Auto-Cluster in Graz hatte er beim damaligen ÖVP-Landesrat Gerhard Hirschmann einen Stein im Brett. »Bei einem Treffen in Graz ist ein genaues Modell dessen, was wir später gebaut haben, auf dem Tisch gestanden«, erinnert sich Bürgermeister Otto Marl an den Anfang der Geschichte. »Der Hirschmann hat gesagt: Ihr brauchts das und so haben wir das Stadion mit starken Förderungen des Landes gebaut, auch wenn es für die Gemeinde nicht leicht war.«


Heute wirkt die Konstruktion aus Holz und Stahl überdimensioniert und großspurig. Der als eigene Etage direkt unter dem Dach konstruierte VIP-Klub, die Vertäfelungen aus edlem Holz, der Kabinentrakt mit Whirlpool und Sauna. Wie viel das Stadion genau gekostet hat, ist nur mehr schwer zu eruieren. Der grüne Gemeinderat Gottfried Hochstetter hat in seinen Notizen einen Betrag von 2,7 Millionen Euro vermerkt, davon rund 1,5 Millionen aus Förderungen des Landes.
Die Errichtung des Stadions geschah in großer Eile, bei der Baubewilligung traten bald Ungereimtheiten zutage. Die Grundstücke, auf denen das Stadion bereits feste Form annahm, waren zu diesem Zeitpunkt nämlich noch Eigentum der Salinen Austria AG des Industriellen Hannes Androsch und der BIG, der Bundesimmobiliengesellschaft. Die Kleine Zeitung schrieb von einem »Schwarzbau«, sogar ein Abrissbescheid stand im Raum. Zudem musste eine Ecke des Stadiondachs wieder entfernt werden, weil sie zu weit in die angrenzende Landesstraße hineinragte.


Wie so oft in der jüngeren Geschichte des Vereins wurde die Situation im Bad Ausseer Gemeinderat entschärft. Dieser beschloss im März 2004, die Grundstücke über die eigens für den Sportverein gegründete Infrastruktur-KG, eine 100-Prozent-Tochter der Gemeinde, zu kaufen. Diese steuerschonende Variante, öffentliche Projekte in eine Wirtschaftsgesellschaft auszugliedern, wird von der Gemeinderatsopposition aus FPÖ und Grünen als Vehikel gesehen, um einige Vorgänge rund um den SV Bad Aussee schwerer nachvollziehbar zu machen. Hauptverantwortlicher in der KG war der Gemeindebedienstete Hans Pehringer, der auch zum Manager des Freizeitzentrums ernannt wurde.

Schwarzes Geld, helles Licht

Den Jungkickern, die sich heute Abend am Rasen abplagen, und ihrem Anhang aus Eltern und herausgeputzten Mädels dürfte der turbulente Stadionbau kaum in Erinnerung sein. Im Stadionstüberl will man auch nur zögerlich darüber sprechen. »Wir müssen froh sein, dass wieder Fußball gespielt wird«, sagt Pächterin Christine Limberger. »Die Red-Zac-Liga war ja nicht gemütlich. Die ganzen Auflagen! Sessel und Tische auf der Tribüne waren nicht mehr erlaubt. Und mehr Leute sind auch nicht gekommen.« Ein anwesender Fan erinnert sich lieber an die Regionalliga-Zeiten: »Der Freitagabend war ein Event. Die Leute sind sogar aus Bad Ischl und Obertraun gekommen.« Auf die Frage, wann klar geworden sei, dass sich der Verein etwas übernommen habe, schüttelt der treue Stadionbesucher den Kopf: »Ein bissl nennst du das? Da ist schon in der Landesliga einiges schwarz geflossen, sonst wären die Spieler gar nicht gekommen.«


Doch die größte Posse ereignete sich erst, als der SV Bad Aussee 2007 in die Erste Liga aufstieg. Die Scheinwerfer des Stadions erfüllten nicht die Anforderungen des Fernsehpartners Premiere. Zwar war erst 2002 um knapp 45.000 Euro eine Flutlichtanlage gekauft worden. Da diese aber nicht die erforderliche Lichtstärke aufwies, musste Bad Aussee zu Beginn der Saison 2007/08 nach Leoben ausweichen. Alle Investitionen hatten nicht ausgereicht, um dem Provinzklub rechtzeitig eine Bundesliga-taugliche Heimstätte zu verpassen. Es bedurfte eines weiteren Gemeinderatsbeschlusses: Am 24. Juni 2007 wurde auf Antrag von Bürgermeister Otto Marl festgehalten, dass die KG die Kosten für eine neue Flutlichtanlage übernimmt, der Verein aber den Kaufpreis (minus 35.000 Euro aus dem Erlös für die alte Anlage) innerhalb eines Monats zurückzahlen müsse. Anderenfalls werde die KG »die Nutzung der Flutlichtanlage durch den SV untersagen«. Selbstverständlich konnte der Verein die mit 320.000 bis 360.000 Euro angegebenen Kosten nicht innerhalb der fantasievollen Frist begleichen. Der Beschluss im Gemeinderat wurde zwar mit nur einer Gegenstimme gefasst, hatte allerdings ein Nachspiel. Die Opposition aus dem Grünen Hochstetter und dem Freiheitlichen Johannes Wasner, die bei Wahlen auch schon als gemeinsame Liste angetreten sind, traktierte die Gemeinde wegen der Kosten des Flutlichts so lange, dass eine Alternativlösung gefunden werden musste. Aus dem Gemeinderatsprotokoll vom 25. September 2009 ergibt sich folgende Schadensbewältigung: Bürgermeister Marl gab bekannt, dass ihm ohnehin bald klar geworden sei, dass der Verein keine Rückzahlung leisten hätte können. Also habe man einfach die Vereinsförderung einbehalten, die ansonsten von der Gemeinde ausbezahlt worden wäre. Fazit des Protokolls: »Der Bürgermeister ist seiner Informationspflicht hinreichend nachgekommen.« Für Wasner nur der Gipfel einer bizarren Komödie: »Die fernsehtaugliche Anlage konnte nur betrieben werden, wenn die Grundlseer Feuerwehr mit einem Tranformatorauto für zusätzlichen Strom gesorgt hat«, sagt der FPÖ-Politiker. »Nach dem Abstieg war das zu teuer. Also haben sie 50 Scheinwerfer herausgeschraubt, von denen nur einer verkauft wurde. Pro Stück haben sie 1.500 Euro gekostet.«

Nein zum Eigenbau
Zu rechtfertigen wäre das Mammutprojekt nur gewesen, wenn das Sportzentrum tatsächlich der Bevölkerung und besonders der Jugend zur Verfügung gestanden wäre. Das passierte in den wilden 2000ern in Bad Aussee aber nicht: Während prominente und teure Spieler wie der Slowake Jan Kociak, die Brasilianer Emidio Wellington und Rodrigo Frank Pereira sowie der Japaner Hidetoshi Wakui geholt wurden, kam der Nachwuchsbetrieb fast zum Erliegen. »Die Jugendarbeit war ursprünglich sehr gut. Aber je erfolgreicher die Kampfmannschaft geworden ist, desto unwichtiger war der Nachwuchs«, sagt Michael Hofer, der ehemalige Fanbeauftragte des SV Bad Aussee. So kam es, dass der Klub die Jugendmannschaften bis hinunter zur U13 einstellte. Strafgeldzahlungen an den Landesverband wurden billigend in Kauf genommen, die Jugendlichen aus dem Ort mussten sich anderswo nach Spielmöglichkeiten umsehen. »Für die Burschen war das damals kein Spaß«, sagt der aktuelle Nachwuchsleiter Christian Köberl. »Es gibt einige Beispiele von Kickern aus der Umgebung, die jetzt für andere Vereine in der Landesliga kicken.«


Weitgehend ohne Eigengewächse gelang dem SV Bad Aussee 2005 der Aufstieg in die Regionalliga Mitte. Ein ungeahnter Höhenflug, hinter dem zwar kaum ein Konzept, aber ein paar Herren standen, wie man sie so oft in der österreichischen Fußballprovinz antrifft. Als Triebfeder des Unternehmens galt Hans Pehringer, ein waschechter Ausseer, vormals Bankbeamter, dann bei der Gemeinde beschäftigt. Für den Sport seines Lebens war Pehringer nur mit überschaubarem Talent ausgestattet. »Er war einer meiner schlechtesten Mitspieler«, meint ein Gast des Stadionstüberls, der mit Pehringer in derselben Mannschaft stand, als noch das Derby gegen Irdning zu den Höhepunkten des Jahres zählte.


Pehringer wollte aber höher hinauf, und mit ihm einige andere. Der langjährige Obmann des Vereins und hochrangige Mitarbeiter des lokalen Rigips-Werks, Josef »Joschi« Grill, war sein Nachbar und Mitstreiter, wenn es darum ging, den SV nach oben zu treiben. Dieter Hundt forderte vehement weitere Aufstiege, um sich im Erfolg sonnen zu können. Dazu kamen die üblichen Verdächtigen bei den Sponsoren: der Arbeitsvermittler Trenkwalder, der Bad Aussee über vier Jahre hinweg fast 900.000 Euro spendierte, und die Haustechnikfirma Harreither. Das Desaster war angerichtet.

Ein Tor zu viel
Zumindest spekuliert müssen die Gemeindeoberen ebenfalls mit dem sportlichen Erfolg haben, was wäre sonst aus dem sündteuren Stadion geworden. Und bald schon schritt der SV auch in der Regionalliga von Sieg zu Sieg. Neben der hoch bezahlten Mannschaft hatte man mit Heinz Thonhofer einen erfahrenen Bundesliga-Spieler als Trainer geholt. Und dann kam es zu jenem Spiel, an das sich so gut wie alle Ausseer erinnern: In der letzten Runde der Regionalliga-Saison 2006/07 war der SAK im Panoramastadion zu Gast, der SV Bad Aussee benötigte einen Sieg für den Aufstieg. Bis zur 93. Minute stand es 1:1, doch mit dem letzten Angriff köpfelte der Kroate Tomislav Ceraj den Ball ins Netz. Einer Explosion auf den Zuschauerrängen folgte ein Freudentanz von Hundt, Grill und Pehringer auf dem Platz. Nur der Bürgermeister, der dem Spiel ferngeblieben war, sprach den heute noch oft zitierten Satz: »Es war ein Tor zu viel.« In wenigen Monaten sollte sich herausstellen, wie recht er damit hatte.


Wie sehr schon damals das Geld an allen Ecken fehlte, zeigt ein Blick in die Konkursakte des SV Bad Aussee. Darin findet sich neben offenen Spielergehältern auch eine Forderung von Heinz Thonhofer über 5.000 Euro. Der Ex-Trainer hatte die Summe auf Bitte von Hans Pehringer für den Fall ausgelobt, dass die Amateure des FC Kärnten in der letzten Runde Tabellenführer FC Wels schlagen würden. Nachdem diese Grundbedingung für den Bad Ausseer Aufstieg eintraf, wurde die Prämie für die Kärntner schlagend. Thonhofer, dem die Rückzahlung für den Folgemonat versprochen worden war, überwies das Geld für seinen Verein, um danach mehrere Jahre vergeblich darauf zu warten.


Ausständige Gehälter gehörten auch für das kickende Personal des SV Bad Aussee zum Alltag. »Im Jahr, in dem wir Regionalliga-Meister geworden sind, ist es zu gröberen Zahlungsverzögerungen gekommen«, sagt Richard Strohmayer. Der heutige Vienna-Kicker war damals Kapitän des SV. »Ich habe mich sehr lang hinhalten lassen, weil der Pehringer so ein netter Kerl war. Kurz vor seinem Tod hätte ich ziemlich viel Geld kriegen sollen. Aber dazu ist es nicht mehr gekommen.« Wie andere Spieler musste sich Strohmayer seine Gage vor Gericht erkämpfen. Die schlechte Zahlungsmoral sei jedoch kein Geheimnis gewesen, meint Michael Hofer: »Die Spieler haben gewusst: Bei Bad Aussee kriegst du viel Geld, aber du musst lang drauf warten.«


Wie der Verein unter diesen Umständen die Spielgenehmigung der Bundesliga erhalten konnte, bleibt schleierhaft. »Bad Aussee hat die Lizenz für 2007/08 in zweiter Instanz unter finanziellen Auflagen bekommen«, sagt Reinhard Herovits, Lizenzmanager der Liga. Das bedeutet, dass dem Klub von Anfang an ein herausforderndes Jahr ins Haus gestanden war, weil er Nachweise zur Budgetplanung und Reorganisation zu erbringen hatte. Nähere Auskünfte zu den eingereichten Unterlagen kann Herovits nicht machen, er sagt nur: »Dass sie die Lizenz danach nicht mehr gekriegt haben, ist ein klares Zeichen: Es hat für ein Jahr gereicht, aber nicht für mehr.«

Der Gemeindehackler als Finanzier
Hans Pehringer hat Herovits nie zu Gesicht bekommen. Nicht zuletzt deshalb, weil er kein Amt im Verein innehatte. Trotzdem agierte der Gemeindebedienstete als Manager fast wie ein Eigentümer. »Offiziell war er nicht im Vorstand, aber er war die Anlaufstelle für uns Spieler«, erinnert sich Strohmayer. Michael Hofer ergänzt: »Es hat mich gewundert, dass die Spieler immer zum Hans gegangen sind, wenn sie ein Geld gebraucht haben.«


Pehringer degradierte die Vereinsorgane zu Statisten und tätigte Budgetvorgriffe auf die folgende Saison. Der Kassier des Vereins dürfte in der besagten Zeit seiner Aufgabe nicht ansatzweise nachgekommen sein, wie Bürgermeister Otto Marl als Teil des Aufsichtsrats, der seinen Aussagen zufolge eher den Charakter eines weitgehend uninformierten Prominentengremiums hatte, bestätigt: »Ich habe den Kassier einmal gefragt: Wie habts ihr denn die Spieler gezahlt? Er hat geantwortet, Pehringer mache die Überweisungen. Der Verein hat offensichtlich nicht gewusst, wie viel die Spieler verdient haben.«


Hans Pehringer geriet immer tiefer ins Schlamassel. Das Geld der Sponsoren reichte für den semiprofessionellen Betrieb, der schon in den Jahren vor der Ersten Liga begann, nicht aus. Also finanzierte ihn Pehringer selbst. Einerseits verwendete er dazu Privatkredite. Doch damit nicht genug: In seiner Eigenschaft als Kassier der ortsansässigen Armbrustschützen soll Pehringer Gelder veruntreut haben, mit denen er anschließend Spieler bezahlte. Schützenmeister Franz Egger beziffert den Betrag, den Hans Pehringer großteils mit Hilfe fingierter Sparbücher bei dem reichen Traditionsverein unterschlagen haben soll, mit rund 270.000 Euro.


Großmannssucht und der Traum vom Profifußball haben in den vergangenen zehn Jahren zahlreiche Vereine in den Untergang schlittern lassen von Vöcklabruck bis Kärnten, von Schwadorf bis Schwanenstadt. Doch nirgendwo hat ein Manager seine private Existenz derart mit jener des Fußballvereins verbunden wie in Bad Aussee. Am Ende schien Hans Pehringer der Selbstmord der letzte Ausweg zu sein. Am 7. Jänner 2008 setzte er seinem Leben im Vereinslokal der Schützen mit einem Strick ein Ende. Seine Machenschaften drohten schon zuvor ans Tageslicht zu treten. Gerald Marl, Sohn des Bürgermeisters und damals Pressesprecher des SV Bad Aussee, erinnert sich an einen Anruf von Kapfenberg-Präsident Erwin Fuchs wenige Wochen zuvor, in dem dieser 30.000 Euro für einen Spielerdeal verlangte, von dem niemand etwas gewusst hatte. »Da habe ich Verdacht geschöpft. Aber bevor wir die Sache klären konnten, hat sich der Hans umgebracht.«

Allein auf weiter Flur?
Über die finanziellen und diverse andere Abenteuer des Hans Pehringer sind sich heute ziemlich alle in Bad Aussee einig. Worüber aber ein heftiger Streit entbrannte, ist die Frage nach der Mitschuld der anderen teils prominenten Beteiligten an dem Fiasko. Michael Hofer spricht aus, was viele Ausseer denken. »Dem Hundt wärs wurscht gewesen, wenn der Hans verhungert. Er hat gesagt: Gehts halt in Konkurs. Und das bei einem Privatvermögen von 300 Millionen Euro.« Eben jener Dieter Hundt, der als Aufsichtsratspräsident des VfB Stuttgart im August 2010 der Presse Folgendes zu Protokoll gab: »Für einige unserer Konkurrenten im In- und Ausland ist seriöses Wirtschaften offensichtlich ein Fremdwort. Mit teilweise abenteuerlichem Geschäfts- und Finanzgebaren wird häufig die Vernunft auf dem Altar des erhofften sportlichen Erfolges geopfert.« Er wusste wohl, wovon er sprach.


Abseits der moralischen Verantwortung lieferten die Ermittlungen der Kriminalpolizei keine Aufschlüsse, ob jemand im Verein von den dubiosen Geldflüssen gewusst hatte. Das Verfahren wurde eingestellt, doch bleiben einige drängende Fragen offen.»Die Schulden meines Vaters haben mehrere hunderttausend Euro betragen mehr als der Liegenschaftswert unseres Grundstücks«, sagt Tochter Birgit Pehringer. »Er hat Privatkredite aufgenommen, um die Spieler und ihre Wohnungen zu bezahlen.« Dinge, für die eigentlich der Verein hätte aufkommen müssen. »Es stellt sich die Frage, wieso die Banken meinem Vater ohne Sicherheiten derart hohe Kredite gegeben haben.« Verdächtig erscheint der Familie Pehringer auch, dass sein Büro im Gemeindeamt einige Wochen lang vom Bürgermeister versperrt wurde. Was implizieren soll, dass belastende Unterlagen über die Mitwisser entsorgt worden sein könnten. Keinerlei Verdächtigungen braucht es, um nachzufragen, wie es möglich sein soll, dass in einem Ort ohne jegliche Privatsphäre jahrelang große Geldsummen ohne Wissen anderer aus dubiosen Quellen herangeschafft und ausbezahlt werden konnten. »Eine Person allein kann derartige Summen nicht unbemerkt transferieren«, sagt Birgit Pehringer, die vermutet, dass Obmann Josef Grill und sein Nachfolger Günther Köberl mehr gewusst haben, als sie zugeben: »Das kann man nicht einem Verstorbenen allein in die Schuhe schieben.«


Über die privaten Verfehlungen im Leben des Hans Pehringer, die im offenbar auf Informationen seines Bruders Stefan basierenden Roman ausgespart werden, gibt die Dorfbevölkerung den Journalisten aus Wien bereitwillig Auskunft. Wie er aber, vorbei an Bürgermeister, Obmann, Präsident und Kassier, jahrelang einen Verein geleitet haben soll, darüber wissen die Ausseer nur eines zu berichten: Der Hans habe immer von einem »Privatsponsor« gesprochen, den er nicht nennen könne. »Hans Pehringer hatte zwei Gesichter. Seine Kunst bestand darin, sich nicht zu verraten«, sagt Bürgermeister Marl. »Heute noch fragen sich die Leute, wie sie sich so in ihm täuschen haben können.« Andere, wie Michael Hofer, glauben nicht an die Einzeltätertheorie. »Der Pehringer und der Grill haben den Verein bestimmt. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass niemand davon gewusst hat. Es war ihnen egal, woher das Geld kommt.« Für alle Beteiligten gilt die Unschuldsvermutung. Bürgermeister Marl liefert allerdings einen Anhaltspunkt für die Mitwisserschaft Grills aus einer Aufsichtsratssitzung, in der dieser Pehringer gefragt haben soll, ob er noch offene Forderungen an den Verein habe. Pehringer habe das jedoch konsequent und mehrfach verneint.


Die Schulden dürften bereits vor dem Abenteuer im Profifußball beängstigende Ausmaße angenommen haben. Denn schon im Sommer 2007 verhandelte Obmann Grill mit dem GAK über den Verkauf der Lizenz. Ex-Pressesprecher Gerald Marl bestätigt konkrete Gespräche und den kolportierten Kaufpreis von einer Million Euro. Doch die Grazer, die wenig später selbst in den Konkurs schlitterten, waren kein geeigneter Partner. Grill pokerte zu hoch, die Verhandlungen zerschlugen sich und Bad Aussee musste die Saison in einer Liga zubringen, die nicht mehr leistbar war. Hans Pehringer versuchte sich schon damals das Leben zu nehmen. Doch der erste Versuch schlug fehl nach zwei Wochen Krankenhausaufenthalt kehrte er wieder ins Stadion zurück. Besonders alarmiert schien deshalb niemand gewesen zu sein, was auch Strohmayer verwunderte: »Er hat gesagt, der ganze Stress mit dem Verein sei ihm über den Kopf gewachsen. Im Nachhinein denke ich mir, dass sein Umfeld da stärker nachhaken hätte müssen. Aber wenig später war alles wie vorher.«

Todestanz in der Lederhose
Zur Hälfte der Saison 2007/08 stand der sportliche Abstieg des SV so gut wie fest. Kurz vor dem Selbstmord Hans Pehringers war Obmann Grill von seinem Posten zurückgetreten. Der ehemalige Kompagnon von Pehringer hat heute weder eine Funktion im Fußball noch im riesigen Rigips-Werk, er lebt zurückgezogen in Pension. Eine untypische Rolle, wie die Einheimischen unisono bestätigen, denn Grill war ebenso wie Pehringer ein Mann der Tat und der Öffentlichkeit.


Sein Nachfolger im Verein wurde mit dem ehemaligen Bürgermeister und ÖVP-Bundesrat Günther Köberl ein Verwandter von Grill. Um die Thronübergabe ranken sich zwei Theorien: Die eine handelt davon, dass man daran interessiert war, den Obmannposten mit jemandem auszufüllen, der als »Eingeweihter« nichts von dem wirtschaftlichen Treiben ans Licht bringen würde. Die andere besagt, dass Grill den Verein auf der Hauptversammlung als schuldenfrei deklariert habe und so seinen Schwager im Unklaren über die tatsächlichen Verhältnisse beließ. Köberl selbst gibt sich gegenüber dem ballesterer eher ausweichend. Er macht vor allem den mangelnden Erfolg in der Ersten Liga für den finanziellen Absturz verantwortlich, zum Zeitpunkt seiner Übernahme sei ein »ordentliches Budget« vorgelegen.


Mit 15 Punkten Rückstand auf den Vorletzten in der Tabelle beendete der SV Bad Aussee im Sommer 2008 seine einzige Saison im Profifußball, Lizenz für ein weiteres Spieljahr hätte es aber ohnehin keine gegeben. So spielte der Verein in der Regionalliga weiter, bis am 25. Juni 2009 der vielfach erwartete Konkurs eröffnet wurde. Die Schulden beliefen sich auf knapp 460.000 Euro, da half es auch nichts, dass zwischen 2007 und 2009 mehr als 150.000 Euro an Landesmitteln an den Verein geflossen waren, was die steirischen Grünen zu einer Anfrage an Landeshauptmann Franz Voves veranlasste. »Im Fall Bad Aussee wurde jegliches Mindestmaß an wirtschaftlicher Sorgfaltspflicht verworfen. Dabei war von vornherein klar, dass man mit einem Boot, in dem ein metergroßes Loch klafft, auf hoher See fährt«, sagt Lambert Schönleitner, Landtagsabgeordneter der Grünen. »Dieter Hundt hat in seiner Lederhose getanzt und vermittelt, es gebe Investitionen und finanzielle Sicherheit. Letztendlich hat er selbst aber wenig beigetragen und nur seinen Namen in den Mittelpunkt gerückt.« In die Pflicht nimmt Schönleitner aber auch den Bürgermeister und dessen kreative Finanzierungskonstruktionen für den Fußballverein. »Man hätte genauer schauen müssen, wie dieses Desaster zustande gekommen ist. Das war sicher nicht nur das Werk eines Managers. In Österreich ist es aber leider nicht üblich, dass politische Funktionäre zur Verantwortung gezogen werden.« Dass Otto Marl bei der letzten Gemeinderatswahl seine absolute Mehrheit verlor, ist für die Opposition nur eine kleine Genugtuung. Denn auch der seitherige Koalitionspartner ÖVP zeigt wenig Interesse an einer lückenlosen Aufklärung der Vorgänge rund um den Sportverein.

Neu gewonnene Bodenhaftung
Nach dem Schiffbruch übernahm Masseverwalter Norbert Scherbaum das Ruder. Der erfahrene Anwalt musste sich gleich zu Beginn mit einer weiteren Kuriosität befassen: Zwar wäre der SV aufgrund seiner Leistungen gleich noch einmal abgestiegen, diesmal in die Landesliga, doch kam ihm ein anderer maroder Verein zuvor. Der 1. FC Vöcklabruck stellte seinen Spielbetrieb ein, daher blieb Bad Aussee trotz Konkurs in der Regionalliga. Anfang 2010 gelang ein Zwangsausgleich. Mit vier Punkten aus 30 Spielen und einem Torverhältnis von 14:119 verabschiedete sich der SV aber endgültig aus den oberen Ligen, im Juli 2010 wurde der Spielbetrieb der Kampfmannschaft eingestellt.


Übrig blieben nicht nur im Vergleich zum Konkurs 2009 kleinere Schuldenbeträge, die zum Teil von Obmann Köberl beglichen wurden, sondern vor allem ein gewaltiges Loch in der Jugendarbeit, die man dem Profibetrieb geopfert hatte. Der Aufstieg des Dorfvereins war nicht nur auf Sand gebaut, er wurde auch so betrieben, dass die Region davon kaum etwas abbekam. Das oft gehörte Argument der Ausseer Fußballfans, man habe zumindest »einmal im Leben großen Fußball gesehen«, ist nicht nur in Anbetracht des Zusammenbruchs eines fast 80 Jahre alten Vereins bedenklich. Denn der große Fußball sorgte dafür, dass der kleine nicht mehr existierte.


Solch fatale Fehler will man in Aussee in Zukunft vermeiden. Mit der Auflösung des alten Vereins war der Weg frei für einen Neubeginn. Unter dem Namen FC Ausseerland vereinigten sich die Kicker aus Bad Aussee mit dem benachbarten FC Altaussee. Der neue Klub spielt in der Gebietsliga Enns, der siebthöchsten Spielklasse. Trotz des potenten Präsidenten Johann Christof, eines Grazer Industriellen mit Liegenschaften im Ausseerland, übt man sich beim Lokalaugenschein des ballesterer bei der 1:3-Niederlage in Gröbming in Understatement. »Das Hauptaugenmerk liegt auf dem Nachwuchs und auf Spielern aus der Umgebung. Bis auf den Tormann sind alle Kaderspieler aus Bad Aussee, Altaussee oder Grundlsee«, sagt Jugendleiter Christian Köberl. »Die Kampfmannschaft steht nicht im Mittelpunkt. Wenn wir aufsteigen, geht es genauso weiter. Es wird nur mehr das Geld ausgegeben, das da ist.« Und auch Gerald Marl, der dem Verein als einer der wenigen alten Funktionäre als Pressesprecher erhalten geblieben ist, sagt: »Der SV Ausseerland bringt den Fußball wieder dorthin, wo ihn die Leute haben wollen. Langfristiges Ziel ist die Oberliga. Wir haben 150 Kinder im Verein. Das ist das Kapital für die Zukunft.«
 
Loser unterm Loser
Wer in den engen Schluchten des Ausseerlandes den Blick Richtung Himmel richtet, streift unweigerlich den Loser. Der markante, 1.800 Meter hohe Berg ist das Wahrzeichen der Region und in Anbetracht der Geschichte des SV Bad Aussee ist man versucht, seinen Namen Englisch auszusprechen. Es ist eine Verlierergeschichte, aus der die Beteiligten ihre Lehren gezogen haben. Für den Fanbeauftragten Michael Hofer war die Vereinsführung schlicht »verantwortungslos, unprofessionell und überfordert. Der SV wollte mit Strukturen eines Gebietsligavereins im Profifußball mitspielen.« Und auch Ex-Kapitän Richard Strohmayer sagt: »Im Nachhinein wäre es gescheiter gewesen, Bad Aussee wäre ewig in der Landesliga geblieben. Dort hätte der Verein besser hingepasst.«


Vermutlich würde dann auch Hans Pehringer noch leben. Zwar war er neben Dieter Hundt und Josef Grill der Motor des wahnwitzigen Plans, dieser hätte aber schon früher zu stottern beginnen können, wenn alle damals schon so gescheit gewesen wären wie heute. »Es ist immer noch eine Million vom Stadionbau offen. Das Geld müssen wir auf 20 Jahre zurückzahlen. Die Förderungen vom Land hätten wir besser für unsere Gemeindestraßen und unsere desolaten Schulen verwendet«, sagt FPÖ-Gemeinderat Johannes Wasner. Und auch Bürgermeister Otto Marl gibt sich einsichtig: »In fünf Jahren dreimal aufzusteigen, das hat schiefgehen müssen. Als Provinzverein hast du im Profifußball nichts verloren. Wir haben das zur Kenntnis genommen. Und ich kann nur sagen: Hände weg von solchen explosionsartigen Entwicklungen.« Sein Sohn Gerald glaubt dagegen nur bedingt an einen Lerneffekt: »Es bringt nichts, sich in einem so kleinen Ort eine Söldnertruppe zu leisten. Aber wenn die Sponsoren da sind, wird jeder Verein den gleichen Fehler wieder machen.«

Referenzen:

Heft: 67
Rubrik: Thema
ballesterer # 120

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Der nächste ballesterer fm erscheint am 13.04.2017.

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