Avanti Popolo, auf ins Unterhaus!

cache/images/article_2197_img_9251m_140.jpg Sie heißen Ardita San Paolo, Lokomotiv Flegrea oder Centro Storico Lebowski. Die Vereine des "Calcio Popolare" sind eine Antwort auf die Krise des italienischen Profifußballs.
Edgar Lopez | 18.11.2013

Auf einem Schotterplatz im Römer Stadtteil Ostiense wird Fußball gespielt. Das Spielfeld ist eingebettet in eine bizarr wirkende Brachlandschaft. Auf der einen Seite liegen die mit hohem Gras bewachsenen Ufer des Tibers, auf der anderen wurden Straßen ins Nichts gebaut. Roma haben hier in der Nähe eine Siedlung errichtet. In der Ferne sieht man regen Verkehr auf einer Brücke, die als Autobahnzubringer dient. Dies ist die Heimat von Ardita San Paolo. Die Farben des Vereins sind Schwarz und Gelb, auf seinem Wappen prangen zwei gekreuzte Hämmer - der Klub aus der dritten Kategorie der römischen Liga will so seine Verbundenheit mit der Arbeiterklasse ausdrücken.


Die Mitglieder des kleinen, aber aktiven Ultrablocks halten sonst entweder Lazio oder der Roma die Treue. Dass sie hier nebeneinander stehen, ist jedoch nicht die einzige Besonderheit von Ardita San Paolo. Der Verein ist im Besitz der eigenen Fans. Diese können Anteile kaufen und dadurch die Geschicke des Klubs lenken. Das Prinzip ist simpel: Mit einem Jahresbeitrag von 50 Euro werden die Fans Anteilsnehmer und erwerben so das Stimmrecht im Verein. Jede Stimme zählt gleich viel, egal ob man als Arbeitsloser den ermäßigten Jahresbeitrag von 30 Euro oder weit mehr als nur die Standardmitgliedschaft bezahlt. Und egal ob im Vereinsvorstand oder als normales Mitglied: Das basisdemokratische Experiment des "Calcio Popolare" versteht sich als Gegenentwurf zu den Vereinen der Serie A, die üblicherweise von Mäzenen oder Wirtschaftskonglomeraten geleitet werden.

Auf Augenhöhe
"Es gibt zwar keine offene Ablehnung des Verbands, aber wir haben bei Gesprächen gemerkt, dass wir ihnen schon ein bisschen suspekt sind", sagt Mario. Er ist Fan, Spieler und Funktionär von Lokomotiv Flegrea aus Neapel. Sein Verein wurde im Sommer 2013 gegründet und hat sich in die dritte Klasse des neapolitanischen Unterhauses eingeschrieben. An sich ist unterklassiger Fußball in Italien keine Besonderheit, suspekt wird der "Calcio Popolare" jedoch dadurch, dass er neben dem Spielbetrieb gesellschaftliche Anliegen thematisieren will. Die Verankerung in der Gemeinde und das politische Engagement sind fixe Bestandteile der Vereinsphilosophie. Für Lokomotiv Flegrea heißt das praktische Hilfe für Wohnungs- und Arbeitslose, aber auch für die zahlreichen Flüchtlinge, die in ärmlichen Verhältnissen leben, zu leisten. Mittelfristig will der Verein eine Fußballschule gründen. Sie soll es Kindern und Jugendlichen, die sonst nicht die Gelegenheit dazu hätten, ermöglichen, Fußball zu erlernen und zu spielen. In einer Region Italiens, die schon lange zu den ärmeren gehört, sind die Kosten für normale Vereine und Fußballschulen in Zeiten wirtschaftlicher Krise zum Luxusgut geworden.


Genauso wie Karten für Spiele der Serie A. Wenn die SSC Napoli am Wochenende unter Flutlicht gegen einen Topkonkurrenten wie Juventus antritt, kann eine Kurvenkarte schon einmal 30 Euro kosten. Auch wenn solche Spitzenspiele in Windes-eile ausverkauft sind - auf Dauer können sich das nur die wenigsten leisten. Schon lange sind die Stadien der großen Vereine nicht mehr an jedem Spieltag gefüllt. Der "Calcio Popolare" will diese Lücke schließen und den Fußball zurück zu seinen Wurzeln führen: Ein Spielbesuch muss bezahlbar sein, Spieler, Fans und Funktionäre sollen sich auf Augenhöhe begegnen.

Kampf dem System
Die Ziele des "Calcio Popolare" stellen die Bewegung allerdings auch vor Probleme, denn nicht jeder Fanverein ist zu ihrer kompromisslosen Umsetzung bereit. Als der Lebensmittelhersteller Ferrero im Oktober einen mit 40.000 Euro dotierten Wettbewerb unter Amateurvereinen ausschrieb, rief Lokomotiv Flegrea zum Boykott auf und verurteilte die Teilnahme anderer "Calcio Popolare"-Vereine. Der Fußball von unten dürfe sich nicht bei kapitalistischen Großkonzernen anbiedern. Auch die Frage nach der richtigen Ligawahl kann zu Diskussionen führen: "Ich finde es eigentlich nicht gut, dass so viele Fanvereine am offiziellen Ligabetrieb teilnehmen", sagt Mario von Lokomotiv Flegrea. "Schließlich ist der Verband Teil des Systems, das wir bekämpfen. Es wäre schön, wenn wir eines Tages eine eigene Amateurliga nur für die Vereine des ,Calcio Popolare' gründen würden." Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg, selbst wenn die Fanvereine im Großraum der süditalienischen Stadt boomen. Neben Lokomotiv Flegrea spielen seit 2006 Stella Rossa Napoli und die 2012 gegründete ASD Quartograd im neapolitanischen Unterhaus.


In Florenz können die Fans des wohl bekanntesten "Calcio Popolare"-Vereins, AC Lebowski, ein Lied von den Problemen der Abgrenzung singen. Nachdem der TV-Sender Italia 1 2004 bei der AS Cervia 1920 eingestiegen war, um eine Fußball--Reality-Show zu produzieren, hatte eine Gruppe Fans unterschiedlicher Vereine vom modernen Fußball endgültig genug. Sie gründeten die AC Lebowski. Bald hatte der Verein seine eigene Ultragruppe, die "Ultimi Rimasti", deren Mitglieder ihre Wurzeln zum Großteil in der Curva Fiesole der Fiorentina haben. Den Problemen mit der Staatsmacht gingen sie mit ihrem Abschied aus dem Profifußball jedoch nicht aus dem Weg. Einige Fans bekamen behördliche Stadionverbote. An der Frage, wie damit umzugehen sei, zerbrach der Verein. Die "Ultimi Rimasti" forderten, dass die betroffenen Fans vom
Verein als Spielerbetreuer oder Funktionäre gelistet werden, um die Stadionverbote zu umgehen. Diese Position fand in der Vereinsführung allerdings keine Mehrheit. Die Ultras beschlossen den Bruch mit dem Klub und gründeten ihren eigenen Verein: "Centro Storico Lebowski".  


Foto: Ultimi Rimasti

Referenzen:

Heft: 87
Rubrik: Thema
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