Back to the roots

cache/images/article_2190_sheffield_140.jpg 1857 gründeten der Offizier William Prest und der Anwalt Nathaniel Crenswick den weltweit ersten Fußballklub: den Sheffield FC. Ein Lokalaugenschein in West Yorkshire fördert einen weitgehend erfolglosen, aber astreinen Amateurverein zutage.
Clemens Zavarsky | 24.10.2013

Es ist ein sonniger Septembersamstag in South Elmsall, ungewöhnlich warm für den nasskalten englischen Norden. Etwas mehr als 200 Zuschauer zahlen sieben Pfund Eintritt für die erste Qualifikationsrunde zum englischen FA-Cup zwischen dem Heimverein Frickley AFC und dem Sheffield FC. Im Big Fella's Social Club kostet das Ale weniger als drei Pfund. Auf den Fernsehschirmen werden Pferderennen und Livestände aus der Premier League gezeigt.


"Für uns ist das Spiel schon so etwas wie ein Derby", sagt Sheffields Klubdirektor Bob Dyson leicht angespannt zum ballesterer. Immerhin trennen die ehemalige Stahlhochburg und South Elmsall nur 42 Kilometer, trotzdem dauert die Anreise mit dem Zug über eine Stunde. "Frickley hat sehr große, starke Spieler und eine sehr physische Spielweise", sagt Dyson. "Unser Team ist jung. Wir werden sehen, was da zu holen ist." Neunzig Minuten später heißt es 4:1 für den Frickley AFC. Noch ein, zwei Ales im Big Fella's, dann macht sich das Gros der Zuschauer auf den Heimweg. Ein ganz normaler Samstag in West Yorkshire. Kaum etwas deutet darauf hin, dass soeben der älteste Fußballklub der Welt ein Spiel verloren hat.

Für immer Amateure
Nun könnte hier stehen: "Das war nicht immer so ...". Es wäre aber gelogen. Denn der Sheffield FC ist arm an Erfolgen. 1904 gewann der Klub vor 6.000 Zuschauern in Bradford den FA-Amateur-Cup dank eines 3:1-Finalerfolgs über Ealing. 1978 entschied Sheffield den Yorkshire-Ligacup für sich, der Finalgegner hieß Maltby. Momentan fristet der 156 Jahre alte Klub ein Dasein in der Northern Premier League Division One South, der achten Leistungsstufe des englischen Ligasystems. Beim Sheffield FC stehe das Spiel noch im Mittelpunkt, sagt Klubdirektor Bob Dyson. "Uns geht es um ehrlichen Grassroots-Football und um Gemeinschaft. Wir wollen sicherstellen, dass der Fußball an der Basis überlebt." Hier ticken die Uhren anders. Der Verein hegt keine hochtrabenden sportlichen Ambitionen und hat sich den Amateurismus auf die Fahnen geheftet.

 

Der Amateurstatus ist, seit der Klub am 24. Oktober 1857 von Nathaniel Creswick und William Prest gegründet wurde, in den Statuten verankert. Der Anwalt und der Offizier schrieben die Regeln ihres Vereins fest, die Sheffield Rules wurden zu einer Grundlage der späteren Fußballregeln. Als 1885 der Professionalismus in England Einzug hielt, stemmte sich der Sheffield FC dagegen, und er ist dieser Linie bis heute treu geblieben. Kein Spieler der Kampfmannschaft verdient mehr als 50 Pfund in der Woche, die Mannschaft rekrutiert sich vornehmlich aus der Arbeiterschaft und Studenten der Sheffielder Universität. "Wir wollen den Wettbewerb und das Fairplay hochhalten und nach dem Spiel mit dem Gegner gemütlich ein Bier trinken", sagt Dyson. Trikots und die gesamte Trainingsausrüstung für alle Teams werden von Ausrüster Hummel gesponsert. "Dadurch sparen wir uns einen fünfstelligen Pfundbetrag", sagt Dyson und kratzt sich seinen weißen Bart.

Ein Präsident im Archiv
2004 erhielt der Sheffield FC als ältester Fußballverein der Welt von der FIFA den Order of Merit, die höchste Auszeichnung, die der Weltverband vergibt. Fünf Jahre zuvor war daran noch nicht zu denken gewesen, denn kaum jemand wusste über die Klubgeschichte Bescheid. Bis der jetzige Präsident Richard Tims den Verein übernahm.  "Zu diesem Zeitpunkt spielte der FC vor einem Hund und seinem Herrchen", schreibt Tims auf der Vereinswebsite. Um Gerüchten hinsichtlich der Gründungsgeschichte nachzugehen, begab sich der Klubchef ins Archiv. "Präsident Tims hat viele Nachforschungen betrieben, Artikel und anderes Material aus dem Stadtarchiv zusammengetragen und eine Timeline erstellt. Als wir uns sicher waren, haben wir es publiziert: Wir sind der älteste Fußballklub der Welt", erzählt Dyson stolz.

 

2001 erhielt der Verein erstmals in seiner Geschichte ein eigenes Stadion: in Dronfield, etwa sieben Kilometer außerhalb der Stadt. Das Pub The Coach and Horses hat dort einen hauseigenen Fußballplatz, der dem Klub zur Verfügung gestellt wurde. Doch der Sheffield FC sehnt sich nach seinem ursprünglichen Platz am Olive Grove in Sheffield, den er sich mit anderen Teams geteilt hat. "Wir verhandeln gerade mit der Stadt, um dort ein Stadion für 10.000 Zuschauer bauen zu dürfen", sagt Dyson. "Aber da geht es um viel Geld." Der Verein rechnet für das Stadionprojekt mit Kosten von mehreren Millionen Pfund. "Das ist auf unserem Level sehr schwer zu finanzieren", sagt Dyson. Das Geschichtsbewusstsein hat nicht nur den Sheffield FC erfasst. Zehn Kilometer vom The Coach and Horses entfernt, liegt an der Sandygate Road der weltweit älteste Fußballplatz. Errichtet 1804, ist dort heute der Hallam FC heimisch, der es durch den Film "When Saturday Comes" 1996 weltweit in die Kinos schaffte. 1860 trugen der Hallam FC und Sheffield FC hier das erste Derby der Geschichte aus. Bis heute wird jährlich ein Freundschaftsspiel abgehalten. "Das ist eine Ganztagsveranstaltung", sagt Dyson. "Zuerst spielen die Klublegenden, dann gibt es ein All-Star-Game mit prominenten Gästen wie Chris Waddle und dann die erste Mannschaft."

Weltreise zum Ursprung
Durch das eigene 150-Jahr-Jubiläum und jenes der FA geriet auch der Sheffield FC vermehrt in den Fokus der Öffentlichkeit. 2009 wurde eine eigene Stiftung gegründet, und die alten Legenden treffen sich nicht nur einmal im Jahr zum Spiel gegen Hallam. Für die Jubiläumsfeierlichkeiten hat der Sheffield FC noch ein ambitioniertes Programm vor sich. "Wir wollen gegen die ältesten Fußballvereine aus verschiedenen Ländern spielen.

 

Österreich steht auch auf der Liste, ich glaube im März oder April 2014", sagt Direktor Dyson. Die Sheffielder Funktionäre haben aber noch weitere Pläne, um die Popularität ihres Vereins zu steigern: "Wir wollen den Freitagabend als Termin für unsere Heimspiele fixieren. So können die Fans von Wednesday und United bei uns ins Wochenende starten." Die erhöhte Aufmerksamkeit für den Sheffield FC schlägt sich auch in den Zuschauerzahlen nieder, was Bob Dyson ein Lächeln entlockt: "Die Zahlen steigen. Wir haben einen Schnitt von 550 Zuschauern. Grassroots-Football ist wieder im Kommen."

Referenzen:

Heft: 86
Rubrik: Thema
ballesterer # 120

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