Ballpendlerin

MÄDCHEN In den heimischen Nachwuchsstrukturen werden Mädchen immer noch eher mitgeschleppt als gefördert. In einer  Rapid-Partnerschule gewährt man den Hartnäckigsten zumindest einen Zwischenweg. Neo-Teamspielerin Isabella Berger erzählt von ihrem Alltag zwischen zwei Welten.
Helmut Neundlinger | 09.05.2008
Isabella Berger ist ein typischer Sonderfall. Um genau zu sein: Das Typische an ihr ist ihr Sonderfallsein. Seit gut drei Jahren pendelt die 1989 geborene Wienerin im dünn besiedelten Übergangsstadium von regulärer Nachwuchsbetreuung zum Erwachsenenfußball zwischen Ausnahme und Regel hin und her. »Eigentlich fühle ich mich gar nicht mehr als Nachwuchs«, sagt sie. Und ergänzt, dass sie in bestimmten Konstellationen wie etwa bei ihrem A-Nationalteamdebüt Anfang Mai doch noch ein Nesthäkchengefühl überkommt.
Warum auch nicht? Immerhin geht sie noch zur Schule. Nicht in irgendeine, sondern in das Gymnasium in der Maroltingergasse im 16. Wiener Bezirk. Dort hat man einen eigenen Zweig für Fußball eingerichtet und kooperiert mit dem geographisch nächstgelegenen Profiklub: Rapid. Der wiederum ist nicht gerade bekannt für sein Engagement in Sachen Mädchen- und Frauenfußball. Besonders begabte, hartnäckige und mit großer Selbstdisziplin ausgestattete Jungkickerinnen wie Isabella Berger dürfen aber ja, was eigentlich? Mittrainieren? Und dabei beobachten, wie ihre männlichen Kollegen zumindest in die Nähe einer Profikarriere gecoacht werden?
Auch wenn sie ihre Ausbildungssituation als nahezu ideal beschreibt, ist Isabella Berger aufgrund ihres Sonderstatus oft mit dem Gefühl konfrontiert, nur ein geduldeter Gast zu sein. »Als ich zu Beginn der Oberstufe an die Schule gekommen bin, waren in unserer Klasse insgesamt sechs aus dem Fußballzweig, vier Burschen und zwei Mädchen«, erzählt Berger. »Nachdem die Burschen gleich im ersten Jahr alle sitzen geblieben sind, fehlt meiner Kollegin und mir nun der Kontakt zu ihnen über das reine Training hinaus.«

 

Zwölf Stunden Training pro Woche

 

Trainiert wird in Grün-Weiß dreimal pro Woche am Vormittag, dazu einmal zwecks Muskelaufbau in der Kraftkammer. Betreut werden Berger und Co. von insgesamt drei Personen, unter anderem vom Ex-Rapidler Christian Prosenik. »Zu Beginn der Woche geht es um Regeneration vom Spieleinsatz am Wochenende und um Koordination. Da geht es um den gemeinsamen Spaß«, erklärt die Nachwuchskickerin, »in den beiden anderen Einheiten liegt der Schwerpunkt auf Taktik und dem Einstudieren von Spielzügen.« Alles vormittags, wohlgemerkt.
Am späten Nachmittag, nach der Schule, begibt sich Berger unter ihresgleichen, zum dreimal wöchentlich stattfindenden Training bei USC Landhaus, dem Frauenbundesligatraditionsklub aus Floridsdorf. »Für mich ergänzen sich diese beiden Welten, weil unsere Trainerin Gitti Entacher auf das Rücksicht nimmt, was wir am Vormittag machen.« Alles inklusive absolviert Berger wöchentlich zwölf Stunden Training dazu kommt ein Bundesligamatch am Wochenende. Das verlangt nicht nur Disziplin und Selbstständigkeit, sondern auch einen starken Willen. »Mir gelingt das, weil ich recht vernünftig lebe und meine eigenen Vorstellungen habe, wie ich das Ganze gestalten will«, meint Berger, auf das Fehlen eines unbeschwerten Teenagerlebens angesprochen.

 

Das Ziel: Profi im Ausland

 

Das gemeinsame Training mit den Burschen möchte sie unter keinen Umständen missen. »Gerade durch die Burschen lernst du das schnelle Spiel«, stellt das Talent fest. Dafür empfinde sie den Mädchenfußball oft als intelligenter: Es werde früher abgespielt, der freie Raum werde gesucht; überhaupt erscheinen ihr die Kolleginnen vom Spielverständnis her reifer: »Die Burschen regeln das mehr über Zweikämpfe. Sobald es im Training heißt freies Spiel, wird da viel mehr gegrätscht. Das versuchen wir bei Landhaus aufgrund der dünnen Personaldecke zu vermeiden. Wenn ich eine Mitspielerin im Training verletze, dann fehlt sie uns fürs Match.«
Mit der Ruppigkeit der Burschen kommt sie dennoch gut zurecht kennt sie diese doch von klein auf. Ab dem achten Lebensjahr stand Isabella Berger mit den Jungs auf dem Platz. Mit zwölf folgte die erste Einberufung in die Wiener Verbandsauswahl und dadurch regelmäßiges Training im LAZ, der allgemeinen Nachwuchsschmiede des Landesverbandes. Vereinsmäßig kam sie zunächst bei Stadlau unter wo ihr so mancher Trainer im Zweifelsfall einen gleich starken Burschen vorzog. Die Möglichkeit, bis zum 15. Lebensjahr in gemischten Teams zu spielen, kostete sie dennoch voll aus. Aufgrund einer Ausnahmeregelung erlaubte man ihr, auch noch mit 16 mit den Burschen aufzulaufen.
Dann folgte der Übertritt in den Frauenfußball zu Landhaus, wo zurzeit ein großer Umbruch stattfindet. Dranbleiben möchte sie trotz der schwierigen Situation: »Ich möchte mein Ding durchziehen und schauen, ob ich nach der Matura ins Ausland gehen kann. Vielleicht kann ich ja doch einmal mein Geld mit Fußball verdienen.« Entscheidend dafür erscheint Berger selbst vor allem ein professioneller Umgang mit der eigenen körperlichen Entwicklung ein Punkt, in dem sie die erste fundamentale Krise schon hinter sich hat: »Seit meinem Tief höre ich viel mehr auf meinen Körper, um festzustellen, ob ich gerade zu viel mache oder zu wenig. Jeder Mensch ist anders, deshalb lässt sich das Training auch nicht auf Studien aufbauen.«

Referenzen:

Heft: 28
Rubrik: Thema
ballesterer # 82

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Der nächste ballesterer fm erscheint am 12. Juli 2013.

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