Bedingt glaubwürdig

cache/images/article_1660_trenk_140.jpg Die Admira tätigt unerlaubte Nebenabsprachen zu Spielerverträgen und kommt mit einer Geldstrafe davon. Insider bezweifeln, dass es sich um einen Einzelfall handelt und kritisieren die späte Entscheidung. Das Lizenzverfahren ist auf dem Prüfstand, die Wirtschaftlichkeit der Bundesliga ebenso.
»In der ganzen Sache geht es um geringfügige Beträge, die meiner Meinung nach ordnungsgemäß außerhalb des Vereins abgewickelt worden sind. Und außerhalb des Vereins kann ich machen, was ich will.« Richard Trenkwalder ist nicht unbedingt ein vorsichtiger Mann. Denn die Aussage des Admira-Präsidenten zu den Vorwürfen, er habe die Spieler Manu Hervas und Simon Manzoni mit doppelten Verträgen ausgestattet, kommt einem Schuldeingeständnis gleich. Streng genommen gibt Trenkwalder damit zu, gegen die Lizenzbestimmungen der Bundesliga verstoßen zu haben. Weil die Gelder für die beiden Spieler teilweise unabhängig von den der Bundesliga gemeldeten Verträgen flossen und die Angaben der Admira zu den Personalkosten im Lizenzierungsantrag dem Anschein nach nicht der Realität entsprachen.


An der Meisterschaftsentscheidung in der Ersten Liga ändern Trenkwalders Aussagen nichts. Der Senat 5, das mit Lizenzfragen betraute Gremium der Liga, spricht am 1. Juli lediglich eine Geldstrafe gegen die Südstädter aus. Die Höhe der Summe bleibt unveröffentlicht, 70.000 Euro werden kolportiert. Der vom Zweitplatzierten SCR Altach geforderte Punkteabzug kommt nicht zur Anwendung. Die Liga erspart sich damit die Peinlichkeit, einen neuen Meister küren und in die Bundesliga aufsteigen lassen zu müssen.

 

Die Argumente der sportlich nur um einen Punkt geschlagenen Altacher bleiben ungehört. In einem vom Juristen Henrik Gunz verfassten Dossier erklären sie, die Admira hätte sich »bei korrekter Einhaltung der Bestimmungen des Lizenzierungsverfahrens also ohne diverse Doppelverträge zumindest zwei bis drei teure Spieler nicht leisten können und dann aller Voraussicht nach auch nicht diese Punkteanzahl erreicht.« Die Entscheidung ist zwar noch nicht letztgültig, das Ständig Neutrale Schiedsgericht der Liga kann die Strafe jedoch nicht mehr erhöhen, sondern lediglich dem Protest der Admira stattgeben.

Milde Strafe
Spricht man Gernot Zirngast, den Vorsitzenden der Vereinigung der Fußballer (VdF), auf das Bundesliga-Urteil an, bilden sich Falten auf seiner Stirn. Der Spielergewerkschafter sieht eine Wettbewerbsverzerrung und spricht dem Ligaurteil jegliche positive Signalwirkung ab. »Bei einigen Klubs ist ein Glaubwürdigkeitsproblem hinsichtlich der Spielergehälter evident«, sagt Zirngast zum ballesterer. »Wenn Verstöße offenkundig werden, muss es härtere Sanktionen geben. Es geht nicht darum, einen Einzelfall dramatisch abzuhandeln, aber es muss verdeutlicht werden, dass es der Nächste nicht wieder so machen kann.« Geldstrafen hält der VdF-Vorsitzende für kein geeignetes Mittel, um diesen Lernprozess in Gang zu setzen. Er verweist auf den Fall des FC Lustenau, der im Herbst 2010 wegen eines ähnlichen Vergehens mit einer Strafe im vierstelligen Euro-Bereich davongekommen war ein Bruchteil dessen, was sich der Klub durch die kreative Vertragsgestaltung für seinen brasilianischen Legionär Alex Santana erspart hatte.


Die Beispiele aus Lustenau und der Südstadt zeigen, dass Vertragspraktiken, wie sie dem ehemaligen Sturm-Präsidenten Hannes Kartnig vorgeworfen werden, nicht der Vergangenheit angehören. »Die Situation hat sich gebessert. In letzter Zeit wird aber wieder vermehrt mit nicht lizenzkonformen Verträgen gearbeitet«, sagt Zirngast. »Wenn man sich Trenkwalders Vergangenheit anschaut, wird man feststellen, dass das Ganze System hat. Ich kenne einen Vertrag aus seiner Zeit bei Schwadorf, der genau dasselbe Muster vorweist. Und warum macht er das so? Weil es in der Branche abgesehen von den Großen so üblich ist.«


Am aktuellen Fall stört Zirngast zudem die schleppende Abwicklung. Der Vertrag von Manzoni war der Liga seit Jänner bekannt. Bei einer rascheren Behandlung hätte man schon zu Beginn der Frühjahrssaison eine Strafe aussprechen können, selbst bei einem Punkteabzug wäre die Titelentscheidung dann auf dem Rasen statt auf dem grünen Tisch gefallen. Als Anschauungsbeispiel nennt Zirngast das Verhalten der Deutschen Fußball-Liga (DFL), die dem Zweitligisten TuS Koblenz 2008 wegen nicht vorgelegter Verträge noch während der Saison sechs Punkte abgezogen hatte. In Österreich mahlen die Mühlen langsamer. »Wäre die Sache mit Hervas nicht dazugekommen, hätte die Öffentlichkeit vielleicht gar nichts erfahren«, so der VdF-Vorsitzende.

Nebenabsprachen als Ausnahme?
Bei der Bundesliga weist man das Szenario der blühenden Schattenwirtschaft zurück. »Ich habe in zehn Jahren erst drei Fälle von doppelten Verträgen bei mir auf dem Schreibtisch gesehen. Und die sind sanktioniert worden«, sagt Reinhard Herovits, Lizenzmanager der Liga, einige Tage vor dem Admira-Urteil. An Spekulationen über eine hohe Dunkelziffer will er sich nicht beteiligen. Den Ansatz der Liga und seine Grenzen beschreibt Herovits wie folgt: »Das System der Verträge ist in sich geschlossen. Die Bundesliga verpflichtet den Klub, der Klub seine Spieler. Wenn zwei ausscheren und sich separat etwas anderes ausmachen, kann man wenig machen. Wenn ein Vertrag unplausibel ist, wird er hinterfragt. Aber es ist oft schwierig, etwas nachzuweisen.« Schließlich sagt Herovits nicht das einzige Mal während des Gesprächs mit dem ballesterer: »Jedes System ist nur so gut, wie es gelebt wird.« Und: »Wir können uns nur komplett von solchen Praktiken distanzieren und an das Bewusstsein der Vereine appellieren.« Die Bundesliga scheint vor dem Problem in die Knie zu gehen. Dabei gäbe es für eine Offensive gegen Parallelverträge einen natürlichen Verbündeten: die Steuerbehörden. Schließlich liegt bei einer Nebenabsprache zum Arbeitsvertrag auch der Verdacht eines Steuervergehens nahe. 


Mit den Behörden hat auch LASK-Präsident Peter Michael Reichel seine Erfahrungen. Anfang April beglichen Finanzbeamte beim Heimspiel gegen Salzburg einen Teil der offenen Steuerschulden der Linzer direkt aus der Eintrittskasse. Als dem LASK vier Wochen später in erster Instanz die Lizenz für das Spieljahr 2011/12 verweigert wurde, nahm der Klub diese Entscheidung »mit Überraschung zur Kenntnis«. Noch am selben Abend stellte der Präsident vor laufender Kamera in den Raum, das Urteil nicht zu beeinspruchen und im Amateurbereich einen Neustart zu versuchen.

 

Wie der LASK fielen in erster Instanz auch Wacker Innsbruck, der FC Lustenau und die Admira durch, Austria Wien erhielt die Lizenz unter Auflagen. Während Wacker, Lustenau und die Austria besonnen auf die vorläufige Nichterteilung reagierten, zeigte sich der Trenkwalder-Klub uneinsichtig. Im Mittelpunkt der Diskussion standen zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht die doppelten Verträge, sondern Auffassungsunterschiede über finanzprüfungstechnische Begriffe. Ausführlich erläuterten die Südstädter auf ihrer Website, dass die vom Senat 5 beanstandeten Ausdrücke im Bericht des Wirtschaftsprüfers »auskunftsgemäß« und »laut Angaben der Vereinsleitung« falsch interpretiert worden seien, was durch ein Schreiben des Consulters untermauert werden sollte. Zugleich interpretierte man das Urteil verschwörungstheoretisch: »Diese Entscheidung reiht sich nahtlos an die Anfeindungen und Untergriffe der letzten Zeit gegen die Admira.«

 

Aussagen wie diese untermauern ein zentrales Problem der Lizenzentscheidungen: Weil die Bundesliga gegenüber ihren Mitgliedern zur Vertraulichkeit verpflichtet ist, darf sie lediglich kommunizieren, wer die Spielberechtigung erhält und wer nicht. Ob die kaum zwei Seiten langen Bescheide mit den Begründungen an die Öffentlichkeit gelangen, liegt an den Vereinen. Und damit auch deren Interpretation. Herovits ist sich dieser Problematik bewusst. Nicht zuletzt aufgrund der untergriffigen Kritik der Admira zeichnet sich hier aber ein Schritt in Richtung mehr Transparenz ab, dem die Mehrheit der Bundesliga-Klubs zustimmen dürfte. Kontinuität ist alles Seit Mitte der 1990er Jahre, als mehrfach Vereine während des Spieljahres bankrott aus dem Bewerb ausschieden, unterwerfen sich Österreichs Profiklubs einem Lizenzierungsverfahren.


Damit sollen sie den Nachweis erbringen, dass sie in der Lage sind, den Spielbetrieb in der anstehenden Saison aufrechtzuerhalten. Neben den finanziellen Voraussetzungen werden insbesondere von den Aufsteiger aus den Regionalligen infrastrukturelle Standards verlangt, vor allem ein ausreichend großes, sicheres und fernsehtaugliches Stadion. Die Idee der finanziellen Überwachung verdeutlicht Finanzmanager Herovits so: »Die Lizenz bedeutet: Du darfst jetzt auf die Autobahn. Und wir stellen die Radarboxen auf. Manche Klubs werden monatlich überprüft, andere quartalsmäßig, jeder mindestens zweimal. Wenn ein Klub in erster Instanz keine Lizenz bekommt oder nur mit Auflagen, dann weiß man, dass er ein herausforderndes Jahr vor sich hat.«

Lesen Sie den gesamten Artikel in der aktuellen Printausgabe des ballesterer (Nr. 63, August 2011) Ab sofort österreichweit in den Trafiken sowie im deutschen und Schweizer Bahnhofsbuchhandel!

Referenzen:

Heft: 63
ballesterer # 121

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