Bei uns geht nix weiter

AUSWÄRTSSPIEL Immer mehr österreichische Talente entscheiden sich früh für einen Wechsel ins Ausland. Für die Chance, sich besser zu entwickeln und weiter vorne in der internationalen Auslage zu stehen, nehmen sie einiges an Risiko in Kauf. Ein Bericht über zwei Junglegionäre, die in Schottland und Holland ihr Glück versuchen.
Die schottischen Gazetten nennen ihn »wonder kid«, sein Vorbild ist Cristiano Ronaldo, der auf der Insel bei Manchester United spielt. Doch bis Elias Wagner selbst die Ehre eines Spiels in Old Trafford zuteil wird, dürfte noch einige Zeit vergehen. Beim Treffen mit dem ballestererfm beschäftigen den 16-jährigen Stürmer noch ganz andere Dinge.
Es regnet in Wiener Neudorf. Während in der Kantine des lokalen Sportplatzes die Wiederholung des Champions League-Semifinales Liverpool gegen Chelsea läuft, ist Wagner in Gedanken schon bei seinem heutigen Spiel. Es gilt Leistung zu bringen. Auf dem Programm steht das Aufeinandertreffen der U17-Teams von Rapid und der Admira, für die der 1,78 Meter große Angreifer bisher seine Tore erzielte.
Die wenigen Zuseher, die sich auf der im Verhältnis groß wirkenden Tribüne vor den Toren Wiens verlieren, versuchen ein bisschen Stimmung zu produzieren: Sie klatschen, schreien und pfeifen. Doch es hilft nichts: Der Platz wirkt trostlos. Die Regenfälle der Nacht davor haben ihre Spuren auf dem Rasen hinterlassen, die Betonwege wirken kalt und verlassen. Nicht der richtige Ort für einen wie Elias Wagner. Prüfend schweift sein Blick über die Szenerie, die der Teenager mit den gegelten Haaren und den Designer-Klamotten im Sommer hinter sich lassen wird.
»Sie haben mich ein Jahr beobachtet«, erzählt Elias Wagner. Sie, das waren Scouts des schottischen Traditionsvereins Hibernian Edinburgh. Quasi als Geschenk, kurz vor Weihnachten, bekam Elias Wagner dann elektronische Post von der Insel. »Die Scouts machten mir ein Angebot für ein Probetraining bei den Hibs, ich war total überrascht«, erzählt er euphorisch. Wagner zögerte keine Sekunde und folgte der Einladung. Zusammen mit seinem Vater und seinem Manager reiste er zu Ostern an die Easter Road, den Sitz des schottischen Hauptstadt-Klubs.

 

Zweijahresvertrag nach Probetraining

 

»Die Trainingseinheiten«, findet der 16-Jährige, »sind dort um einiges härter als bei uns.« Körperlich gehe es anders zur Sache, so Wagner, aber im technischen Bereich ähnle der schottische Fußball dem österreichischen. Eine Woche lang, zwei Stunden täglich, konnte der schnelle Admira-Stürmer seine sportliche Visitenkarte abgeben. Das Team integrierte ihn dabei voll und ganz, betrachtete ihn als einen der Ihren. Vater und Manager holten Elias wieder auf den Boden der Realität. Wenn einmal kein Training angesagt war, wurde gemeinsam die Stadt besichtigt oder das Lokalderby besucht, Hearts gegen Hibs. Hier leben und spielen? Für Elias Wagner würde sich ein Traum verwirklichen. Mit einer ausreichenden Menge an Eindrücken im Gepäck ging es wieder zurück nach Wien.
Wenige Wochen später erfolgte ein Vertragsangebot und zwar an Wagners Eltern, weil er selbst noch minderjährig ist. Der brisante Inhalt: Ein Zwei-Jahres-Kontrakt bei den Hibs plus Option auf Verlängerung. Eine weitere Überraschung: »Mein Vater hat mir sofort empfohlen, ins Ausland zu gehen. Ich habe also nicht lange gezögert und unterschrieben«, beschreibt Wagner die ersten Schritte in eine andere Fußballdimension.
In der Wiener Neudorfer Kantine läuft immer noch die Übertragung des Liverpool-Matches. »Selbst«, grinst der junge Mann, »will ich da auch einmal spielen.« Sein größter Traum ist es aber, einmal im Dress von Real Madrid aufzulaufen. Doch zunächst gilt es, auf der Insel Fuß zu fassen. Elias Wagner ist optimistisch, dass das gelingt: »Ich will schnell in die Kampfmannschaft. Dieses Ziel will ich bis Weihnachten erreicht haben.« Genährt werden die Hoffnungen durch Turbulenzen bei seinem zukünftigen Arbeitgeber: Gleich 15 Spieler stellten sich im April gegen den übereifrigen Fitness-Wahn von Hibs-Manager John Collins. Ihnen droht das Ende beim Verein, weil der Vorstand auf der Seite des Trainers steht.

 

Mit 15 in die friesische Provinz

 

Große Ziele hat auch Christoph Mattes. Der 19-Jährige will von den A-Junioren seines Klubs SC Heerenveen in die Kampfmannschaft aufrücken und träumt von der Heim-Europameisterschaft 2008. Mit seinen Alterskollegen gewann der zentrale Mittelfeldspieler heuer die Meisterschaft und wurde Cupsieger. Perfekte Voraussetzungen, um nach höheren Sphären zu greifen.
Die Hauptschule beendete der 1988er-Jahrgang noch in Wien, danach gelangte er über einen Spielervermittler nach Holland, zum Klub von Thomas Prager. »Ich wurde super aufgenommen«, erzählt Mattes und schwärmt von den lokalen Gegebenheiten: »Die Ausbildung hier ist einfach ein Wahnsinn.« Besonders viel Wert werde auf Technik und Ausdauer gelegt, der Klub sei nicht nur Arbeitgeber, sondern auch privat permanent behilflich. »Wenn mich einmal das Heimweh gepackt hat, war der Verein immer da und hat mich unterstützt. Und wir Spieler haben gemeinsam etwas unternommen.« Profitieren konnte Christoph Mattes hier auch von Landsmann Prager, der zwar bereits in der Kampfmannschaft kickt, ihm bei Problemen aber immer mit Rat und Tat zur Seite steht. »Es ist schon gut, wenn da jemand ist, mit dem man Deutsch reden kann«, sagt Mattes, um sich gleich selbst zu relativieren: »Die meisten hier können aber eh Deutsch, die Holländer lernen das in der Schule.«
Christoph Mattes kam 2003 als 15-Jähriger ebenfalls von der Admira in das friesische Provinzstädtchen. Seit eineinhalb Jahren hat er in Heerenveen eine eigene Wohnung, die Familie schaut regelmäßig vorbei. Zweimal im Jahr steht ein Besuch in Österreich an. Obwohl er also kaum noch Zeit in seiner ursprünglichen Heimat verbringt, bereut er seinen Sprung in die Niederlande nicht. »Wer weiß, wann man so eine Chance wieder bekommt«, sagt der U19-Internationale abgeklärt. Nicht nur in Bezug auf eine Karriere im Nationalteam empfiehlt Mattes jungen Österreichern den Schritt auf unbekanntes Terrain.

 

Niemals zu Red Bull

 

Sowohl Mattes als auch Wagner gehen den mühevollen Weg, den sich andere aus Bequemlichkeit oder Angst vor dem Scheitern zumindest als Nachwuchsspieler mitten in der Ausbildung nicht zutrauen. »Ich würde nie zu Red Bull nach Salzburg wechseln«, sagt Wagner, »bei uns geht doch nicht wirklich was weiter.« Er selbst brachte schon einige Opfer: Schule und Lehre hat er abgebrochen. Dafür folgten Angebote von ausländischen Vereinen wie Everton oder Middlesbrough. Trotzdem riet ihm sein Berater, aufgrund der personellen Turbulenzen bei den Hibs den schottischen Weg zu beschreiten; einfach, um schneller ins internationale Rampenlicht zu kommen.
Geht es nach Christoph Mattes und Elias Wagner, soll dieses spätestens im nächsten Jahr auf sie fallen, beide wollen in Josef Hickersbergers EM-Kader. Und wer weiß, vielleicht liest man dann auch in österreichischen Zeitungen mehr über jene, die jung waren und ihr Glück im Ausland suchten.

Referenzen:

Heft: 28
Rubrik: Thema
ballesterer # 82

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 12. Juli 2013.

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