Benzema ist selbstbewusster als Zidane

Erik Bieldermann ist Redakteur bei der französischen Sporttageszeitung L'èquipe. Mit dem ballesterer fm sprach er über Zidane und seine möglichen Nachfolger.
ballestererfm: Welche Probleme hatte Frankreichs Nationalteam nach Zinédine Zidanes Karriereende?
Erik Bielderman: Nicht viele. Wir haben immer noch erfahrene Spieler wie Henry oder Vieira und mit Benzema, Ben Arfa oder Nasri eine neue, starke Generation in den Startlöchern.
Sucht Frankreich einen neuen Zidane?

Ein neuer Zidane kommt vielleicht alle 25 Jahre. Damals, als Platini aufgehört hat, wollten wir sofort einen Nachfolger finden. Wir haben auf Spieler wie Vercruysse zu viel Druck gelegt, und sie konnten nie an Platini anschließen. Diesen Fehler machen wir nicht mehr. Wir haben einige Spieler, die diesen Job machen können.
Wie wichtig ist Raymond Domenech für den Erfolg des Nationalteams?
Nicht sehr wichtig. Selbst Aimé Jacquet (Trainer 1998, Anm.) war nicht wichtig. Es ist besser, ein starkes Team und einen schwachen Trainer zu haben, als umgekehrt. Jacquet und Domenech sind sicher keine schlechten Trainer. Aber sie hatten starke Persönlichkeiten in der Mannschaft. Mit Führungsspielern wie Deschamps, Desailly oder Thuram, denen du vertrauen kannst, hältst du dich als Trainer im Hintergrund.
Hat sich Domenechs Verhalten gegenüber den Medien verbessert?

Ein wenig. Obwohl es 2008 für uns Journalisten noch schwieriger wird, zum Team durchzudringen, als 2006. Wie in einem Gefängnis: Die Spieler sind im Camp, und du kommst nicht hin. Aber das ist bloß ein Spiel zwischen dem Team, dem Coach und den Medien. Wenn sie Erfolg haben, kannst du nichts sagen. Wenn sie scheitern, wirfst du ihnen vor, dass sie zu abgehoben waren.
Wird Frankreich die Gruppenspiele überstehen?
Das erste Spiel gegen Rumänien ist das wichtigste. Wir müssen es unbedingt gewinnen. Das ist ein psychologischer Vorteil. Wenn wir nicht mindestens vier Punkte gemacht haben, gehen wir ins dritte Spiel gegen Italien, als ob es ein Finale wäre. Italien oder wir oder sie sind schon durch und haben die Möglichkeit, uns aus dem Turnier zu werfen.
Zidane war ein Phänomen, nicht nur als Fußballer, sondern auch als Mensch. Wer kann ihm in dieser Rolle, auch als kulturelle Ikone, nachfolgen?

Benzema, vielleicht in zwei Jahren. Nicht unbedingt im Spielstil, aber als Person. Er ist ruhig, spricht nicht viel, und wie Zidane ist er in der maghrebinischen Arbeiterklasse verwurzelt und auf dem Feld brillant. Vielleicht kommt er nicht so weit wie Zidane, aber wenn wir mit ihm die Weltmeisterschaft gewinnen, ist er ein Gott.
Sind die jungen Spieler heute weiter in ihrer Entwicklung?

Benzema hat das Glück, in Lyon zu spielen einem Club mit perfekten Strukturen. Er ist reifer und selbstbewusster als Zidane in seinem Alter. Aber als Stürmer weißt du sofort, dass du Talent hast. Wenn du triffst, dann triffst du. Als Spielmacher brauchst du länger, musst mehr nachdenken. Vielleicht wird Samir Nasri 2010 ein großer Spieler sein 2008 noch nicht. Ribéry wiederum ist ein Instinktfußballer, ein unbeschwerter Typ. Er ist ein Selfmademan. Ich denke, dass Frankreich in den nächsten Jahren sicher nicht schlechter dasteht als heute.

Referenzen:

Heft: 34
Rubrik: Thema
ballesterer # 120

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Der nächste ballesterer fm erscheint am 13.04.2017.

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