Bert, der Film

Der Wiener Filmemacher Georg Steinböck nähert sich der EM, indem er einen verschrobenen Westfalen auf sie loslässt. Das Ergebnis der deutsch-österreichischen Ko-Produktion ist im Herbst im Fernsehen zu sehen.
Jager Vinzenz | 13.05.2008
Auf die Frage, wie er sich auf die Reise zur EM vorbereiten werde, antwortet Bert Unrau: »Natürlich alle Schutzimpfungen holen, die man für Österreich braucht, wie Hepatitis und Cholera« um Sekunden später in schallendes Gelächter auszubrechen und sich über seine Stichelei gegenüber Gruppengegner Österreich zu freuen. Bert Unrau ist 37, hat als Mathematikstudent eher Semester als Scheine gesammelt und erst seit kurzem eine feste Anstellung als Lkw-Fahrer in Wuppertal. Diesen Sommer wird er die EM-Städte Wien, Klagenfurt, Innsbruck und Basel bereisen und dabei drei Wochen lang von Filmemacher Georg Steinböck begleitet.


Steinböck will mit seinem Dokumentarfilm abseits gewohnter Perspektiven und gängiger Berichterstattung auf das Phänomen EM blicken. Der Regisseur über seine Motive: »Ich finde es interessant, einen Film zu machen, in dem es vorranging um die Emotionen und das Erleben von Fußball und weniger um das tatsächliche Spiel geht.« Dafür hat er sich mit Bert Unrau einen extravaganten Charakter ausgesucht. Kennengelernt hat er ihn vor 18 Jahren auf einer Mexikoreise. Als das Filmprojekt konkrete Formen annahm, musste Steinböck nicht lange überlegen: »Berts Humor, seine Mimik, seine Schlagfertigkeit, aber auch sein widersprüchliches, eigentlich trockenes Wesen machen ihn für mich zum idealen Protagonisten.«


Bert spielt in einer Rockband, schläft in Bayern-Bettwäsche und wettet gern auf Fußballspiele. Ein klassischer Anhänger ist er aber nicht. Über sich selbst sagt er: »Ich kann Emotionen der Fans nicht nachvollziehen, so wie viele andere Gefühlsregungen bei anderen Leuten auch nicht. Ich beobachte es aber gerne und finde es faszinierend. Wahrscheinlich, weil ich dazu nicht in der Lage bin.« Das Wetten ersetzt bei ihm die nicht vorhanden Gefühlsregungen »normaler« Fußballfans. Derzeit ist Rumänien sein Geheimfavorit, was vielleicht auch daher rührt, dass er sich vor vier Jahren mit dem vorhergesagten Titel für Griechenland etwas Geld dazuverdienen konnte.


Beginnen wird Berts Fanreise in Wien mit einer Übernachtung im Fancamp, einer umgebauten Messehalle, die in kleinen Kojen mit Feldbetten 3.000 Menschen Schlafgelegenheiten bietet. Sicher gut geeignet, um erste soziale Kontakte zu schließen. Ein weiterer Fixpunkt ist der Besuch des »EM-Stüberls«, bei dem Unrau als Co-Kommentator des Spiels Deutschland gegen Österreich agieren wird. Mit dem Zug geht es dann weiter in die anderen Austragungsorte. Der Reiseplan lässt Platz für Improvisation und zufällige Bekanntschaften. Zwischendurch wird Bert seine Erlebnisse in Form einer Kolumne für die Westdeutsche Zeitung niederschreiben, quasi als Gegenstück zur Expertenkolumne des ehemaligen DFB-Internationalen Rainer Bonhof.


Steinböck möchte eine Art dokumentarisches Roadmovie schaffen und betont: »Mein Projekt ist kein üblicher Fußball-Fanfilm mit aneinandergereihten Talking Heads, sondern erzählt von den Blüten der Euro.« Für einige wird wohl allein sein Hauptdarsteller sorgen.

Referenzen:

Heft: 34
Rubrik: Thema
ballesterer # 82

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Der nächste ballesterer fm erscheint am 12. Juli 2013.

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