Beschleunigte Maradonas

cache/images/article_1375_51messi01_140.jpg Auch wenn den Zehnern der alten Schule die Luft ausgegangen ist: Eine gute Technik ist im heutigen Hochgeschwindigkeitsfußball wichtiger denn je. Das beweisen die internationale Avantgarde um Lionel Messi und Wayne Rooney und Österreichs zeitgenössische Zangler Veli Kavlak und Marko Arnautovic.
Reinhard Krennhuber | 30.03.2010
»Heute habe ich Maradona gesehen, nur mit einer höheren Drehzahl«, sagte José Aurelio Gay, Trainer von Real Saragossa, nach der 2:4-Niederlage seines Klubs gegen den FC Barcelona am 21. März. Mit dem »beschleunigten Maradona« war natürlich Lionel Messi gemeint, der Saragossa mit seinem zweiten Hattrick innerhalb von wenigen Tagen und den Saisontoren 32 bis 34 quasi im Alleingang besiegt hatte.


Das Absurde an der Aussage von Gay ist, dass man ihm nicht einmal Übertreibung vorwerfen kann. Gegen Saragossa stellte Messi einmal mehr seine technische Extraklasse und sein universelles Genie unter Beweis: Das 1:0 erzielte er per Kopf, das 2:0 nach einem Solo von der Mittellinie und das 3:0 mit einem Schuss von der Strafraumgrenze. Den vierten Treffer holte er per Elfmeter heraus, die Vollstreckung überließ er Zlatan Ibrahimovic, der im Schatten des nur 1,69 Meter großen Argentiniers zunehmend zur Randerscheinung verkommt. Kein Wunder, dass sich die spanischen Medien mit Superlativen überschlugen und Barca-Präsident Joan Laporta sagte: »Messi ist der beste Spieler der Welt und der Geschichte des Fußballs.« Ehe sich der Klubchef in aller Unbescheidenheit doch noch einschränkte: »Zusammen mit Johan Cruyff und Maradona ist er der Beste, den wir bei Barca gesehen haben.«

Die Raumstürmer-Avantgarde

Zwar ist Laporta alles andere als eine objektive Instanz, daran, Messi als Erben Maradonas zu sehen, kommt jedoch kaum mehr ein Experte vorbei. Der 22-Jährige verfügt über ein unwiderstehliches Dribbling, enormes Spielverständnis und einen goldenen linken Fuß. Dabei läuft er ohne Unterlass und schafft es, seine Technik in einem viel höheren Tempo und auf engerem Raum als Maradona anzuwenden. Dass er die Nummer 10 verdient, steht außer Zweifel. Ob er sie auch als Spielertyp verkörpert, darüber scheiden sich jedoch die Geister. »Die Avantgarde des aktuellen Fußballs sind derzeit sicher die Falschen Neuner wie Messi, Wayne Rooney oder Cristiano Ronaldo, die sich zurückfallen lassen«, sagt Jonathan Wilson, Autor von »Inverting the Pyramid«, einem Standardwerk zur Geschichte der Fußballtaktik. Die Wurzeln dieses Spielertyps würden zwar zurückgehen bis zu Matthias Sindelar und Nandor Hidegkuti, so der Brite. Allerdings hätten sie bisher immer zumindest einen Spieler vor sich gehabt, »was jetzt nicht der Fall sein muss, wenn der zentrale Stürmer, um Platz zu schaffen, die Seite wechselt«.


Ein weiterer Unterschied der »Generation Messi« zu Maradona und anderen klassischen Zehnern ist, dass sie in erster Linie über den Flügel kommt für Wilson ein Zugeständnis an die Entwicklung des stetig enger werdenden Raums im Zentrum des Spielfelds. »Man muss immer schauen, wo es Platz gibt, um zu beschleunigen. Wenn du am Flügel spielst und an deinem Gegenspieler vorbei nach innen ziehst, hast du einige Meter Platz bis zum Innenverteidiger«, sagt Wilson. »Das Ganze wird noch verschärft, wenn ein Spieler wie Messi den Ball dann auf seinem stärkeren Fuß hat. Dasselbe gilt für Arjen Robben bei Bayern München.« Bei der Kategorisierung dieses Spielertyps tut sich auch Wilson schwer: »Es sind keine klassischen Stürmer und auch keine Flügelstürmer, weil sie aus dem Raum kommen. Messi geht in der Regel nicht außen an seinem Gegenspieler vorbei, um eine Flanke anzubringen.« Der Experte plädiert daher für den Begriff des wide forward, also eines »Raumstürmers«, dessen individuelle Fähigkeiten heutzutage Spiele vermehrt entscheiden würden. Ein Beispiel dafür sei Wayne Rooney, der vor allem an seiner Kopfballtechnik gearbeitet habe. »Allein gegen Milan hat er drei sehr unterschiedliche Kopfballtore erzielt«, erzählt Wilson. »Im Hinspiel war es brillanter Heber ins lange Eck, beim zweiten Tor hat er zuerst einen langen Ball mit dem Kopf abgelegt und dann die Flanke versenkt. Das 1:0 im Rückspiel wiederum war ein klassisches britisches Stürmerkopfballtor mit viel Kraft und hohem Luftstand. Seine Fähigkeiten mit dem Kopf haben Manchester United verändert.«

Fauler Ronaldinho, schwere Folgen
Der klassische Zehner hat längst ausgedient. Historisch verdienten Vertretern wie Michel Platini, Gheorghe Hagi und Dragan Stojkovic würde bei all ihrem technischen Glanz im heutigen Hochgeschwindigkeitsfußball schnell die Luft wegbleiben, weil sie viel mehr nach hinten arbeiten müssten. Für die Feinschmecker unter den Fans ist das nicht immer gut. »Alle Mannschaften werden athletischer und physisch stärker, darunter hat die technische Raffinesse generell schon gelitten«, meint Ottmar Hitzfeld. Der Schweizer Nationaltrainer muss es wissen, ist er doch seit über 25 Jahren sehr erfolgreich im Geschäft und zweifacher Champions-League-Sieger mit Bayern und Borussia Dortmund. »Kabinettstückchen werden oft nur noch von Ausnahmekönnern gezeigt, die sich immer auch in Eins-gegen-eins-Situationen durchsetzen können«, so Hitzfeld zum ballesterer. »Die Nummer 10, wie sie früher Günter Netzer oder Wolfgang Overath verkörpert haben, die sich ausruhen konnten, während andere für sie und ihre genialen Pässe gelaufen sind, gibt es nicht mehr. Alle Spieler müssen sich auch an der Defensivarbeit beteiligen.« So will es zumindest die kollektivistische Idealvorstellung, über die sich einzelne Diven immer noch hinwegsetzen mit meist schmerzlichen Folgen für ihr Team. Jonathan Wilson zitiert den lockeren 4:0-Heimerfolg von Manchester United über den AC Milan im Champions-League-Viertelfinale als praktisches Beispiel: »Ronaldinho hat in dem Spiel genau gar keine Defensivarbeit geleistet. Das ging so weit, dass sein Gegenspieler Gary Neville schon früh nach vorne gehen und das erste Tor vorbereiten konnte.«


Beigetragen zum Sturz der alten fantasista, wie die Spielmacher in Italien genannt werden, hat auch die zunehmende technische Beschlagenheit der Defensivspieler. An sie werden ganz andere Anforderungen gestellt als noch in den 1980er Jahren, als grobschlächtige, aber spielerisch limitierte Verteidiger vom Schlage eines Claudio Gentile, Andoni Goikoetxea oder Stuart Pearce den Stürmern entgegentraten. »Früher waren Innenverteidiger reine Abräumer, Spielzerstörer«, sagt Ottmar Hitzfeld, »heute sind sie die ersten Verteiler, indem sie den Ball erobern und dann oft diagonale, öffnende Pässe spielen. Ähnliches gilt für die Nummer 6: früher Zerstörer, heute quasi Spielmacher vor der Abwehr.«

Ernüchterung im Prater, Glanz in Favoriten
Szenenwechsel nach Österreich. Der Sechser, genauer gesagt der doppelte, spielt auch im Konzept von ÖFB-Teamchef Didi Constantini eine wesentliche Rolle. Zur Eröffnung des Länderspieljahrs gegen Dänemark am 3. März nahmen Julian Baumgartlinger und Franz Schiemer die beiden Plätze im defensiven Mittelfeld ein. Und auch wenn unterm Strich ein 2:1 gegen einen WM-Teilnehmer stand, machte das Match außer hartgesottenen Patrioten kaum jemanden glücklich. Denn das Ergebnis konnte nicht über die Probleme hinwegtäuschen, die die ÖFB-Elf schon seit geraumer Zeit plagen: Es zwickt im Spielaufbau, es fehlt ein Gestalter, der ein kontrolliertes Umschalten von Defensive auf Offensive möglich macht. Weil sowohl Schiemer als auch Baumgartlinger ihre Stärken eher im Zerstören haben, blieb der kreative Part gegen die Dänen an den beiden Flügelspielern Veli Kavlak und Daniel Beichler hängen. Im zentralen Mittelfeld klaffte ein Loch, das durch die hängende Spitze Roman Wallner nicht geschlossen werden konnte. Dass der Zehner im ÖFB-Team an diesem Abend nicht vergeben wurde, wirkte alles andere als zufällig...


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Referenzen:

Heft: 51
Rubrik: Thema
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