Blau-Weiß in allen Farben

PORTRÄT  Olympique Marseille ist zweifellos der schillerndste Verein Frankreichs. Sportliche Erfolge prägen seine Geschichte ebenso wie Skandale und Rekorde. Was macht OM so populär?


Mario Sonnberger | 12.05.2008
Marseille atmet, pulsiert und lebt in blau-weißen Schattierungen. Das ist nicht zu übersehen. Auf Häuserwänden, in Autofenstern, auf den Titelseiten der Zeitungen OM ist überall. In der Vereinstreue unterscheidet sich Frankreichs zweitgrößte Stadt kaum von anderen Fußballmetropolen. Zuweilen gleitet die Verehrung gar ins Metaphysische ab. »OM ist größer als wir alle«, brachte Klubpräsident Pape Diouf den Status Olympiques auf den Punkt. Nicht zu leugnen ist: OM ist anders, weniger glatt als andere Großklubs. Keine Rede von Jahrzehnten der Erstklassigkeit, Erfolgsläufen ohne Ende hier kennt man auch den Abstieg, kennt sich aus mit Eigensinn, übertriebenem Ehrgeiz, aber auch mit historischen Triumphen.

Vielleicht ist es diese »Ganz oder gar nicht«-Mentalität, die Olympiques integrativen Charakter mit bedingt. Im Leben geht es nun einmal auf und ab, und umso deutlicher ragt heraus, wer trotz Widrigkeiten reüssiert Sport als Metapher. Ganz konkret ist hingegen die Bilanz von OM: In der fragmentierten französischen Fußballgeschichte gewann man die meisten Cups (10), diverse regionale Trophäen und hat mit einem zugedrückten Auge ebenso viele Titel wie Rekordmeister Saint-Étienne. Eingerechnet sind dabei allerdings sowohl die Amateurmeis-terschaft 1929 als auch der letztlich aberkannte Triumph 1993. Die Bestechungsaffäre »VA-OM« hinderte die Marsellais nicht daran, sich selbstbewusst den ersten Meisterstern für zehn errungene Championate aufs Trikot zu sticken.

 

An der Spitze seit 1899


Großspurig zu sein fällt leicht, denn die Erfolgsgeschichte Olympiques begann früh. 1892 als Rugbyverein gegründet, nahm man 1899 die heutigen Farben an. Vom Rugby kommt auch die Devise »Droit au but« geradewegs zum Tor. Diesem Motto wurde der Klub aber auch im Fußball bald gerecht. Schon in den Anfangszeiten etablierte sich OM als dominantes Team der Region, hatte die beste Organisation und das höchste Budget. 1904 nahm man zum ersten Mal an der französischen Meisterschaft teil. Die Titelpremiere folgte 20 Jahre darauf. Als erstes Team aus der Provinz holte sich Olympique 1924 den Cup. Die Klubs aus Paris, damals noch Fußballhochburg, ließ Marseille ebenso hinter sich wie 1929, als man zum ersten Mal Meister wurde. Und beinahe wäre auch der erste Profititel 1932 ans Mittelmeer gegangen. Zu viel Selbstbewusstsein und eine Niederlage gegen den Tabellenletzten warfen OM aber noch auf Platz zwei zurück. 1937 war es dann soweit: Die Schale ging in die Provence. Dazwischen lässt sich ein Österreichbezug feststellen. Zwei Saisonen lang wurde OM vom Ex-Rapidler und -Hakoahner Vinzenz Dittrich trainiert. Bis in die 60er Jahre sollten ihm sieben seiner Landsleute als Spieler folgen der letzte, Franz Kappl, in der Saison 1961/62.

Nach zwei weiteren Cupsiegen folgte 1948 der nächste Meistertitel. Dazwischen lagen Tore, Tore, Tore. 1943 stellte OM mit 100 Treffern in 30 Ligaspielen einen Rekord auf. Ein Fünftel davon gelang  in nur einem Match dem 20:2 gegen Avignon. Doch mit der Zeit bekam der blau-weiße Gigant erste Risse, OM musste herbe Niederlagen einstecken (darunter ein 3:10 gegen Saint-Étienne) und stieg 1959 zum ersten Mal ab. Erst 1962 kehrte man in die Erstklassigkeit zurück, wurde Letzter und rasselte wieder nach unten. Der erfolgreichste Klub des Landes drohte zur Fahrstuhlmannschaft zu werden eine untragbare Situation für die stolzen Marseillais. 

 

Ehrgeiz, Eigensinn, Erfolge


Doch 1965, nach zwei Jahren Zweitklassigkeit, änderte sich alles. Ein neuer Mann kam ans Ruder: Marcel Leclerc. Als Vereinspräsident riss er OM aus der Lethargie, installierte Ex-Torjäger Mario Zatelli als Trainer, und prompt kehrte der Verein ins Konzert der Großen zurück. Schon vier Jahre später holte man sich erneut den Cup und wurde 1971 Meister. Mit Spielern wie dem Jugoslawen Josip Skoblar und dem Schweden Roger Magnusson war Olympique wieder im Geschäft stärker als je zuvor. Skoblars 44 Treffer in der Saison 1970/71 sind noch heute Torrekord in der Ligue 1. Im Jahr darauf gelang nicht bloß die Titelverteidigung, nebenbei gewann man wieder einmal den Coup de France und nahm erstmals am Meistercup teil. Doch mit Leclerc verließ im selben Jahr auch der Erfolg den Klub. 14 Jahre später sollte er sich mit  Bernard Tapie in bisher ungekanntem Ausmaß wieder einstellen.

Als der mächtige Geschäftsmann und Politiker auf Drängen von Marseilles Bürgermeister Deferre 1986 das Präsidentenamt übernahm, war klar: Die Reise geht nach oben! Papin, Waddle, Francescoli Tapie holte Spieler, wie sie Marseille noch nie gesehen hatte. Der Erfolg kam wie von selbst, doch mit ihm auch ein Schuss Unverfrorenheit, ein wenig Zwielicht. Man kann getrost behaupten, dass vier Meistertitel in Serie samt Champions-League-Triumph der Popularität eines jeden Vereins zuträglich wären. Doch bei OM ist es wohl auch das Böse, Raffinierte und Verschlagene, das fasziniert. Wie sonst hätte der Verein sowohl Bestechungsaffäre wie auch Dopingvorwürfe halbwegs unbeschadet überstanden.

 

Marseille bleibt treu und bunt


Bemerkenswert ist, dass die Marseillais ihrer großen Liebe in all den Jahren treu blieben. Mit Leichtigkeit erreichte Olympique Saison für Saison den höchsten Zuschauerschnitt; in beiden französischen Profiligen hält man bis heute den Besucherrekord. 1981 kamen über 40.000 Zuseher ins Stadion des damaligen Zweitligisten, um Toulouse aus dem Stadion zu singen. 

»Schwarze, Juden, Araber und alle anderen im Stadion stehen auf, wenn OM trifft«, sagt Kameruns Ex-Teamgoalie Joseph-Antoine Bell und meint damit jene Vielfalt, die mehr noch als diverse Rekorde vielleicht das eigentlich Große an OM darstellt. Als Hafenstadt ist Marseille seit jeher geübt darin, unterschiedliche Kulturen zu adaptieren. Im größten Hafen Frankreichs landeten seit Jahrhunderten Menschen aus aller Welt, und viele davon sind geblieben. Dabei geht es nicht um Romantik auch Marseille hat seine sozialen Brennpunkte, und die Stadt wurde auch schon vom Front National regiert. Unbestritten ist aber, dass gerade Migranten, Secondos und Legionäre stets zu den Stützen Olympiques gehörten. Hier wurden sie nicht nach ihrer Herkunft beurteilt, sondern nach ihrem Können. In Philippe Constantinis Film »Droit au But« sagt ein Obstverkäufer auf die Frage, warum die Identifikation der Bevölkerung mit dem Klub so groß sei, obwohl nur wenige Spieler aus der Region im Team stünden: »Ein Spieler, der hierherkommt, nimmt den Stil von OM schnell an. Wenn sein Shirt schweißgetränkt ist, weil er 90 Minuten für Marseille gelaufen ist, dann ist er einer von uns!« Treffender kann man die Offenheit des Klubs wohl kaum ausdrücken. 

Schon in den 1930ern und 1940ern kickten Algerier, Ivorer, Ghanaer und selbst deutsche Fremdenlegionäre im blau-weißen Trikot. Mit Larbi Ben Barek, einem außergewöhnlichen Techniker, war ein Marokkaner einer der ers-ten dunkelhäutigen Weltstars bei OM. Seither sind besonders afrikanische Spieler immer wieder Leistungsträger und Publikumslieblinge: von Keita bis Bakayoko, von Drogba bis Niang. Mit der Zeit wurden auch Spieler der zweiten Generation zu Integrationsfiguren einer multikulturellen Stadt; der Respekt, den man ihnen zollt, bringt Selbstvertrauen. Aktuell ist es vor allem der algerischstämmige Jungstar Samir Nasri, der sich in die Herzen der Marseillais gespielt hat und Stadt wie Nation überzeugt, dass mit Zinédine Zidanes Karriereende keineswegs der jüngste Tag über Frankreich hereingebrochen ist.

Das Fazit von 109 Jahren OM-Geschichte ergibt das Bild eines Vereins, dessen Faszination sich aus unterschiedlichen Facetten speist. Mehr als anderswo haben Erfolge, Rekorde, aber auch Niederlagen und Trickserei dem Verein ein Gesicht gegeben, in das man noch länger gerne blicken wird.

Referenzen:

Heft: 33
ballesterer # 121

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 18.05.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png