Blunznfett und butterwach

cache/images/article_1261_44butterwa_140.jpg Ein Fußballplatzbesuch ist keine nüchterne Angelegenheit. Dampf ablassen­ und Dampf inhalieren. Dazu ein paar Bier. Unerwünschte Nebenwirkungen sind da nicht ausgeschlossen. Ein fiktiver Matchbesuch zwischen Kontrollverlust, ­Gruppendynamik und Sinnfragen.
Walter Kupfinger | 05.08.2009
Freitagabend, Heimspiel und der fixe Vorsatz, es dieses Mal nicht zu übertreiben. Doch es ist klar: so einfach wird das nicht. Die Arbeitswoche war lang und der Drang, ein bisserl Spaß zu haben, sich gehen zu lassen, nicht an morgen zu denken, ist nicht wegzukriegen. Fußball als Ventil, da ist schon was dran. Nur kenne ich kaum jemanden, der sich am Platz auslebt und dann nach Hause fährt, um in aller Ruhe ein Buch zu lesen. Mit wenigen Ausnahmen hängen sie sich alle einen um die einen gemütlich, die anderen exzessiv. Ich gehöre eher zur zweiten Gruppe.  

Workout
Die Partie trifft sich drei Stunden vor dem Match beim Wirten. Der Alkohol fließt brav, die Laune ist ausgezeichnet. Vorherrschendes Thema: die letzte Auswärtsfahrt. War ja auch wirklich lustig. Ein Sieg in letzter Minute, und das nach Rückstand. Die Leute waren eh schon gut beinander, und dann kommt vor dem Stadion noch ein Funktionär zu uns und schiebt zwei Hunderter herüber für die Heimfahrt. »Für die leiwande Stimmung, Burschen!«

Das wars dann mit der Kontrolle. Bier und Schnaps im Bus waren gratis und die meisten so motiviert, dass sich eine Singerei entwickelte, die es wirklich in sich hatte. Freestyle. Zwei Stunden. Ohne eine ruhige Minute. Die Luft im Bus war zum Schneiden. Ein kaum erträgliches Gemisch aus Schweiß, Dope, Alk und Zigaretten. Aber der gesamte Doppelstock ist absolut drübergegangen. Der Fahrer hat sich zuerst noch beschwert, die Aussichtslosigkeit seiner Situation aber schnell erkannt. Der Output war sensationell. Drei neue Chants, für die du dir nüchtern zwei Wochen lang das Hirn zermarterst. Und das Bild, als wir bei der Ausstiegsstelle alle raus sind und diesen wahnsinnigen Kampftanz aufgeführt haben, werde ich noch in 20 Jahren vor mir haben.

Das wars dann allerdings auch mit dem Bewusstsein. Immerhin haben mich die Beine noch heimgetragen. Trotz lückenhafter Erinnerung und einem argen Schädel am nächsten Tag: das hat verdammt viel Spaß gemacht. Von wegen Eskapismus. Das sind Erlebnisse, die nüchtern niemals möglich wären. Oder mach einmal eine Auswärtsfahrt im Bus, ohne mit den anderen mitzutrinken. Da steigst lieber aus auf dem nächstbesten Autobahnparkplatz, weil du dich noch deplatzierter fühlst als Friedrich Stickler als ÖFB-Präsident. Spätestens nach 100 Kilometern wirst du keinen Gesprächspartner mehr finden. Die sind alle auf einer anderen Welle. Von der Heimfahrt nach durchschnittlich zehn Krügerl gar nicht zu reden.

Hasch, Koks und Pillen
Am Nachbartisch haben sich die Hools eingefunden, samt Gefolge Nachwuchs, Girlies Mitläufer. Sie beschränken sich nicht aufs Bier. In Zweiergruppen gehts aufs Klo, retour kommen sie deutlich munterer. Koks oder Speed? Auf jeden Fall etwas Schnelles. Je nachdem, was die Börse zulässt. Die Burschen sind geeicht von ihren Holland-Ausflügen: »Hasj, Coke en Pillen.« Und Fußball. Feyenoord, daheim und auswärts, Ecstasy und Gabber-Partys. Ihre Vorliebe für holländischen Hardcore-Techno ist nur ein weiterer Grund, auf Distanz zu bleiben. Zu 200 Beats pro Minute voll zugedröhnt über die Tanzfläche hacken? Meine Träume schauen anders aus.

 

Sport und Zigaretten
Wir zahlen und brechen auf zum Stadion. Keiner verlässt das Gasthaus unter vier Bier. Die Durstigeren haben schon deutlich mehr. Im Stadion gibts nur Leichtbier abgestanden und aus dem Plastikbecher eine ziemliche Niederlage. Getrunken wird es trotzdem, was wäre das sonst für ein Stehplatz-Feeling? Außerdem ist Freitagabend und einzelne sind in Spendierlaune. Das Match passt sich an und plätschert so dahin. Wir singen uns ein und belegen die vorbeilaufenden Spieler des Gegners mit unfreundlichen Spitznamen. Wenn sie auf die Provokationen einsteigen, fliegen die Becher.

Nach gut 20 Minuten tut sich endlich was. Zumindest im Block. »Den Arschkick vertrag ich nur mit einer Sportzigarette! « Roberto hat seinen Standardspruch ausgepackt. Und eigentlich habe ich nur darauf gewartet. Roberto heißt eigentlich Robert. Das »o« hat er seiner Leidenschaft für die italienische Fankultur und Atalanta Bergamo zu verdanken und die schließt das Kiffen mit ein. Den zusammengerollten Filter hat er schon zwischen den Lippen. Mit routinierten Handgriffen mischt er das Gras in der Handfläche mit Tabak und lässt es ins lange Paper rutschen. Sekunden später ist der Joint zusammengerollt und wird entzündet. Das Kraut ist gut, und der Flash lässt nicht lange auf sich warten. Der Effekt ist zwar altbekannt, aber immer wieder aufs Neue reizvoll, weil er die Wahrnehmung verändert. Nicht drastisch, aber Augen, Ohren und das Hirn werden empfänglicher für Reize von außen und das funktioniert mit Musik genauso wie mit Fußball. Wichtig ist nur, dass die anderen auf derselben Wellenlänge bleiben. Der Joe macht die Runde, und Roberto arbeitet schon an der nächsten Mischung. »AllItaliana!« wie in Italien!

Drei, vier Mal im Jahr fährt Roberto wirklich runter, und wir haben ihn oft begleitet. Die Drogen sind dabei nie im Mittelpunkt gestanden, ganz ohne sind wir aber auch nie ausgekommen. Mit Milan im Zug nach Piacenza, mit der Fiorentina zu Juve. Die großen Stadien von Neapel, Rom und Genua, die kleinen von Terni und Cosenza. Und dazwischen immer wieder nach Bergamo in die Curva Pisani, wo sich die Rauschepisode abgespielt hat, von der Roberto immer nicht schwärmt. Es war ein Match gegen die Roma vor ein paar Jahren, und es goss aus Kübeln auf die unüberdachten Stehplatzterrassen. Den ganzen Sonntagnachmittag. In der Pause sind alle in die Katakomben unter der Kurve, die klitschnassen Jacken und Shirts irgendwo hingehängt. Und dann haben sie angefangen zu bauen. An allen Ecken und Enden. Als ob sie den Regen und die Nässe wegkiffen könnten. Jeder in der Kurve hat einen Joint geraucht. Die zweite Hälfte war eine Trance-Erfahrung. Roma hat 2:0 gewonnen und wurde trotzdem weggesungen in einer großen gemeinschaftlichen Aktion der Atalanta-Kurve. Wir haben jede Sekunde genossen.

Shit-Talk
Die Pausenunterhaltung hierzulande kann da nicht mit. Ein flüchtiger Bekannter stellt sich neben mich und textet mich zu mit den Erlebnissen seines letzten Groundhopping- Ausflugs. Zweite und dritte tschechische Liga. Der Gute hat auch nicht mehr die fittesten Augen. Sein Redeschwall ist nicht zu stoppen. Er erzählt alles bis ins kleinste, unwichtigste Detail und lässt erst nach Wiederanpfiff von mir ab, als ich ihm demonstrativ ins Ohr singe. Dafür kenne ich jetzt die schwierige Anfahrt zum Stadion von Motorlet Praha, die Vereinsfarben des Stadtrivalen Lokomotiv und den Bierpreis in der Kantine des FC Vitkovice. Klassischer Shit-Talk. Alle Angaben ohne Gewähr. Es gibt aber auch Leute, die von Haus aus so drauf sind.

Das Match droht den Bach runterzugehen. 0:1, und der Schiri pfeift für die anderen. Wir singen dagegen, die Stimmung wird aggressiver. In solchen Situationen sagst du Sachen, die dir nüchtern kaum über die Lippen kommen. Ein Stakkato aus Wixer, Beidl und Scheißkerl. Zu bereuen gibts trotzdem nichts. Schimpfen gehört dazu, solang es seine Grenzen hat und bei aller Aggression der Witz nicht ganz verloren geht. »Sautrottel, hams dir ins Hirn gschissen?« Naja.

Kurz vor Schluss dann doch noch der Ausgleich. Jubel, Umarmungen ohne Rücksicht auf Bierbecher und Gewand. Der Abend ist halbwegs gerettet, solang dich keiner nach deinem Geruch beurteilt. Nach dem Schlusspfiff noch ein gemütliches Bier auf dem sich leerenden Stehplatz, und dann ab ins Fanbeisl. Der DJ spielt Soul, tanzbar und trotzdem kein schlechter Downer. Doch irgendwie finde ich die Bremse nicht. Die Vorsätze vom frühen Abend? Längst vergessen. Schnäpse werden bestellt, der nächste Joint gedreht. Mit überraschenden Polizeiauftritten ist nicht zu rechnen, nachdem es beim Match keinerlei Troubles gegeben hat. Kiffen ist hier genauso wenig ein Problem wie auf der Tribüne. Solange du dem Kiberer den Joint nicht unter die Nase hältst, wird er sich hüten, dich deswegen aus dem Block zu ziehen. Und die Leute von der Videoüberwachung haben auch andere Sachen im Visier.

Afterhour
Es ist leiwand im Beisl. Wir reden über das Match, die vergangene Woche und die Unfähigkeit von ORF-Kommentatoren der Schmäh rennt. Und wenn die Gespräche zu flach werden, gibts noch immer die Tanzfläche, den Wuzzltisch und die Möglichkeit, mit den Burschen vor der Tür einen letzten Chant in die Nacht hinauszuschmettern. Kurz vor Mitternacht scheiden sich dann aber die Geister. Die vergebenen Kollegen betreiben Schadensbegrenzung und schauen, dass sie nach Hause kommen. Für den Rest heißt die Frage: weiterziehen oder versumpern? Die Entscheidung für ersteres nimmt gerade so viel Zeit in Anspruch, dass wir die letzte Straßenbahn verpassen. Also Taxi, und vorher Bankomat. 50 Euro hat der Abend bisher verschlungen. Von den weiteren 40 wird nicht viel übrig bleiben.

Der Club war dann vielleicht doch keine so brillante Idee. Der Türlsteher kennt seine Gästeliste und lässt sich von ein paar fetten Fusballfans nicht übers Ohr hauen. Also ablegen, auf allen Linien. Das Seiterl kostet fast doppelt so viel wie das Krügerl im Fanbeisl, Zweifel an der Richtigkeit der Entscheidung werden laut. Wer sich den ganzen Abend im Fusballumfeld aufgehalten hat, der fühlt sich um eins in der Nacht fremd an anderen Orten. Der Gesprächsstoff mit den Freunden ist erschöpft, man ist nicht mehr der Nüchternste und die anwesenden Mädels zeigen entsprechend wenig Interesse an einer Kontaktaufnahme. Also noch einen Ofen. Während Roberto die Sinnlosigkeit der Situation einsieht und nach Hause verschwindet, gibt der Rest auf der Tanzfläche die Extrovertierten. Der Flash tritt mit Verzögerung ein, und der Film ist gerissen. Wieder einmal. Entgegen allen Vorsätzen.

Der nächste Tag beginnt irgendwann am Nachmittag. Und das nur unter Anführungszeichen. Das Hirn verlangt nach weiterem Schlaf, der trockene Gaumen nach Flüssigkeit und die Nase nach einer gründlichen Dusche. Der obligatorische Check: Handy da, Geldbörse da. Kredit- und Bankomatkarte? Ebenfalls anwesend. Immerhin. Doch einige Fragen bleiben offen. Profane: Wie bin ich heimgekommen? Wie viel Geld habe ich gebraucht? Wichtigere: Wie viel Gehirnzellen habe ich versoffen? Wie daneben habe ich mich benommen? Und Entscheidende: Werde ich nicht langsam zu alt für solche Aktionen? War es das wert? Die Antwort kommt in einem SMS von Roberto: »War ein geiler Abend gestern. Bist eh gut heimgekommen? Nächstes Mal schießen wir sie weg. Bis nächstes Wochenende!«


Diese Geschichte ist fiktiv. Alle Namen und Schauplätze entspringen der Phantasie des Autors. Ähnlichkeiten zu real existierenden Personen und Gegenständen sind zufällig und unbeabsichtigt. Der ballesterer appelliert für einen vernünftigen Umgang mit Drogen aller Art.

Referenzen:

Heft: 44
Rubrik: Thema
ballesterer # 120

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Der nächste ballesterer fm erscheint am 13.04.2017.

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