Brasilien baut um

cache/images/article_2010_12-03-21-1020491-show-de-_140.jpg 500 Tage vor Beginn der WM gleicht Brasilien einer Großbaustelle.­ Stadien werden hochgezogen, Flughäfen ausgebaut, Straßen aufgerissen. Doch an den schlechten Lebensumständen für weite Teile der Bevölkerung ändert sich wenig. Und auch die Fankultur kämpft ums Überleben. Ein Lokalaugenschein in Salvador und Rio de Janeiro.
Reinhard Krennhuber | 12.02.2013

»Ende Februar soll es fertig sein.« Der Taxifahrer, der mich zur Arena Fonte Nova unweit des Zentrums von Salvador chauffiert, klingt nicht gerade überzeugt. »Aber bis zum ersten Spiel werden sie es schon schaffen.« Das erste Match im neuen Wahrzeichen der Drei-Millionen-Einwohner-Metropole an der Nordküste Brasiliens ist für 31. März angesetzt und den beiden lokalen Erstligaklubs, dem EC Bahia und Vitoria, vorbehalten.


Fünf Wochen vor der geplanten Fertigstellung herrscht Baustellenatmosphäre rund um die Arena. Das Stadion ist in Gerüste gehüllt, rundherum klaffen riesige Baugruben. Eine Parkgarage und ein Fußgängerübergang entstehen an der angrenzenden Straße. Sechs Spuren wird sie nach Beendigung der Arbeiten haben. Aktuell sind es zwei, was selbst Samstagfrüh zu einem gröberen Stau führt, der den Taxifahrer jedoch nicht einmal mit der Wimper zucken lässt. Der Mann ist ganz andere Blechlawinen gewohnt.

Hochbetrieb im Hufeisen
Bei der Stadionführung für ein Dutzend Journalisten wird Zuversicht versprüht und die soziale Komponente des Megaprojekts betont. In einem Werbevideo zu Beginn der Tour kommen vormals obdachlose Arbeiter zu Wort, die dank des WM-Stadions nun einen Job und ein Dach über dem Kopf haben. Rund 100 Hilfskräfte profitierten von dem Sozialprogramm. Insgesamt werken 4.000 Arbeiter in drei Schichten rund um die Uhr an der Fertigstellung der Arena für 50.000 Zuschauer, in der drei Spiele des Confederations Cups und sechs WM-Partien stattfinden werden. Nach Verzögerungen in der ersten Jahreshälfte 2012 hatte die FIFA gedroht, Salvador die Spiele der WM-Generalprobe im Juni zu entziehen. Zusätzliche öffentliche Investitionen halfen jedoch dabei, den Rückstand wieder aufzuholen. Im November wurde der Spielort vom Weltverband bestätigt. Schneller sind die Stadionbauten für die zweite WM in Brasilien nach 1950 nur in Fortaleza und Belo Horizonte vorangeschritten, die bereits eröffnet wurden.


In Gummistiefeln und mit Bauhelmen geht es hinein in die Arena. Dort herrscht Hochbetrieb auf mehreren Ebenen. Kräne schaffen Materialien heran, Sitzschalen und Logenfenster werden montiert, ein paar Stockwerke höher sind Arbeiter mit der Fertigstellung der ultraleichten Dachkonstruktion beschäftigt. Gebaut wird nach deutschen Plänen. Das Braunschweiger Architekturbüro Schulitz + Partner konnte 2008 die Ausschreibung für das mit 240 Millionen Euro veranschlagte Projekt für sich entscheiden. Ein Jahr davor waren beim Einsturz einer Tribüne des alten Fonte Nova acht Menschen ums Leben gekommen. Die Stadt hatte sich daraufhin für Abriss und Neubau entschieden.


Wie sein Vorgänger weist auch das WM-Stadion eine Hufeisenform auf. Eine rund 50 Meter breite Lücke in der Südkurve gibt den Blick auf die angrenzende Lagune frei. »Die Öffnung folgt einer brasilianischen Tradition im Stadionbau«, sagt Architekt Claas Schulitz. »Sie dient der Ventilation im Inneren, außerdem kann die Fläche für andere Veranstaltungen genutzt werden.« Auch bei deren Organisation setzt Salvador auf internationales Know-how. In der Betreibergesellschaft FNP haben Manager der Amsterdam Arena das Sagen. Im Gegensatz zum alten städtischen Stadion ist das neue Fonte Nova als Private-Public-Partnership konzipiert, was eine stärkere kommerzielle Ausrichtung nach sich ziehen wird. Erste Anzeichen dafür sind bereits spürbar: Gab es vorher noch Laufbahnen, ein Schwimmbad und weitere Trainingsgelände für den Amateur- und Schulsport, fallen diese Elemente mit dem Neubau weg.

Feiertag statt U-Bahn
Die Stadionführung endet aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit in einem Schweißausbruch, der jedem der Bauarbeiter Ehre machen würde. Draußen vor der Baustelle fällt mein Blick auf eine U-Bahn-Station. Die Tore sind verriegelt, die Gleise verwaist und daran wird sich auch bis zum Anpfiff der WM am 12. Juni 2014 nichts ändern. Das U-Bahn-Projekt in der ehemaligen Hauptstadt Brasiliens ist ein Kapitel der Stadtgeschichte, über das die Verantwortlichen am liebsten den Mantel des Schweigens breiten würden. 1999 wurde mit dem Bau begonnen, doch von den geplanten zwei Linien mit einer Länge von 48 Kilometern konnte bisher nur ein sechs Kilometer langes Teilstück in Betrieb genommen werden. 2008 wurden sechs Zuggarnituren angeschafft, die seither in den Remisen auf eine Erweiterung des Netzes warten. Glaubt man Kritikern des Projekts, ist ein Teil davon mittlerweile unbrauchbar.  


»In Hinblick auf den öffentlichen Verkehr hinken wir in Salvador dramatisch hinterher, und es gibt keine Anzeichen für eine Veränderung«, sagt Argemiro Ferreira de Almeida, Mitbegründer des lokalen Bürgerkomitees, wie es sie in allen zwölf WM-Austragungsorten gibt. Dass der Bürgermeister aus Angst vor einem Verkehrskollaps alle Spieltage in Salvador zu Feiertagen erklären will, hält Almeida für einen Offenbarungseid: »Eine Drei-Millionen-Stadt wegen eines 90-minütigen Spiels für 24 Stunden zu paralysieren ist blamabel. Die Stadtverwaltung gesteht sich damit ein, dass der Zustrom an Besuchern zusammen mit dem Alltagsverkehr zum Chaos führen wird.«


Mit dem Stadionbau einher ging eine Aufwertung des Wohnviertels rund um Fonte Nova. Prostituierte wurden bereits an den Stadtrand verdrängt. Lokalen Händlern und Schnellimbissverkäufern dürfte während der WM und des Confed-Cups ein ähnliches Schicksal drohen. Schließlich könnten sie den FIFA-Sponsoren Konkurrenz machen. Im Umfeld des Stadions ist ihnen jegliche Werbemöglichkeit verboten. »Absiedlungen von Bewohnern hat es zum Glück noch nicht gegeben«, sagt Almeida. Die Gefahr sei aber noch nicht gebannt. Denn es sind zwei Einkaufszentren und eine weitere Zufahrtsstraße geplant, was zu Häuserabrissen führen könne.


»Die Regierung ist sehr darum bemüht, der Welt ein Postkartenmotiv von Brasilien zu präsentieren«, sagt der Bürgerrechtler, der im Jänner auf Einladung der Katholischen Jungschar in Wien zu Gast war. Von den rund elf Milliarden Euro, die anlässlich des Großereignisses in die Infrastruktur investiert werden, wird laut Almeida nur sehr wenig bei der Bevölkerung ankommen: »Wir erwarten keine Verbesserung des Gesundheitswesens, wo viele Ärzte in den öffentlichen Spitälern nicht zum Dienst erscheinen, und des zurückgebliebenen Schulsystems, das die Armen benachteiligt und die Reichen mit Gratisstudien an den besten Universitäten zusätzlich fördert.«  

 

Die fetten Jahre sind vorbei
Investitionen in die Infrastruktur bedeuten im Brasilien vor WM und Olympischen Spiele in erster Linie den Ausbau der Luftfahrt. Denn Sportler, Fans, Medien und Offizielle müssen im Rahmen der Großereignisse große Distanzen zurücklegen. Brasilien hat die 24-fache Fläche von Deutschland, die Nord-Süd-Ausdehnung entspricht der Strecke London - Bagdad.

Wer von Salvador in einen der anderen elf Austragungsorte der WM reisen will, ist auf das Flugzeug angewiesen - ins »benachbarte« Recife sind es fast 700, nach Rio 1.200 und nach Manaus in Amazonien gar 2.600 Kilometer. Busse brauchen für diese Distanzen Tage, Zugverbindungen existieren nicht. Die Großflughäfen in den Metropolen werden daher mit dem Geld privater Investoren ausgebaut. Bedarf scheint unabhängig vom Zustrom der Sporttouristen vorhanden: Der Flugverkehr in der aufstrebenden Volkswirtschaft hat im vergangenen Jahrzehnt um 120 Prozent zugelegt.

Die Boomjahre des Schwellenlands scheinen jedoch zumindest vorerst vorbei: Lag das Wachstum 2010 noch bei 7,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, ging es im Folgejahr angesichts der weltweiten Wirtschaftskrise auf 2,7 Prozent zurück. 2012 soll es nur noch zwischen ein und zwei Prozent erreichen. Eine Trendwende steht weder mit der WM noch mit Olympia in Aussicht. »Die sportlichen Großereignisse sind ein wichtiger Impulsgeber für die Wirtschaft, aber eine langfristige positive Wirkung dürften sie kaum haben«, sagte der deutsche Volkswirt Ulrich Rathfelder kürzlich der Nachrichtenagentur Reuters.

Die Liga im Goldrausch
Vom wirtschaftlichen Aufschwung Brasiliens profitierte in den vergangenen Jahren auch der Klubfußball. Laut einer Studie des brasilianischen Wirtschaftsprüfers BDO RCS liegt die brasilianische Serie A in der Rangliste der finanzstärksten Ligen bereits auf Platz sechs - hinter England, Deutschland, Spanien, Italien und Frankreich. Die Einnahmen der Profiklubs stiegen demnach zwischen 2003 und 2009 um 200 Prozent. Auch die Fernsehgelder schießen in die Höhe. Der Mediengigant O Globo zahlt für die Übertragungsrechte der kommenden Saison die Rekordsumme von 400 Millionen Euro.

Anfang des neuen Jahrtausends war diese Entwicklung noch nicht absehbar. Damals veröffentlichte Alex Bellos sein Buch »Futebol. Die brasilianische Kunst des Lebens«, in dem er sich unter anderem den Skurrilitäten der gesamtbrasilianischen Meisterschaft widmete. Ursprünglich eine Erfindung der Militärjunta in den 1970er Jahren, hatte das Campeonato Brasileiro sein Gesicht beinahe jährlich geändert: 1979 nahmen nicht weniger als 98 Klubs teil. 1985 war der Modus so verdreht, dass Coritiba mit negativer Tordifferenz Meister wurde. Zwischendurch gab es miteinander konkurrierende Bewerbe.

Eine zentrale Forderung des Guardian-Korrespondenten war die Einführung einer Meisterschaft mit Hin- und Rückrunde. 2003 wurde sie umgesetzt und - ebenso wie Bellos' Buch - ein durchschlagender Erfolg. »Dank des Wechsels zum europäischen Format hat die brasilianische Liga an Stabilität und Planbarkeit gewonnen«, sagt Bellos. »Der Wirtschaftsaufschwung und das bessere Management der Klubs haben dazu geführt, dass höhere Gehälter bezahlt werden können. Dadurch sind Teamspieler wie Ronaldinho und Robinho nach Brasilien zurückgekehrt.«

Mit Blick auf die WM engagierten sich in den letzten Jahren zunehmend ausländische Unternehmen in Brasiliens Eliteliga. Dadurch können Stars wie Neymar, der beim FC Santos jährlich sechs Millionen Euro verdient, länger im Land gehalten werden. Allerdings stehen Neymar und der im Jänner um 15 Millionen Euro von Milan zu Corinthians gewechselte Pato streng genommen nicht bei den Vereinen, sondern bei den Sponsoren unter Vertrag. Denn Brasiliens Klubs sind weiterhin hoch verschuldet. Die beiden Rio-Riesen Flamengo und Fluminense weisen Steuerschulden von jeweils 40 Millionen Euro auf und müssen sich abenteuerlicher Finanztricks bedienen, um weiterbestehen zu können.

Auf keinem weltmeisterlichen Niveau befinden sich auch die Zuschauerzahlen. Nur rund 13.000 Fans kamen in der abgelaufenen Saison im Schnitt zu den Erstligaspielen, was einer Stadionauslastung von nur 42 Prozent entspricht. Absteiger Atletico Goianiense trug mehrere seiner Heimspiele vor weniger als 1.000 Besuchern aus.

Keine Trommeln, keine Steher
Während das Geschäft floriert, geht es der Fankultur in Brasilien zunehmend an den Kragen. Seit den späten 1990er Jahren haben die Behörden organisierten Fans die Daumenschrauben angezogen. Einige dieser Torcidas Organizadas wie die »Gavioes da Fiel« von Corinthians und »Mancha Verde« von Palmeiras wurden nach Ausschreitungen zwischenzeitlich verboten, Überwachungsmaßnahmen werden ausgedehnt und Fanrechte eingeschränkt. So ist die Mitnahme von Fahnen, Transparenten und Musikinstrumenten ins Stadion in vielen Bundesstaaten seit Jahren untersagt. Der Gewalt konnte damit jedoch nicht Einhalt geboten werden, im Vorjahr kamen bei Auseinandersetzungen von Fußballfans mehrere Menschen ums Leben.  

Je näher das Großereignis rückte, desto virulenter wurde ein weiteres Spannungsfeld: die Stadionproblematik. »Die Vorbereitungen auf die WM hatten weitreichende und großteils negative Auswirkungen auf die Fans«, sagt Antonio Holzmeister. Der 37-jährige Anthropologe aus Rio ist seit zehn Jahren Vereinsmitglied bei Botafogo und hat in dieser Zeit kaum ein Heimspiel seines Klubs verpasst. In der Schließung traditioneller Spielstätten wegen Um- oder Neubauten sieht Holzmeister einen Hauptgrund für den Zuschauerrückgang. »Stadien wie das Maracana in Rio, das Minerao in Belo Horizonte, die Arena da Baixada in Curitiba und das Beira Rio in Porto Alegre waren jahrelang geschlossen oder nur eingeschränkt nutzbar. Die Spiele wurden teilweise in kleinere oder entlegene Stadien verlegt«, sagt Holzmeister. »Da ist es kein Wunder, wenn die Zuschauer ausbleiben. Wenn ein Klub eine schlechte Saison spielt und der Heimvorteil wegfällt, treibt das die Abwärtsspirale weiter voran.«

Nach der Fertigstellung der neuen Stadien müssen die Fans weitere Probleme aussitzen. »Auf die Fankultur wird in den WM-Arenen keine Rücksicht genommen. Keines der neuen Projekte verfügt über Fansektoren, die bei Ligaspielen in Stehplätze umgewandelt werden können, wie wir es beispielsweise aus Deutschland von der Südtribüne in Dortmund kennen«, sagt der Botafogo-Fan. Die Vereine und der Fußballverband CBF fühlten sich in ihrer Politik durch einen Vorfall bestätigt, der sich Ende Jänner im neuen Gremio-Stadion von Porto Alegre ereignete. Da dort keine WM-Spiele stattfinden, hatte der Klub den Fans eine Stehplatztribüne zugestanden. Bei einem Copa-Libertadores-Match gab beim traditionellen Torjubel der Gremio-Fans - der sogenannten Lawine - eine Absperrung zum Spielfeld nach. Zahlreiche Fans stürzten in den davor befindlichen Graben, acht Personen wurden verletzt. In der Presse und seitens des brasilianischen Verbands wurden daraufhin Rufe nach einer Abschaffung der verbliebenen Stehplätze laut.

Wütender Romario, fehlender Dialog
Stehplätze hat es über Jahrzehnte auch in Brasiliens Fußballheiligtum, dem Maracana-Stadion in Rio, gegeben. Im neuen Maracana, das nach mehreren Verzögerungen beim Umbau und ständig steigenden Kosten am 2. Juni mit einem Länderspiel gegen England eingeweiht werden soll, werden sie fehlen. Nicht nur bei Fans von Flamengo und Fluminense, die das Stadion nach der WM nutzen werden, hat das für Unmut gesorgt. Auch der frühere Stürmerstar und nunmehrige Parlamentarier Romario machte seinem Ärger über die 340 Millionen Euro teure Komplettumgestaltung Luft und kritisierte den Wegfall der ursprünglichen Unterteilung in Ober- und Unterrang. »Das Maracana verliert seinen Charakter. Es wird völlig anders aussehen«, sagte die Stürmerlegende.

Zuletzt wurde vor allem im Umfeld der Großbaustelle Staub aufgewirbelt. Ähnlich wie in Salvador waren auch auf dem Gelände des Maracana Trainingseinrichtungen von Schwimmern und Leichtathleten untergebracht. Diese sind durch den Umbau genauso akut bedroht wie eine nach Artur Friedenreich, dem ersten schwarzen Star der brasilianischen Nationalmannschaft, benannte Grundschule und das Indio-Kulturinstitut. Anstelle der gemeinnützigen Institutionen sollen Parkplätze entstehen. Noch kämpfen NGOs wie Meu Rio (Mein Rio) um ihren Erhalt. Doch die Erfolgschancen stehen schlecht, auch wenn sich Prominente wie der Musiker und Autor Chico Buarque für das Anliegen einsetzen.

»Die Bevölkerung von Rio hat keinen Einfluss darauf, was mit ihrer Umgebung passiert. Es gibt keine Kultur des öffentlichen Dialogs«, sagt der US-amerikanische Geograf Chris Gaffney, der seit Jahren in Rio lebt und den Blog »Hunting White Elephants« betreibt. »Das Maracana ist dafür nur ein Beispiel. Das Stadion ist in den vergangenen zwölf Jahren dreimal umgebaut worden, ohne dass man die Leute und Vereine, die es nutzen, gefragt hätte, was sie eigentlich wollen.«   

Eine wesentliche Rolle in der fehlenden öffentlichen Diskussionskultur spielen die Massenmedien - und da vor allem das größte südamerikanische Mediennetzwerk O Globo, das viele der wichtigsten Fernseh- und Radiosender sowie Print- und Internetmedien Brasiliens umfasst.

»Die großen Medienhäuser unterstützen die WM- und Olympia-Projekte der Regierung und der Stadtverwaltung kritiklos. O Globo hat zu viel zu verlieren. Es ist ein wichtiger FIFA-Partner und hält die Übertragungsrechte für den brasilianischen Fußball«, sagt Gaffney. Massen für gemeinnützige Anliegen zu mobilisieren sei angesichts dieser Bedingungen schwierig, meint er. »Die Leute sehen zwar, was passiert - dass das Maracana in den vergangenen acht Jahren vier Jahre geschlossen war, dass hunderte Millionen Euro dafür ausgegeben wurden. Aber es herrscht ein Mangel an Informationen über die WM und die Olympischen Spiele. Und Passivität, weil viele denken, dass sie ohnehin nichts ändern können.«

Spektakel mit Konsequenzen
Das Fazit der WM-Kritiker fällt entsprechend ernüchternd aus. Chris Gaffney sieht die WM und Olympia als Katalysatoren für Entwicklungen, die ohnehin schon zu beobachten waren. Nationale und globale Investoren würden versuchen, innerhalb möglichst kurzer Zeit möglichst hohe Gewinne einzustreifen. »Rio verändert sich. Es gibt sehr viele Bauprojekte, Gentrifizierungsprozesse, Militarisierung. Die allgemeine Infrastruktur wird aber nicht verbessert. Die Stadt wird langfristig nicht davon profitieren«, so der Blogger.

In Salvador schießt sich Argemiro Ferreira de Almeida vom lokalen Bürgerkomitee eher auf die Fußballfunktionäre ein: »Die FIFA verlangt von der Regierung und den Brasilianern einen hohen Preis für die Austragung ihres kommerzialisierten Spektakels.« Trotz dieser Probleme sei der überwiegende Teil der Bevölkerung der WM gegenüber positiv eingestellt. »Auch wir sind nicht gegen den Fußball. Ich bin genauso ein Fan, aber ich fürchte, dass die WM unsere sozialen Probleme eher noch verschärfen wird«, sagt Almeida. »Die FIFA wird uns nach dem Spektakel schnell vergessen und sich den nächsten Megaevents zuwenden. Aber wir bleiben mit den Schulden und einer schlechten Infrastruktur zurück.«

Eine Aussage, die sich bei der Rückfahrt von der Stadionbesichtigung bestätigt. Direkt vor der WM-Arena steht das Taxi am Samstagvormittag erneut im Stau. WM und Confederations Cup werden den Fans und der Bevölkerung noch etliche Deja-vus bescheren. Daran können auch ein paar zusätzliche Feiertage nichts ändern.

Referenzen:

Heft: 79
Rubrik: Thema
Thema: Brasilien, WM 2014
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