Glaubensgemeinschaft Corinthians

cache/images/article_2283_dsc03543_140.jpg Luis Paulo Rosenberg ist einer der angesehensten Ökonomen Brasiliens und hat aus Corinthians einen Verein moderner Prägung gemacht. Ein Gespräch über die corinthianische Volksrepublik, verkrustete Verbandsstrukturen und vermeintliche Geschenke von Ex-Präsident Lula.

Robert Florencio | 12.05.2014

ballesterer: Sie sind nicht nur Vizepräsident, sondern auch Fan von Corinthians. Können Sie uns die Faszination des Vereins etwas näherbringen?
Luis Paulo Rosenberg: Diese Leidenschaft lodert seit der Kindheit in meiner Brust. Der Verein ist mit rund 35 Millionen Fans der zweitpopulärste Brasiliens, wir Corinthianos sehen uns ein bisschen auf einer Ebene mit den Katalanen und den Fans des FC Barcelona. Während sie ihre Region als eigenständige Nation betrachten, sehen wir uns als corinthianische Volksrepublik, eine emotional verbundene Glaubensgemeinschaft, die Menschen aus allen Altersgruppen und Gesellschaftsschichten umfasst.

Sie kommen aus dem akademischen Bereich. Wie ist es zu Ihrem Engagement im Klubfußball gekommen?
Der Verein hat sich 2007 nach dem Abstieg in die zweite Liga und der 15 Jahre dauernden Präsidentschaft eines Diktators am Abgrund befunden. Als Andres Sanchez zu seinem Nachfolger gewählt worden ist, hat er mich gebeten, den Bereich Finanzen und Marketing zu übernehmen. Ich hatte in meinem Leben schon fast alles erreicht. Gefehlt hat eigentlich nur ein Copa-Libertadores-Sieg, deshalb habe ich zugesagt. 2012 haben wir das geschafft, danach habe ich das eher repräsentative Amt des Vizepräsidenten übernommen.

Wie lautet Ihre Gesamtbilanz? Der Plan, ab 2020 unter den fünf besten Klubs
weltweit zu stehen, musste ja relativiert werden.

Das war eine Aussage am Höhepunkt unseres Erfolgs vor zwei Jahren. Das gesamtwirtschaftliche Umfeld war noch ein anderes. Europa war in der Krise, bei uns boomte die Wirtschaft. Dieses Szenario hat sich gedreht. In der vergangenen Saison haben alle großen Vereine Abstriche bei den Neuverpflichtungen machen müssen, viele sind hoch verschuldet. Leider stehen die Verantwortlichen modernen Managementmethoden immer noch nicht offen gegenüber. Solange sich das nicht ändert, wird sich nichts verbessern.

Sie hatten auch ein Angebot des nationalen Verbands, den Marketingbereich zu
leiten, das sie abgelehnt haben. Steht der CBF einem Fußball mit modernen
Strukturen im Weg?

Das würde ich nicht so sehen. Der Verband kümmert sich ja hauptsächlich um die Nationalmannschaft, und das sehr erfolgreich. In Klubangelegenheiten mischt er sich wenig ein. Der Meisterschaftsmodus gehört allerdings geändert. Das europäische Modell passt für unseren Markt einfach nicht, wir sollten zum amerikanischen Play-off-System mit Hin- und Rückspielen in der Finalphase übergehen. Das bringt den Vereinen wesentlich mehr Einnahmen. Die wahren Feinde der Klubs sitzen in den Landesverbänden, die die Bundesstaatsmeisterschaften organisieren und Funktionen in einer Art Erbfolge übergeben.

Kommen wir zur WM. Brasilien spielt das Eröffnungsspiel gegen Kroatien in der Arena von Corinthians. Das werden Sie sich wohl nicht entgehen lassen ...

Da täuschen Sie sich. Mein Motto lautet: Wenn Corinthians nicht dabei ist, verliert das Spiel seinen Reiz. Ich habe mir in meinem ganzen Leben noch kein Match der Nationalmannschaft live angesehen, und das wird sich auch bei der WM nicht ändern. Ich freue mich zwar, wenn das Team gewinnt und unsere Spieler eingesetzt werden, die Nationalmannschaft ist bei mir aber in der Abteilung Patriotismus angesiedelt, nicht im Sport.

Nach dem tödlichen Unfall auf der Stadionbaustelle von Sao Paulo sind Meldungen kursiert, die Arbeiter hätten drei Tage durch-gearbeitet und die Arbeiten würden von den eingereichten Bauplänen abweichen. Was sagen Sie dazu?
Das ist alles falsch. Leider passieren Unfälle auf Baustellen - tagtäglich, auf der ganzen Welt. Der Arbeiter im Kran war aber nicht übermüdet, die Vorschriften sind strikt eingehalten worden. Außerdem muss ich ein Missverständnis aufklären: In Wahrheit gibt es zwei Baupläne. Der eine ist das Originalstadion, die Arena Corinthians, wie sie 18 Monate nach der WM aussehen wird. Aktuell geht es aber darum, für die FIFA diverse Zusatzinstallationen zu errichten. Dafür sind Adaptionen der Originalpläne vorgenommen worden. Das Stadionprojekt steht außerhalb jeder Diskussion. Es ist 2011 von der Architektenkammer sogar als landesweit bestes Projekt ausgezeichnet worden.

Viele Fans anderer Vereine sind der Meinung, Ex-Staatspräsident Lula hätte seinem Herzensklub ein Stadion aus Bundesmitteln zugeschanzt. Ist da etwas dran?
Das sind dumme Lügen. Corinthians plant schon seit vielen Jahren eine eigene Arena. Wir haben beschlossen, es in Itaquera zu errichten, weil hier unsere größte Fanbasis liegt. Das Projekt ist schon 2010 von den Vereinsgremien abgesegnet worden, finanziert mit Krediten privater Banken. Erst danach haben uns die FIFA, die Regionalregierung und die Stadtverwaltung gebeten, das Stadion WM-tauglich zu machen und dafür ihre Unterstützung zugesagt. Das machen sie aber auch nicht aus Liebe zum Verein. Studien haben ergeben, dass Sao Paulo ohne WM bis zu 580 Millionen Euro an Steuereinnahmen entgehen würden. Von der Bundesregierung haben wir nur einen Kredit bekommen. Ein Geschenk sieht anders aus!

Wie sehen Sie die gesamtwirtschaftliche Bedeutung der WM für Brasilien?
Sie wird ein Riesenerfolg. Aus unseren hochmodernen Stadien werden fantastische Bilder in die Wohnzimmer von einer Milliarde Menschen übertragen werden. Natürlich sind auch Probleme zu erwarten. Es ist mir auch schon passiert, dass ich am Flughafen zwei Stunden auf ein Taxi warten muss. Für mich ist es eine Frage des nationalen Stolzes, dass Brasilien eine WM ausrichtet, weil der Fußball hier fast die Bedeutung einer Religion hat. Die olympischen Spiele betrachte ich aber als noch wichtiger, weil sie eine neue Sportbegeisterung abseits des Fußballs auslösen können.

Referenzen:

Heft: 92
Rubrik: Interview
Thema: Brasilien, WM 2014
Verein: Corinthians
ballesterer # 120

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