Cup der neuen Hoffnung

Nach der EM-Pause wird der ÖFB-Pokalbewerb wiederbelebt. Veranstalter und Vereine hoffen auf einen Neustart. Ob dieser gelingt, liegt nicht nur am neuen Modus. Denn der Cup ist in Österreich seit jeher von geringer Bedeutung.
Wenn die heimischen Großklubs unterm Jahr durch die Fußballprovinz
ziehen, haben sie meist ein konkretes Ziel. »Man kommt mit wenig Aufwand dorthin, wo man normalerweise erst nach 36 Meisterschaftsrunden steht«, sagt Austria-Vorstand Markus Kraetschmer und meint damit nicht Kuchl, St. Andrä oder Hard. »Dort« war bis zur Jahrtausendwende der Cup der Cupsieger, heute ist es der UEFACup. Wer den ÖFB-Pokal gewinnt, steigt im Konzert der (fast) Großen in der Hauptrunde ein, später als die Kollegen von der Bundesliga- Spitze. Stand man einst Austria 1978, Rapid 1985 und 1996 nach acht Spielen im Europacup-Finale, winkt heute vor allem die lukrative Gruppenphase. Der Pokalsieg davor ist bloß gut fürs Prestige. Schon 1926 qualifizierte sich Österreichs Cupsieger für den Mitropa-Pokal; dann kam die kriegsbedingte Auszeit, später die erste Krise. 1950 scheiterte der »Bundesländer- Cup«, ein mäßig spannendes Schaulaufen der Landesverbände, das regelmäßig in zweistelligen Siegen des Wiener Vertreters endete. Der ÖFB-Cup wurde zwar 1958/59 wieder in gewohnter Form ausgetragen, der damalige Sieger WAC nahm aber noch nicht an einem internationalen Turnier teil. Um die murrenden Vereine zu besänftigen, legte Alfred Frey, ÖFB-Vize und Präsident von Wacker Wien, der UEFA 1958 erste Pläne für einen Pokalsiegerbewerb vor. Vom ÖFB und dem damaligen Mitropacup-Komitee unterstützt, wurde die Idee 1959/60 verwirklicht. Der bunteste aller Europacups war geboren der Cup der Cupsieger, auch genannt »Europapokal der Pokalsieger«.


Eine österreichische Farce

Während des Cups schon klingeln die Kassen unterklassiger Vereine. »David gegen Goliath
« bringt meist Tausende Besucher auf die Gstättn der Landesliga, wenn Bundesliga- Profis für gut besuchte Heimspiele sorgen. »Cupspiele gegen Bundesligisten rechnen sich immer«, sagt Gerhard Herzyk vom Kremser SC. »Der Aufwand ist im Verhältnis zum Zuschauerinteresse relativ klein.« Und manchmal gelingt auch die Sensation, wie 1988, als Krems den Bundesligisten Swarovski Tirol nach Hin- und Rückspiel im Finale bezwang. Der große Reiz am Cup sei aber, sagt Stefan Bachinger von Landesligist UVB Vöcklamarkt, den Fans etwas Besonderes außerhalb der Meisterschaftsroutine bieten zu können. Schließlich lässt es niemanden kalt, wenn die Amateure aus dem Heimatort im Cupspiel über sich hinauswachsen und etablierte Großklubs mit ungeahnter Hingabe bis zum Elferschießen über die Wiese jagen. In der abgelaufenen Saison bestand keine Gelegenheit zu derlei Höchstleistungen. Alle 22 Mannschaften der Bundesliga und Ersten Liga verzichteten auf Empfehlung des Verbands auf die Teilnahme am ÖFB-Pokal 2007/08. Der so reduzierte »ÖFB-Amateur- Cup« war dem Wunsch geschuldet, der Nationalmannschaft die frühest-, also bestmögliche
Vorbereitung auf die Euro im eigenen Lande zu ermöglichen. »Eine Farce, die es nur in Österreich geben kann«, kommentiert Gerhard Herzyk den radikalen Schritt beinahe
wortgleich wie Stefan Bachinger. Selbst beim Gewinner des Bewerbs, dem SV Horn aus Niederösterreich, ist die Begeisterung gedämpft. »Natürlich freut uns das Prestige
des Cupsiegers, schließlich ist das der größte Vereinserfolg der Geschichte«, sagt Pressesprecher Andreas Sachs. Allerdings: »Auf die wenigen Nationalspieler wurde mehr
Rücksicht genommen als auf 60 Vereine und Hunderttausende Zuschauer, denen ein
spannender Cup genommen wurde.«


Vermeisterlichung

Erwartungsgemäß kontert ÖFB-Pressesprecher Peter Klinglmüller solche Kritik. Seiner Ansicht nach war der »Cup light« im Hinblick auf die EM 2008 durchaus sinnvoll, denn »nur durch
den Verzicht war es möglich, der Nationalmannschaft genügend Zeit zur Vorbereitung zu geben, die sich auch in den Leistungen der Nationalspieler zeigte«. Ob vier fehlende Cup-
Partien angesichts des dichten Bundesliga- Kalenders für die Nationalspieler tatsächlich von Bedeutung waren, darf bezweifelt werden. Zum Vergleich: Am 29. April 2006 gewann Bayern München das DFB-Pokalfinale gegen Eintracht Frankfurt. 41 Tage danach brauchte Bayern-Spieler Philipp Lahm läppische sechs Minuten für den ersten von vier deutschen
Treffern beim WM-Auftakt gegen Costa Rica. Wesentlich wichtiger für die EM-Vorbereitung war die Bundesliga, noch vor den Landesverbänden mächtigstes Mitglied des ÖFB. Auch
im Cupbetrieb hat sie mitzureden. Weil die doppelte Hin- und Rückrunde in der Meisterschaft
den Spitzenklubs ohnehin genügend abverlangt, setzte sie durch, dass die zusätzlich belasteten Europacup-Starter in den vergangenen Jahren stets erst im Cup-Viertelfinale einsteigen durften. Auch der Rest der Liga konnte bis ins Frühjahr warten. Der Historiker Wolfgang Weisgram sieht diese »Vermeisterlichung des Fußballs« nicht als österreichisches Phänomen. »Die Großen wollen unter sich bleiben. Der Cupmodus egal ob national oder europaweit hat diesbezüglich immer wieder gehörig was durcheinandergebracht. Im Cup wird die Idee von der prinzipiellen Durchlässigkeit des organisierten Fußballs sehr anschaulich gemacht.« Der Cupsieg in Österreich steht traditionell weit hinter einer gewonnenen Meisterschaft. Einzig das »Double« wertet ihn auf, ermöglicht es dem Meister doch eine makellose Saisonbilanz. Bis aufs Finale sind aber selbst Spiele zwischen Bundesligisten schlecht besucht. Schafft es ein Zweitligist ins Endspiel, wie zuletzt 2001 der FC Kärnten, bringt er zwar frischen Wind, jedoch selten genügend Publikum ins Stadion.


»Wir fahren nach Wien«

»Der Cup war, seit ich denken kann, noch nie populär oder wichtig, sondern allen immer
erschreckend wurscht«, meint Martin Blumenau vom Radiosender FM4. Selbst im ÖFB, so
seine Einschätzung, habe der Bewerb keinen besonders großen Stellenwert. Parallelen zum
beerdigten Wiener Stadthallenturnier drängen sich auf und attestieren Österreichs oberstem Verband einen eher patscherten Umgang mit Traditionen. Die Freistellung der Profiklubs in
der vergangenen Saison steht am Ende einer Reihe halbherziger Maßnahmen, die zur Identitätsfindung des Pokalbewerbs allesamt wenig beitrugen. Der ständige Wechsel des Finalstadions wirkte in der Vergangenheit oft beliebig. Ähnliches gilt für die »Namensspiele«: Über den Memphis-, Snickers- und Magnofit-Cup ist man nun beim Stiegl-Cup angelangt.
Doch kommende Saison soll alles neu werden. »Die Pause war die Chance, den Cup zu reformieren «, sagt Markus Kraetschmer als Vertreter der Cup-Kommission, die den Bewerb wieder attraktiv machen will. »In Deutschland singen die Fans schon bei Saisonbeginn: Wir fahren nach Berlin. Vielleicht singt man in Österreich einmal: Wir fahren nach Wien.« Bis dahin erfreut man sich an kleinen Verbesserungen. Mit dem Wiener Derby zwischen Sportklub und der Vienna bot der »Cup neu« schon in der Qualifikation ein spannendes Duell. Wenn in der ersten Hauptrunde die Bundesligaklubs ausrücken müssen, um sich hungrigen Amateurvereinen zu stellen, kann man sich auf spannende, kuriose und sicher auch zähe Partien einstellen, die dem Geist eines Pokalbewerbs mehr entsprechen als die Turniere der letzten Jahre. 

Referenzen:

Heft: 35
Rubrik: Spielfeld
ballesterer # 121

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