Das ballesterer-ABC

Ultimative Antworten auf existenzielle Fragen, wichtige Eckdaten zur Magazingeschichte und jede Menge Klatsch und Tratsch: Das ABC des ballesterer, Teils eins - von Alliteration bis Naumoski.
Alliteration   Literarisches Stilelement, bei dem die betonten Stammsilben zweier oder mehrerer benachbarter Wörter den gleichen Anfangslaut besitzen. Sehr beliebt bei Überschriften, Bildtexten und Titeln früher ballesterer-­Ausgaben wie »Stronachs Reich: Porträt Protest Profiteure« oder »Klasse Arbeiter: Ideal Idol Identität«. Eher unbeliebt bei Druckereien, weil sich die Abgabe dadurch um Stunden ­verzögerte.

Ballesterer   Dermaßen oft wurden wir nicht nur von deutschen Fußballfreunden nach der Bedeutung unseres Namens gefragt, dass jedes Redaktionsmitglied wie aus der Pistole geschossen antworten kann: »Wiener Ausdruck aus der Zwischenkriegszeit für Fußballer.«­ Etymologischer Vorläufer dürfte der »Palester« sein ein Ballstock, mit dem Sportarten wie Partieball ausgeübt wurden. Dass Anfang des 20. Jahrhunderts mit dem Aufkommen des Fußballs in Wien ein »b« und ein zweites »l« das Wort in der jetzigen Form begründeten, ist für Robert Sedlaczek, Autor des Standardwerks »Das österreichische Deutsch«, ein »Triumph der Volksetymologie über die Schriftsprache«.

Coverschmäh   Als zusätzliches Kaufargument getarnter, selten ernst gemeinter Hinweis auf fiktive Heftinhalte, meist aus der Feder von Chefsatiriker Stefan Kraft. Zu den Highlights zählen »Exklusiv für alle Engländer: Die Top-Reiseziele im Juni« nach verpasster Qualifikation für die EM 2008, »Ohne Jörg-Haider-Nachruf« und »Mit TV-Beilage: Alle Übertragungstermine der Europa League im ORF« (Oktober 2009). Für heftige Leserproteste sorgte die Ankündigungen »Mit Lehmann-Sammelbild« in der WM-Ausgabe 2006 und »Mit Schnauzer zum Aufkleben« in der Polen-Ausgabe, weil die versprochenen Goodies dem ballesterer natürlich nicht beilagen.

Diego Armando Maradona   Dem fußballerischen Phänomen mit Hang zum hinterlistigen Betrug und weißen Pulverschnee wurde in Ausgabe 25 ein Denkmal gesetzt. Die dafür in Angriff genommene Argentinien-Reise führte zwar nicht zum angestrebten Interview mit »El Diez«, eröffnete den beteiligten Redakteuren aber den Reiz des südamerikanischen Fußballs. Ob wir Diego noch einmal ein Special widmen werden, entscheiden wir nach der WM.

 

Effekt, der ballesterer-   Beschreibt den Einfluss, den ein unbedeutendes österreichisches Fußballmagazin auf den Weltfußball haben kann. Millwall schaffte es nach dem ballesterer-Special 2004 ins FA-Cup-Finale und in den Europacup, die Bayern wurden nach der Schwerpunkt-Ausgabe im Mai 2009 nicht Meister und die Superfund-Kurse stürzten nach kritischer Begutachtung des Fußball­engagements des Hedgefonds-Anbieters ins Bodenlose.

Farbe    Wurde anfänglich nur eine, sogenannte Schmuckfarbe für das Cover verwendet, so begann mit Ausgabe 11 die bunte Zeit des Hefts. Auch im Inneren vollständig färbig erschien der ballesterer ab Nr. 17.

Gutmenschen   gibt es beim ballesterer entgegen allen Vorurteilen kaum. Der durchschnittliche Redakteur ist eher an folgenden Merkmalen zu erkennen: Er trägt die gerade auf den englischen oder italienischen Tribünen aktuelle Markenkleidung, besitzt ein Abo seines Lieblingsvereins, seine durchschnittliche Beziehung dauert ca. ein halbes Jahr (mit Ausreißern nach unten und oben), und er zieht durch das Absingen von Liedern wie »Oh Atalanta Eh«, »Forever Blowing Bubbles« oder auch »I am from Austria« die gesamte Aufmerksamkeit des Lokals auf sich.

Heftteile    Der ballesterer gliedert sich in die Kategorien »Vorspiel«, »Thema«, »Spielfeld«, »Fansektor« und dessen Unterabteilung »Groundhopping«. In älteren Ausgaben fand sich zudem der Kunstrasen, der sich der Verbindung von Fußball und Kultur widmete und später im »Spielfeld« aufging. Schon seit der WM 2002 wird jede Nummer von einem Hauptthema bestimmt, auf das in mehreren Artikeln eingegangen wird. Bis zu 20 Seiten und mehr sind für das Thema reserviert.

Interviews   Internationale Stars und weltberühmte Österreicher wir hatten sie alle vor dem Mikro: Dejan Savicevic, Antonin Panenka, Demetrio Albertini, Hugo Sanchez, Herbert Prohaska, Gustl Starek, Andi Herzog. Dass interessante Gespräche aber nicht zwingend vom Starfaktor abhängen bewiesen die Meisl-Enkel Wolfgang und Andreas Hafer, Wienerliga-Papst Julo Formanek und der arabisch-stämmige Israeli Rifaat Tourk. Unvergessen auch das Interview mit Josef Hickersberger vor der EM 2008, als der Teamchef beim Fotoshooting auf dem U-Bahnsteig beim Praterstadion einen Zettel »verlor«, um ein möglichst spektakuläres Foto auf den Gleisen herauszuschinden.

Jüdischer Fußball   Ausgabe Nummer 40 im März 2009, in die vor allem Georg Spitaler und David Forster ihre Fachkenntnis einbrachten. Beide sind vielbeschäftigte Buchautoren und besonders gut vertraut mit der Geschichte des österreichischen Fußballs. David Forster schuf mit der Serie »Fußball unterm Hakenkreuz« eine einmalige Aufarbeitung der Verknüpfung von Fußball und Nationalsozialismus, die noch lange nicht beendet ist.

Klausuren   Zweimal jährlich zieht sich die ballesterer-Belegschaft zurück, um Einkehr zu halten und strategisch zu planen kurz: der angestrebten Weltherrschaft ein Stück näher zu rücken. Beschauliche Orte wie Schattendorf, Gamlitz und die Schwand wurden dabei genauso unsicher gemacht wie die internationalen Metropolen von Kormonz oder Piestany. Wurde auf frühen Klausuren schon einmal über den Durst getrunken und in Diskos der Kontakt zur lokalen Bevölkerung gesucht, hatten die jüngsten Zusammenkünfte eher den Charakter geselliger Weinrunden, bei denen sogar das eine oder andere »Fanta light« bestellt wurde. Der Fußball kommt dabei allerdings selten zu kurz: in Bratislava 2008 drang das lichtscheue ballesterer-Gesindel in der Nacht sogar in das Inter-Stadion ein, um auf dem unbeleuchteten Rasen Freistoßtricks einzutrainieren.

Lachen mit dem ORF   nennt sich die Kolumne, in der Wolfgang Federmair Stilblüten der Kommentatoren vom Küniglberg in humorvoller Weise betrachtet. Sympathisch finden wir es, wenn nach einer verunglückten Formulierung ein gewisses Maß an Selbstironie zu erkennen ist. Unnötig ist, wenn Moderatoren wie Rainer Pariasek selbst ständig lachen.

Millwall    Im Jahre 2003 wagte sich die One-Man-Army Hans Georg Egerer in den berühmt-berüchtigten Südosten Londons, um den chronisch erfolglosen Millwall FC per Lokalaugenschein unter die Lupe zu nehmen. Das Himmelfahrtskommando zu den vermeintlich brutalen Supportern entpuppte sich als mythisches Abenteuer, in dem der Zauber des Bösen wie ein Damoklesschwert über dem Kopf des Abgesandten hing. Weil er beim Schlachtruf »No one likes us, we dont care« im New Den Textsicherheit an den Tag legte, konnte er die Höhle des Löwen wieder unbeschadet verlassen. Und die Ausgabe Nr. 10 ging in Druck.

Naumoski, Ilco »Geben und nehmen« lautet das Lebensmotto des streitbaren Mattersburg-Stürmers. Dem ballesterer hat er für die 42. Ausgabe ein legendäres Interview gegeben. Unvergessliche Momente seiner Karriere wie das erste Auflaufen im Ali-Sami-­Yen-Stadion (»Du kommst raus aus dem Tunnel, und alle schreien wie Indianer. Auf einmal bist du im Paradies. Dieses Stadion ist ein Wahnsinn. Gänsehaut, natürlich.«) fanden sich darin ebenso wieder wie die Auszucker, die ihn zu einer der markigsten Figuren in der Bundesliga gemacht haben. »Trag es selber, oder deine Mutter soll es tragen, du Volltrottel«, sagte er beim GAK zu Toni Ehmann, nachdem dieser ihn herablassend aufgefordert hatte, das Tor zu schleppen. Andere Aussagen und Geschichten fanden nicht den Weg ins Heft. Denn die angenehme Offenheit, mit der uns Ilco begegnete, sollte sich nicht zu seinem Nachteil auswirken und außerdem hatte er ja auch noch gesagt: »Wenn du mich einmal respektierst, bin ich zehnmal besser zu dir. Aber wenn du mich einmal verarschst, bin ich hundertmal schlechter zu dir.«

 

ballesterer-ABC, Teil zwei: Von Olympique de Marseille bis Zug der Schande

Referenzen:

Heft: 50
Rubrik: Thema
ballesterer # 121

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 18.05.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png