Das fünfte Element

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Fußball und seine Fans, Hip-Hop und seine Interpreten - sie wohnten einst auf weit entfernten Planeten. Heute jedoch haben sie zueinander gefunden. Pioniere aus Österreich berichten über die Beziehung von Fußballfans undHip-Hop-Szene in den letzten 30 Jahren.

Stefan Anwander, Stefan Kraft | 12.10.2014

"Hip-Hop ist im deutschsprachigen Raum die umsatzstärkste Musikrichtung. Und Fußball ist der beliebteste Sport", sagt der Rapper Monobrother. Der Wiener gilt als eines der größten Rap-Talente Österreichs. Einer größeren Öffentlichkeit wurde Monobrother bekannt, als er im März 2014 die Nominierung für den Amadeus-Award ablehnte und das österreichische Musikgeschäft kritisierte. In Fußballkreisen gelang ihm der Durchbruch schon früher: mit "Ilco #24", seiner, wie er sie nennt, Ode an die "Kretzn" Ilco Naumoski, und "Verteilerkreisflavour", einem Lied von Fans für Fans der Wiener Austria, das er im Duett mit dem Rapper Kreiml aufnahm.

Die beiden Songs sind Teil einer mittlerweile unüberschaubaren Menge an Beiträgen auf YouTube, die rappend und scratchend den Fußball, Vereine, Spieler und Fans feiern. Eine Playlist mit deutschsprachigen Rapnummern umfasst hunderte, mehr oder weniger professionelle Videos von "Ich lieb' mein Verein" bis "Südkurve München", von "Wenn unsere Fackel brennt" bis "Grün-weiße Krieger".

Getrennte Welten ...
Ende der 1980er Jahre war eine solche Nähe noch nicht abzusehen. In den wenigen Clubs, in denen Hip-Hop gespielt wurde, sammelte sich nur eine Handvoll Auserwählter, die Platten scratchten und Selbstgereimtes performten. Sie taten das streng nach US-amerikanischem Vorbild, weder verbunden mit dem Fußball als althergebrachter Freizeitkultur noch mit der aufkeimenden Jugendbewegung der Ultras in den Stadien.

Bis Mitte der 1990er Jahre waren Sport oder gar Fußball in der Wiener Szene kein Thema, sagt DSL. Der in Wien-Erdberg aufgewachsene DJ, voller Name Stefan Biedermann, voller Künstlername DJ Super Leiwand, wird heute als Hip-Hop-Legende gehandelt. Als Host-DJ der ersten und wichtigsten österreichischen Hip-Hop-Radiosendung "Tribe Vibes", die bis heute jeden Donnerstag auf fm4 läuft, prägte er ab Anfang der 1990er eine ganze Generation. Daneben bespielte er regelmäßig die "Basic"-Partys im Wiener Lokal Bach, die erste überregional bekannte Hip-Hop-Partyreihe der Stadt. DSL widerspricht dem Einwurf, Fußball und Hip-Hop hätten damals eben auch unterschiedliche soziale Schichten angesprochen. Neben den Mittelschichtskids, die mit Hip-Hop in Verbindung gebracht wurden, fanden sich auch rauere, proletarische Jugendliche ein: "Es waren nicht nur die Braven im Bach, sondern auch arge Typen." Gemeinsam mit anderen Pionieren war DSL auch am Album "Austrian Flavors" beteiligt, der ersten Rundschau von österreichischem Rap auf Vinyl. Die Texte auf der 1992 erschienenen Platte sind alle auf Englisch, deutschsprachige Rhymes galten als absolutes Tabu.

Am anderen Ende der Stadt hielten zu dieser Zeit Transparente und Megafone Einzug in den Stadien. Die Fans hörten damals laut Ritchy von den Droogieboyz alles - nur nicht Hip-Hop. "Die dominanteste Musik in den Kurven waren die Böhsen Onkelz, die wurden am Fußballplatz rauf- und runtergespielt", sagt er. "Auswärts im Bus war es aber meist doch die Schlagerkassette." Ritchy und sein Partner Guilty haben mit Titeln wie "Grüne-weiße Krieger" den musikalischen Geschmack der Rapid-Fans nachhaltig beeinflusst. Sie stehen heute wie wenige andere im deutschsprachigen Raum für harten Kurvenrap und für Hip-Hop als Kultur der Straße. Für Kreiml - Fan des Stadtrivalen Austria - verkörperten sie das Verschmelzen von Fantum und Straßenrap in bis dahin einzigartiger Weise: "Mit den Droogieboyz hat man dann vermehrt Rap einer Kurve zugeordnet. Davor habe ich das nicht beobachtet."

... nehmen Kontakt auf
Die Grundlagen der Beziehung zwischen Fußballfans und Hip-Hop wurden mit dem Aufstieg und der Etablierung von Deutsch-Rap ab Mitte der 1990er Jahre gelegt. "Seitdem auf Deutsch gerappt worden ist, haben sich viel mehr Leute aus allen Bevölkerungsschichten angesprochen gefühlt", sagt DSL. "Weil der Fußballplatz der Ort ist, wo alle Teile der Gesellschaft repräsentiert sind, ist es logisch, dass sich Hip-Hop auch im Fußball manifestiert." Mit dem Fußball und seinen Fans näherte sich der Hip-Hop auch der eigenen Lebenswelt. Viele der jüngeren Rapper, die Verbindungen zum Fußball suchen, wie Monobrother, Kreiml und die Droogieboyz, droppen ihre Texte im Dialekt.

Dabei galt Dialektrap in den Anfängen des Hip-Hop als verpönt. Während die Kurve Dialekt sprach, bevorzugten die meisten Rapper bis weit in die 1990er Jahre Hochdeutsch mit starkem Einschlag aus dem Nachbarland. Nachdem sich die Szene ab Mitte der 1990er vom amerikanischen Vorbild entfernte, wurde ab Mitte der 2000er Jahre auch dieses Element im Rap aus Österreich schwächer.

Ballbuben
Die Verknüpfung ihrer musikalischen Ambitionen mit dem Fußball war oft ein Brückenschlag zur eigenen Biografie. Bei den meisten Gesprächspartnern stand der Fußballplatz noch lange vor den ersten zaghaften Auftritten am Mikrofon oder hinter den Plattenspielern. Die Entscheidung fiel früh: "Bist du ein Kind, das in den Park kicken geht oder nicht?", drückt es Guilty aus. Dabei gab es für manche jedoch frühe Rückschläge, wie Monobrothers Erfahrung von einem Probetraining bei der Austria zeigt: "Man hätte schon mit Trainingsanzug und Fußballschuhen antanzen sollen, und ich bin mit einer Bermuda-Short und Turnpatscherl aufgetaucht. Der Trainer hat mir dann gesagt, dass ich mich über die Häuser hauen soll."

Der Innsbrucker DJ DBH hingegen hat sogar Vereinsfußball für einen österreichischen Bundesligisten gespielt, wenn auch nur in der Jugendmannschaft. "Im Verein hat damals keiner Hip-Hop gehört", sagt er. "Es war ganz klassisch: Die, die Hip-Hop gehört haben, haben Basketball gespielt." Mittlerweile habe sich das verändert: "Ich bin mir sicher, dass in den Kabinen von Jugendmannschaften heute überall Hip-Hop läuft." Gemeinsam mit MC Manuva bildete DBH in den 1990er Jahren eines der erfolgreichsten österreichischen Rapprojekte: Total Chaos. Obwohl sie auf dem Sampler "Austrian Flavors" noch mit einer englischsprachigen Nummer vertreten waren, gehörten die Tiroler zu den Ersten, die sich der Muttersprache bedienen sollten. Während sie in der Musik ein Traumpaar bildeten, waren DBH und Manuva, wenn es um Sport ging, umso gegensätzlicher ausgerichtet. Manuva verschrieb sich dem Basketball und den Chicago Bulls, DBH dem Fußball und Wacker Innsbruck. Der mit dem fußballaffinen bürgerlichen Namen Holger Hörtnagl ausgestattete DJ spielte nicht nur bis zu seinem 13. Lebensjahr für seinen Klub, sondern war auch Balljunge: "Das ist nur gegangen, wenn man beim Verein gespielt hat. Ich war also vier bis fünf Saisonen bei jedem Heimspiel. Nicht im Publikum, sondern am Feld. Das habe ich echt geliebt." Einmal habe er sogar dem großen Hansi Müller den Ball für einen direkt verwandelten Corner im Europacup vorgelegt, sagt DBH.

Neben Total Chaos gilt das Linzer Kollektiv Texta als eine der wichtigsten österreichischen Hip-Hop-Combos. Deren Rapper Huckey, mit bürgerlichem Namen Harald Renner, spielte im Nachwuchs für einen Linzer Kleinstverein: "Ich war bei den Mini-Knaben von ASKÖ Ebelsberg, im Linzer Süden", sagt er. "Dort hat es einen starken VÖEST-Anhang gegeben. Wir Mini-Knaben sind dann mit dem Mannschaftsbus zu den Spielen gefahren worden." Die Liebe zur VÖEST und ihrem Nachfolgeverein Blau-Weiß Linz ist für ihn deshalb bis heute eine natürlich gewachsene Sache. "Mit sieben Jahren wirst du als Kicker eines Schlumpfvereins zu den Spielen geführt - dort hast du dann ein Erlebnis, das dich prägt."

Unterschiedliche Fanwelten
Im Verein spielte DSL zwar nicht, aber er besuchte schon in jungen Jahren die Spiele der Wiener Austria: "Ich war mit dem Papa Ende der 1970er Jahre bei den Europacupspielen gegen Dynamo Moskau und Dynamo Dresden. Da war das Happel noch nicht das Happel und es hat auch noch kein Dach gehabt. Bei dem Moskau-Spiel ist der Hubert Baumgartner zum Elfmeterkiller geworden." Ein echter Fußball- oder gar Austria-Fan war er da aber nach Eigendefinition noch lange nicht, und eigentlich blieb das bis in die Mitte der 1990er Jahre so. Die Berührungspunkte zwischen Fußball und Hip-Hop waren bei DSL bis dahin auf die sonntäglichen Matineen am Wiener-Sportclub-Platz beschränkt, die er mit anderen DJs nach langen Nächten aufsuchte. Bis es zur Verlagerung seines Lebensmittelpunktes in den Norden Deutschlands kam: "Seit ich in Hamburg bin, habe ich 80 Prozent der Menschen über Fußball kennengelernt."

Der erste echte Fußballfan aus der österreichischen Hip-Hop-Szene sei für ihn Huckey gewesen, sagt DSL. "Echt" deshalb, weil die Anhänger in zwei Lager zu trennen seien: "Der Graben verläuft zwischen dem Fußballpublikum, das nur WM, EM und Champions League schaut, und jenen, die auch im Tagesgeschäft sind. Die einen sind Fußballinteressierte, die anderen Fans." Huckey meint dazu: "Als Fan weiß man das ja: Man kommt zu den Spielen, und es ist oasch. Wir sind nicht der FC Bayern, aber es macht Spaß. Trotz aller Trauerarbeit, die wir leisten müssen." Diese unterschiedlichen Arten des Fantums findet Monobrother auch innerhalb der Hip-Hop-Szene: "Manche Leute gehen zwar auf ein Hip-Hop-Open, waren aber noch nie bei einem Jam im B 72, wo es ums Eingemachte geht."

Das Spektrum der Hip-Hop- und Fanwelten bietet jedoch noch andere Variationen, mit denen sich die Künstler auf unterschiedliche Weise identifizieren. So ist Ritchy besonders den erlebnisorientierten Rapid-Fans verhaftet, während DSL Gewalt am liebsten so weit wie möglich aus dem Weg geht. Gerade in Jugendjahren war das nicht immer möglich: "Ich war früher oft im Schlepptau meines Bruders auf Partys, wo die Mods, Skins, Italos und Scooter-Boys waren. Da hat es auch schon Jugendgruppen gegeben, die sich regelmäßig auf die Pappn gehaut haben. Bei den Hip-Hop-Sachen habe ich dann weniger krasse Wickel erlebt."

Aber nicht jeder rappende Fußballfan ist Ultra oder Hool. Monobrother beschreibt die Gruppe, mit der er gemeinsam mit Kreiml zu den Spielen der Wiener Austria geht, so: "Zum Hooligan-Dasein fehlt uns die Gewaltbereitschaft, zum Ultra-Dasein die Organisation. Das hindert uns aber nicht daran, uns 90 Minuten die Stimmbänder aus dem Leib zu schreien."

Lesen Sie den gesamten Artikel in der aktuellen Ausgabe des ballesterer (Nr. 96 Oktober 2014). Ab 14. Oktober österreichweit in den Trafiken sowie im deutschen und Schweizer Bahnhofsbuchhandel!

Referenzen:

ballesterer # 113

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 18.08.2016.

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