Das Geschäft mit den Kindern

TRANSFERS Eine neue Generation von Jungkickern wird als Nachfolger von Pelé oder Maradona gefeiert. Europas Spitzenvereine blasen zur weltweiten Jagd auf die Teenager.
Freddy Adu war noch ein Kind, als er sich 1999 zum ersten Mal ins internationale Rampenlicht spielte. Bei einem U14-Turnier in Italien bewies der damals Zehnjährige derartiges Geschick im Umgang mit dem Ball, dass seiner Mutter in Folge ein Angebot über 750.000 US-Dollar ins Haus flatterte. Der Absender: Inter Mailand.
Die europäischen Großklubs hatten ihre Fühler nach dem jungen Amerikaner ausgestreckt, doch den Sprung über den Atlantik wagte der gebürtige Ghanaer Adu vorerst noch nicht. Stattdessen durchlief er das US-Nachwuchsprogramm und unterzeichnete 2003 einen Vertrag mit der Major League Soccer (MLS). Wegen der Nähe zu seinem Wohnort im Bundesstaat Maryland wurde er schließlich D.C. United aus Washington zugeteilt. Im Frühjahr 2004 erfolgte sein viel beachtetes Debüt in der MLS als jüngster Spieler im US-Profisport seit 1887. Wenig später trug er sich als jüngster Torschütze aller Zeiten in die Geschichtsbücher der Liga ein, zu diesem Zeitpunkt längst als millionenschwerer Werbeträger des Sportartikelkonzerns Nike.

 

Das Wunderkind

 

Über längere Zeit hinweg galt Adu als »Soccers Wonderkid« und bester Nachwuchsspieler der Welt. Im Glanz des Interesses europäischer Spitzenvereine sollte der Teenager zum neuen Star des amerikanischen Fußballs aufgebaut werden. Bereits mit 16 spielte er im US-Nationalteam. Als er im Jänner 2006 gegen Kanada eingewechselt wurde, brach er abermals einen Altersrekord; sein erstes Spiel sollte aber bislang sein einziges im A-Team bleiben. Hauptmotiv für die eilige Rekrutierung war in den Augen vieler zu verhindern, dass der Teenager noch vor der Weltmeisterschaft für Gruppengegner Ghana auflaufen würde.
Im Herbst 2006 wechselte Adu innerhalb der MLS zu Real Salt Lake nach Utah. Sein Vertrag läuft bis 2009. Ob ihn Europa vorher zu Gesicht bekommt, scheint ungewiss. Die festgeschriebene Ablösesumme von 97,7 Millionen Euro dürfte selbst dem FC Chelsea, der neben Manchester United zu den Hauptinteressenten zählt, eine Spur zu hoch für einen U21-Teamspieler sein. Spätestens als 20-Jähriger wird das dann ablösefreie »Wunderkind« aber wohl in eine stärkere Liga übersiedeln.
Doch Freddy Adu ist nicht das einzige gepriesene Talent. Der Amerikaner steht exemplarisch für eine neue Generation von immer jüngeren Nachwuchskickern, um deren Verpflichtung in den letzten Jahren ein regelrechtes Tauziehen unter den großen Vereinen Europas entbrannt ist. Immer öfter gehen den weltweit agierenden Großklubs vermeintliche Supertalente ins Netz, die noch ohne Ligaspiel in den Beinen medial zu Zukunftshoffnungen erklärt werden.

 

Adus Erben

 

Einer von Adus Nachfolgern ist Nikon Jevtic, schon als 13-Jähriger ein wahrer Weltenbummler. Als Kleinkind kam er aus dem damaligen Jugoslawien nach England, wo er im Nachwuchs von West Ham kickte. Als seine Familie nach Österreich zog, spielte er kurze Zeit bei Austria Wien, ehe er 2005 vom FC Valencia verpflichtet wurde. Immer mit dabei: sein älterer Bruder Nestor, der mit Nikon 2007 weiter zu Schalke 04 wechselte und dort als Techniktrainer tätig ist. Schon jetzt gibt es Prognosen, Jevtic werde mit 16 Jahren in der österreichischen Nationalmannschaft auflaufen. Doch Nikon hat andere Sorgen, dem internationalen Erfolg scheint vieles untergeordnet zu sein: Der Teenager besucht keine reguläre Schule, sondern wird privat von seiner Schwester unterrichtet. Neben Jevtic werden Erik Lamela und Cristian Ioan Ponde häufig als Fußball-Wunderkinder bezeichnet. Für den 13-jährigen Argentinier  Lamela interessierten sich der FC Arsenal und der AC Milan, das Rennen machte schließlich der FC Barcelona. Ponde, rumänisches Nachwuchstalent von Sporting Lissabon, steht unter anderem im Visier des FC Chelsea.
Ein Grund für das Gerangel um den besten Fußball-Nachwuchs liegt in einer 2008 in Kraft tretenden UEFA-Regelung, wonach mindestens acht Spieler des Profikaders länger als drei Jahre im Verein gewesen sein müssen. Gleichzeitig entfällt die Ausbildungsentschädigung, wenn ein Jugendlicher vor seinem zwölften Geburtstag verpflichtet wird. Im aggressiven Transferpoker bleiben die Interessen der Kinder nicht immer gewahrt. Vor allem in Lateinamerika und Afrika machen sich selbst ernannte Spielervermittler die Hoffnung vieler Eltern zunutze, den talentierten Sprössling zum vermögenden Fußballprofi heranwachsen zu sehen. Nicht selten endet der Weg aber unbemerkt in der sportlichen wie sozialen Sackgasse.

 

Graubereiche und Taschenspielertricks

 

Doch auch wo die FIFA genauer hinsieht, gibt es rechtliche Graubereiche, die die  Klubs für sich zu nutzen wissen. Grundsätzlich verbietet der Weltfußballverband internationale Transfers minderjähriger Spieler. Eine Reihe von Ausnahmeregelungen macht es den Vereinen aber möglich, sie legal zu verpflichten und erzeugt vor allem in Europa rege Fußballmigration. So sind grenz- und kontinentübergreifende Wechsel von Jugendspielern möglich, wenn die Eltern aus Gründen, die nichts mit dem Fußballsport zu tun haben, den Wohnort verlegen. Wechsel innerhalb der EU und assoziierter Staaten wie Norwegen oder Island sind ohne Auflagen gestattet, sofern der Spieler das Mindestalter für reguläre Beschäftigung, also 16 Jahre, erreicht hat. Eine dritte Ausnahme betrifft Jugendliche aus grenznahen Gebieten, die im Umkreis von 50 Kilometern auch ins benachbarte Ausland wechseln dürfen.
Vereine im Europäischen Wirtschaftsraum sind zudem an einen Ehrenkodex gebunden, der das sportliche Training und die schulische Bildung von Minderjährigen gewährleisten soll. Bei Nichterfüllung dürfen die Nationalverbände disziplinarische Sanktionen bis hin zum Wettbewerbsausschluss ergreifen. In der Realität ist es für die Klubs aber ein Leichtes, der Familie eines talentierten Nachwuchsspielers Jobs oder sogar wie im Fall Lamelas   Ausbildungsplätze anzubieten.
Oft sind derartige Taschenspielertricks aber nicht einmal nötig. Lionel Messi, inzwischen mehrfacher Nationalspieler Argentiniens, kam mit seiner Familie nach Spanien, weil sich die Newells Old Boys, wo der 13-Jährige spielte, die Behandlung eines Hormonproblems nicht leisten konnten. Für die Argentinier sprang der FC Barcelona in die Bresche und gliederte Messi in seine berühmte Nachwuchsschmiede »Masía« ein, der Größen wie Guardiola oder Puyol entsprangen. Dort setzt man seit langem auf Internationalität. Die 300 Jungkicker kommen aus 16 Nationen. Derzeit sticht vor allem Bojan Krki hervor. Der Spanier mit serbischen Wurzeln war einer der besten Spieler bei der U17-EM im vergangenen Frühjahr. Gemeinsam mit dem Mexikaner Giovanni Dos Santos steht der nächste prognostizierte Superstar bereits zum Sprung in Barças A-Kader bereit.

Referenzen:

Heft: 28
Rubrik: Thema
ballesterer # 121

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