Das Gesicht Roms

cache/images/article_2264_core_140.jpg Francesco Totti steht für die AS Roma. Seit 21 Jahren lenkt er ihr Spiel und bricht Torrekorde. Er pfeift auf den freien Markt und lebt die römische Gelassenheit. Wenn er seine Karriere beendet, wird das die Stadt in eine Sinnkrise stürzen.

Die Meisterschaft ist entschieden. Der Rückstand auf Juventus beträgt nach 27 Runden bei einem Spiel weniger 14 Punkte, mittlerweile wackelt für die Roma aber auch der zweite Platz, die drittplatzierte SSC Napoli rückt näher. Zuletzt spürte die Mannschaft die Abwesenheit von Francesco Totti. Schon zum zweiten Mal in dieser Saison musste der Kapitän eine Verletzungspause einlegen. Am 17. März feiert er gegen Udinese sein Comeback. Auf dem Weg zum Stadio Olimpico in Rom geht eine Viertelstunde vor Anpfiff ein Raunen durch die Menge, die Fans zücken ihre Smartphones und tuscheln nervös. Napoli hat das Auswärtsspiel gegen Torino mit einem umstrittenen Tor in letzter Minute doch noch gewonnen und ist jetzt punktegleich. Nicht einmal eine Dreiviertelstunde später hat Francesco Totti den Fans alle Sorgen genommen. In der 21. Minute erzielt er mit einem flachen Schuss knapp innerhalb des Strafraums das 1:0, sieben Minuten später spielt er einen hohen Pass über das halbe Spielfeld auf seinen Sturmkollegen Gervinho, der Mattia Destro das 2:0 auflegt. Die Curva Sud feiert. Nachdem er das Feld beim Spielstand von 3:1 verlassen hat, wird die Begegnung noch einmal eng, Udinese schießt den Anschlusstreffer, drängt aber vergeblich auf den Ausgleich. Bei Tottis Auswechslung erhebt sich das ganze Stadion, die Fans klatschen und singen: "C'e solo un capitano" - es gibt nur einen Kapitän. Tatsächlich legt Totti seine Kapitänsschleife nie ab. Er spielt mit einer personalisierten Binde, die seinen Namen und die seiner Kinder trägt. Ersatzkapitäne müssen mit einer gewöhnlichen Schleife auskommen.

Trophäe Totti
Totti spielt seine 21. Saison für die AS Roma, seit 16 Jahren ist er ihr Kapitän, keiner traf in der italienischen Nachkriegsgeschichte öfter. Dabei ist Totti gar kein gelernter Stürmer, sondern ein klassischer Spielmacher. Die Geschichte des gebürtigen Römers, der nie ein anderes Trikot als das seines Herzensklubs getragen hat, klingt wie eines der Märchen, die im modernen Fußball immer seltener werden. "Seit Totti ist die Verwendung des Vornamens Francesco bei Neugeborenen in Rom massiv gestiegen", sagt Luca Valdiserri, Sportredakteur der Tageszeitung Il Corriere della Sera. "Es wird sogar gewitzelt, dass auch der Papst den Namen gewählt hat, um sich in der Stadt beliebt zu machen."


"Totti kann einfach alles", sagt Tonino Cagnucci. "Wenn man eine Schwäche suchen müsste, ist es vielleicht am ehesten das Kopfballspiel, aber auch mit dem Kopf hat er schon einige Tore gemacht." Cagnucci ist Redakteur von Il Romanista, einer Tageszeitung, die sich ausschließlich mit der AS Roma beschäftigt. Nach dem Spiel gegen Udinese wird sie Totti eine gesamte Ausgabe widmen. Rom sei die einzige Stadt Italiens, in der eine solche Zeitung genügend Leser finde, sagt Cagnucci. "Der Verein hat zwar wenig gewonnen, dafür ist die Leidenschaft für ihn umso größer. Und wir haben Totti, er wiegt mehr als irgendeine Trophäe."

Ein Sohn des Volkes
Wenige Bushaltestellen vom Kolosseum entfernt drängen sich außerhalb der antiken Stadtmauern im Stadtteil San Giovanni keine Touristen mehr. Historische Gebäude würden sie hier vergeblich suchen, ein Häuserblock aus den 1960er Jahren reiht sich an den anderen. Die Römer sagen "popolare" zu einer solchen Gegend. Die wörtliche Übersetzung "volkstümlich" passt aber nur bedingt für ein Wohnviertel der römischen Mittelschicht. Hier betreibt Giulio Lucarelli in der Via Vetulonia das "Core de Roma", ein der AS Roma gewidmetes Restaurant. "Es schien mir naheliegend, das Lokal in der Straße zu eröffnen, in der Francesco Totti aufgewachsen ist", sagt er. Links auf Hausnummer 18 lebte die Familie im ersten Stock, hier hat Totti seine Kindheit und Jugend verbracht. Gleich gegenüber der Volksschule Alessandro Manzoni und dem Fußballplatz der Fortitudo, des Klubs bei dem er seine Fußballerkarriere begann.


"Ich bin ein Sohn des Volkes", sagte Francesco Totti über sich selbst einmal. Das Volk ist hier in den Innenbezirken Roms mehrheitlich der AS Roma zugetan. Doch innerhalb der Familie war die heute so enge Verbindung zwischen dem Verein und Francesco Totti nicht selbstverständlich. "Mama Fiorella ist Lazio-Anhängerin gewesen, so wie ich", erzählt Anna Maria Petricone in ihrer Trafik in San Giovanni. Früher war sie Lehrerin, Totti ihr Schüler. Als der Name Totti immer öfter in den Notizbüchern der Spielerbeobachter auftauchte, war auch Lazio an ihm interessiert. Totti selbst und sein Vater waren aber überzeugte Roma-Anhänger, die Mama Fiorella den Wechsel ausreden konnten. So kam der talentierte Bub 1989 im Alter von zwölf Jahren zur Roma, vier Jahre später debütierte er beim Auswärtsspiel in Brescia in der Serie A.

Sinnloses Versteckspiel
Ein steiler Aufstieg für den jungen Totti. Bei seiner ersten Kasernierung konnte er die ganze Nacht nicht schlafen, weil er das Zimmer mit seinem Idol Giuseppe Giannini teilte. "Er war ein sehr schüchterner Bub, wenn er mit Erwachsenen oder in der Klasse sprechen musste - fast so, als sei er gar nicht anwesend", erinnert sich seine Lehrerin. "Wenn er Fußball gespielt hat, hat sich sein Verhalten komplett verändert, da war er plötzlich ganz extrovertiert. Ich habe ihm immer gesagt: ,Francesco, rede mit deinen Füßen, das gelingt dir besser."


In Carlo Mazzone, der im Sommer 1993 das Traineramt übernahm, fand Totti seinen ersten wichtigen Mentor. "Ich habe gar nicht gewusst, wie er heißt, aber bei einem Trainingsspiel mit der Jugendmannschaft ist mir dieser Bub aufgefallen: Er war schnell, hatte eine gute Übersicht, eine großartige Technik, Talent beim Dribbling und einen starken Schuss", schreibt Mazzone in seiner Autobiografie. "Ich habe meinem Co-Trainer gesagt, er soll ihn sofort in die Kampfmannschaft einberufen, aber gleich drei andere Junge mitnehmen, um die Journalisten zu blenden." Totti ließ sich allerdings nicht lange verstecken, mit 18 war er Stammspieler und erzielte seine ersten Tore.


Doch mit dem Abgang Mazzones 1996 schlitterte auch Totti in eine kleine Krise. Der neue Trainer Carlos Bianchi setzte nicht auf das Talent und überlegte gar, Totti zu verleihen. Nach nicht einmal einem Jahr war die Ära des Argentiniers wieder beendet, die Roma konnte den Klassenerhalt erst drei Tage vor Saisonende fixieren. Es folgten Zdenek Zeman und der Durchbruch Tottis. Den ersten Vertrauensbeweis erhielt er schon im Sommer: das Trikot mit der Nummer zehn. Zuletzt hatte es Giuseppe Giannini, ebenfalls ein gebürtiger Römer, getragen, der den Verein im Jahr zuvor nach 15 Saisonen Richtung Graz verlassen hatte. "Sein Trikot hängt in meinem Zimmer", sagte Totti danach der Presse. "Endlich kann ich die Nummer zehn im Olimpico tragen, anders als früher, als ich damit in die Kurve gegangen bin." Dank der harten Vorbereitung Zemans kam Totti auch körperlich besser in Form, im 4-3-3-System des Trainers blühte er als Linksaußen auf. Ein Jahr später, am 31. Oktober 1998, wurde Totti mit knapp 22 Jahren Kapitän.


Er Capitano

Der Offensivfußball unter Zeman war zwar spektakulär, die großen Erfolge blieben aber aus, und Vereinspräsident Franco Sensi holte Trainer Fabio Capello, dem der Ruf des Gewinners vorauseilte. Um die Jahrtausendwende setzte die Serie A auf die scheinbar unendlich sprudelnden Gelder des neu erschlossenen Pay-TV-Markts, die Römer Vereine gehörten zu den fleißigsten Investoren auf dem Transfermarkt. Die Roma verpflichtete den Stürmer Vincenzo Montella, ein Jahr später folgten der brasilianische Sechser Emerson und aus Florenz der argentinische Stürmer Gabriel Batistuta. Das Offensivtrio Totti-Batitistuta-Montella schoss den Verein 2001 zum Meistertitel, dem dritten in der Klubgeschichte.

 

„Er Capitano“, wie Totti im römischen Dialekt genannt wird, wurde endgültig zum Helden der Anhänger. Eine Million Fans feierte den Titel auf dem antiken Circus Maximus im Stadt-zentrum, das Konterfei des Kapitäns schmückte bald so manche Römer Hauswand, über Wochen versank die Stadt im Jubel. „Als Totti damals einmal in ein Innenstadtlokal essen gegangen ist, sind innerhalb kürzester Zeit 4.000 Menschen vor dem Restaurant gestanden, die ein Autogramm haben wollten“, sagt Luca Valdiserri vom Corriere della Sera. „Er hat durch den Hintereingang flüchten müssen. Das ist einfach so. Er ist ein Symbol der Stadt und kann sich deshalb nicht frei bewegen. Wenn er das tun könnte, wäre er nicht ihr Symbol.“ Dass ein Sohn Roms den Meistertitel geholt hatte, war für die Fans eine Genugtuung. Dass damals ausgerechnet Lazio entthront wurde, wertete den Titel zusätzlich auf. „Ich kann mir vorstellen, dass ihm diese Leidenschaft manchmal auch zu viel wird“, sagt Riccardo Bertolin von der Fanvereinigung „My Roma“. „Wer Totti begegnet, zeigt ihm eine Nähe, als wäre er ein enger Verwandter. Als ich ihn einmal getroffen habe, habe ich mich zurückgehalten und nur danke gesagt. Ich verspüre ihm gegenüber wirklich große Dankbarkeit – und natürlich liebe ich ihn wie einen Bruder.“

 

Der ungehobelte Römer

Zum Nationalhelden wurde Totti aber trotz oder gerade wegen seiner Erfolge nicht. „Totti verkörpert die Roma und ein gewisses Bild des Römers“, sagt Tonino Cagnucci. „Wenn du in einer Stadt mit einer 2.700 Jahre alten Geschichte geboren wirst, hast du schon das eine oder andere Imperium entstehen und wieder verschwinden sehen. Es gibt kaum etwas, das dich noch überraschen kann.“ Diese Aura des Hauptstädters samt Tottis Bravour auf dem Spielfeld vermischen sich mit seinen wenig tiefgehenden Antworten bei Interviews in römischem Dialekt. Das alles zusammen brachte ihm in anderen Teilen Italiens den Ruf des minderbemittelten Ignoranten ein. Jede impulsive Aktion am Spielfeld, jedes unnatürliche Hinfallen im Zweikampf und jede Kritik am Schiedsrichter verstärkten dieses Bild. Der Tiefpunkt war im Vorrundenspiel der EM in Portugal erreicht, als Totti dem Dänen Christian Poulsen nach mehrfacher Provokation ins Gesicht spuckte. Den Gegenpart bildete der um nur zwei Jahre ältere Alessandro Del Piero, Tottis jahrelanger Konkurrent um die Spielmacherposition im Nationalteam: auf der einen Seite der kultivierte Star aus dem Norden, auf der anderen der ungehobelte Römer.

 

Ein Mann aus dem Showgeschäft sollte schließlich Tottis Image korrigieren: Maurizio Costanzo. Der Roma-Fan galt jahrzehntelang als einer der mächtigsten Fernsehmacher des Landes, seine „Maurizo Costanzo Show“ als die einflussreichste TV--Sendung. Er schlug Totti die Veröffentlichung eines Witzebuchs vor, das sich selbstironisch der vermeintlichen Ignoranz des Roma-Kapitäns widmen sollte. Totti stimmte zu, die Sammlung der Totti-Witze wurde 2003 zum Beststeller. „Das Buch zeigt die Intelligenz Tottis, das war für alle Kritiker entwaffnend“, sagt Cagnucci. „Damit ist die öffentliche Meinung gekippt, es war einfach sympathisch, wie da einer über sich lachen kann.“ Tottis Zurückhaltung und Tolpatschigkeit bei öffentlichen Auftritten wurden ihm nicht mehr als Dummheit und Arroganz ausgelegt, sondern passten ins Bild des schüchternen und selbstironischen Hauptstädters. Wenn es darauf ankam, zeigte Totti zudem, dass er in der Öffentlichkeit die richtige Geste wählen konnte: Als der Lazio-Fan Gabriele Sandri 2007 von einem Polizisten erschossen wurde, nahm er an dessen Begräbnis teil. Beim nächsten Derby legte er einen Kranz vor der Lazio-Kurve nieder.

 

Papertotti

Mit der Veröffentlichung des Witzebuchs bewies Totti neben Selbstironie auch Selbst-losigkeit. Er spendete die Einnahmen dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen und der Altenhilfe der Stadt Rom. „Totti bekommt täglich wahrscheinlich fünfzig Anrufe von wohltätigen Organisationen“, sagt Valdiserri. „Alle wollen mit seinem Gesicht werben.“ Der Roma-Kapitän beschränkt sich auf einzelne Botschaften, und konzentriert sich auf Kinder. Er ist UNICEF-Botschafter und ermöglicht in seiner Fußballschule die Integration von Kindern mit Behinderung in den Spielbetrieb. Tritt er mit Kindern auf, scheint Tottis Schüchternheit wie weggeblasen. Da ist es nur passend, dass ihm die italienische Ausgabe der Kinderzeitschrift Mickey Mouse eine Figur widmete: Papertotti, der daumenlutschende Fußballstar Entenhausens.

 

Neben Maurizio Costanzo werkte ein zweiter einflussreicher Mann am Image Tottis: Walter Veltroni. Demonstrativ suchte der langjährige sozialdemokratische Bürgermeister Roms die Nähe zu ihm. Veltroni organisierte Charity-Events, schrieb ein Vorwort für Tottis Witzebuch und propagierte das neue römische Selbstbewusstsein, das der Spieler verkörperte. Als Totti vor der Bürgermeisterwahl 2008 sagte, dass er den linksdemokratischen Kandidaten Francesco Rutelli wählen würde, rief das Premierminister Silvio Berlusconi auf den Plan, der sich öffentlich beschwerte.

 

Roma – ewiger Verein

„Natürlich hat auch die Kulturindustrie Totti entdeckt, aber er ist trotzdem keine Kunstfigur geworden“, sagt Journalist Luca Valdiserri. „Er zeigt Woche für Woche auf dem Spielfeld, wer er ist: ein wahnsinnig guter Fußballer.“ Zur Ikone ist Totti dennoch durch eine emotionale Entscheidung geworden: Trotz verlockender Angebote hat er die Roma nie verlassen, obwohl er sportliche Erfolge anderswo wahrscheinlich öfter hätte feiern können. „Real Madrid wollte ihn 2004 unbedingt, Milan auch, die hätten ihm das Doppelte gezahlt“, sagt Romanista-Redakteur Cagnucci. „Doch Totti hat sich aus dem Markt genommen.“ Zumindest eine Zeit lang ließ Totti die Spekulationen über einen Wechsel nach Madrid zu, nur um anschließend seinen Vertrag bei der Roma mit aufgebessertem Salär zu verlängern.

 

Die Roma-Fans danken ihm seine Treue mit ihrer Verehrung, die Anhänger des zweiten Vereins der Stadt, Lazio, mit ebenso herzlicher Abneigung. „Totti ist sicher ein guter Spieler, aber kein Weltklassespieler“, sagt Nicola Mastrangelo, Mitarbeiter des Blogs Laziopolis. „Er hat sich nie getraut, eine neue Herausforderung anzunehmen.

 

Vielleicht aus Angst vor dem Scheitern, vielleicht weil er sich an kein Umfeld gewöhnen kann, wo er nicht der unumschränkte Star ist.“ Schließlich habe er sich auch im National-team nie richtig durchsetzen können. Tatsächlich lief es abgesehen von einem U21-EM-Titel und einer großartigen Europameisterschaft in Belgien und den Niederlanden nicht immer rund. „Im Nationalteam hätte er sicher mehr leisten können“, sagt Valdiserri. „Das liegt aber auch an seiner Vereinszugehörigkeit. Hätte er bei Juventus oder Milan gespielt, hätte jeder Teamchef die Mannschaft nur auf ihn ausgerichtet.“

 

Zum letzten Mal lief Totti im WM-Finale 2006 für Italien auf. Keine vier Monate vor Anpfiff des Turniers hatte er sich das Wadenbein gebrochen und mehrere Bänderrisse im Sprunggelenk zugezogen, Teamchef Marcello Lippi nahm ihn trotzdem nach Deutschland mit. Mit einer Metallplatte im Bein kam der immer noch nicht ganz fitte Totti in jedem Spiel zum Einsatz und hatte mit drei Assists und einem Tor erheblichen Anteil am WM-Titel. „Er war nicht der designierte Elfmeterschütze, aber niemand wollte die Verantwortung auf sich nehmen“, sagt Fanaktivist Bertolin über den Elfmeter in letzter Minute im Achtelfinalspiel gegen Australien. „Totti hat gewusst, dass die Medien ihn vernichten würden, wenn er verschießt. Er hat getroffen.“ Nach der WM gönnte er sich eine einjährige Pause vom Nationalteam, im Sommer 2007 gab der damals 30-Jährige dann bekannt, die Doppelbelastung körperlich nicht mehr bewältigen zu können und seine volle Konzentration der Roma zu widmen.

 

Das Reich Totti

Die Entscheidung wurde nur teilweise positiv aufgenommen und lieferte Munition für neue Kritik: Totti denke nur an die Roma und merke zudem nicht einmal, dass er seinem Klub auch im Weg stehe. In Zeitungskommentaren und Fernsehtalkshows wurde ihm vorgeworfen, verhindert zu haben, dass die Roma eine richtige Sturmspitze vor ihm spielen lasse. Seit dem Abgang Batistutas 2003 fehle dem Verein ein ausgezeichneter Stürmer. Capellos Nachfolger Luciano Spalletti setzte Totti schließlich als Sturmspitze ein, der dankte es ihm mit den Cupsiegen 2007 und 2008. 2007 gewann Totti zudem den Goldenen Schuh als Europas bester Torschütze. Das Spiel der Roma ist seit über zehn Jahren auf ihren Kapitän zugeschnitten, fällt er aus, leidet die Leistung der Mannschaft. „Die Kritik trifft einen wunden Punkt, aber wenn du Totti hast, musst du ihn spielen lassen“, sagt Valdiserri. „Könnte die Roma Lionel Messi kaufen, wäre auch Totti zufrieden. Aber was soll der Verein mit Spielern wie Fernando Llorente anfangen?“

 

In seiner Zeit im Verein hat Totti viele Trainer kommen und gehen sehen, allein in den letzten fünf Jahren waren es Luciano Spalletti, Claudio Ranieri, Luis Enrique, erneut Zdenek Zeman und schließlich seit dieser Saison Rudi Garcia. Sie statteten ihm ihre Antrittsbesuche ab – in seinem Büro auf dem Trainingsgelände Trigoria, wo er mit Vito Scala auch seit Jahren einen persönlichen Betreuer hat. Totti ist die Roma geworden. Eine öffentliche Institution ist mittlerweile auch seine Beziehung zur Fernsehmoderatorin Ilary Blasi. Zusammen ziehen sie nahezu alle Register professioneller medialer Präsenz. Die Hochzeit wurde 2005 live im Fernsehen übertragen. Gemeinsam stehen Totti und Blasi für Werbung vor der Kamera, in den Spots des Mobilfunkanbieters Vodafone verkörpern sie gar die italienische Familie schlechthin. Mit viel Selbstironie verlieh das Ehepaar Totti-Blasi ihre Synchronstimmen auch einem Paar in der Fernsehserie „Die Simpsons“, das sich in Paartherapie begibt.

 

Die große und die kleine Schönheit

Fünf Tage nach dem Sieg gegen Udinese tritt die Roma bei Chievo in Verona an. Zu sehen ist das Spiel auch im Cinema America. Das Kino im Römer Stadtteil Trastevere wurde vor eineinhalb Jahren von Studenten besetzt, nachdem es die 14 Jahre davor leer gestanden war. Jetzt will das Studentenkollektiv ein Programmkino daraus machen, derzeit ist es aber wegen Umbauarbeiten geschlossen – außer bei den Roma-Spielen. „Trastevere ist ein Viertel von Roma-Fans, da ist es doch nur normal, dass wir die Roma zeigen“, sagt die Studentin an der improvisierten Kinokasse in der Halbzeit. Mehr als 500 Jugendliche zahlen die zwei Euro Eintritt, um den Stream auf der Leinwand zu sehen. Es herrscht Stadionatmosphäre: Immer wieder werden Gesänge angestimmt, Fans trinken Bier und ziehen an ihren Joints. In Verona kann Totti zwar nicht so entscheidende Akzente setzen wie im Spiel gegen Udinese, im gefüllten Kinosaal begleiten die Fans trotzdem jede seiner Ballberührungen mit Applaus. Nach einer spektakulären Passstafette stimmen sie ein Lied auf ihren Kapitän an. Die Roma gewinnt 2:0, nach Tottis Auswechslung passiert auf dem Feld nichts mehr und auch im Kino wird es deutlich ruhiger.

 

Nicht nur auf der kleinen Leinwand in Trastevere ist Totti zum Symbol Roms geworden, auch in der Hochkultur ist er inzwischen verewigt. Als Paolo Sorrentino dieses Jahr mit seinem Film über Rom, „La grande bellezza“, den Oscar für den besten fremdsprachigen Film gewann, war der Name des Roma-Kapitäns in der Einstiegssequenz zu sehen: Auf einer Parkbank des Hügels Gianicolo liest eine Passantin in einer Sportzeitung die Schlagzeile „Alarm um Totti“. Rom lässt sich ohne Totti nicht mehr vollständig porträtieren. Und die Stadt ist tatsächlich seit Jahren in Sorge um den Roma-Kapitän, denn sein Rücktritt rückt näher.

 

„Ich kann mir die Mannschaft ohne Totti nicht vorstellen“, sagt der 20-jährige Kellner Matteo im Restaurant „Core de Roma“. „Seit ich auf der Welt bin, spielt die Roma mit Totti.“ Was für den jungen Kellner gilt, gilt für eine ganze Generation von Roma-Anhängern. 2013 feierten sie mit Totti sein 20-jähriges Dienstjubiläum für ihren Klub in der Serie A. „Er wird spielen, solange er das auf einem hohen Niveau kann“, sagt Luca Valdiserri. Ob dazu auch eine Rückkehr ins Nationalteam gehören könnte, wird in den italienischen Medien derzeit heiß diskutiert. Mitte März gab Totti bekannt, dass er für die Weltmeisterschaft in Brasilien zur Verfügung stünde, Teamchef Cesare Prandelli zögert mit einer Einberufung noch. „Mir wäre lieber, er würde nicht zur WM fahren“, sagt Fan Riccardo Bertolin. „Dort gibt es ohnehin nichts zu gewinnen. Er soll sich lieber einen schönen Sommer machen und dann ausgeruht in die nächste Saison gehen.“

 

Das Trikot aller

Dass ein fitter Totti für die Roma enorm wichtig ist, zeigt die aktuelle Saison. Seit seiner Rückkehr in die Mannschaft hat die Roma sechs Siege in Folge gefeiert. Der Rückstand auf Juventus beträgt bei einem Spiel mehr nur noch fünf Punkte, in den Spielen mit ihrem Kapitän hat die Roma sogar einen besseren Punkteschnitt als Juventus. Die kleine Chance auf den Titel lebt, und viele Chancen auf einen Meistertitel wird Totti nicht mehr bekommen.

 

Doch es gibt zwei Impulse, die seine Karriere noch verlängern könnten. Die Roma hat Ende März Pläne für ein neues Stadion präsentiert, Totti sagte, dass er bei der Eröffnung 2016 noch darin spielen will. Und dann gibt es noch den Torrekord von Silvio Piola. Totti fehlen zu Redaktionsschluss 40 Tore auf den Mittelstürmer aus dem Norden, der zwischen 1929 und 1954 274 Tore erzielt hat. Um ihn zu übertreffen, müsste Totti vermutlich noch vier Jahre spielen. Daran glaubt Luca Valdiserri vom Corriere della Sera nicht: „Er wird es nicht schaffen, das würden sie im Norden nie erlauben. Selbst wenn er auf die Anzahl kommt, graben sie doch noch irgendwelche Statistiken aus, die belegen, dass Piola 20 Tore mehr geschossen hat.“

 

Formal endet Tottis jetziger Vertrag 2016 – doch den kann er kann Belieben verlängern oder auch verkürzen. „Der Verein kann ihn nicht wegjagen, wie das Juventus mit Del Piero gemacht hat, dann käme es sofort zum Volksaufstand“, sagt Romanista-Redakteur Cagnucci. Der Kapitän ist den Fans heilig, sie haben ihn spielen sehen. Sie haben gesehen, wie er Mitspielern den Ball aus 30 Metern präzise auf den Fuß servierte, einen Pass mit der Ferse perfekt weiterleitete. Wie er sich mit Leichtigkeit durch die härtesten Abwehrreihen der Welt dribbelte und den Torabschluss suchte. Totti hat Rom gezeigt, dass man Fußball wie kein anderer spielen und trotzdem auf dem Boden bleiben kann. Auch deswegen wünscht sich Journalist Valdiserri, dass Tottis Rückennummer nach dessen Rücktritt weiter vergeben wird. „Sein Trikot gehört allen. Die Kinder der nächsten Generationen müssen davon träumen können, einmal mit dem Zehner von Totti auflaufen zu können.“ Der Rücktritt Tottis – wann immer er kommt – wird auch die sonst so unerschütterlichen Römer aus dem Konzept bringen. „Es gibt die Volksweisheit: ‚Wenn ein Papst stirbt, wählt man einen neuen‘“, sagt Luca Valdiserri. „Aber einen neuen Totti kann man nicht erschaffen.“

Referenzen:

Heft: 91
Rubrik: Thema
Verein: AS Roma
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