Das Leben, wie es spielt

cache/images/article_1336_45loach_140.jpg Der eine benutzte den Fußball, um seine Botschaften anzubringen. Der andere drehte Filme. Bei »Looking for Eric« haben der außergewöhnliche Regisseur Ken Loach und der außergewöhnliche Fußballer Eric Cantona endlich zueinandergefunden.
Der Bath City FC ist ein kleiner Verein. Gegründet 1889, hat er die gesamte Zeit seiner Existenz abseits des Profifußballs verbracht. 120 Jahre spielt der Klub schon außerhalb der Ligen, die das große Geld bringen. Einer der Sponsoren des Bath City FC ist Ken Loach, der Regisseur. Jener Ken Loach, zu dem der vormalige Name des Vereins, Bath Railway, so viel besser passen würde. Jener Ken Loach, der 1964 anfing, Filme zu machen, zwei Jahre bevor Eric Cantona geboren wurde, der Hauptdarsteller seines letzten Werks »Looking for Eric«.

Bauern und Celtic-Fans
Man sollte den Vergleich nicht strapazieren, nicht vom »Regisseur« Loach erzählen, der an immer wieder neue (Amateur-)Schauspieler die Rollen wie Bälle verteilt. Die Gemeinsamkeit zwischen ihm und dem Bath City FC scheint am ewig knappen Budget und einer Verweigerung, die viel älter ist als Loach und sein Verein zusammen, ausreichend dargestellt: der Verweigerung, zum Establishment zu gehören.

Doch nicht ganz. Wo sich der Regisseur und der Fußball der Blue Square South Division treffen, das ist bei der Auswahl ihrer Protagonisten. Und wo der semiprofessionelle Fußball aus der Not eine Tugend macht, da zeigen sich das ganze Talent und die Faszination des Loachschen Werks. In einem Interview zu seinem Film »Mein Name ist Joe« (1998), in dem er Drogensüchtige und Arbeitslose Drogensüchtige und Arbeitslose spielen ließ, erklärte er dies einmal so: »Was einen so begeistert, ist die Fülle an Energie, Talent und Einbildungskraft dieser Menschen, die völlig vergeudet wird. Sie haben keine Chance auf einen Job. Aber als ich mit ihnen sprach, habe ich gemerkt, dass sie voller Ideen und Temperament stecken. So ist mir die Tragödie ihres Lebens zu Bewusstsein gekommen, als ich sie für meinen Film auswählte.«

Das Leben, wie es spielt, soll dem Zuseher in jedem seiner Filme bewusst werden, selbst in den kürzesten: Drei Celtic-Fans sitzen in der Bahn nach Rom (»Tickets«, 2005), sie bekämpfen den Schweiß unter ihren Polyester- Shirts mit Deo auf der Zugstoilette, sie schreiben italienischen Mädels ihre Telefonnummer auf den Gipsarm, verlieren ihr Ticket, schieben die Schuld auf den albanischen Buben im Waggon. Die Situation sprengt das Drehbuch, Loach lässt die Fußballfans so oft »For fucks sake« sagen, bis man selbst neben ihnen sitzt. Oder an einem Tisch in einem kleinen Dorf Kataloniens (»Land and Freedom«, 1995), gemeinsam mit ansässigen Bauern und den ausländischen Freiwilligen im spanischen Bürgerkrieg, sie debattieren über die Vergabe des Landes nach der Revolution, bis man aufstehen möchte und mitschreien. Loach engagierte für die beste Szene in seinem vielleicht besten Film keine Schauspieler sondern Bauern aus dem Dorf, in dem er drehte.

Man braucht Inhalt
Diese Technik hat ebenso wie Eric Cantonas Fußballspiel wenig mit Improvisation zu tun. Es geht um einen sozialen Realismus, der nicht so sehr bedauert und abbildet, wie sprechen lässt und Meinungen zur Geltung bringt, die den Zuseher in die Debatte bringen. Und nicht zufällig traf Ken Loach auf Eric Cantona, dessen Großvater aus Barcelona gegen die Franco-Faschisten kämpfte und vor ihnen nach Marseille flüchten musste. Nicht zufällig, weil »King Eric« etwas zu erzählen hatte, das ihn von anderen Fußballern trennt und eine wahre Geschichte für den Film gleich mitbrachte. Von einem Fan, der ihn so verehrte, dass er ihm von Leeds nach Manchester folgte.

Verfasst hat das Drehbuch schließlich der Celtic-Fan Paul Laverty, einer der Schauspieler von »Land and Freedom«. Der Film ist untypisch für Loach, weil er lustig ist, und er ist typisch für Loach, nicht nur wegen der Darstellung des »working class Britain« in seiner rasanten Talfahrt, auch weil der Regisseur trotz der schier alles überragenden Gestalt des berühmten Fußballers dessen Rolle immer ins Verhältnis setzt zu dem Mann im Abseits.

Der Brüsseler Programmzeitschrift Agenda sagte Loach dann folgerichtig: »Eric Cantona ist zu uns mit der Idee gekommen, einen Film über seine besondere Beziehung zu den Fans von Manchester United zu machen. Wir haben das Projekt von allen Seiten betrachtet. Attraktive Persönlichkeiten allein sind ja nicht ausreichend. Man braucht auch Inhalt.« Und so packte der britische Filmemacher Sozialmisere, persönliches Versagen und kollektives Aufbäumen in die zwei Stunden eines Fußballfilms.

Jedoch: Was sein neuestes Werk von vorangegangenen abhebt, ist eben die Person Eric Cantona. Gespielt von Eric Cantona. Nach einer Idee von Eric Cantona. Die Verehrung, die Eric von seinem gleichnamigen Fan im Film erfährt, gibt er ihm in Form von Ratschlägen zur Bewältigung einer vielschichtigen Lebenskrise zurück. Cantonas Rolle auf der Leinwand ist die, die er schon während seiner Fußballerkarriere bei Manchester United gegeben hat: die des philosophischen Franzosen, den ein Postler aus Manchester nicht immer versteht, aber umso mehr bewundert. Für seine Geradlinigkeit und seine genialen Einfälle, auf dem Feld wie abseits. Selbst Plattitüden werden im Munde Cantonas zu Mahnungen, die ihre Wirkung auch nach dem Verlassen des Kinos nicht verlieren: »Wer Angst vor dem Würfeln hat, wird nie einen Sechser werfen.«

Eine Schlüsselbotschaft von Eric C. an Eric, den Postler, lautet: »Wenn die Gegner schneller sind als du, versuch nicht, sie zu überlaufen. Wenn sie größer sind, versuch nicht, sie zu überspringen. Wenn sie links stärker sind, geh über rechts. Aber nicht immer! Denk daran: Um sie zu überraschen, musst du dich selbst überraschen.« Cantona ist selbst schuld, wenn man bei seinen Metaphern unweigerlich an den inzwischen wohl bekanntesten Satz des französischen Literaturnobelpreisträgers Albert Camus denken muss: »Alles, was ich mit der größten Gewissheit über Moral und Pflicht weiß, verdanke ich dem Fußball.«

»I am not a man. I am Cantona«
Der Fußballer fühlt sich als der weise Held offensichtlich wohl. Zum Glück erlaubt ihm Ken Loach, seine Rolle ironisch auf die Spitze zu treiben. »I am not a man«, tönt es bedeutungsvoll von der Leinwand, »I am Cantona!« Weil er, der Cantona, bei aller Lebensweisheit auch seine eigenen Makel kennt: »Das fehlerhafte Genie und der fehlerhafte Briefträger«, so beschreibt Eric sich und seinen neuen Freund, und diese Übereinstimmung verführt sie dazu, gemeinsam zu joggen, zu tanzen und Briefe auszutragen.

Und wurde jemals die Solidarität der Arbeiterklasse spruchreifer ausgedrückt als in diesem Film? Eric C.: »Du musst immer auf deine Mitspieler vertrauen.« Ach ja. Bei aller Aussage vergisst Loach aber nicht auf das Spezielle des Fußballs, das sich nicht so leicht übertragen lässt in Botschaften und philosophische Weisheiten: »Wann war ich zum letzten Mal glücklich?«, wundert sich die Hauptfigur eines Tages in seinem Schlafzimmer. Die Antwort findet er am Poster an der Wand.

Referenzen:

Heft: 45
Rubrik: Thema
ballesterer # 120

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 13.04.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png