Das neue Königreich Neapels

cache/images/article_1941_p1010413_140.jpg Viele haben in der Geschichte Neapels ihr Glück woanders gesucht und die Stadt verlassen. Wer bleibt, lebt täglich mit Widersprüchen zwischen Arm und Reich, Tradition und Folklore, Camorra und Familie. Zusammenhalt bringt der Fußball: Napoli ist das Herz der Stadt. Vor 21 Jahren hat Diego Maradona den Verein verlassen, heute plant der Klub die Rückkehr an die Weltspitze.
Jakob Rosenberg | 14.09.2012

Arisa wird auf dem Rasen des Stadio Olimpico von der Curva Nord mit gellenden Pfiffen begrüßt. Die Sängerin soll an diesem 20. Mai 2012 die Fans mit der italienischen Hymne auf das Finale der Coppa Italia zwischen Napoli und Juventus einstimmen, doch den Napoli-Fans ist nicht nach nationaler Einheit. Es ist eine Rache für die Pfiffe, mit denen das römische Publikum den neapolitanischen Volkshelden Diego Maradona beim WM-Finale 1990 empfing, und für die Vereinigung Italiens 1861 unter dem piemontesischen Königshaus der Savoyer aus Turin, die den Süden innerhalb weniger Jahre zur unterentwickelten Region machte. Eine Rache für die Sparpolitik der Regierung Mario Montis, unter der die Bevölkerung des Südens besonders leidet. »Die Pfiffe bei der Hymne machen mich sprachlos, das ist eine unzivilisierte Geste, die nicht zu tolerieren ist«, sagt Senatspräsident Renato Schifani in der Pause. Auch die Zeitungen verurteilen am Tag nach dem Spiel die Pfiffe der Neapolitaner. »Ich habe auch gepfiffen«, sagt ein Fan auf der Rückreise im Zug. »Nicht, weil ich mich nicht als Italiener fühle, sondern weil ich von diesem Staat nichts erwarten kann.«


In Neapel liegt die Arbeitslosenrate knapp über 31 Prozent fast dreimal so hoch wie im Rest Italiens. Bei Jugendlichen zwischen 15 und 30 sind die Zahlen noch schlimmer, mehr als zwei Drittel haben keine Arbeit. Die Stadt hat eine lange Geschichte der Migration. Anfang des 20. Jahrhunderts wanderten Hunderttausende nach Amerika aus, im ökonomischen Wunder der späten 1950er und frühen 1960er Jahre zogen zehntausende Neapolitaner als Hilfsarbeiter nach Norditalien. Ob bei Fiat in Turin oder bei Pirelli in Mailand, in den Werkshallen des Nordens wurde neapolitanisch gesprochen. Auch heute noch verlassen viele Neapolitaner ihre Heimatstadt, um im Norden des Landes, im vereinten Europa oder in Amerika ihr Glück zu suchen. Nach einer Schätzung der Stiftung »Migrantes« gibt es derzeit über 100.000 Auslandsneapolitaner. Wer in der Stadt bleibt, leidet unter niedrigen Einkommen, schlechter Infrastruktur, wie sie durch die Müllskandale der letzten Jahre immer wieder publik geworden ist, und der Camorra, der alles kontrollierenden organisierten Kriminalität. Für Zusammenhalt sorgt der lokale Fußballverein.

Zuschauermagnet der Serie C
Zu Spielende pfeifen die Napoli-Fans im Stadio Olimpico nicht mehr, sie singen »Oje vita, oje vita mia«, den Refrain des populären Volkslieds »O surdato nnammurato«, zünden Bengalen und feiern. Napoli hat das intensive Spiel 2:0 gewonnen. Der Uruguayer Edinson Cavani hat die Mannschaft zu Beginn der zweiten Spielhälfte mit einem Elfmeter in Führung gebracht, der slowakische Mittelfeldspieler Marek Hamsik den Sieg kurz vor Schluss mit einem Kontertor fixiert. Für besondere Genugtuung unter den Fans sorgt, dass der Ex-Napoli-Spieler Fabio Quagliarella nach einer Tätlichkeit vom Platz geflogen ist. Es ist Napolis erster Titelgewinn seit 22 Jahren. Damals schossen sie als amtierender Meister Pokalsieger Juventus im Supercup mit 5:1 aus dem Stadion. Im Fernsehen sieht man, wie hunderttausende Daheimgebliebene auf die Straßen strömen. Sie feiern und warten auf die Ankunft der siegreichen Mannschaft aus Rom, die gegen vier in der Früh im offenen Doppeldeckerbus eine Runde durch die Innenstadt dreht. In Roma Termini, dem größten Bahnhof des Landes, sind am nächsten Morgen um zehn die größten Sportzeitungen des Landes, Corriere dello Sport und Gazzetta dello Sport, ausverkauft. Nur das Juve-Blatt Tuttosport ist noch erhältlich. Napoli hat sich wieder als eine Größe im italienischen Fußball etabliert, getragen von der Begeisterung seiner Fans und seiner intelligenten Vereinsführung. Die Stadt am Rande Italiens ist wieder ins Zentrum gerückt.


Acht Jahre zuvor hätte in Neapel wohl niemand gedacht, dass Napoli in absehbarer Zeit wieder einen Titel holen würde. Im Sommer 2004 ist die Altstadt zuplakatiert. Aktivisten von Arbeitslosenorganisationen rufen auf handgemalten Transparenten zur nächsten Demonstration für das Recht auf Arbeit auf, dazwischen hängen vereinzelt Plakate der postfaschistischen Alleanza Nazionale: »Napoli verdient die Serie B.« Vor dem Zivilgericht protestieren Fans, der Bahnhof wird von rund 200 Anhängern blockiert, doch das Urteil des Konkursrichters ändert das nicht: Der Verein, den Diego Maradona zweimal zum Meister und zum UEFA-Cup-Sieger gemacht hat, ist pleite. Der Serie-B-Klub wird in den Konkurs geschickt. Dank der Regelung der Petrucci-Verordnung in den Verbandsstatuten darf ein Nachfolgeverein in einer niedrigeren Spielklasse neu anfangen. Sofern sich ein Eigentümer findet, bedeutet das für Napoli die Serie C, die dritte Liga. Seit der Vereinsgründung 1926 ist der Klub nicht so tief gesunken.


Im Streit um die Übernahme setzt sich schließlich Aurelio De Laurentiis durch, der damit eine neue Welt betritt. Er kommt aus einer der wichtigsten Kinofamilien Italiens und versteht wenig von Fußball. Sein Onkel Dino produzierte Filme wie Federico Fellinis »La Strada« und erlangte damit Weltruhm. Auch Aurelios Firma Filmauro bringt mit Eigenproduktionen und als wichtigster Vertreiber ausländischer Blockbuster in Italien gutes Geld ein. »Es gibt keine Zeit zu verlieren, wir müssen eine große Mannschaft und einen großen Verein formen«, sagt De Laurentiis nach der Übernahme. »In fünf Jahren soll Napoli wieder in Europa spielen.« Derweil geht es einmal gegen Vereine wie Formano, Martina und Cittadella und zum Lokalderby nach Benevento und Avellino.


Die erste Saison unter De Laurentiis verläuft trotz des mit Abstand teuersten Kaders der Serie C nicht nach Wunsch. Im Jänner 2005 löst Edoardo Reja den glücklosen Giampiero Ventura als Trainer ab. Die Zuschauer strömen trotz der schwachen Vorstellungen in das San-Paolo-Stadion. Napoli hat mit einem Zuschauerschnitt von rund 37.000 den fünfthöchsten Schnitt aller italienischen Klubs hinter den Serie-A-Größen Milan, Inter, Roma und Lazio. Napoli wird am Ende Dritter und schafft es ins Play-off um den Aufstieg in die Serie B. Beim Play-off-Finale gegen den Lokalrivalen Avellino sprechen die offiziellen Zählungen von einem mit 63.153 Zuschauern ausverkauften Stadion, tatsächlich dürften es einige mehr gewesen sein. Im Stadion ist kein Platz frei, auch der sonst so unbeliebte untere Rang ist zum Bersten voll. Das ganze Stadion steht, die Fans singen, immer wieder explodieren Böller, doch das Spiel endet 0:0. Im Rückspiel setzt es eine 1:2-Niederlage, Napoli bleibt drittklassig. Der Boden der Serie C ist hart, das Projekt von De Laurentiis gerät zu Beginn ins Stocken. Erste Kritiker sprechen von einem Scheitern.

Zurück in Europa
Trotz des verpassten Aufstiegs setzt Napoli auf Konstanz. De Laurentiis hält an Sportdirektor Pierpaolo Marino fest. Dieser hatte bereits in den 1980er Jahren die erfolgreiche Mannschaft um Maradona aufgebaut. Auch Edoardo Reja bleibt. Der Trainer sorgt mit einem defensiv angelegten 3-5-2-System für unspektakuläre, aber brauchbare Resultate. Napoli marschiert durch, die Mannschaft gewinnt die Serie-C-Saison 2005/06 mit 13 Punkten Vorsprung. Für die Serie B wird der Kader nur punktuell verstärkt. Paolo Cannavaro, Neapolitaner und kleiner Bruder des Neo-Weltmeisters Fabio, verlässt die Serie A für seinen Heimatklub. »Ich bin überglücklich, für meine Heimatstadt zu spielen. Das gibt mir eine besondere Motivation, das ist ein unbeschreibliches Gefühl«, sagt er bei seiner Präsentation. Napoli steigt als Zweiter hinter Juventus sofort in die Serie A auf, und Marino landet die wichtigsten Transfercoups für die kommenden Jahre: Der 20-jährige Slowake Marek Hamsik, der 22-jährige Ezequiel »el Pocho« Lavezzi und der 23-jährige Uruguayer Walter Gargano kommen zu Napoli. Sie werden zu den tragenden Säulen der Erfolge der kommenden Jahre und repräsentieren die Kaderpolitik des Vereins, der auf junge, günstige Spieler setzt.


Napoli qualifiziert sich im ersten Serie-A-Jahr als Achter über den UI-Cup für den UEFA-Cup. De Laurentiis Versprechen hat sich ein Jahr früher als angekündigt erfüllt, doch in der Saison 2008/09 kommt der Aufstieg ins Stocken, der Verein bricht nach der Winterpause ein. Reja muss gehen, er wird vom ehemaligen Teamchef Roberto Donadoni ersetzt. Napoli beendet die Spielzeit nur als Zwölfter. Im Sommer holt der Verein den Neapolitaner Fabio Quagliarella von Udinese, er kostet kolportierte 18 Millionen Euro. Es ist der erste teure Transfer in der Ära von De Laurentiis, den sofortigen Erfolg bringt er jedoch nicht. Sportdirektor Marino muss den Verein Ende September verlassen, der Rauswurf von Donadoni folgt eine Woche später. Ebenso wie seine Vorgänger setzt der neue Trainer Walter Mazzarri auf das 3-5-2. Die Dreierabwehr rund um Paolo Cannavaro ist eingespielt, der robuste Sechser Gargano besetzt das Zentrum, die äußeren Mittelfeldspieler bringen sich gut in den Sturm ein. Auf der rechten Seiten gehört Christian Maggio zu den torgefährlichsten Spielern des Kaders, Marek Hamsik agiert hinter den Spitzen und verteilt die Bälle an den blitzschnellen Ezequiel Lavezzi oder den torgefährlicheren Fabio Quagliarella im Sturm. Napoli erreicht mit dem sechsten Platz die Europa League. Doch kurz vor Ende der Sommertransferzeit 2010 kommt Unruhe in den Klub, erstmals verlässt eine Mannschaftsstütze den Verein: Heimkehrer Quagliarella wechselt völlig überraschend zu Juventus. Für ihn stürmt in der nächsten Saison der damals 23-jährige Edinson Cavani. Der Bruch mit Quagliarella ist total. Über die Motive herrscht Unklarheit, De Laurentiis sieht sich Protesten der Fans gegenüber, die dem Präsidenten Profitgier unterstellen. Am Ende der Polemiken steht jedoch Quagliarella als derjenige dar, der den Verein verlassen wollte und die Stadt verraten hat.

Lesen Sie den gesamten Artikel in der aktuellen Printausgabe des ballesterer (Nr. 75, Oktober  2012) Ab 15.9. österreichweit in den Trafiken sowie im deutschen und Schweizer Bahnhofsbuchhandel!

Referenzen:

Heft: 75
Thema: Italien
Verein: SSC Napoli
ballesterer # 120

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