Das Symbol Mitteleuropas

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In der Zwischenkriegszeit war der Mitropa-Cup der bedeutendste Klubbewerb Europas. Als erstes großes internationales Turnier hat er die Spielkultur in den Teilnehmerländern geprägt, die Vermarktung des Fußballs vorangetrieben und politische Grenzziehungen überwunden.

Dass sein Plan aufgegangen war, realisierte Hugo Meisl spätestens am 8. September 1933. An diesem Samstag war das Wiener Stadion erstmals wegen eines Spiels zweier Vereinsmannschaften ausverkauft. 58.000 Fans waren gekommen, um das Mitropa-Cup-Finalrückspiel zwischen der Austria und Ambrosiana aus Mailand, wie Inter seit 1931 auf Geheiß der faschistischen Regierung hieß, zu sehen. Die Wiener hatten das Hinspiel 1:2 verloren. Große Chancen hatte der Austria vor Turnierstart ohnehin niemand eingeräumt. Nur dank des Cupsiegs hatte sich die Mannschaft für den Bewerb qualifiziert, zudem kämpfte der Verein mit ständigen Geldsorgen. 1932 hatte die Austria sogar ihr Vereinssilber versteigern müssen. Da die verkauften 45 Pokale und Trophäen nicht den gewünschten Erlös brachten, spekulierten die Wiener auch mit dem Verkauf von Matthias Sindelar an die Prager Slavia. Doch mithilfe eines privaten Investors hatten sie ihren Star gehalten. Ebenjener Sindelar sollte gemeinsam mit seinem "Wunderteam"-Kollegen Walter Nausch in denkwürdigen Mitropa-Cup-Spielen gegen Slavia und Juventus dafür sorgen, dass die Mannschaft nun im Finale stand.

"Atemlose Spannung ließ die Fußballfanatiker in den weiten Rängen des Stadions verstummen", schrieb Erwin Wimmer 1955 in der Zeitschrift Das Team rückblickend über die letzten Minuten des Finales. "Sindi hatte wieder einmal den Ball bekommen - nach der Matchuhr musste es eine der letzten Aktionen dieses Treffens werden - er eilte dem gegnerischen Tor zu, überdribbelte einen Italiener, dann noch einen, schoss - und es stand 3:1!" Die Austria sicherte sich ihren ersten Mitropa-Cup-Sieg und entledigte sich damit auf einen Schlag aller Schulden, schreibt Wimmer. Der Mitropa-Cup hatte seinen Zweck erfüllt.

Der auf den Ideen von Hugo Meisl, dem Ungarn Mor Fischer, dem Tschechoslowaken Karel Petru und Rapid-Präsident Hans Fischer basierende Bewerb für Vereinsmannschaften war sechs Jahre zuvor aus der Taufe gehoben worden. Er sollte ein entscheidender Schritt in der Professionalisierung des Fußballs werden und dessen wirtschaftliche, sportpolitische und taktische Entwicklung vorantreiben. Im nach dem Ersten Weltkrieg neugeordneten Europa bot der Fußball jedoch auch eine Bühne für die Austragung politischer Differenzen. Vor tausenden Fans wurden sportliche Schlachten geschlagen, die nationale Ressentiments produzierten und verstärkten.

Profis mit Defiziten
Das Schicksal der Austria war kein Einzelfall im Wiener Fußball der Zwischenkriegszeit. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte der Sport einen rasanten Aufschwung erlebt und neue Bevölkerungsschichten erobert. Der revolutionäre Aufschwung der Arbeiterklasse hatte zu einem enormen Anwachsen der Zahl an Vereinen, Spielern und Zuschauern geführt. Dank seiner Entwicklung zur Massenkultur wurde der Fußball innerhalb weniger Jahre auch zum Geschäft.

Die Hyperinflation beschleunigte diese Entwicklung, indem sie die Etablierung eines illegalen Profibetriebs erleichterte. Schon bei den FIFA-Kongressen 1923 und 1924 stand die Professionalismusfrage auf der Tagesordnung. Diskutiert wurde, ob Kontinentaleuropa dem britischen Vorbild folgen sollte. Zu einer klaren Trennung in Berufs- und Amateursport konnten sich die FIFA-Delegierten jedoch nicht durchringen. Der damalige Sportreporter Willy Schmieger schreibt in seinem Buch "Die Geschichte des Fußballsports in Österreich": "Mit großem Aplomb traten die Deutschen auf, die gemeinsam mit Frankreich vorgingen und den Beschluss durchsetzten, dass in der Amateurfrage einfach ein jeder Verband tun könne, was er wolle." So fasste der ÖFB auf Initiative von Verbandskapitän Hugo Meisl den Entschluss zum Alleingang.

Ab der Saison 1924/25 wurde in Österreich, und das hieß damals in Wien, ein Profibetrieb installiert. Gut 30 Klubs meldeten sich an und wurden in drei Ligen eingeteilt. Die Tschechoslowakei folgte 1925, Ungarn ein Jahr später. Doch bald zeigten sich die Schwierigkeiten der Professionalisierung: Etliche Klubs wie Hertha und der Simmeringer SC mussten Konkurs oder Ausgleich anmelden, andere wie Rudolfshügel und bald auch der erste Profimeister Hakoah stiegen zeitweise in untere Ligen ab. Selbst die wenigen Großvereine konnten sich den Betrieb nur leisten, indem sie jeden freien Termin für Freundschaftsspiele und Tourneen nutzten.

Verbandskapitän Meisl kam zu der Einsicht, dass nationale - oder, wie im Falle Wiens, auf eine Stadt beschränkte - Meisterschaften auf Dauer nicht lukrativ waren. "Ich will damit keineswegs über die Meisterschaftsinstitution den Stab brechen, im Gegenteil, sie ist im maßvollen Rahmen heute noch eine Notwendigkeit", wird Meisl in der Biografie seiner Enkel Andreas und Wolfgang Hafer zitiert. "Aber Tatsache ist, dass für den Klassefortschritt in Dänemark, Prag und Budapest die intensiven Begegnungen mit den besten Teams des Auslandes, ganz besonders mit jenen Großbritanniens, ausschlaggebend waren." Die Lösung sah er in einem attraktiven internationalen Bewerb. Bei der Umsetzung knüpfte Meisl an die Sportbeziehungen der verblichenen Monarchie an und überzeugte seine alten Bekannten aus Prag und Budapest, die Verbandssekretäre Fischer und Petru, von der Idee.

Im Schlafwagen durch Mitteleuropa
Die Erfinder des Mitropa-Cup waren sich der politischen Bedeutung ihres Projekts durchaus bewusst. Das verdeutlicht schon die Wahl Venedigs als Ort der Mitropa- Konferenz: Nicht in Österreich, dem Kernland des Bewerbs, oder in Frankreich, dem damaligen Sitz der FIFA, sollte die Idee im Juli 1927 konkretisiert werden, sondern im zunächst gar nicht am Bewerb teilnehmenden Italien. Kurz nach der Venediger Konferenz wurden sowohl ein Europacup für Nationalmannschaften als auch ein Bewerb für Klubteams gestartet. Die Eile der Umsetzung hatte einen sportpolitischen Hintergrund, gab es doch zeitgleich auch in Frankreich Versuche, einen internationalen Bewerb mit teilweise denselben Teilnehmerstaaten ins Leben zu rufen.

Nachdem die Schlafwagengesellschaft Mitropa als Sponsor gewonnen werden konnte, stand auch der Name des Klubbewerbs fest. Qualifiziert waren ursprünglich die Meister und Cupsieger der Teilnehmerländer, die in K.-o.-Duellen mit Hin- und Rückspiel ihre Sieger küren sollten. Die ersten Teilnehmerländer waren Österreich, die Tschechoslowakei, Ungarn und Jugoslawien, das 1929 von Italien ersetzt wurde. Deutschland nahm nicht teil, da der Amateurparagraf nicht zuließ, dass sich Mannschaften aus der Weimarer Republik mit Profimannschaften aus dem Ausland maßen.

Wenn Meisl und seine Mitstreiter - aus ihrer Perspektive - das Wohl des Sports vor Augen hatten, bedeutete das in erster Linie die wirtschaftliche Absicherung des Profifußballs und seiner großen Vereine. Der Sport versprach Verbänden, aber auch Staaten, internationale Reputation, den Vereinen große Gewinne und den Spielern finanzielle Sicherheit. Josef Stroh, der mit der Austria zweimal den Mitropa-Cup gewann, geht in Josef Hubers Buch "Die Geschichte des Wiener Fußballs" ins Detail: "Für die erste Runde gab es 400 Schilling, für das Semifinale 500 und für den Finalsieg 1.000." Huber erklärt: "Der 48-Stunden­-Wochenlohn eines Maurers betrug damals 80,64 Schilling."

Lesen Sie den gesamten Artikel in der aktuellen Ausgabe des ballesterer (Nr. 99 März 2015). Seit 11. Februar österreichweit in den Trafiken sowie einige Tage später im deutschen und Schweizer Bahnhofsbuchhandel!


Mitarbeit: Alexander Juraske

Foto: Markus Lettner 

Referenzen:

Heft: 99
Thema: Hugo Meisl, Mitropa-Cup
ballesterer # 117

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