Das Volk von Gabriele

cache/images/article_1964_sandri_140.jpg Vor fünf Jahren wurde Gabriele Sandri auf einer Auswärtsfahrt von einem Polizisten erschossen. Durch seinen tragischen Tod wurde der Lazio-Fan zum Märtyrer der italienischen Ultra-Bewegung. Vor zwei Jahren sprach der ballesterer mit seinem Vater Giorgio und Biograf Maurizio Martucci über das lange Warten auf Gerechtigkeit. Das Interview aus der Lazio-Ausgabe.

Der gewaltsame Tod von Gabriele Sandri am 11. November 2007 markiert eine der schwärzesten Stunden der italienischen Fußballgeschichte. Schauplatz war eine Autobahnraststätte in der Nähe Arezzos, wo Sandri und seine Freunde auf Juventus-Fans gestoßen waren. Nach einer kurzen Auseinandersetzung waren sie wieder in ihre Autos zurückgekehrt, als der alarmierte Autobahnpolizist Luigi Spaccarotella den tödlichen Schuss auf Sandris Wagen abgab.

 


Das Schicksal Gabriele Sandris prägt Lazios Fanszene bis heute: Roms Straßen sind mit Plakaten zum Gedenken an ihn zugepflastert, Transparente mit Sandris Gesicht zieren jedes Lazio-Spiel und der Spruch »Gabriele, uno di noi« (»Gabriele, einer von uns«) wird von den Lazio-Fans bei jeder Begegnung intoniert. Der Todesschütze Luigi Spaccarotella wurde in erster Instanz wegen fahrlässiger Tötung zu sechs Jahren Haft verurteilt. Nach dem Interviewtermin wurde Spaccarotella wegen vorsätzlicher Tötung zu neun Jahren und vier Monaten verurteilt das Urteil ist mittlerweile rechtskräftig.


ballesterer: Im Oktober (2010, Anm.) ist Ihr Buch »Cuori Tifosi« erschienen, das die Geschichten der Toten im italienischen Fußball erzählt. Wie lange wird es noch notwendig sein, solche Bücher zu publizieren?
MAURIZIO MARTUCCI: Ich hoffe, dass dieses Buch das erste und letzte seiner Art ist. Es soll dazu dienen, eine gemeinsame Basis der Kultur und des Respekts in der Welt des Fußballs zu schaffen. Zu oft glauben die Leute, im Fußball sterbe man wegen isolierter Akte extremistischer Gruppen der Kurve. Dieses Buch erzählt aber, wie man aufgrund überbordender Repression der Ordnungskräfte und aufgrund baufälliger Stadien stirbt. Oder wie im Fall Sandri, wenn der Fußball rein gar nichts damit zu tun hat. Auch wenn man das glauben machen wollte.

Waren Sie jemals besorgt, wenn Ihr Sohn zu einem Auswärtsspiel gefahren ist?
GIORGIO SANDRI: Sicherlich nicht. Mein Sohn hat in den letzten Jahren zwar hin und wieder die Kurve besucht, aber wenn er auf ein Auswärtsmatch gefahren ist, dann nur, um mit einem Freund ein Glas Wein zu trinken und ein Steak zu essen. Ich hatte keinen Grund, beunruhigt zu sein. Nur die Behörden haben den Tod meines Sohnes mit der Welt des Fußballs in Zusammenhang gebracht. In den Tagen nach dem Mord, begangen durch dieses Individuum, das eine Uniform trug und immer noch davon spricht, dass es dort Zusammenstöße zwischen Fans gegeben habe, haben sie nichts anderes getan, als das zu wiederholen. Aber mein Sohn hat keinen Schal und kein Fantrikot getragen. Was ihm passiert ist, hätte genauso gut Ihrer Mutter oder Ihrem Vater passieren können.

Wie haben Sie diesen 11. November 2007 erlebt?
SANDRI: An diesem Tag ist eine Tragödie passiert. Auch am nächsten Tag habe ich mich noch wie im Koma gefühlt und erinnere mich fast an nichts. Nach und nach ist es mir unter großer Anstrengung gelungen, wieder Boden unter den Füßen zu bekommen. Ich habe mir die Sendungen der öffentlichen Fernsehsender angeschaut, wo versucht wurde, einen Mörder als Opfer darzustellen. Sie haben alles versucht, um die Fakten zu verdecken. Zum Glück ist ihnen das nicht gelungen, weil sich fünf Zeugen gemeldet haben. Von der Staatsanwaltschaft von Arezzo und im Verfahren erster Instanz wurde festgestellt, dass es keine gewaltsamen Zusammenstöße, sondern nur einen Wortwechsel zwischen Fans gegeben hat. Dann hat sich die ganze Szene auf die andere Seite der Straße verlagert, und die Burschen haben sich entschieden weiterzufahren. Gabrieles Auto ist aber nicht angesprungen. Nach einigen Minuten, als niemand mehr da war, hat der Polizist Spaccarotella mit gespreizten Beinen und ausgestreckten Armen auf Gabrieles Wagen geschossen. Es fällt mir schwer, von einem Polizisten zu sprechen, denn er hätte alles werden können - nur kein Polizist.

Hatte er Ihrer Meinung nach die Absicht, Gabriele zu treffen?
SANDRI: Aus dem erstinstanzlichen Verfahren ist hervorgegangen, dass Spaccarotella so, wie er zum Auto gestanden ist, nur darauf schießen konnte. Ich wünsche mir, dass das Gericht den fünf so unterschiedlichen Zeugen glaubt. Sie haben alle gesagt, dass er es nur auf ein Schussziel abgesehen haben konnte. Ziehen Sie selbst Ihre Schlüsse.

Wenn man die Nachrichten verfolgt hat, war dieser Umstand relativ klar. Andererseits hat die Presseabteilung der Polizei einen gegenteiligen Standpunkt verbreitet. Wie haben Sie sich dabei gefühlt?
SANDRI: Ich war fassungslos. In der Pressekonferenz hat man immer noch von Warnschüssen in die Luft und gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Fangruppen gesprochen. Für sie sind das ja nur Bürger der Serie B. Ich wünsche mir, dass am 1. Dezember bei der zweiten Instanz des Verfahrens in Florenz mehr Umsicht und Aufmerksamkeit herrscht. Dieses Individuum soll für das, was es gemacht hat, bezahlen und bestraft werden. Ich spreche immer von einem Individuum und nicht von einem Polizisten, denn in der Polizei gibt es auch anständige Leute.
MARTUCCI: Was mit Gabriele Sandri geschehen ist, ist kein Einzelfall. Es passiert nicht zum ersten Mal in Italien, dass es zu einer derartigen medialen Irreführung kommt. Die tatsächliche Wirklichkeit wird durch eine mediale ersetzt. In meinem Buch finden Sie diverse Fälle seit 1920, die praktisch Kopien des Falls Sandri sind. Beim Tod von Giuseppe Plaitano 1963 gibt es ganz erstaunliche Analogien. Der Salernitana-Fan Plaitano ist ruhig auf der Tribüne des Stadions gesessen, als er plötzlich von der Kugel eines Polizisten in die Schläfe getroffen wurde. Der Polizist hat vom Spielfeld aus geschossen, um ein Getümmel zwischen Fans zu schlichten. Als ob eine Pistole dazu das geeignete Instrument wäre! Aber das Bestürzendste an dieser Sache ist, dass dieser Mord in den Medien als Tod durch Ersticken dargestellt wurde. Als ob eine Menschenmenge diesen Mann erdrückt hätte. Statt die Wahrheit zu sagen, haben der italienische Staat und die Medien versucht, sie zu verbergen und die Leute in die Irre zu führen, indem sie diesen Mord mit dem Fußball in einen Topf geworfen haben. Dabei spielen sie mit dem Stereotyp, dass Ultras und Fußballfans sowieso Gewalttäter sind. Dasselbe hat man mit Gabriele gemacht. Nur die BBC hat klar davon berichtet, dass ein Fußballfan von einem Polizisten erschossen worden ist. Um Gerechtigkeit walten zu lassen und dieses Verbrechen zu bestrafen, muss sich in der öffentlichen Kommunikation viel ändern. Es braucht Bücher wie meines und Kämpfe wie jenen der Familie Sandri, denn die Zeitungen und das Fernsehen erzählen nicht die Wahrheit.

Wieso können die Fußballfans in Italien so leicht kriminalisiert werden?
SANDRI: Weil es bequem ist und von anderen Problemen des italienischen Staats ablenkt. Sie setzen die gewaltsamen Fans auf die Titelseite, und man spricht nur noch darüber. Zwei Tage nach dem 11. November 2007 hat das Begräbnis von Gabriele stattgefunden, und der damalige Bürgermeister Walter Veltroni hat die Stadttrauer verhängt. Hätte er auf die Medien gehört, wäre es niemals dazu gekommen.
MARTUCCI: Mein Buch erzählt auch von vielen Fehlern der Fans. Wir sind nicht hier, um zu sagen, es gäbe nicht auch Morde, die von den Fans begangen werden. Aber ein Rechtsstaat muss jeden einzelnen Fall auch individuell behandeln und darf derartige Taten nicht einer ganzen Kategorie von Personen umhängen. Darüber hinaus fehlt in Italien ein Projekt, in dem wirklich mit den Fans gesprochen wird. Das sind Tausende von Jugendlichen und Bürgern, die ins Stadion gehen und sich selbst überlassen bleiben. Es gibt sogar Gesetze, die den Dialog mit den Fans verbieten. Es gibt keinen politischen Willen, die sozialen Probleme zu lösen, die mit der Geschichte des Fußballs verbunden sind.

In Rom trifft man ständig auf das Gesicht von Gabriele. Er ist drei Jahre nach seinem Tod immer noch sehr präsent. Hat sich seither etwas zum Positiven verändert?
MARTUCCI: Heute ist im Corriere della Sera eine Umfrage erschienen, wonach einer von drei Italienern nicht mehr zur Wahl gehen würde. In diesem Land gibt es ein enormes Misstrauen gegenüber den politischen Organen. Im Gegensatz dazu besteht eine große Zustimmung zum Kampf um Anliegen der Bürger. Der Fall Sandri hat das Bewusstsein der Menschen für solche Anliegen geweckt und geeint. Nicht nur in Rom und anderen italienischen Städten, sondern auch im Ausland hat es Solidaritätsbekundungen gegeben. Dieser Mord hat alle berührt.

Der damalige Innenminister Giuliano Amato hat kurz nach dem Mord etwas zynisch von seinem Traum erzählt, in dem die Fußballfans am Autogrill gemeinsam Kaffee trinken. Wie haben diese Worte auf Sie gewirkt?
SANDRI: Abscheulich. Minister Amato hat sich wenige Tage später in einem Brief an uns persönlich entschuldigt. Die Meldung für die breite Masse war aber, dass sich der extremistische Fan am Autogrill prügelt, statt einen Kaffee zu trinken.

Nicht nur die Fans von Lazio haben eine starke Reaktion gezeigt und sich für Gabriele eingesetzt. Kann das der Anfang einer Bürgerbewegung sein?
SANDRI: Absolut. Wir haben ein Komitee gegründet, um Unterschriften für eine Gedenktafel zu sammeln, die wir am Todesort anbringen werden. Innerhalb eines Monats haben sich dafür Komitees in 40 italienischen Städten gegründet. Das ist ein Zeichen dafür, dass die Leute Gerechtigkeit wollen. Vor allem die Jugendlichen wollen eine bessere Welt.

Ist es Ihnen dabei gelungen, sich von der Instrumentalisierung durch die Politik in ihrem Kampf gegen die Fußballgewalt zu befreien?
SANDRI: Da sie Gabrieles Tod mit der Welt des Fußballs in Zusammenhang gebracht haben, haben sich alle jugendlichen Fußballfans Gabrieles Schicksal zu eigen gemacht, und die Wahrheit wird nicht vergessen werden.
MARTUCCI: In den Stadien singen die Fans aller Mannschaften: »Gabriele, einer von uns«. Wir haben die Entstehung einer Bewegung quer durch alle Schichten erlebt, die ich das »Volk von Gabriele« nenne. Diese Gemeinschaft überwindet alte politische Unterteilungen und fußballerische Rivalitäten. Das »Volk von Gabriele« bekennt sich zur Menschenwürde und den Bürgerrechten. Diese Bewegung kann nicht nur in den Stadien, sondern auch in der Gesellschaft Gutes bewirken. Sie vereint statt zu entzweien. Gabriele ist zum kollektiven Referenzpunkt aller Jugendlichen geworden. Das ist der Kraft der Familie Sandri zu verdanken. Sie hat für Gabriele gekämpft, der sich am 11. November 2007 zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort befunden hat.

Gleichzeitig hat der italienische Staat mit dem Fanausweis »tessera del tifoso« ein neues Instrument eingeführt, das dem organisierten Fan wenig Platz lässt. Was ist Ihre Meinung dazu?
MARTUCCI: So ein starkes Instrument existiert in keinem anderen Land der Welt. Die »tessera« ist ohne gesetzliche Grundlage, nur auf Basis einer ministeriellen Verordnung, eingeführt worden. Innenminister Maroni hat sie den Klubs mit der Drohung aufgezwungen, ihnen sonst die Stadien zuzusperren. Es ist richtig, dass der Staat gewaltsame Ausschreitungen der Fans verhindern will, aber es stellt sich die Frage, ob er wirklich etwas dagegen macht. Ich frage mich, ob Eugenio Bortolon noch am Leben wäre, wenn er die »tessera« in der Tasche gehabt hätte, als er im Mai 2009 während des Spiels Parma gegen Vicenza von der Tribüne des Stadions Ennio Tardini in den Tod gestürzt ist, oder wenn das Stadion in einem UEFA-konformen Zustand gewesen wäre. Die Sicherheitsmaßnahmen müssten eigentlich auf die Stadien abzielen.

Ist das »Volk von Gabriele« stark genug, um diesen Zustand zu ändern?
MARTUCCI: Diese Bewegung ist die kritische Masse eines zivilen Bewusstseins, das sich an die staatlichen Institutionen und an die Medien wendet. Eine Art drittes Auge. Ein Wachhund gegenüber dem System der Macht, wie BBC-Gründer John Reight die Journalisten nannte. Das »Volk von Gabriele« wird die Augen offen halten, damit die verfassungsmäßig gewährleisteten Rechte garantiert werden.

Welche Initiativen hat Lazio gesetzt, um an Gabriele zu erinnern?
MARTUCCI: Der Familie Sandri haben sie eigentlich nur die kalte Schulter gezeigt. Andere Klubs haben ihr mehr Zuwendung gegeben. Besonders positiv erwähnen möchte ich hier Massimo Moratti, den Präsidenten von Inter. Lazio-Präsident Lotito hat nichts Derartiges gemacht. Aber der Verein besteht in erster Linie aus seinen Fans, und die Laziali erinnern seit drei Jahren bei jedem Spiel an Gabriele. Der Kälte vonseiten des Klubs steht die Wärme des »Volkes von Gabriele« gegenüber.

Was haben die staatlichen Institutionen gemacht?
MARTUCCI: Am 11. November 2007 wurde die Stadttrauer als höchstmögliche kommunale Beileidsbekundung verhängt. Danach haben die Stadt Rom und der italienische Verband FIGC die Fondazione Gabriele Sandri gegründet. Das waren die einzigen öffentlichen Anstrengungen. Ansonsten nur Schulterklopfen und Krokodilstränen. Viele haben Gabriele vergessen, aber nicht die Römer. Ihr habt die Plakate in der ganzen Stadt gesehen. Giorgio war vor zwei Sonntagen in der Curva Sud der Roma und hat dort Unterschriften für die Gedenktafel gesammelt. Das Derby hat er auch schon mit dem Lazio-Schal in der Roma-Kurve verfolgt. Das »Volk von Gabriele« vereint alle.

Wie ist die Leidenschaft Gabrieles für Lazio entstanden? Wir vermuten, die hatte er von Ihnen ...
SANDRI: Meine Leidenschaft für Lazio ist entstanden, als mich der Vater eines lieben Freundes einmal an der Hand und mit ins Stadion genommen hat, um Lazio spielen zu sehen. Im ersten Meisterjahr 1974 wurde mein Sohn Cristiano geboren. Seine Wiege und alle Babysachen waren himmelblau-weiß. Mit diesem Vater und diesem Bruder konnte Gabriele nur ein Lazio-Fan werden. Die Liebe zu einem Verein wächst in der Seele, indem man sie gemeinsam mit einer Gruppe von Freunden lebt. Heute bin ich aber kein Fan einer spezifischen Mannschaft mehr und gehe nicht mehr ins Stadion. Nur ein paar Mal war ich dort, um mich von Gabriele zu verabschieden. (Jakob Rosenberg & Martin Schreiner)

Zu den Personen:
GIORGIO SANDRI engagiert sich seit dem Tod seines Sohnes im Kampf um Gerechtigkeit für Gabriele Sandri. Im römischen Viertel Balduina betreibt er das Herrenmodengeschäft »Harrison«, in dem auch Gabriele mitgearbeitet hatte.

MAURIZIO MARTUCCI arbeitet als Autor und Journalist in Rom. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde er 2008 mit seinem Buch über den Fall Gabriele Sandri bekannt. Auch danach widmete er sich mit »Cuore Tifoso« (2009) und seiner jüngsten Publikation »Cuori Tifosi« (2010) den Toten des italienischen Fußballs. Sein erstes Buch »Nobilita Ultras« (1996) schrieb Lazio-Fan Martucci am Höhepunkt der Dominanz der »Irriducibili«.

Referenzen:

Heft: 57
Rubrik: Thema
Thema: Ultras
Verein: SS Lazio
ballesterer # 120

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