Das Watergate des Fußballs

cache/images/article_1968_kinder_140.jpg Der Kanadier Declan Hill gilt als einer der wichtigsten Insider des weltweiten Manipulationsgeschäfts und scharfer Kritiker der laxen Verfolgung von Betrügern. Der ballesterer erwischte den Enthüllungsjournalisten, Bestsellerautor und Soziologen kurz vor der Fertigstellung seines neuen Buchs.
Klaus Federmair | 12.11.2012

Im Jahr 2008 veröffentlichte Declan Hill sein Buch »Sichere Siege« über das globale Geschäft mit der Manipulation von Fußballspielen. Der Kanadier recherchierte für den Bestseller mit Schwerpunkt in Ostasien. Hier ist nicht nur der Wettmarkt am größten, sondern auch der Schaden, der dem dortigen Fußball durch Wettbetrüger zugefügt wurde. In seinem Buch kommt Hill zu dem Schluss, dass auch bei der WM 2006 in Deutschland Spiele geschoben wurden. Er schildert nicht nur die globalen Organisationsstrukturen des Betrugs, sondern auch das, was sich drumherum abspielt. Und Hill rät zu Misstrauen: Ein gekaufter Tormann tendiere zum Beispiel dazu, häufig aus dem Tor zu laufen, um einen Stürmer zu attackieren. Damit wird der Stürmer zwar irritiert, es eröffnet ihm aber zugleich die Chance des entscheidenden Hakens oder Hebers, ohne dass der Tormann einen offensichtlichen Fehler machen müsste.


Dem ballesterer gab Declan Hill von New York aus ein Telefoninterview, wenige Stunden bevor er das Manuskript seines neuen Buchs abliefern musste. Nach dem Interview flog Hill zum Boxtraining nach Kuba und dann zu einem Vortrag über Korruption ins Steuerparadies Cayman Islands.

ballesterer: Gibt es ein globales Muster, wie Spielmanipulationen arrangiert werden?
Declan Hill: Das spielt sich in mehreren Stufen ab. Zunächst gibt es eine Gang von Schiebern, die zumeist von Ostasien aus operiert. Die Schieber reisen um die Welt und manipulieren Spiele das betrifft von der WM bis zum Unterhaus alle Kategorien. Diese Bande ist enorm einflussreich, trotzdem ist bisher nur eines ihrer Mitglieder verhaftet worden. Die FIFA, Interpol und alle Funktionäre schwingen zwar schöne Reden, als wäre ihnen der Kampf gegen Manipulationen ein wirkliches Anliegen. Ich frage mich aber, warum sie diese Gang nicht einfach einsperren.

Liegt die Wettmanipulation wirklich nur in den Händen einer Gruppe?
Ja, bis 2011 hat es nur diese Bande gegeben. Ich kenne Polizeiberichte aus diversen Ländern, da wird immer von dieser einen Gang gesprochen.

Ist es so schwer, diese paar Leute zu schnappen, oder ist der Wille der Verantwortlichen nicht groß genug?
Wenn sie die Gang zerschlagen würden, wäre das ein enormer Erfolg, und viele der derzeitigen Manipulationen würden aufhören. Doch leider ist es wie beim »Krieg gegen den Terror«. Die USA haben eine ganze Industrie aufgebaut und tausende Milliarden für unsinnige Kriege, Berater und Rüstungskonzerne ausgegeben. Aber diese Industrie hat keinen einzigen Terroristen geschnappt. Mit den Spielmanipulationen ist es im Grunde genauso. In Europa entsteht rund um dieses Thema gerade eine Industrie aus Beratern und Experten. Diese Leute bekommen Geld, wissen aber nicht, wovon sie reden und was sie tun sollen. Selbst wenn sie über diese Gang aus Asien Bescheid wüssten, würden sie sagen: »Na ja, es ist doch alles viel komplizierter, blablabla.« Aber das wäre das Erste, was wir tun könnten: Sperren wir diese Leute ein. Diese Unternehmen sind doch kompletter Unsinn.

Meinen Sie Einrichtungen wie das International Centre for Sport Security in Doha?
Das ist ein Widerspruch in sich: eine Antikorruptionsorganisation aus Katar. Jeder Fußballfan auf der Welt fragt sich, wie Katar die WM 2022 bekommen hat, aber dieses Thema wird vom ICSS natürlich nicht behandelt.

Warum sind so viele Hintermänner der weltweiten Manipulationen in Asien?
Weil der Wettmarkt dort so groß ist. Korrupte Politiker und Geschäftsleute leiten Klubs und Ligen, und das trifft auf einem riesigen illegalen Wettmarkt zusammen.

Aber das bedeutet doch, dass es auch in Asien unschuldige Wettkonsumenten gibt, die allen Ernstes auf Spiele der österreichischen zweiten Liga und Ähnliches wetten. Gibt es diese Leute wirklich?
Ja, klar. Der asiatische Markt ist so groß, dass es dort Leute gibt, die auf Rapid oder irgendeinen Südtiroler Klub setzen. Das ist zwar nur ein minimaler Prozentsatz, aber der reicht aus, damit genug Geld fließt, um eine Manipulation lukrativ zu machen.

Bei Ihren Forschungen über die Wettmafia haben Sie teilweise undercover agiert, oft aber auch ganz offen. Warum reden Mitglieder dieser einflussreichen Gang wie derjenige, den Sie Lee Chin nennen, mit Ihnen?
Diese Bande hat so viele Spiele geschoben in so vielen Ländern, von WM-Spielen bis zu Parkkicks von Teenagern. Das ist eine der unglaublichsten Geschichten im Sport, das Watergate des Sports. Diese Leute haben ihr Geheimnis lange mit sich herumgetragen, ich glaube, Chin wollte einfach darüber sprechen. Bis zur Veröffentlichung meines Buchs vor vier Jahren hat niemand etwas davon gewusst. Die Frage ist: Warum passiert trotzdem nichts? Es ist schon erstaunlich: Da wird bei einer WM manipuliert, und es gibt keine Konsequenzen.

Über Ermittlungen der FIFA ist auch nichts bekannt
Nein. Es wird viel geredet, aber niemand handelt. Mir wird vorgeworfen, dass ich in meinem Buch keine Namen nenne. Das stimmt aber nicht. Ich nenne zum Beispiel Abukari Damba, den ehemaligen Tormanntrainer von Ghana. Er hat zugegeben, dass er mit diesen Leuten zehn Jahre lang zusammengearbeitet hat.

Angenommen, ich bin ein Spieler in der österreichischen Liga, der offen für eine Schiebung ist, und Sie sind ein asiatischer Krimineller. Wie organisieren Sie so eine Manipulation?
Es gibt zwei Arbeitsaufträge bei so einem Geschäft. Der eine besteht darin, das Spiel zu manipulieren, also mit Spielern, Schiedsrichtern, Funktionären. Der andere ist, den Wettmarkt zu manipulieren, das ist wie die Beeinflussung der Börse. Darum kümmert sich jemand in Asien. Dann kontaktieren sie lokale Kriminelle, und die stellen den Kontakt zu dem korrupten Spieler in der österreichischen Liga her.

Die laden mich dann zum Kaffee ein und fragen, ob ich nicht ein Spiel manipulieren will?
Das kann ein sehr langer Prozess sein. Als die Sapina-Brüder den Schiedsrichter Robert Hoyzer so weit hatten, waren sie schon seit Monaten mit ihm in Kontakt. Sie haben ihn in ihr Café eingeladen, sind zusammen abgehangen, sie waren Freunde. Erst nach Monaten haben sie angedeutet, dass sie ihn gerne als Komplizen hätten. Und dann haben sie alles als großes, lustiges Spiel dargestellt. In meinen Schulungsprogrammen für junge Spieler und Schiedsrichter lehre ich, vorsichtig zu sein. Diese Leute nehmen sich viel Zeit, um Kontakte aufzubauen.

Wie sieht es mit Spielabsprachen zwischen Vereinen aus?
Das hat es immer gegeben. Aber in letzter Zeit tun sich Klubs mit den Wettleuten zusammen. Es gibt also Absprachen, und nebenbei verdienen sie Geld. Wenn Spielabsprachen und Wettbetrug zusammenkommen, stellt sich die Frage nach einer langwierigen Annäherung an einen Spieler nicht mehr, sondern da sagt der Funktionär zum Spieler: »Wenn du heute auflaufen willst, musst du verlieren.«

Ist es naiv zu glauben, dass in der österreichischen Bundesliga alles mit rechten Dingen zugeht?
Die entscheidende Frage ist: Was tut der österreichische Verband dagegen? Hat er ein System aufgebaut, das es Spielern erleichtert, ehrlich zu sein? Gibt es etwa eine Hotline, über die sich Spieler anonym melden können? Gibt es einen Integritätsbeauftragten?

Den schreibt die UEFA vor. Die Frage ist, was er genau macht.
Genau, das ist die Frage. Wenn Sie fragen, ob die österreichische Liga sicher ist, frage ich: Können wir wissen, dass sie sicher ist? Das ist keine Wortklauberei: Vielleicht liefert ein Spieler in einer Woche, einem Monat oder einem Jahr auf dem Platz einen unglaublichen Patzer, und Sie werden sich fragen: »War das jetzt echt?« Wenn diese Fragen auftauchen, ist das das Ende des Fußballs. In Bulgarien muss man sich solche Fragen ständig stellen, in Italien auch.

Wie kann der Kampf dagegen aussehen?
Das fängt bei Wettmonitorsystemen und einer Hotline für betroffene Spieler an, kann aber auch durch den verstärkten Einsatz von Schiedsrichterinnen und einen veränderten Spielmodus erreicht werden, bei dem jede einzelne Partie zählt. Wichtig ist auch, dass Spieler ordentlich bezahlt werden, Tormänner sollten eine Prämie erhalten, wenn sie wenige Tore bekommen. Außerdem sollte man andenken, die erworbene Pensionsversicherung und sonstige Leistungen zu streichen, wenn sich nach Karriereende eine Manipulation nachweisen lässt.

Referenzen:

Heft: 77
Rubrik: Thema
ballesterer # 114

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