Das Wunder von Lissabon

Eine altertümliche Taktik, ein schrulliger Trainer, ein Haufen Nobodys: Die richtige Mischung, um Europameister zu werden. Ein Rückblick auf die griechische Sensation von 2004
Stefan Kraft | 13.05.2008
So richtig zu freuen schienen sich am Abend des 4. Juli 2004 nur die Griechen. Eine der größten Sensationen der Fußballgeschichte, so besagt es zumindest die öffentliche Meinung, hatte sich gerade ereignet: Griechenland gewann durch ein Tor von Angelos Charisteas in der 57. Minute das EM-Finale gegen Gastgeber Portugal. Und dennoch flogen dem krassen Außenseiter nicht nur Sympathien zu. Als Antwort auf den modernen Fußball hatte der deutsche Trainer der Griechen, Otto Rehhagel, die Devise ausgegeben: »Modern ist, wer gewinnt.« Doch das schöne Spiel kam dabei zeitweise ganz schön unter die Räder.

Dänisches Dynamit,

griechischer Beton

 Als Vorläufer des griechischen Überraschungserfolgs gilt gemeinhin der Sieg der Dänen bei der Europameisterschaft 1992. Vergleichbar ist aber wohl nur die Rolle des Underdogs, die beiden Mannschaften zukam. Dänemark hatte sich ursprünglich gar nicht für das Turnier qualifiziert, aber als die UEFA den Jugoslawen die Teilnahme verbot, brachen die Spieler kurzfristig ihren Urlaub ab und holten daraufhin den Pokal. Griechenland wurde zu Turnierbeginn 2004 mit Quoten von bis zu 1:150 gewertet. Zum Vergleich: Für einen österreichischen EM-Titel 2008 bekommt man nur das 81-Fache des Einsatzes.

Ansonsten hinkt der Vergleich beider Teams gewaltig. »Danish Dynamite« sorgte 1992 mit erfrischendem Fußball für den notwendigen Ausgleich zu einer der unattraktivsten Weltmeisterschaften zwei Jahre zuvor. Außerdem fiel den Dänen im Finale Deutschland zum Opfer was in den Augen der Weltöffentlichkeit immer für einen Imagegewinn sorgt. Griechenland hingegen schoss in den fünf Spielen bis zum Finale nicht mehr als 20-mal aufs Tor und bemühte sich in jedem seiner Auftritte um eine eiserne Defensive. Die Tore fielen ganz nebenbei sieben Stück in sechs Spielen reichten für den Pokalgewinn.

Meisterklasse Otto Rehhagel

Gerade Sätze sind keine Spezialität von Griechenlands prinzipiell belesenen Trainer Otto Rehhagel, dessen Vertrag seit 2001 läuft und im März dieses Jahres bis 2010 verlängert wurde. In den Lexika der Fußballaphorismen rangiert er oftmals gleichauf mit Lothar Matthäus in der Sprachbeherrschung, mit Klassikern wie »Mal verliert man, und mal gewinnen die anderen« bzw. »Jeder kann sagen, was ich will«. Dennoch war der Trainer für den griechischen Triumph von großer Bedeutung. Einerseits beendete Rehhagel die Grabenkämpfe zwischen den Spielern von Panathinaikos, AEK und Olympiakos, andererseits bekam er schwierige Naturen wie Themistoklis Nikolaidis und Vassilios Tsiartas in den Griff. Beide hatten bei der Endrunde nur eine kleine Rolle, während Rehhagel Angelos Charisteas und Traianos Dellas zu Weltstars machte.
Von der Vorrunde bis zum Finale blieb die (nominelle) Verteidigung unverändert. Auf der rechten Seite operierte Georgios Seitaridis, der von vielen Beobachtern als bester Rechtsverteidiger des Turniers betrachtet wurde. Im Zentrum befand sich mit Michalis Kapsis ein echtes Bollwerk, und hinter der Dreierkette, die auch noch Linksverteidiger Panagiotis Fyssas umfasste, stand mit Traianos Dellas ein klassischer Ausputzer, wie er im Profifußball mittlerweile selten geworden ist.
Doch die Geschichte der griechischen Defensive wäre nicht komplett erzählt, würde man nicht auch die Abwehrleistungen des Mittelfelds berücksichtigen. Das zentrale Duo, Angelos Basinas und Kapitän Theodoros Zagorakis sowie der nimmermüde Kostas Katsouranis und der unglückliche Giorgos Karagounis (fehlte im Finale wegen einer Gelbsperre) rührten den Beton kräftig mit an. Oft erfolgte der Spielaufbau daher nicht über die klassischen Spielmacher, sondern die Abwehr versorgte den einzigen echten Stürmer Zisis Vryzas mit Bällen, die er sich mit der hängenden Spitze Angelos Charisteas teilte.


Antike Taktik

Von den Medien wurde die Aufstellung der Griechen bei der EM 2004 als 4-3-3-System ausgegeben. Das war aber nicht einmal die halbe Wahrheit. Obwohl Rehhagel nach dem Finale genüsslich meinte, seine Taktik werde er auch jetzt nicht preisgeben, ließen sich über das Turnier hinweg einige Besonderheiten ausmachen. Die größte von ihnen: Rehhagel übertrug kein abstraktes System auf die griechische Truppe, sondern passte die Taktik sehr genau an die zur Verfügung stehenden Spieler an. Keiner von ihnen war vergleichbar mit den Stars der Tschechen, Franzosen oder Portugiesen, die sie allesamt besiegten. Weder spielte Dellas eine große Rolle bei AS Roma noch Charisteas vor der EM bei Werder Bremen oder Vryzas bei Fiorentina.
Symptomatisch war die Spielanlage der Griechen beim sensationellen Erfolg im Halbfinale über Turnierfavorit Tschechien. Einerseits vergaßen sie bis in die Verlängerung hinein nicht auf die ununterbrochene Attacke der ballführenden Spieler, teilweise sogar zu dritt, und brachten so Nedved und Baros völlig aus dem Konzept. Weiters griff man, im Gegensatz zu vielen anderen Teilnehmern, auf die gute alte Manndeckung zurück und ließ außerdem Dellas wieder als letzte Sicherheit hinter die Abwehrreihe fallen. Und ausgerechnet der Libero erzielte in der 105. Minute das entscheidende Tor ein Kopfballtreffer, genauso wie die Tore gegen Frankreich im Viertelfinale und Portugal im Endspiel. Attackieren, zermürben und bei Eckbällen oder Flanken den Kopf hinhalten so simpel war das griechische Rezept für den Europameistertitel. Hinzu kam der psychologische Auftrieb: Nach den ersten Erfolgen wuchsen die Spieler über sich hinaus und spielten wie Katsouranis (ließ weder Nedved noch Deco eine Chance), Kapsis (montierte Jan Koller und Pauleta ab) oder eben Charisteas weit über ihren bis dato gezeigten Leistungen.
Attraktiv anzusehen war das Ganze nicht. Und glücklicherweise keine Blaupause für die WM 2006 in Deutschland, an der Griechenland nicht teilnahm. Denn antiquiert ist Otto Rehhagel auch bei der Wahl seiner Spieler: Von den Europameistern 2004 sind noch immer alle wesentlichen Stützen im Kader, frisches Blut ist kaum dazugekommen. Zwar hat es für die Qualifikation zur Euro 2008 gereicht, eine Sensation werden die griechischen Defensivkünstler aber kaum ein zweites Mal liefern.

Referenzen:

Heft: 34
Rubrik: Thema
ballesterer # 120

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