Der Dings

Es ist ein Kreuz. Und mein Erinnerungsvermögen eine Verallgemeinerungsmaschinerie, die die Ereignisse so lange abschleift, bis nur noch diffuse Stimmungen übrig bleiben. In mäßiger Häufigkeit aufblitzende Schlaglichter erleuchten dann zu allem Überfluss oftmals bloße EM-Nebensächlichkeiten wie die obersexy Panier der Italiener aus dem Jahr 2000, das eherne Antlitz von Hans van Breukelen oder das kuriose Steinbruchstadion von Braga.
Michael Robausch | 13.05.2008
Staunend und wehmütig ob der für mich verlorenen Vergangenheit stehe ich jenen Wissenden gegenüber, die kurz Luft holen und dann in aller Lässigkeit hinwerfen, wie das denn nun gewesen sei. Die die Entstehung von vor Jahrzehnten gefallenen Toren haarklein rekapitulieren; die dir erklären, warum »der Belanow« damals im Halbfinale in der soundsovielten Minute seine soundsovielte Chance verhaut hat; und die vermutlich auch wissen, wie oft Roberto Bettega und Francesco Graziani im Halbfinale 1980 in die belgische Abseitsfalle gelatscht sind.


Ich dagegen bringe nicht mehr als ein Stammeln zustande. So etwas wie: Der Portugiese mit den Haaren, den blond gefärbten. Und dem Bart. Wie hat der geheißen? Der ist doch ausgeschlossen worden, weil er den Benkö angespuckt hat. Oder?
Mit der Zukunft tue ich mir leichter. So weiß ich schon, für wen ich im Juni sein werde. Meine Sympathien sind stabil, und ich habe mehrere Eisen im Feuer. Die Holländer immer, Italien in letzter Zeit wieder sehr, Skandinavier, falls vorhanden. Also meistens auch. Und ich höre schon deutlich Luca Toni, der wieder so etwas sagt wie: »Aus dem Nichts kam plötzlich ein Ball. Ich dachte nur: Den muss ich einnicken.« Den einen oder anderen Gegner für so einen Vorgang hätte ich auch im Kopf.


Dass mein Gehirn ein Sieb ist, hat aber auch etwas Gutes. Es zwingt zum Nachschauen. Und da das Archiv der natürliche Feind der Verklärung ist, weiß ich jetzt wieder: Der letzte Titelgewinn der scheinbar unwiderstehlichen »Équipe tricolore« hing in Wirklichkeit am seidenen Faden. Golden Goals mussten sowohl im Halbfinale als auch im Endspiel bemüht werden. Und übrigens: Der Wasserstoff-Portugiese, das war natürlich Abel Luís da Silva Costa Xavier. Und gespuckt hat er nur vielleicht.

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Heft: 34
Rubrik: Rubriken
ballesterer # 82

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