Der elfte Mann

cache/images/article_2503_illu_thema_140.jpg

Der Tormann ist der Sonderfall unter den Spielern. Regeländerungen und taktische Entwicklungen haben ihn in den Strafraum zurückgedrängt, doch immer wieder sind Torleute aus ihrem Revier ausgebrochen, um den Rest des Spielfelds zu erobern.  

72 Minuten sind im WM-Achtelfinale am 30. Juni 2014 in Porto Alegre gespielt. Algerien fordert Titelfavorit Deutschland alles ab. Ein weiter Ball auf den schnellen Islam Slimani – doch Deutschlands Tormann Manuel Neuer antizipiert das Zuspiel, er kommt aus dem Strafraum gelaufen und klärt im Stile eines Liberos für seine bereits geschlagene Abwehr. Die Fachpresse ist begeistert. Oliver Fritsch schreibt auf Zeit Online, Neuer habe das Tormannspiel verändert.

Wenige Monate später macht sich Neuer Hoffnungen auf den Ballon d’Or, die Auszeichnung für den besten Fußballer des Jahres. Erst einmal wurde die Trophäe einem Tormann überreicht: 1963 an Lew Jaschin. Wohl kein Zufall, denn der Tormann ist kein Spieler wie die anderen, nicht nur wegen des Trikots, das sich von dem seiner zehn Teamkollegen unterscheidet. Als einziger darf er den Ball mit den Händen spielen, womöglich ist er also gar kein richtiger Fußballer. Er ist ein Einzelkämpfer in einer Mannschaftssportart. Häufig wird er verkannt, und im Jugendfußball oder beim Spielen auf der Wiese sind es oft die Größten, die Kleinsten, die Langsamsten, die Dicksten, die Schlechtesten, die ins Tor gehen müssen – die Außenseiter.

Begrenzter Lebensraum
Manuel Neuer wurde bei der Wahl zum Fußballer des Jahres 2014 nur Dritter. Er habe jedoch das Tormannspiel revolutioniert, wie Christian Eichler im September 2014 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schreibt: „Neuer ist seiner Zeit voraus. Sein raumgreifendes, fast die gesamte eigene Hälfte umfassendes Torwartspiel ist so schwierig, dass es jeden anderen überfordert.“ Allerdings irrt der Journalist da, Neuers Tormannspiel ist nicht neu. Es ist sogar ziemlich alt. Genauer gesagt, über 100 Jahre. Vor dem Ersten Weltkrieg galt der Waliser Leigh Richmond Roose als weltbester Tormann. Gegnerische Angriffe fing er häufig außerhalb des Strafraums in der eigenen Hälfte ab, und er leitete sogar Angriffe ein, indem er den Ball oft bis zur Mittelauflage dribbelte – wohlgemerkt: in der Hand.

Lange Zeit war es Tormännern nämlich gestattet, den Ball auch außerhalb des Strafraums mit der Hand zu spielen. Nur die wenigsten muteten sich aber das Spiel so weit vor dem Tor, das sie zu hüten hatten, zu. Roose nutzte das Reglement für sich, der Liga missfielen die Ausflüge des Stoke- und Sunderland-Tormanns allerdings, weswegen im September 1912 eine Regeländerung in Kraft trat: Der Tormann durfte den Ball von da an nur noch innerhalb des Strafraums mit der Hand spielen.

Seitdem ist der Tormann weitestgehend an seinen besonderen Raum – das Tor und den Sechzehner – gebunden, manchmal weit entfernt vom Spiel und dann plötzlich im Mittelpunkt des Geschehens. Im Laufe der Zeit haben die verschiedenen europäischen Fußballschulen und die Torleute selbst unterschiedliche Strategien entwickelt, sich in diesem Raum zu bewegen – und mitunter aus ihm auszubrechen. Während in England und Zentraleuropa der stämmige Tormann, der Schüsse auf der Linie abwehrt, lange als Idealtypus galt, entwickelten sich aus der Moskauer Fußballschule und dem niederländischen Total Voetbal die aktiven, mitspielenden Tormänner.

Robinsonaden
Wie der Tormann im Strafraum und darüber hinaus agierte oder reagierte, hing immer auch vom Regelwerk und von taktischen Entwicklungen ab. Waren mindestens drei verteidigende Spieler zwischen Torlinie und Angreifer positioniert, so galt dies von 1866 bis 1925 nicht als Abseits. Das Kombinationsspiel entwickelte sich in dieser Zeit langsam, für den Torerfolg bedurfte es scharfer und präziser Schüsse – und darauf spezialisierten sich auch die Tormänner. Als 1899 der englische Klub Southampton in Wien gastierte, sorgte Tor­mann Jack Robinson mit wagemutigen Hechtsprüngen zur Schussabwehr für Verzückung unter den Zuschauern. Auch der Fußballjargon hatte fortan seine „Robinsonade“.

Doch auch die aus der Literaturgeschichte wesentlich bekanntere Bedeutung des Begriffs trifft auf den Tormann zu, denn dort steht die Robinsonade als Motiv für Isolation und Einsamkeit. Symbolisch für die Isolation des Tormannes beschreibt Jonathan Wilson in seinem Buch „Outsider“ eine Begebenheit in Englands höchster Spielklasse aus dem Jahr 1937: Im Duell zwischen Charlton Athletic und Chelsea am ersten Weihnachtsfeiertag senkte sich während des Spiels eine dicke Nebelsuppe auf den Platz, sodass die Trainer ihre Mannschaften in die Kabine beorderten. 21 Spieler folgten dem Schiedsrichterteam. Nur Charltons Schlussmann Sam Bartram blieb allein an der Strafraumgrenze zurück und merkte erst nach einer Viertelstunde, dass das Spiel längst abgebrochen war. „Die Geschichte zeigt, dass der Torwart ein Außenseiter ist. Er ist nicht Teil der Mannschaft. Er ist der Spieler, den man schon einmal vergessen kann“, schreibt Wilson.

Held, Sündenbock, Cerberus
Haben die ersten Regeländerungen den Tormann in den Strafraum gedrängt, wurde seine Position durch die 1925 eingeführte Abseitsregel – die abgesehen von der seit 1990 in Kraft getretenen gleichen Höhe im Grunde bis heute gleich geblieben ist – weiter eingeengt. Denn dadurch rückten die Offensivreihen immer näher. Mehr und mehr mussten die Tormänner lernen, ihren Lebensraum zu verteidigen, indem sie den nächsten Schuss vorausahnten – bevor er sein Ziel fand. An den Spieler im Tor werden besondere Anforderungen gestellt, er braucht jedoch auch eine besondere Ansprache. Roland Goriupp, Tormanntrainer der österreichischen U21-Nationalmannschaft und in der Akademie des SK Sturm, sagt: „Du musst dem Einser das Vertrauen und die Gewissheit geben, dass er die Nummer eins ist. Gleichzeitig müssen aber die Reservisten das Gefühl haben, gleichwertig zu sein. Das Idealbild vom zweiten Tormann ist, dass der Einser mit einer starken Aktion Rot bekommt und der Ersatztormann den Elfer pariert. Beide sind Helden.“

Das ist, wie Goriupp selbst sagt, das Idealbild des Tormanns. Entscheidend für dessen Rolle ist jedoch das Dilemma dieser Position auf dem schmalen Grat zwischen Held und Depp. Fritz Hack vergleicht in seinem Buch von 1979 „Die Torhüter des Jahrhunderts“ den Tormann mit dem Höllenhund Cerberus aus der griechischen Mythologie und dessen großer Verantwortung als Wächter der Unterwelt: „Der Tormann ist der einzige Spieler einer Mannschaft, der ein Treffen verlieren kann. Er kann es aber niemals durch seine eigene Anstrengung gewinnen.“

Der Tormann ist damit auch der geborene Sündenbock: Als der letzte, der eingreifen kann, wird er schnell zu dem Spieler, dessen Scheitern am offensichtlichsten ist. So wurde etwa dem Tormann der besten ungarischen Nationalmannschaft aller Zeiten, Gyula Grosics, die Niederlage im WM-Finale 1954 fast alleine umgehängt, weil er vor Helmut Rahns Tor zum 2:2-Ausgleich eine Flanke unterlief und schließlich auch bei dessen Siegestreffer nichts mehr ausrichten konnte. Nach der WM wurde Grosics von seinem Stammverein Honved Budapest zum Zweitligisten Tatabanya strafversetzt.  

Illustration: Oliver Toman, Wald & Schwert 

Lesen Sie den gesamten Artikel in der aktuellen Ausgabe des ballesterer (Nr. 105 Oktober 2015). Seit 10. September österreichweit in den Trafiken sowie einige Tage später im deutschen und Schweizer Bahnhofsbuchhandel und digital im Austria-Kiosk der APA!

Referenzen:

Heft: 105
Thema: Tormänner
ballesterer # 120

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 13.04.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png