Der heilige Diego

cache/images/article_1948_diego_140.jpg Ein Sensationstransfer in letzter Minute brachte Diego Maradona 1984 zu Napoli. Dort holte er Titel um Titel und brachte die Reichen des Nordens zum Weinen. Danach kamen Kokain und Camorra. Für die Fans wird er trotzdem immer der Größte bleiben.
Jakob Rosenberg | 17.09.2012

»Wir haben Pasta e Fagioli aufgetischt, Salsicce und Friarielli, Taralli, Früchte und Wein, so viel man trinken konnte. Lauter Dinge, von denen die Leute hier normalerweise eine Woche leben«, sagt Giovanni Durante. Hier, das ist Neapel, die Metropole des italienischen Südens, und der Herr, dem all diese Herrlichkeiten geboten wurden, hatte einen fremden, aber bald vertraut klingenden Namen. »Am 10. Mai 1987 sind wir zu einer einzigen großen Familie geworden«, sagt  Durante. Er sitzt in einem offenen Geschäftslokal in der Via Vicaria Vecchia im zentralen Neapolitaner Stadtteil Forcella. An der Wand des kleinen Kulturzentrums hängen historische Aufnahmen der Stadt, in einer Ecke hat die junge Sophia Loren als Schaufensterpuppe überlebt. Es war genau dieser Film, »Gestern, heute und morgen«, der den Stadtteil Forcella bekannt machte. Loren spielte darin eine Zigaretten-Schwarzmarkthändlerin. Forcella, das war der Treffpunkt von Kleinhändlern, Gaunern, Camorristi. Und später dem besten Fußballer aller Zeiten: Diego Armando Maradona. In der Mitte des Ausstellungsraums ist heute ein kleiner Altar zu seinen Ehren aufgebaut. »Mit dem zweiten Titel ist er ein Heiliger geworden. San Diego, der neapolitanische Lausbub«, sagt Durante.

Davor hatten wir nichts
Die Geschichte des sportlichen Aufstiegs von Napoli beginnt in der Nacht auf den 1. Juli 1984. In der letzten Minute der Transferzeit wird Diego Maradona um die Ablösesumme von 13,5 Milliarden Lire aus Barcelona verpflichtet. Er ist damit der teuerste Spieler der Welt. Bei seiner Präsentation am 5. Juli ist das Stadion San Paolo voll. Maradona zeigt nicht nur ein paar Kunststücke, sondern findet auch die richtigen Worte: »Ich möchte das Idol der armen Buben in Neapel werden, denn sie sind so, wie ich in Buenos Aires war.« Der Verein hat zu diesem Zeitpunkt gerade einmal zwei Coppa-Italia-Pokale im Trophäenschrank, mit Maradona soll alles besser werden. Doch Napoli hat nach wie vor eine durchschnittliche Mannschaft. In der Saison 1983/84 ist der Verein nur Zehnter geworden, Maradona aber lebt sich schnell ein und ist auch regelmäßig bester Torschütze. Der Verein jedoch verbessert sich in der Meisterschaft nur langsam. In Maradonas erster Saison wird Napoli Achter, im Jahr darauf erhält er Verstärkung in der Spitze. Bruno Giordano kommt von Lazio und Andrea Carnevale von Udinese. Napoli wird Dritter.


Erst die darauffolgende Saison 1986/87 wird alles ändern. Napoli besiegt erstmals in seiner Geschichte Juventus in Turin. »In diesem Augenblick habe ich begriffen, dass er, der vor wenigen Monaten im Alleingang den WM-Titel geholt hatte, gewusst hat, dass es sich um einen besonderen Augenblick handelt; dass sich der Wind am 9. November des magischen Jahres 1986 gedreht hat, ein für alle Mal«, wird der Schriftsteller Maurizio de Giovanni später in »La presa di Torino« (Die Eroberung Turins) schreiben, das einzig dieser Auswärtsfahrt des Autors nach Turin gewidmet ist. Napoli kämpft bis zum Ende gegen Juventus um den Titel. Am 10. Mai 1987 reicht Napoli in der vorletzten Runde ein Unentschieden gegen Fiorentina zum Titel. Die Süditaliener sind erstmals Meister.


»An dem Tag haben wir gar nichts mehr verstanden, es war das reinste Chaos«, sagt Durante. »Diego hat uns unglaublich glücklich gemacht. Davor hatten wir nichts.« Napoli durchbricht erstmals die Dominanz der Vereine aus den großen Industriestädten des Nordens, ganz Neapel ist auf der Straße. »Besser einen Titel wie Löwen erkämpft als 22 dank Agnelli«, steht auf einem riesengroßen Transparent an der Piazza Santa Maria degli Angeli im Zentrum der Stadt. Maradonas Napoli hat sich gegen die Wirtschaftsmacht der Familie Agnelli, der mit FIAT das größte italienische Unternehmen gehört, durchgesetzt. Zum Saisonabschluss holt Napoli auch noch den Cup. Süditalien ist im Ausnahmezustand, möglich gemacht hat es ein Herr aus Argentinien namens Maradona.


Auch die Reichen weinen
In der Folgesaison schließt Napoli zunächst an die Leistungen aus dem Meisterjahr an, der Verein hat mit dem Brasilianer Careca eine weitere Verstärkung geholt. Es ist die Geburtsstunde von »Magica«, dem magischen Angriffsdreieck Maradona Giordano Careca. Fünf Runden vor Schluss hat Napoli 1987/88 fünf Punkte Vorsprung auf den AC Milan, der sich gerade mit den Europameistern Ruud Gullit und Marco van Basten verstärkt hat. Doch dann folgt der Einbruch, Napoli holt aus den restlichen Begegnungen nur noch einen Punkt und verliert auch das Heimspiel gegen Milan. Die Mailänder werden Meister, der Leistungsverfall Napolis führt zu zahlreichen Spekulationen. Gerüchte über Wettmanipulationen der süditalienischen Mafia Camorra machen die Runde, Beweise gibt es keine. Napoli baut den Kader massiv um, Maradona bleibt, der Klub wird 1988/89 abermals Zweiter, dieses Mal hinter Inter. Napoli kann sich immerhin mit dem Gewinn des UEFA-Cup-Finales gegen den VfB Stuttgart trösten.


In der Saison 1989/90 folgt das letzte Highlight der Maradona-Ära: Napoli gewinnt seinen zweiten Meistertitel, den Cup und den Supercup. War beim ersten Titel noch die alte Welt mit der FIAT-Dynastie Agnelli der Rivale, ist jetzt Fernseh- und Medienmillionär Silvio Berlusconi, nebenbei Milan-Präsident, Zielscheibe der Fans. »Hier in Forcella haben wir einen Traueralter für Berlusconi gebastelt ganz in Rot-Schwarz«, erzählt Durante. Die Stadt steht bei den Feierlichkeiten abermals Kopf, das meistzitierte Spruchband ist dem Gegner aus dem Norden gewidmet: »Berlusconi, auch die Reichen weinen.«

Kokain macht Siege
Im März 1991 aber weinen die Neapolitaner. Maradona wird bei einer Dopingprobe nach dem Heimspiel gegen Bari positiv auf Kokain getestet. Noch vor seiner zweijährigen Sperre flüchtet er zurück nach Argentinien. Dass Maradona Kokain konsumiert, ist schon lange ein offenes Geheimnis. Seine Beziehung zum Camorra-Clan der Giulianos ist ebenso stadtbekannt. Mit Carmine Giuliano lässt er sich sogar in dessen Muschelbadewanne ablichten.

Abgang und Untergang
Auf Maradonas Abgang folgt der sportliche Niedergang. In der Saison 1997/98 steigt Napoli in die Serie B ab, kann sich 1999 aber für eine Saison zurückkämpfen. Danach geht es endgültig bergab, im Sommer 2004 wird der Verein in Konkurs geschickt. Der Blick auf Maradona Erbe ist bis heute gespalten. »Alle sagen, dass uns Maradona mit seiner Drogengeschichte um weitere Erfolge gebracht hat. Ich sehe das anders: Schon zu seinen Barcelona-Zeiten war bekannt, dass er kokainabhängig ist. Er ist nur zu uns gekommen, weil Juventus ihn deswegen nicht geholt hat«, sagt Gennaro, der Napoli schon 1985 als Kind gesehen hat. »Wenn Maradona nicht süchtig gewesen wäre, hätten wir gar nichts gewonnen.« Maradona meidet seit seiner Abreise Italien, er hat hohe Steuerschulden. Nach Neapel kehrte er nur einmal zurück, im Juni 2005 für das Abschiedsspiel seines ehemaligen Teamkollegen Ciro Ferrara.


Die Neapolitaner aber stören sich nicht an der geringen Gegenliebe ihres Idols, Maradonas Konterfei ist allgegenwärtig. Jeder Fan kann sich zumindest an eine herausragende Aktion im Stadion oder eine persönlichen Begegnung erinnern. »Als Diego einen Infarkt hatte, habe ich ihm ein Foto meiner Tochter Annalisa geschickt und geschrieben, dass er es ans Herz halten soll, damit sie ihm helfen kann«, sagt Giovanni Durante. Auf der anderen Straßenseite liegt eine Schule, die den Namen seiner Tochter trägt. Am 27. März 2004 ist die 14-jährige Annalisa Durante hier in einen Schusswechsel zwischen Camorristi geraten. Ein Schuss von Salvatore Giuliano, einem Neffen des lokalen Bosses Ciro, hat sie getötet. »Ich weiß nicht, ob er das Bild von Annalisa je bekommen hat«, sagt Durante und beginnt zu schlucken. »Aber das Wichtigste ist, dass Diego wieder gesund ­geworden ist.«

 

Die Highlights aus Maradonas Zeit bei Napoli als youtube-Video 

 

 

Referenzen:

Heft: 75
Verein: SSC Napoli
ballesterer # 121

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