... der krieg ist längst erklärt ...

Arbeitslose Jugendliche, die dem Ärger über ihre ausweglose SItuation mittels Gewalt Luft machen. Rechtsradikale Rädelsführer, die das Stadion als Agitationsfläche nutzen um orientierungslose Kids zu ködern. Die Protagonisten dieses Szenarios sind im allgemeinen als Hooligans bekannt.
Christoph Summer | 12.05.2008
Das Klischee der wild gewordenen Asozialen hält sich hartnäckig in den Köpfen derer, die im allgemeinen mit der Szene nichts zu tun haben. Längst aber ist bekannt, dass sich eben diese Szene keinesfalls so homogen präsentiert wie uns das vor allem die Medien nach jedem Skandal weismachen wollen. Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass sich die Gemeinschaft der Hooligans aus allen Schichten der Bevölkerung rekrutiert. Während der Jurist die Bierflasche aufs Feld wirft, der Arzt den Sitz herausreißt und der Student die Eisenstange schwingt, zerren Schüler und Lehrling gemeinsam am Zaun, bis das daran befestigte Tor umfällt.
Was aber bewegt einen meist jungen bis mittelalterlichen Mann dazu, sich so zu gebärden? Worin liegt der Reiz dieser allwöchentlich stattfindenden Eskapaden? Etwas zu kurz dürfte die oft strapazierte Erklärung greifen, wonach die Ursachen bei den Medien und da allen voran beim Fernsehen bzw. Kino zu suchen und zu finden sind. Obwohl das einigen »Experten« wie Hauke Wagner als Begründung reicht, handelt es sich um nichts weiter als die platte Standardkonklusio, die immer dann herangezogen wird, wenn man keine anderen Ideen hat, haben will oder haben darf. Nicht nur für einige Soziologen, sondern auch für die Politik ist es anscheinend einfacher und bequemer das Problem der Gewalt im Stadion, aber auch der Gewalt in der Gesellschaft im Allgemeinen cineastisch zu begründen. Keine Frage: Wer würde nicht gern, nachdem Steven Seagal wieder einmal ein Eskimo-Paradies gerettet hat, schreiend und mordend durch die Straßen laufen? Auch wenn Gewaltverherrlichung im Kino ein Faktor ist, den man nicht außer Acht lassen kann, die ultimo ratio stellt diese Interpretation sicher nicht dar.
Viel bedeutendere Momente sind in diesem Zusammenhang die Verrohung der Allgemeinheit durch das tägliche Vorexerzieren der staatlichen, also der »legitimierten« Gewalt, nicht zuletzt im Stadion, sowie das im Neokapitalismus so beliebte Prinzip der »Ellbogengesellschaft«. Der Versuch, Begriffe wie »Klasse«, »Solidarität« oder »soziales Netz« aus den Köpfen der Menschen zu verbannen und durch die Schlagworte »Bürgergesellschaft«, »Eigenverantwortlichkeit« oder »Leistungsbereitschaft« zu ersetzen, trägt Früchte. Konnte man sich früher noch in gewissen Punkten auf den Staat verlassen, wie in der Frage der Ausbildung, der Arbeitsmarktpolitik oder des Gesundheitswesens, fallen diese Kernbereiche des sogenannten »Wohlfahrtsstaates« einer Radikal-Privatisierung zum Opfer. Nicht mehr die Bedürfnisse der Menschen, sondern die des, mittlerweile in allen Bereichen des Lebens gegenwärtigen, Marktes sind die ausschlaggebenden Faktoren. Hinzu kommt, dass die Kongruenz der politischen Programme der Parteien, die sich bestenfalls in Nuancen voneinander unterscheiden, dem Bürger jegliche Möglichkeit nimmt, am politischen Prozess zu partizipieren. Das hat der englische Ökonom, Philosoph und Logiker John Stuart Mill schon 1859 erkannt: »Da das Individuum an der Gestaltung des Ganzen keinen Anteil hat, bedeutet Freiheit nichts anderes, als die Möglichkeit des Individuums, sich den wechselnden Bedingungen schnell und optimal anzupassen [...].« Und das Individuum passt sich an. Der so offensichtlich um seine Freiheit betrogene Bürger versucht die Reste der ihm verbliebenen Libertät zu retten, und da es nicht mehr viele Bereiche gibt, wo ihm das gewährt wird, landet er in einem Gebiet, wo scheinbar Emotionen noch in ihrer ursprünglichsten Form ausgelebt werden können: beim Sport. Und hier im Speziellen beim Fußball.
In seinen Anfängen war der Kampf ums Leder in der Tat ein Volkssport mit so gut wie keinen Regulierungen. Wem das Treiben am Platz nicht gefiel, der konnte sich ohne Probleme selbst aufstellen und es besser machen. Es gab keine Zäune oder Gräben, die das hätten verhindern können. Ja man wollte es gar nicht verhindern. Nicht selten balgten sich am Ende des Spiels ganze Dorfgemeinschaften um etwas, das man aus heutiger Sicht nicht unbedingt als Ball bezeichnen würde. Mehr und mehr wurde das Spiel verschiedensten Reglementierungen unterworfen die schließlich darin gipfelten, dass die Zuschauer nicht nur nicht mehr eingreifen konnten, man verbannte sie sogar vom Feld und baute Zäune, um sie vom Geschehen fernzuhalten. Die so nicht mehr auf legalem Weg abbaubaren Aggressionen verlagerten sich weg vom Sportplatz auf die Tribünen und Straßen.
Seit es den modernen Fußball gibt, den Anfängen des 19. Jahrhunderts, hat er in den Ausschreitungen einen ständigen Begleiter. Wie bereits oben erwähnt, setzen sich die Mitwirkenden dieser Auswüchse nicht nur aus den sogenannten Randgruppen der Gesellschaft zusammen. Eine Form asozialen Verhaltens legen sie laut Andreas Buderus, ehemaliger Streetworker im Fanprojekt ANSTOSS in Köln, trotzdem an den Tag: »Der Hooligan an sich ist die Verkörperung der extremen Form postmoderner A-Sozialität im wahrsten Sinne des Wortes. A-Sozial nicht etwa deshalb, weil er gesellschaftlich und/oder ökonomisch marginalisiert ist [...] A-Sozial deshalb, weil sie das Credo des neoliberalen Kapitalismus, das Loblied der ungezügelten Aggressivität am konsequentesten, nämlich in der archaisch maskulinen Konfrontation Mann gegen Mann auch auf der Straße ausleben.« Wenige Tage, nachdem der französische Polizist David Nivel, Mitglied der Eliteeinheit CRS, die laut Augenzeugenberichten aufgrund ihres brutalen und unangemessen Einsatzes die Straßenschlacht provoziert haben soll, am 21. Juni 1998 in Lens während der WM 1998 von deutschen Hools schwer verletzt wurde, gab das VW-Vorstandsmitglied Klaus Kocks in der Süddeutschen Zeitung ein Interview unter dem Titel »Lieber Hooligan als Muckefucktrinker«. Dort beschimpft er politische Gegner, ruft den Wirtschaftskrieg aus und meint: »Man kann uns nicht als zimperlich bezeichnen.«
Die Gewalt des Marktes ist längst der bestimmende Faktor auch auf dem Spielfeld geworden. Am eindrucksvollsten demonstrieren das die zunehmenden Börsegänge der Vereine. So wie Konzerne ihre Gewinne mittels Massenentlassungen, also gewalttätiger Einschnitte in das Leben ihrer Angestellten, steigern, so wird auch am Rasen versucht, durch den Einsatz gezielter Härte die Aktionäre bei der Stange zu halten. »Der Aktienkurs einer Fußballaktie steht im direkt proportionalen Verhältnis zum Tabellenstand des Clubs. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass das taktische Foul  zur Verhinderung der Niederlage [...] den foul Spielenden aber doch zum Helden macht. Nicht das Fair Play steht im Mittelpunkt [...]. Im Gegenteil ist es genau das asoziale Verhalten, das den maximalen ökonomischen Erfolg unter dem Wolfsgesetz des Kapitalismus garantiert.« Durch das ständige Vorhalten, dass Gewalt ein probates Konzept zur Bewältigung von Krisen, sowohl in der Wirtschaft wie auch in der Politik darstellt, kommt es zu einer nicht ungewollten Konditionierung der Menschen, Gewaltausübung als etwas Alltägliches zu akzeptieren. Die Schattenseiten dieses Zustands ist man bereit in Kauf zu nehmen bzw. mit Hilfe der Exekutive zu unterdrücken und wegzusperren.

Referenzen:

Heft: 06
Rubrik: Thema
ballesterer # 82

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