Der letzte Revolutionär

Rinus Michels gilt als Erfinder des Totaalvoetbal. Für seine offensive Spielphilosophie setzte er auf kurze Pässe, ständige Positionswechsel, kollektive Intelligenz und außergewöhnliche Spieler.

Niemand habe ihn als Spieler und Trainer so viel gelehrt wie Rinus Michels, sagte Johan Cruyff. „Ich habe oft versucht, so zu sein wie er, und das ist wohl das größte Kompliment, das man jemandem machen kann.“ 1965, im Jahr nach dem Start von Cruyffs Profilaufbahn, übernahm Michels Ajax in Abstiegsangst und führte den Klub zu großen Erfolgen. Nach dem Gewinn des Landesmeistercup wechselte er 1971 zum FC Barcelona, Cruyff folgte ihm zwei Jahre später. Zudem war Michels Trainer der niederländischen WM-Mannschaft von 1974.

1999 kürte ihn die FIFA zum Trainer des Jahrhunderts. Michels wird als Erfinder des Totaalvoetbal gefeiert, der – wie der englische Taktikexperte Jonathan Wilson schreibt – letzten großen Revolution im Fußball, die aber vielleicht mehr Spielphilosophie als Taktik war. Michels Totaalvoetbal war Angriffsfußball, aber nicht notwendigerweise schöner Fußball. Mit dem brasilianischen jogo bonito hatte er die Betonung technischer Fähigkeiten und der Offensive und die Lust am Ballbesitz gemein. Aber Totaalvoetbal war nicht verspielt, sondern zielorientiert und ein durch und durch kollektives Konzept.

Die Schwarmintelligenz
Viele Elemente der Spielphilosophie sind heute eine Selbstverständlichkeit: angreifende Verteidiger, der mitspielende Tormann, das Hochschieben der Abwehrreihe, die Verbreiterung des Spielfelds bei Ballbesitz durch konsequente Einnahme der Außenpositionen und dessen Verengung bei Ballverlust, das Pressing tief in der gegnerischen Hälfte, das schnelle Umschalten von Defensive auf Offensive und die Betonung von Ballbesitz. Was heute als modernes Spiel gilt, geht auf die Jahre 1965 bis 1974 zurück, als die Niederlande das modernste Land im Weltfußball waren.

Michels’ anspruchsvolles Spiel der kaleidoskopischen Positionswechsel funktionierte, weil ihm eine Ansammlung intelligenter Spieler zur Verfügung stand – mit Johan Cruyff im Zentrum. Tatsächlich holte der Trainer nur zwei seiner zwölf Titel ohne ihn. Denn Cruyff verfügte über die Fähigkeit, das Spiel zu lesen, Situationen vorauszusehen und den Überblick in einem schwer durchschaubaren Treiben zu behalten, das zwischen kollektivem Angriff und kollektiver Verteidigung wog.   

Referenzen:

Heft: 115
ballesterer # 121

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Der nächste ballesterer fm erscheint am 18.05.2017.

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