Der Mann, der das Spiel war

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Mit ihm verlor der Fußball einen seiner Größten: Als Spieler führte Johan Cruyff die letzte große Revolution am Platz an, als Trainer vollendete er sie. Sein Erbe wird bleiben. 

Der Ball läuft über 16 Stationen, dann setzt der Spieler im orangen Trikot mit der Nummer 14 ab der Spielfeldmitte zu einem Sprint an, er umdribbelt einen Verteidiger, ein zweiter bringt ihn an der Strafraumgrenze zu Fall: Elfmeter, Tor. Die Bundesrepublik Deutschland hatte im WM-Finale noch nicht einmal den Ball berührt, da führten die Niederlande schon 1:0. Schlussendlich gewannen die Deutschen die Partie vom 7. Juli 1974 in München noch 2:1, nach dem Finale wurde dennoch mehr über die Verlierer gesprochen. „Der Pokal ging nach Deutschland, der Ruhm jedoch an die holländische Mannschaft“, schrieb der Corriere dello Sport. Verteidiger Ruud Krol hatte schon vor dem Finale erklärt: „Wir sind die wahren Weltmeister – auch wenn wir verlieren sollten. Was wir in sechs Spielen gezeigt haben, macht uns keiner nach.“

Der Star des Turniers war auch nicht der deutsche Kapitän Franz Beckenbauer, sondern ein schmächtiger, kettenrauchender Fußballer aus Amsterdam: Johan Cruyff. Der 27-Jährige wurde zum besten Spieler des Turniers gewählt. Der Journalist Ulfert Schröder schreibt in seiner Biografie: „Cruyff hat fasziniert, Beckenbauer nur begeistert.“

Profi statt Patriot
Die WM 1974 war für die Niederlande die erste nach dem Zweiten Weltkrieg, zuletzt hatte das Team 1938 teilgenommen. Das Nationalteam hatte bis dahin keinen besonders hohen Stellenwert, es war eher ein Hobby der Verbandsfunktionäre. Für die Spieler gab es dort nichts zu verdienen – abgesehen von ein bisschen Ruhm und Ehre. Während in der Liga der Professionalismus Einzug gehalten hatte, speiste der Verband die Teamspieler mit einer besseren Aufwandsentschädigung ab. So widmeten sie ihre Konzentration ganz ihren Arbeitgebern, schließlich waren Ajax Amsterdam und Feyenoord Rotterdam bereits Ende der 1960er zu europäischen Topadressen aufgestiegen.

Johan Cruyff war als Zehnjähriger in den Ajax-Nachwuchs aufgenommen worden, mit 17 absolvierte er am 15. November 1964 sein erstes Pflichtspiel für die Kampfmannschaft. In den folgenden neun Jahren gewann er sieben Meistertitel und von 1971 bis 1973 dreimal hintereinander den Europacup der Landesmeister. An der Nationalmannschaft hingegen hatte Cruyff zunächst kein Interesse. In der Qualifikation zur WM 1970 bestritt er nur zwei von sechs Spielen. Gegen den späteren Gruppensieger Bulgarien fehlte er in beiden Begegnungen, in Sofia unterlagen die Niederlande 0:2. Teamchef Georg Kessler sagte: „Eine Woche vor diesem Spiel haben fünf Spieler von Ajax abgesagt. Dabei war mit Sjaak Swart, Piet Keizer und Johan Cruyff der komplette Angriff von Ajax.“ Vor dem Rückspiel hatten die Bulgaren acht Punkte in der Tabelle, die Niederländer sechs. Das Team musste in Rotterdam gewinnen. Kessler berief die Mannschaft zu einem einwöchigen Trainingslager ein. Aber Cruyff war mit seiner Frau Danny nach Italien aufgebrochen. Sie hatte in Amsterdam ein Schuhgeschäft eröffnet, für das das Paar nun nach Ware suchte. „Cruyff hat mich angerufen und gesagt, dass er nicht kommen könne, da er etwas in Italien zu erledigen habe“, sagte Kessler. „Er kam erst drei Tage später an. Dann habe ich eine sehr schwierige Entscheidung getroffen – ich habe ihn weggeschickt.“ Ohne Cruyff kamen die Niederlande nicht über ein 1:1 hinaus.

Die Besten, die Teuersten
Die Situation änderte sich erst, als auch bei der Nationalmannschaft gut gezahlt wurde. Dafür sorgten vor allem Cruyff und sein Schwiegervater Cor Coster, die zuvor bereits bei Ajax das Gehaltsniveau angehoben hatten. Der zunächst nur mäßig fußballinteressierte Coster war zum ersten Spielerberater in der Geschichte des niederländischen Fußballs avanciert. Er handelte für seinen Schwiegersohn traumhafte Verträge aus. Cruyff unterschrieb 1971 bei Ajax einen Siebenjahresvertrag, der ihm ein jährliches Einkommen von 100.000 Gulden garantierte – inflationsbereinigt würde das heute knapp 200.000 Euro entsprechen. Hinzu kamen jährlich 60.000 Gulden Prämie von einem Sponsor. Bei Testspielen außerhalb der Saison kassierte Cruyff zudem zehn Prozent der Zuschauereinnahmen. Bald begaben sich auch andere Ajax-Akteure unter die Fittiche von Coster. In den frühen 1970er Jahren hatte Ajax nicht nur die beste, sondern auch die teuerste Mannschaft Europas. Als Cruyff 1973 zum FC Barcelona wechselte, wurde er dank Coster zum bestbezahlten Fußballer Europas.

Bei der Nationalmannschaft bekamen die Spieler zunächst nur 200 Gulden pro Einsatz und waren nicht einmal unfallversichert. Für Coster und Cruyff hatten es sich die Funktionäre des Verbands KNVB selbst zuzuschreiben, dass die Weltmeisterschaft seit 1938 ohne die Niederlande stattfand. Schlecht bezahlte Spieler, so ihre Argumentation, brachten nun einmal nicht die notwendige Leistung. Geld und Erfolg waren untrennbar miteinander verbunden. Vor der WM 1974 wurde, zum Leidwesen des Verbands, das gesamte Nationalteam Costers Klient. Für den Titel stellte ein Firmenkonsortium eine Prämie von 60.000 Gulden pro Spieler in Aussicht. Dennoch war Cruyffs WM-Teilnahme zunächst unsicher, der KNVB hatte im August 1973 mit der Freigabe für seinen Wechsel zum FC Barcelona gezögert. In den Niederlanden war die Transferperiode bereits abgelaufen, ein Wechsel wäre erst wieder im Dezember möglich gewesen. Cruyff drohte mit einem Rückzug aus der Nationalmannschaft. In Deutschland meldete das Boulevardblatt Bild: „Johan Cruyff setzt dem holländischen Verband die Pistole auf die Brust. Der 26-jährige Stürmerstar droht: ‚Wenn ich nicht die Freigabe für den FC Barcelona erhalte, spiele ich nie wieder für Holland.“ Der Verband gab klein bei.

Langweilige Hymnen
Bei der WM erreichten die von Cruyff angeführten Niederlande nach überzeugenden Siegen gegen Argentinien und Titelverteidiger Brasilien das Finale. „Diese Mannschaft und ihre orangefarbenen Trikots und ihre langen Haare und ihr Spiel, das war Glamour, Kunst, das war Triumph, das war, wie das Leben werden sollte“, erinnerte sich der heutige Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer an die WM, die er als Volksschüler erlebte. Doch der oft zugeschriebene Gegensatz zwischen den siegreichen deutschen Biedermännern und den Rebellen aus dem Nachbarland war alles andere als eindeutig. Die deutschen Spieler waren Brüder im Geiste. Beckenbauer ging etwa auf deutliche Distanz zu Fritz Walter, Weltmeister von 1954 und Idol seiner Elterngeneration: „Er glaubte an Kameradschaft und Nationalehre“, sagte Beckenbauer. „Für mich ist eine Fußballmannschaft eine Interessensgemeinschaft. Titel sind dazu da, dass sie gewonnen werden. Das ist nicht nur ein sportliches Ziel, sondern auch eine wirtschaftliche Notwendigkeit.“ Der DFB wollte jedem Spieler für den WM-Titel 30.000 Mark zahlen. Aber die Mannschaft wusste von den niederländischen Titelprämien und forderte 75.000. Die Verbandsoberen waren empört. „Ihr Verhalten ist schändlich für deutsche Sportsmänner“, soll DFB-Delegationsleiter Hans Deckert gesagt haben. Schließlich einigte man sich auf 60.000.

Cruyff und Beckenbauer sprachen über wirtschaftliche Aspekte ihres Berufs in einer Offenheit, die heute kaum vorstellbar und nur im politischen Kontext der damaligen Zeit verständlich ist. Patriotismus war nicht en vogue, nationales Pathos im Fußball überflüssig. Wenn bei Länderspielen die Hymnen erklangen, schauten die Spieler gelangweilt in die Luft oder wippten ungeduldig mit den Füßen. Es ging um das Spiel und ums Geld – und manchmal auch umgekehrt. Die Generation von Cruyff und Beckenbauer erkannte den Unterschied zwischen Idealismus und Betrug, zwischen Ehre und Ausbeutung, zwischen Ehrlichkeit und Scheinheiligkeit. Als Cruyff einmal in Verhandlungen von seinem Gegenüber belehrt wurde, dass Geld doch gar nicht so wichtig sei, antwortete er in der ihm eigenen Schlagfertigkeit: Wenn Geld nicht wichtig sei, dann könne er ihm ja sein gesamtes Geld geben.

Die Katze im Betondorf
Was es bedeutete, wenig Geld zu haben, lernte Johan Cruyff in der Kindheit. Sein Vater war Gemüsehändler, nach seinem frühen Tod 1959 arbeitete die Mutter als Putzfrau, anschließend in der Kantine von Ajax. Der junge Cruyff wuchs im Viertel Betondorp im Amsterdamer Osten auf, einem Stadtentwicklungsexperiment mit viel sozialem Wohnbau. Von dort bis zum Ajax-Stadion De Meer waren es nur wenige hundert Meter. Er kickte auf den Straßen und Plätzen rund um das Stadion. Als Kind war Cruyff klein und zierlich, in seinem Viertel lief er stets Gefahr, von älteren, kräftigeren Gegenspielern auf den Asphalt gelegt zu werden. Er entwickelte eine Vermeidungsstrategie, schulte seine Technik, Gewandtheit und das Auge für die Situation. Biograf Schröder beschreibt Cruyff als einen jener „Burschen, denen die Zähigkeit angeboren wird, die wild und geschmeidig und unverletzlich wie Katzen sind, die selbst dann gesund und am Leben bleiben, wenn sie sich aus Mülltonnen ernähren“.

Bei Ajax wurde Cruyffs Talent trotz der körperlichen Defizite erkannt und gefördert. Trainer Vic Buckingham setzte den Nachwuchsspieler nicht auf die Bank, sondern schickte ihn in die Kraftkammer. Auch Rinus Michels, der Ajax 1965 übernahm und Cruyff später auch bei Barcelona und in der Nationalmannschaft trainierte, verordnete Hantelübungen und Waldläufe. Cruyff selbst prägten die Erfahrungen, die er in seiner Jugend gemacht hatte. Was auf den ersten Blick als Nachteil erschien, eröffnete auch Chancen. „Kleine haben zwei Vorteile: Weil sie klein sind, müssen sie sich auf dem Spielfeld immer gut orientieren, müssen schnell handeln, sonst werden sie überrannt, entwickeln also eine gute Übersicht, und zweitens kann jemand, der technisch stark, aber körperlich schwach ist, fast immer beidfüßig spielen“, sagte er in einem Interview Anfang der 1980er Jahre.


Foto: Bert Verhoeff, CC BY-SA 3.0 NL

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Referenzen:

Heft: 115
Thema: Johan Cruyff
ballesterer # 119

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