Der Mann, der das Spiel war

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Mit ihm verlor der Fußball einen seiner Größten: Als Spieler führte Johan Cruyff die letzte große Revolution am Platz an, als Trainer vollendete er sie. Sein Erbe wird bleiben. 

Der Ball läuft über 16 Stationen, dann setzt der Spieler im orangen Trikot mit der Nummer 14 ab der Spielfeldmitte zu einem Sprint an, er umdribbelt einen Verteidiger, ein zweiter bringt ihn an der Strafraumgrenze zu Fall: Elfmeter, Tor. Die Bundesrepublik Deutschland hatte im WM-Finale noch nicht einmal den Ball berührt, da führten die Niederlande schon 1:0. Schlussendlich gewannen die Deutschen die Partie vom 7. Juli 1974 in München noch 2:1, nach dem Finale wurde dennoch mehr über die Verlierer gesprochen. „Der Pokal ging nach Deutschland, der Ruhm jedoch an die holländische Mannschaft“, schrieb der Corriere dello Sport. Verteidiger Ruud Krol hatte schon vor dem Finale erklärt: „Wir sind die wahren Weltmeister – auch wenn wir verlieren sollten. Was wir in sechs Spielen gezeigt haben, macht uns keiner nach.“

Der Star des Turniers war auch nicht der deutsche Kapitän Franz Beckenbauer, sondern ein schmächtiger, kettenrauchender Fußballer aus Amsterdam: Johan Cruyff. Der 27-Jährige wurde zum besten Spieler des Turniers gewählt. Der Journalist Ulfert Schröder schreibt in seiner Biografie: „Cruyff hat fasziniert, Beckenbauer nur begeistert.“

Profi statt Patriot
Die WM 1974 war für die Niederlande die erste nach dem Zweiten Weltkrieg, zuletzt hatte das Team 1938 teilgenommen. Das Nationalteam hatte bis dahin keinen besonders hohen Stellenwert, es war eher ein Hobby der Verbandsfunktionäre. Für die Spieler gab es dort nichts zu verdienen – abgesehen von ein bisschen Ruhm und Ehre. Während in der Liga der Professionalismus Einzug gehalten hatte, speiste der Verband die Teamspieler mit einer besseren Aufwandsentschädigung ab. So widmeten sie ihre Konzentration ganz ihren Arbeitgebern, schließlich waren Ajax Amsterdam und Feyenoord Rotterdam bereits Ende der 1960er zu europäischen Topadressen aufgestiegen.

Johan Cruyff war als Zehnjähriger in den Ajax-Nachwuchs aufgenommen worden, mit 17 absolvierte er am 15. November 1964 sein erstes Pflichtspiel für die Kampfmannschaft. In den folgenden neun Jahren gewann er sieben Meistertitel und von 1971 bis 1973 dreimal hintereinander den Europacup der Landesmeister. An der Nationalmannschaft hingegen hatte Cruyff zunächst kein Interesse. In der Qualifikation zur WM 1970 bestritt er nur zwei von sechs Spielen. Gegen den späteren Gruppensieger Bulgarien fehlte er in beiden Begegnungen, in Sofia unterlagen die Niederlande 0:2. Teamchef Georg Kessler sagte: „Eine Woche vor diesem Spiel haben fünf Spieler von Ajax abgesagt. Dabei war mit Sjaak Swart, Piet Keizer und Johan Cruyff der komplette Angriff von Ajax.“ Vor dem Rückspiel hatten die Bulgaren acht Punkte in der Tabelle, die Niederländer sechs. Das Team musste in Rotterdam gewinnen. Kessler berief die Mannschaft zu einem einwöchigen Trainingslager ein. Aber Cruyff war mit seiner Frau Danny nach Italien aufgebrochen. Sie hatte in Amsterdam ein Schuhgeschäft eröffnet, für das das Paar nun nach Ware suchte. „Cruyff hat mich angerufen und gesagt, dass er nicht kommen könne, da er etwas in Italien zu erledigen habe“, sagte Kessler. „Er kam erst drei Tage später an. Dann habe ich eine sehr schwierige Entscheidung getroffen – ich habe ihn weggeschickt.“ Ohne Cruyff kamen die Niederlande nicht über ein 1:1 hinaus.

Die Besten, die Teuersten
Die Situation änderte sich erst, als auch bei der Nationalmannschaft gut gezahlt wurde. Dafür sorgten vor allem Cruyff und sein Schwiegervater Cor Coster, die zuvor bereits bei Ajax das Gehaltsniveau angehoben hatten. Der zunächst nur mäßig fußballinteressierte Coster war zum ersten Spielerberater in der Geschichte des niederländischen Fußballs avanciert. Er handelte für seinen Schwiegersohn traumhafte Verträge aus. Cruyff unterschrieb 1971 bei Ajax einen Siebenjahresvertrag, der ihm ein jährliches Einkommen von 100.000 Gulden garantierte – inflationsbereinigt würde das heute knapp 200.000 Euro entsprechen. Hinzu kamen jährlich 60.000 Gulden Prämie von einem Sponsor. Bei Testspielen außerhalb der Saison kassierte Cruyff zudem zehn Prozent der Zuschauereinnahmen. Bald begaben sich auch andere Ajax-Akteure unter die Fittiche von Coster. In den frühen 1970er Jahren hatte Ajax nicht nur die beste, sondern auch die teuerste Mannschaft Europas. Als Cruyff 1973 zum FC Barcelona wechselte, wurde er dank Coster zum bestbezahlten Fußballer Europas.

Bei der Nationalmannschaft bekamen die Spieler zunächst nur 200 Gulden pro Einsatz und waren nicht einmal unfallversichert. Für Coster und Cruyff hatten es sich die Funktionäre des Verbands KNVB selbst zuzuschreiben, dass die Weltmeisterschaft seit 1938 ohne die Niederlande stattfand. Schlecht bezahlte Spieler, so ihre Argumentation, brachten nun einmal nicht die notwendige Leistung. Geld und Erfolg waren untrennbar miteinander verbunden. Vor der WM 1974 wurde, zum Leidwesen des Verbands, das gesamte Nationalteam Costers Klient. Für den Titel stellte ein Firmenkonsortium eine Prämie von 60.000 Gulden pro Spieler in Aussicht. Dennoch war Cruyffs WM-Teilnahme zunächst unsicher, der KNVB hatte im August 1973 mit der Freigabe für seinen Wechsel zum FC Barcelona gezögert. In den Niederlanden war die Transferperiode bereits abgelaufen, ein Wechsel wäre erst wieder im Dezember möglich gewesen. Cruyff drohte mit einem Rückzug aus der Nationalmannschaft. In Deutschland meldete das Boulevardblatt Bild: „Johan Cruyff setzt dem holländischen Verband die Pistole auf die Brust. Der 26-jährige Stürmerstar droht: ‚Wenn ich nicht die Freigabe für den FC Barcelona erhalte, spiele ich nie wieder für Holland.“ Der Verband gab klein bei.

Langweilige Hymnen
Bei der WM erreichten die von Cruyff angeführten Niederlande nach überzeugenden Siegen gegen Argentinien und Titelverteidiger Brasilien das Finale. „Diese Mannschaft und ihre orangefarbenen Trikots und ihre langen Haare und ihr Spiel, das war Glamour, Kunst, das war Triumph, das war, wie das Leben werden sollte“, erinnerte sich der heutige Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer an die WM, die er als Volksschüler erlebte. Doch der oft zugeschriebene Gegensatz zwischen den siegreichen deutschen Biedermännern und den Rebellen aus dem Nachbarland war alles andere als eindeutig. Die deutschen Spieler waren Brüder im Geiste. Beckenbauer ging etwa auf deutliche Distanz zu Fritz Walter, Weltmeister von 1954 und Idol seiner Elterngeneration: „Er glaubte an Kameradschaft und Nationalehre“, sagte Beckenbauer. „Für mich ist eine Fußballmannschaft eine Interessensgemeinschaft. Titel sind dazu da, dass sie gewonnen werden. Das ist nicht nur ein sportliches Ziel, sondern auch eine wirtschaftliche Notwendigkeit.“ Der DFB wollte jedem Spieler für den WM-Titel 30.000 Mark zahlen. Aber die Mannschaft wusste von den niederländischen Titelprämien und forderte 75.000. Die Verbandsoberen waren empört. „Ihr Verhalten ist schändlich für deutsche Sportsmänner“, soll DFB-Delegationsleiter Hans Deckert gesagt haben. Schließlich einigte man sich auf 60.000.

Cruyff und Beckenbauer sprachen über wirtschaftliche Aspekte ihres Berufs in einer Offenheit, die heute kaum vorstellbar und nur im politischen Kontext der damaligen Zeit verständlich ist. Patriotismus war nicht en vogue, nationales Pathos im Fußball überflüssig. Wenn bei Länderspielen die Hymnen erklangen, schauten die Spieler gelangweilt in die Luft oder wippten ungeduldig mit den Füßen. Es ging um das Spiel und ums Geld – und manchmal auch umgekehrt. Die Generation von Cruyff und Beckenbauer erkannte den Unterschied zwischen Idealismus und Betrug, zwischen Ehre und Ausbeutung, zwischen Ehrlichkeit und Scheinheiligkeit. Als Cruyff einmal in Verhandlungen von seinem Gegenüber belehrt wurde, dass Geld doch gar nicht so wichtig sei, antwortete er in der ihm eigenen Schlagfertigkeit: Wenn Geld nicht wichtig sei, dann könne er ihm ja sein gesamtes Geld geben.

Die Katze im Betondorf
Was es bedeutete, wenig Geld zu haben, lernte Johan Cruyff in der Kindheit. Sein Vater war Gemüsehändler, nach seinem frühen Tod 1959 arbeitete die Mutter als Putzfrau, anschließend in der Kantine von Ajax. Der junge Cruyff wuchs im Viertel Betondorp im Amsterdamer Osten auf, einem Stadtentwicklungsexperiment mit viel sozialem Wohnbau. Von dort bis zum Ajax-Stadion De Meer waren es nur wenige hundert Meter. Er kickte auf den Straßen und Plätzen rund um das Stadion. Als Kind war Cruyff klein und zierlich, in seinem Viertel lief er stets Gefahr, von älteren, kräftigeren Gegenspielern auf den Asphalt gelegt zu werden. Er entwickelte eine Vermeidungsstrategie, schulte seine Technik, Gewandtheit und das Auge für die Situation. Biograf Schröder beschreibt Cruyff als einen jener „Burschen, denen die Zähigkeit angeboren wird, die wild und geschmeidig und unverletzlich wie Katzen sind, die selbst dann gesund und am Leben bleiben, wenn sie sich aus Mülltonnen ernähren“.

Bei Ajax wurde Cruyffs Talent trotz der körperlichen Defizite erkannt und gefördert. Trainer Vic Buckingham setzte den Nachwuchsspieler nicht auf die Bank, sondern schickte ihn in die Kraftkammer. Auch Rinus Michels, der Ajax 1965 übernahm und Cruyff später auch bei Barcelona und in der Nationalmannschaft trainierte, verordnete Hantelübungen und Waldläufe. Cruyff selbst prägten die Erfahrungen, die er in seiner Jugend gemacht hatte. Was auf den ersten Blick als Nachteil erschien, eröffnete auch Chancen. „Kleine haben zwei Vorteile: Weil sie klein sind, müssen sie sich auf dem Spielfeld immer gut orientieren, müssen schnell handeln, sonst werden sie überrannt, entwickeln also eine gute Übersicht, und zweitens kann jemand, der technisch stark, aber körperlich schwach ist, fast immer beidfüßig spielen“, sagte er in einem Interview Anfang der 1980er Jahre.

Assist und Tor: Cruyff
1970 lief Cruyff, der zuvor länger pausiert hatte, in einem Ligaspiel gegen PSV Eindhoven zum ersten Mal mit der Nummer 14 auf dem Trikot auf. Der Neuner war von einem Teamkollegen besetzt. Zuvor hatte Cruyff die klassische Nummer der Mittelstürmer getragen, ohne wirklich einer zu sein. Denn eine der Qualitäten, die Cruyff auszeichnete, war seine Flexibilität. Als das niederländische Team 1974 Brasilien 2:0 schlug, machte er das zweite Tor und bereitete es selbst vor. Es war eine Demonstration von Technik, Virtuosität und strategischem Talent und ein Lehrstück in Sachen Spielbeschleunigung und Positionswechsel. Cruyff bekam den Ball in der Mitte der eigenen Spielfeldhälfte, dann ging es blitzschnell: Alleingang über 40 Meter, Pass nach links auf Rob Rensenbrink, der einen Doppelpass mit dem nach vorne stürmenden Außenverteidiger Krol spielte. Inzwischen war Cruyff in Richtung Tor gestürmt. Krol wurde bedrängt, konnte sich aber durchsetzen und vor das Tor flanken, wo Cruyff den Ball volley mit dem rechten Fuß am chancenlosen Keeper vorbei ins kurze Eck drosch. 42.000 Niederländer skandierten: „Holland wint de Wereld Cup.“

Doch er ließ sich auch immer wieder tief zurückfallen, um anschließend nicht in der Zentrale, sondern auf den Flügeln aufzutauchen und von dort aus das Spiel zu gestalten. Cruyff war weder ein Mittel- noch ein Flügelstürmer, sondern der Spieler, der die Angriffe plante, organisierte und anführte. Der Journalist Ludger Schulze schreibt in seiner „Geschichte des Europapokals“, Cruyff stelle einen neuen Spielertypus dar, der gleichzeitig Sturmspitze wie auch Wegbereiter für die Kollegen sein konnte.

Der Regent
Während Ajax dank des offensiven Totaalvoetbal Anfang der 1970er Jahre nicht nur einen Meistercup nach dem anderen gewann, sondern eine neue taktische Epoche einläutete, wurde der Star der Mannschaft mit individuellen Titeln überhäuft. 1971, 1973 und 1974 gewann Cruyff den von France Football verliehenen Ballon d’Or für den besten Fußballer Europas. Cruyff selbst suchte dafür scheinbar einfache Erklärungen. „Schnörkellosen Fußball zu spielen, ist das Allerschwierigste“, sagte er 1974 in einem Interview. „Schnörkellos spielen ist auch das Schönste. Wie oft siehst du einen Pass über 40 Meter, wenn auch 20 Meter gereicht hätten, oder einen Doppelpass im Strafraum, wenn sieben Spieler um dich herumstehen, während ein einfacher Querpass um die sieben Mann herum alles geklärt hätte.“

Dabei beherrschte Cruyff nicht nur das Eins-gegen-Eins-Duell, er glänzte auch durch schnelles und intelligentes Passen. Für den Totaalvoetbal mit seinen ständigen Positionswechseln war dies von elementarer Bedeutung. Präzises Passen hielt das Spiel flüssig und schnell. Im Zusammenspiel mit dem Positionswechsel erschwerte es die Manndeckung und forderte den Gegner nicht nur physisch, sondern auch mental. Wie dieses Konzept perfekt umgesetzt werden kann, bewies Cruyff am 17. Februar 1974 im Dress des FC Barcelona. Die Katalanen besiegten im Santiago-Bernabeu-Stadion Real Madrid 5:0. Cruyff leitete das Spiel nicht nur, er legte ein Tor mit einem Pass über das halbe Feld auf, ein weiteres durch eine Flanke nach einem Freistoß und eines erzielte er selbst, nachdem er im Strafraum drei Gegenspieler aussteigen lassen hatte. Im Rückblick wurde der Sieg zum Anfang vom Ende der Franco-Diktatur verklärt. Am Ende der Saison war der FC Barcelona Meister, zum ersten Mal seit 14 Jahren. Jorge Valdano, der ehemalige Real-Verteidiger, schrieb in seinem Buch „Über Fußball“: „Wenn man sagt, Johan Cruyff spielt wie ein Gott, dann ist das nur die halbe Wahrheit; was er eigentlich tat war, Spiele zu regieren. Er hatte Einfluss auf die Mitspieler, die Gegner, den Schiedsrichter, die Journalisten, das Publikum, den Ball, die Eckballfähnchen und die Coca-Cola-Verkäufer. Er war ganz allein seine Vorstellung.“

Mit 20 ausgelernt
Was Cruyff vor anderen Spielern auszeichnete, war weniger seine überragende Technik als seine Fähigkeit, ein Spiel zu verstehen und zu lenken. „Das Einzige, was ich habe und was andere weniger haben, ist Überblick, Durchblick. Das heißt, ich erkenne es einen Bruchteil früher, und da ich es einen Bruchteil früher erkenne, kann ich den Ball auch früher dort ablegen, wo er hinkommen muss.“ Für Cruyff war Fußball ein Spiel für den Kopf. Marco van Basten, der in seinen ersten beiden Profijahren bei Ajax noch mit Cruyff spielte und später von ihm trainiert wurde, sagte über ihn: „Er beherrschte alles schon seit seinem 20. Lebensjahr. Darum fing er schon sehr früh an, sich für Taktik zu interessieren. Obendrein sieht er alle Situationen so hellsichtig, dass er überall, wo er gespielt hat, bestimmt hat, wie gespielt werden soll.“

Dass ein Profi, der schon am Platz regiert, Trainer wird, liegt nahe. Anders als andere ehemalige Weltklassespieler wie Maradona, Pele und Beckenbauer, der immerhin Weltmeister wurde, war Cruyff als Trainer nicht nur erfolgreich, sondern prägend. Im Sommer 1985 übernahm er Ajax und gewann 1987 den Europacup der Cupsieger. Drei Jahre später ging er zum FC Barcelona, den er 1992 zum ersten Meistercupsieg führte. Dabei entwickelte er das von Michels etablierte Spielsystem weiter: schnelles und intelligentes Passen, die Beschleunigung des Spiels mit Hilfe des Balles und nicht der Beine – denn der Ball werde nicht müde, wie Cruyff einmal sagte. Das ist die philosophische Grundlage für das Spiel, das Barcelona noch heute spielt.

Die beiden Hälften der Welt
Doch in seinen ersten beiden Jahren als Trainer in Barcelona kümmerte sich Cruyff nicht nur darum, seine taktischen Visionen durchzusetzen und die dafür nötigen Spieler zu verpflichten. Er reformierte die Nachwuchsarbeit und sorgte für neue Verhältnisse zwischen Präsidium und sportlicher Leitung. Die Mitglieder des Vorstands wurden aus der Kabine verbannt. „Als ich nach Barcelona kam, habe ich auf einer alleinigen Kontrolle über die Kabine und Nichteinmischung durch den Präsidenten bestanden“, sagte Cruyff. Die Abneigung des Spielers gegen Funktionäre legte auch der Trainer Cruyff nicht ab. Die grauen Herren in den Vorstandsetagen sonnten sich im Ruhm der Spieler, die die Massen in die Stadien zogen und die Sponsoren anlockten. Zugleich verweigerten sie ihnen einen angemessenen Anteil am finanziellen Kuchen und behandelten sie wie Leibeigene. Außerdem verstanden sie nichts vom Fußball und blockierten so progressive Entwicklungen. 1996, da war Cruyff bereits seit gut zehn Jahren Trainer, schrieben die Journalisten und Cruyff-Vertrauten Frits Barend und Henk van Dorp: „Cruyff teilt die Fußballwelt in zwei Hälften auf: Trainer und Spieler auf der einen Seite, Vorstandsmitglieder auf der anderen. Die ersten beiden Gruppen müssen so solidarisch wie möglich miteinander sein gegenüber dem Vorstand.“

Doch noch in anderer Hinsicht verwischten bei Cruyff die Grenzen zwischen dem Spieler und dem Trainer. Denn er gab nicht nur Anweisungen vom Rand des Trainingsplatzes, sondern demonstrierte gern auch selbst, wie es gemacht wird. „Das Mitspielen finde ich immer noch am schönsten. Dabei siehst du ganz leicht die Fehler. Außerdem kann ich alles noch besser vormachen, als die Spieler es können.“

Die Eminenz
Johan Cruyff schlug bei seinen Stationen als Spieler und Trainer jedoch nicht nur Bewunderung und Respekt entgegen, er verstand es auch, Konflikte auszufechten. 1981 kehrte er im Alter von 34 Jahren zu Ajax zurück, zunächst als Technischer Berater von Trainer Leo Beenhakker, schon bald aber auch auf dem Platz. Sportlich war Cruyff eine Verstärkung, doch der Vorstand weigerte sich 1983, den gut dotierten Vertrag zu verlängern. Cruyff wechselte nach zwei Meistertiteln für sein letztes Profijahr zu Feyenoord, dem größten Rivalen, und gewann dort das Double. Seine Trainerkarriere beim FC Barcelona endete nach acht Jahren und einem ständigen Machtkampf mit der Vereinsführung. Cruyff hatte Präsident Josep Lluis Nunez früh zu verstehen gegeben, wer Ahnung vom Fußball habe und wer nicht. Der Präsident kam aus dem Baugewerbe, was Cruyff für eine Spitze nutzte: „Steine diskutieren nicht, deshalb ist es Nunez nicht gewohnt, dass man ihm widerspricht.“

Mit seiner Entlassung im Mai 1996 endete Cruyffs kurze Karriere als Profitrainer. Doch er blieb in Barcelona und kommentierte das Vereinsgeschehen als Kolumnist, den ab 2000 amtierenden Präsidenten Joan Laporta beriet Cruyff ohne offizielle Funktion. Und auch seinen ersten Klub, Ajax, ließ Johan Cruyff nie los – in der Boulevardzeitung De Telegraaf erschien über mehr als zwei Jahrzehnte eine Kolumne unter seinem Namen, in der er Spiele und Strukturen des Vereins auseinandernahm. Auch bei Ajax wurde er 2011 noch einmal Berater und Mitglied des Aufsichtsrats. Er setzte sich für eine Reform des Akademiebetriebs ein, um Ajax wieder zu früherer Stärke zu führen. Viele ehemalige Spieler wie Frank de Boer, Dennis Bergkamp und Marc Overmars unterstützten ihn in einer langwierigen Auseinandersetzung. Der Konflikt, der es bis vor ein Gericht schaffte, drehte sich auch um die Besetzung des Sportdirektorpostens mit Louis van Gaal. Aber Cruyffs Projekt, die Wiederauferstehung des großen Ajax, entpuppte sich als zu ambitioniert. Die Fußballwelt hatte sich seit dem großen Einstieg des Fernsehens und der immer elitäreren Champions League zu stark verändert.

Überlegen und offensiv
Cruyff forderte stets technisch brillanten und attraktiven Angriffsfußball, häufig ungeachtet der Möglichkeiten und unabhängig von der taktischen Ausrichtung des Gegners. Ein Hang zum Dogmatismus war ihm nicht abzusprechen. Bei der WM 2010 bekam das der niederländische Teamchef Bert van Marwijk zu spüren. Zwar wurde die Nationalmannschaft mit viel Defensive und Pragmatismus Vize-Weltmeister, doch das Finale gegen Spanien war davon geprägt, ein zweites München 1974 zu verhindern. Cruyff war das zu wenig. „Sie wollten den Ball nicht haben. Dieser unschöne, grobe, harte, auf Sicherheit bedachte, nicht sehenswerte und wenig fußballerische Stil – in Ordnung, es ist eine Art zu spielen und zu gewinnen, aber ich teile sie nicht.“

Cruyff war in seinen Urteilen schonungslos, und nicht immer gerecht. Valdano beschreibt ihn in seinem Buch als einen selbstsicheren Vorkämpfer des Fußballs, der seine Berühmtheit als Waffe verwende. „Er schießt nicht, um zu töten, sondern um die anderen seine Überlegenheit spüren zu lassen. ‚Journalisten, Funktionäre, Spieler: Ich bin Johan Cruyff’, sagt er und schaut – natürlich – herab. Er ist kein Mensch, der über seine Ideen mit sich reden lässt, und auch nicht über seine Launen.“

Das Vermächtnis
Cruyff hat nicht nur großartige Auftritte auf dem Platz hinterlassen, er hat die Entwicklung des Weltfußballs verändert. Fußball à la Cruyff bedeutet Ballbesitz und totale Offensive. Als Trainer von Barcelona ließ er manchmal mit nur zwei Verteidigern spielen. Im cruyffschen Fußball will der Spieler immer den Ball haben und ist ein Fußballspieler im wahrsten Sinne des Wortes. Auch in seinem Dogmatismus und seiner Streitlust war Cruyff wichtig: als Gralshüter und Prophet einer offensiven und unterhaltsamen Spielweise und als Kritiker jeder Form von destruktiver Defensivtaktik.

Als Johann Cruyff am 24. März 2016 im Alter von 68 Jahren verstarb, löste die Nachrichte eine Welle der Anteilnahme und Trauer aus. Im niederländischen Fernsehen liefen Sondersendungen, die Zeitungen druckten Extrabeilagen. Das Algemeen Dagblad titelte: „Unsterblich.“ Pep Guardiola, Cruyffs heute wohl berühmtester Schüler, sagte: „Ich wusste nichts über Fußball – bis ich Cruyff traf. Durch ihn haben wir den Fußball erst verstanden. Nichts von dem, was wir jetzt auf einem Fußballfeld sehen oder in den letzten 15 oder 20 Jahren gesehen haben, wäre ohne die Präsenz, das Charisma, das nicht zu übertreffende Talent Johans möglich gewesen.“ L’Equipe reichten zu seiner Würdigung vier Wörter: „Er war das Spiel.“



Foto: Bert Verhoeff, Anefo, CC BY-SA 3.0 NL


Referenzen:

Heft: 115
Thema: Johan Cruyff
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