Der Mann in Rot

cache/images/article_1994_ferguson_dizo_140.jpg Am 6. November 1986 nahm Alex Ferguson auf der Trainerbank von Manchester United Platz. 26 Jahre, 13 Meistertitel, fünf Cupsiege und zwei Champions-League-Titel später hat der 72-Jährige am Mittwoch bekannt gegeben, dass er sich nach Ende der Saison zurückzieht. Eine Annäherung an den Unnahbaren, an seine Leidenschaft, seine Weggefährten und seine Macht.
Stefan Kraft | 08.05.2013

Die Farbe Rot steht ihm ins Gesicht geschrieben: Alex Ferguson, Trainer der »Roten Teufel« von Manchester United, der am 6. November 2012 sein 26. Dienstjahr auf diesem Posten vollendete. Der Mann mit dem hohen Blutdruck, nach eigenen Worten in einer »zutiefst proletarischen Gegend von Glasgow« aufgewachsen und ein Leben lang der Labour Party verbunden, feierte seine ersten großen Erfolge als Trainer mit den »Reds« aus Aberdeen. Große Risikobereitschaft, die Ferguson immer wieder in Zwangslagen bringen sollte, und die nicht mehr zählbaren Momente, wenn ihm das Blut in den Kopf stieg und ihn die Beherrschung verließ - diese Mischung hat seine Karriere und Persönlichkeit wie von selbst vorangetrieben. Doch sucht man nach dem roten Faden in seinem Leben, dann zeigt sich: Alex Ferguson verstand es wie kein Zweiter, den historischen Wendepunkt des Fußballs zu meistern. Als der Sport ein globalisiertes Geschäft wurde, als Fernsehgelder und Marktwerte von Vereinen und Spielern explodierten, da betrat Ferguson den roten Teppich. Und wenn Fußball wirklich, wie sein berühmtester Ausspruch lautet, eine »bloody hell« ist, thront Ferguson über den roten Flammen, die sein Gesicht erhellen.

Die rote Erde Schottlands
»Es wird nicht noch einmal passieren.« Wer kann dem 71-jährigen Alex Ferguson diesen Ausspruch übelnehmen, als er im Herbst 2012 sein 1.000. Ligaspiel als Trainer von Manchester United hinter sich brachte? Unwahrscheinlich, dass in der ständig sich beschleunigenden Fußballwelt noch einmal ein Trainer so lange seines Amtes walten darf, durch alle sportlichen und finanziellen Krisen hindurch. Vielleicht in Hull, Burnley oder East Stirlingshire, keinesfalls aber bei Chelsea, Liverpool oder Manchester United, dem Klub mit dem weltweit höchsten Markenwert.


Die Wegsteine einer so imposanten Karriere werden früh gelegt, sehr früh sogar. Und man muss nicht dem Schicksal das Wort reden, um zu erkennen, dass viele Umstände zusammenfallen mussten, um den Erfolg von Ferguson zu ermöglichen. Keiner dieser Faktoren ist für sich genommen so wesentlich wie Fergusons unerbittlicher Charakter, seine Arbeitswut, sein Drang an die Spitze. Aber ohne historische Weichenstellungen wäre er nicht über all die anderen begabten Fußballer hinausgewachsen, die wie er in den 1940er und 1950er Jahren in Schottland heranwuchsen.


In jenem Schottland, dessen Nationalmannschaft in internationalen Bewerben schon so lange nur mehr zum Gaudium taugt, dass man vergessen hat, welche Bedeutung dieser Landstrich für die Entstehung des Fußballs hatte. Sein Glanz wäre ohne die zeitweiligen europäischen Erfolge der Glasgower Klubs Celtic und Rangers seit 100 Jahren verblasst. Und wäre da nicht eine schier unglaubliche Tradition schottischer Trainer, die mit englischen Vereinen die Welt dominierten.


Glasgower Trainerschmiede

Zu Beginn der Saison 2012/13 wurden fünf der 20 Klubs in der Premier League von Schotten trainiert. David Moyes, der nun als Nachfolger von Ferguson gehandelt wird, werkte in seinem zehnten Jahr bei Everton. Paul Lambert trainierte Norwich und wechselte später zu Aston Villa, wo er seinen Landsmann Alex McLeish ersetzte. Steve Clarke war bei West Bromwich Albion tätig und Alex Ferguson ging dem 26-jährigen Jubiläum bei Manchester United entgegen. Kenny Dalglish hatte Liverpool erst vor ein paar Monaten verlassen. Mit Ausnahme von Clarke wurden sie alle in Glasgow geboren.


Noch eindrucksvoller liest sich die Liste derjenigen Schotten, die für die Fergusons, Moyes und Dalglishs den Weg ebneten. Matt Busby, 25 Kilometer südöstlich von Glasgow geboren, formte in den 1950er Jahren jene legendäre Manchester-United-Mannschaft, die sich als »Busby Babes« anschickte, den europäischen Fußball zu dominieren, ehe der Flugzeugabsturz in München 1958 sie ihrer besten Spieler beraubte. Dem Genie Busby gelang jedoch ein Neuanfang, der im Meistercup-Sieg von 1968 gipfelte. Busbys größter Konkurrent hieß Bill Shankly, stammte aus einem mittlerweile aufgelassenen Kohlebergwerksdorf südlich von Glasgow und führte Liverpool 1965 zum ersten Cupsieg und einem historischen Erfolgslauf.


Die Erklärung für die fortbestehende Dominanz schottischer Trainer und für zweieinhalb Jahrzehnte Ferguson an der Spitze von Manchester United liegt in dieser Tradition. Während schottische Spieler nur in Ausnahmefällen zu den besten ihrer Zunft zählten, wurde die taktische Raffinesse weitergegeben und gepflegt. Das mag mit der Fußballverrücktheit Glasgows zu tun haben, der einzigen Stadt außer Istanbul, die über drei Fußballstadien mit mehr als 50.000 Sitzplätzen verfügt, aber nur über 600.000 Einwohner. War man spielerisch nicht dazu in der Lage, gegenüber dem englischen Nachbarn ebenbürtig aufzutreten, so setzte man die Fußballkenntnis eben in der höheren Etage um. Jock Stein gewann 1967 mit Celtic Glasgow als erster britischer Mannschaft den Meistercup und er nahm sich des jungen Alex Ferguson an, um ihm entscheidende Ratschläge mitzugeben.


Der Verweis auf die Arbeiterklassenherkunft schottischer Trainer trägt hingegen nur bedingt dazu bei, ihren Aufstieg zu erklären. »Sie wurden nicht mit einem silbernen Löffel im Mund geboren eher schon mit einem Löffel aus Plastik«, sagte dazu der heute älteste Trainer der schottischen Premier League, Craig Brown, der ein Jahr vor Ferguson geboren wurde. Die Schiffswerften, in denen der Vater des kleinen Alex arbeitete, und die Kohleminen um das Haus von Bill Shankly gab es auch in England und Wales zuhauf, dennoch entsprang diesen Regionen nicht eine derartig stattliche Anzahl an Startrainern. Aus diesem Elend herauszukommen, war sicherlich ein Ansporn für den jungen Fußballer Ferguson, der über seinen Schritt ins Profitum 1964 sagte: »Als Lehrling bei einem Werkzeugmacher musste ich in der Früh aufstehen und mich in einen überfüllten Bus nach Hillington setzen, in dem alle wie die Verrückten rauchten. Aber als ich mein erstes Auto bekam und jeden Morgen in der frischen Luft nach Dunfermline fahren konnte was war das für ein Unterschied! Ich entschied, dass ich weiter im Fußball bleiben wollte, und im nächsten Sommer begann ich die Trainerausbildung.«


Als Profifußballer würde er nicht hochhinauskommen, das wusste der junge Ferguson instinktiv. Also beschloss er, sich im Alter von 24 Jahren zum Trainer ausbilden zu lassen. Darin besteht das eigentliche Geheimnis vieler schottischer Trainerkarrieren. So gut wie alle der aktuellen Premier-League-Coaches mit schottischer Herkunft interessierten sich schon frühzeitig für taktische Hintergründe und hatten ihren Trainerschein in der Tasche, bevor sie den Platz als Kicker verließen. Vertraut man den Worten von Jock Stein über seinen Schützling Ferguson, hilft es sogar, kein besonders guter Spieler gewesen zu sein: »Die besten Spieler werden normalerweise nicht die besten Trainer, weil ihnen alles zu leicht fällt. Sie denken nie wie ein durchschnittlicher Spieler, also können sie mit ihnen auch nicht umgehen«, sagte Stein. »Alex war immer ehrgeizig, aber nicht so begabt wie andere Spieler, und das zwang ihn dazu, sich über den Fußball seine Gedanken zu machen. Man kann es daran sehen, wie er immer den kleinen Vorteil sucht, der einen das Match gewinnen lässt.«

 

Macht, Kontrolle und ein Fön
Bei Drucklegung dieser Ausgabe ist Billy Stark schottischer Nationaltrainer, wenn auch nur interimistisch. Jener Billy Stark, den Ferguson als 19-Jährigen zu seinem damaligen Verein St. Mirren holte. Hätte sich David Beckham bei Stark nach Fergusons Methoden erkundigt, hätte er sich eine Platzwunde erspart. Denn 26 Jahre bevor Alex Ferguson in der Kabine von Old Trafford einen Schuh nach Beckham schoss und ihn damit ins Krankenhaus brachte, hatte er schon auf Stark gezielt. Der kam mit einer Schulterprellung davon, wie der schottische Journalist Patrick Barclay in seiner Ferguson-Biografie festhält.

Wahrscheinlich können die meisten von Fergusons Spielern bei East Stirlingshire (1974), St. Mirren (1974-1978), Aberdeen (1978-1986), Schottland (1985-1986) und Manchester United (seit 1986) derartige Anekdoten erzählen. Über die sie heute lachen - wenn auch gequält. Auf den United-Spieler Mark Hughes soll Fergusons Spitzname »hair dryer« (Fön) zurückgehen, der eine seiner bevorzugten Konversationsmethoden beschreibt: möglichst nahe vor dem Gesprächspartner aufbauen und ihm mit voller Wucht ins Gesicht schreien. Wenn Ferguson besonders schlecht aufgelegt ist, bläst er so auch unliebsame Journalisten um.

So lustig sind sie gar nicht, die cholerischen Anfälle, unter denen Ferguson und sein Umfeld seit Jahrzehnten leiden. Wie es sich für einen Choleriker gehört, flaut die Erregung meistens schnell wieder ab. Diese Schwäche seines Charakters, die ihn etwa auf David Beckham schießen ließ, gibt Ferguson gerne als Stärke aus. Würde er nicht die Kontrolle verlieren, würde er die Kontrolle verlieren, wie er im Jänner 2010 Philosophiestudenten am Trinity College in Dublin erklärte: »Ich bin auf zwei wesentliche Dinge draufgekommen: Macht und Kontrolle. Kontrolle ist wichtig, sehr, sehr wichtig. Meine Kontrolle ist am wichtigsten für mich. Wenn ich die Kontrolle über die Multimillionäre in der Kabine von Manchester United verliere, dann bin ich tot. Also verliere ich nicht die Kontrolle. Wenn jemand außer meine Kontrolle gerät, dann ist er tot.«

Ein typisches Beispiel für die allzu freie Rede des Sir Alex Ferguson und doch offenbaren diese Sätze seinen Zugang zu Spielern und Vereinen. Er will sie nicht einfach nur trainieren, ihnen eine Taktik verschreiben, ein System verpassen; Ferguson braucht die Kontrolle über sie und eine Machtfülle, die ihm dieses schier unbegrenzte Maß an Kontrolle zusichert.

Fergusons Ausbrüche werden aber auch zum Bestandteil seiner psychologischen Strategie gegenüber den Kickern, die sich insgesamt recht rustikal ausnimmt: Überraschend zum Training auftauchen, das seine Assistenten abhalten, oder den Spielern im Pub nachspüren, wie er es am Anfang seiner Manchester-United-Karriere tat, als es galt, den weit verbreiteten Alkoholkonsum zu beenden. Die Spieler respektieren die Härte Fergusons, da er diese nicht nur gegen sie richtet, sondern auch gegen sich selbst. Seit 26 Jahren ist Ferguson um sieben Uhr früh in seinem Büro anzutreffen. Manchmal früher, nie später.

Seine Rauheit schüchterte nicht nur die zart besaiteten Kicker ein, sie verband ihn auch mit den zwei wichtigsten United-Spielern der 1990er Jahre, Roy Keane und Eric Cantona. Wahrscheinlich hätten die meisten anderen Trainer deren Temperamente nicht zügeln können - das des eisenharten Keane, von Anpfiff an stets von der Roten Karte bedroht, und das des ebenso genialen wie egomanischen Cantona, der bei keiner Konfrontation zurücksteckte. Noch bevor Fergusons Gespür für den Nachwuchs zu greifen begann, bildeten diese Spieler das Rückgrat einer United-Mannschaft, die 1993 mit Cantona das erste Mal nach 26 Jahren die Meisterschaft und 1994 mit Cantona und Keane das erste Double überhaupt gewann. Ferguson kontrollierte die beiden Unkontrollierbaren - nicht nur, weil ihr Naturell dem seinen entsprach, sondern weil er auch in ihren schlimmsten Phasen loyal zu ihnen stand. Diese Eigenschaft zeichnet Ferguson bei aller Streitlust ebenso aus: eine oft ins Absurde übersteigerte Parteinahme für seine Spieler, mögen sie Eric Cantona, Roy Keane, Cristiano Ronaldo oder Wayne Rooney heißen.

Der Richter und seine Henker
Die Rolle, in die Ferguson dabei täglich schlüpft, ist weniger diejenige eines Trainers als die eines Managers, der sportliche Aufgaben abgeben kann, aber nicht sein Stimmrecht bei Spielertransfers. Seit seiner ersten Glanzphase bei Aberdeen hat Ferguson gelernt, dass sein Platz am Trainingsgelände freibleiben darf - und umgab sich mit Co-Trainern und Assistenten, die zu seinem Erfolg einen beträchtlichen Anteil beitrugen. Wie groß dieser genau ist, darüber ergehen sich Beobachter in wildesten Spekulationen. Aber wenn Ferguson nur selten die Trainingshosen anzieht, so beweist das auch seine Fähigkeit zum Delegieren. »Er ist heutzutage nicht mehr der klassische Trainer, der jeden Tag auf dem Platz steht. Er sitzt die Hälfte der Woche, manchmal noch länger, in seinem Büro und lässt seine Assistenten das Training leiten. Am Ende der Woche holt er sich die Informationen und erreicht die Mannschaft auf der emotionalen Ebene sehr schnell«, sagt der in England tätige Journalist Raphael Honigstein.

Fergusons wichtigster Weggefährte war Archie Knox, der aus dem Norden Schottlands stammte und Zeit seines Trainerlebens fast immer in der zweiten Reihe stand, ob bei den Glasgow Rangers, der schottischen Nationalmannschaft, Everton oder Millwall. Seine große Zeit erlebte er ab 1980 als Fergusons Co-Trainer bei Aberdeen. Schon in seinem dritten Jahr auf der Bank begleitete er die Mannschaft nach Göteborg, um dort gegen Real Madrid den Cup der Cupsieger zu holen. Knox sollte Ferguson auch beim wichtigsten Schritt seines Lebens begleiten, jenem nach Manchester im November 1986.

 

In einem Interview mit dem Scotsman im Oktober 2011 erzählte Knox, die Entscheidung sei innerhalb von nicht mehr als 25 Sekunden getroffen worden. Gemeinsam hausten sie in der Anfangszeit in Manchester wie ein Ehepaar, das sich gegenseitig Frühstück zubereitete und an freien Abenden gemeinsam ins Kino ging. Und sie standen die erste große Krise gemeinsam durch, als Ferguson 1989 nach drei Jahren ohne Titel kurz vor dem Aus stand und ihm ein dramatischer Cupsieg den Job rettete. Dennoch verließ Knox im Frühjahr 1991 Manchester und Ferguson - eine Woche später gewann United gegen Barcelona das Finale im Cup der Cupsieger. Kurios ist die Begründung, die Knox 21 Jahre später dafür zu Protokoll gibt: Er sei zu den Glasgow Rangers gewechselt, weil er dort weitaus mehr Geld verdienen konnte.

Andere Co-Trainer hatten ein besseres Timing. Brian Kidd, der Nachfolger von Archie Knox, erlebte die Erfolgswelle bis 1998 mit und Steve McClaren gewann von 1999 bis 2001 drei Meistertitel und das Treble 1999. Unter Fergusons weiteren Assistenten sticht auch Carlos Quieroz (2002-2003 und 2004-2008) heraus, von den Fans oftmals angefeindet, von seinem Vorgesetzten bis aufs Blut verteidigt. Sie alle sind Bestandteil des Fergusonschen Masterplans, denn ohne sie wäre die totale Kontrolle über die Multimillionäre in der Kabine nicht gelungen.

Honigstein sieht die Arbeitsteilung so: »Ferguson managt den ganzen Klub, das Training der Mannschaft ist dabei nur ein kleiner Teil. Es gibt in Europa kaum einen Klub, wo der Trainer entscheidet, ob ein Spieler einen neuen Vertrag bekommt. Ferguson kann das und manipuliert so die Spieler und die Situation nicht über seine Funktion als Trainer, sondern über andere Kanäle.«

Der Machthaber und die Mächtigen
Als Alex Ferguson am 6. November 1986 seinen neuen Job in Old Trafford erhielt, waren gerade tausende seiner Landsleute arbeitslos geworden. Von 1984 bis 1985 hatten die Bergarbeiter in Schottland und im Norden Englands einen blutigen Streik aufrechterhalten. Es war ein letzter großer Versuch, dem Verwüstungswerk Margaret Thatchers Einhalt zu gebieten, das Großbritannien unwiderruflich verändern sollte. »Old Labour«, die Partei von Vater und Sohn Ferguson, hatte ausgedient, die Niederlage war besiegelt, das letzte Rot auf der Fahne verblichen. Eine neue Zeit brach an in der Labour Party, die Gewerkschaften wurden zurückgedrängt, die berühmte »Clause Four«, die die Verstaatlichung der Wirtschaft forderte, aus dem Parteiprogramm gestrichen. Tony Blair betrat die Bühne, und sein prominentester Unterstützer hieß Alex Ferguson.

Eine Anekdote, die der Journalist Michael Crick in seiner Ferguson-Biografie »The Boss« wiedergibt, handelt davon, wie der junge Schotte Tony Blair eines Abends im Jahr 1983 kurz davor steht, zum Spitzenkandidat eines Wahlkreises in der Nähe seiner Heimatstadt Edinburgh gewählt zu werden. Er muss auf seinen ersten wichtigen politischen Posten aber noch warten, bis sich die Delegierten das Finale im Cupsiegerbewerb zwischen Aberdeen und Real Madrid im Fernsehen fertig angesehen haben. Alex Ferguson holt sich mit dem 2:1 in der Nachspielzeit den Pokal, Tony Blair mit seiner Nominierung einen Parlamentssitz.

Blair fühlte sich am Anfang seiner politischen Karriere der Linken der Labour Party zugehörig, definierte sich als Marxist und Sozialist und trat für die nukleare Abrüstung ein. Später sollte er die »Clause Four« entsorgen und fünf militärische Interventionen in sechs Jahren anordnen, darunter den umstrittenen Irak-Krieg 2003. Alistair Campbell, der »spin doctor« hinter Blair, schreibt in seinen Erinnerungen an die Zeit vor der Schicksalswahl 1997, als »New Labour« in einem Erdrutschsieg an die Macht kam, von zahlreichen Gesprächen zwischen Blair und Ferguson. Meist geht es um Banalitäten - Ferguson verordnete Blair einen Masseur und regelmäßige Ruheperioden - oder um Kuriositäten, zum Beispiel in der Wahlnacht, als Ferguson die Labour-Zentrale im Fernsehen sieht und Blair anruft, damit dieser den Vorhang zumache.

Über all die Jahre blieb Ferguson der Partei der Arbeiterklasse treu, selbst als diese die meisten ihrer Ideale entsorgt hatte. Die Analogie zum Fußball liegt nahe, die Verbindung zum Fußball ebenso. In seiner Autobiografie berichtet Ferguson von einem Vorfall während des großen Streiks von 1984/85. Er und Jock Stein seien gemeinsam unterwegs gewesen, als ein Bergarbeiter um eine Spende bat und Stein ihn energisch darauf hinwies, der Bitte nachzukommen: »Ich bin überrascht, dass ausgerechnet du diese Leute vergessen hast.« Mehr als zehn Jahre später war Ferguson nicht nur erfolgreich in den modernen Fußball übergewechselt, sondern auch zu »New Labour«. Beide, Blair und Ferguson, hatten die Zeichen einer Zeit erkannt, in der sie mit ihren Talenten ganz nach oben kommen konnten. Und beide taten dies sowohl mit einem gewaltigen Durchsetzungsvermögen als auch mit gewaltigem Opportunismus.

Nachdem mit dem Entstehen der Premier League 1992 die großen Fernsehgelder in den englischen Fußball gespült wurden, begann wenige Jahre später die Schlacht um die Besitzverhältnisse in den Vereinen. Manchester United ging 1991 an die Börse, wenig später konkurrierten mehr oder weniger finanzkräftige Interessenten um die Übernahme der Aktienmehrheit. Während Medientycoon Rupert Murdoch noch von protestierenden Fans davon abgehalten werden konnte, sich den Verein einzuverleiben, traten wenig später zwei irische Geschäftsmänner auf den Plan. John Magnier und J. P. McManus stockten sukzessive ihre Anteile auf, bis sie zu den beherrschenden Figuren des Klubs wurden.

Magnier freundete sich rasch mit Ferguson an, schließlich verband beide eine gemeinsame Leidenschaft: Pferderennen. Der führende Züchter für Rennpferde in Irland und der passionierte Wetter sollten eine verhängnisvolle Affäre eingehen. Ferguson erwarb einen Anteil am erfolgreichen Hengst »Rock of Gibraltar«, doch Magnier weigerte sich, die von Ferguson reklamierten Gewinne auszuzahlen. Die Auseinandersetzung wurde schmutziger - und sie endete mit einer empfindlichen Niederlage für Ferguson. In diesem einen Fall war er an den Stärkeren geraten. Magnier nutzte Ungereimtheiten rund um Spielertransfers von United, an denen Fergusons Sohn Jason beteiligt war, um den unantastbaren Manager anzugreifen. Schließlich stimmte Ferguson einer außergerichtlichen Einigung mit Magnier zu, die ihm nur einen Bruchteil der erhofften Gewinne überließ. Sohn Jason wurde von den Vereinsverantwortlichen von zukünftigen Transfers ausgeschlossen.

Im Gegensatz zu einem Großteil der Fans bedrückte es Sir Alex daher nicht, als Magnier und McManus ihre Anteile im Mai 2005 an den Amerikaner Malcolm Glazer und seine Familie verkauften. Er war einen mächtigen Feind im Verein los. Mit den neuen Eigentümern, die innerhalb weniger Monate die Anteile aller anderen Aktionäre übernahmen, würde er sich schon arrangieren. Geflissentlich übersah er dabei, dass die Glazers daran schritten, die Existenz des 127 Jahre alten Vereins zu bedrohen. Ihre Übernahme geschah mit Geldern, die sie sich aus allerlei Quellen borgten, um diese Schulden zu einem Teil wieder dem Klub zu überantworten. Der Verein war durch diese Wahnsinnstat in die roten Zahlen geschlittert, am absoluten Höhepunkt 2010 war fast eine Milliarde Euro an Schulden offen. Während Hedgefonds aus der United-Kassa bedient wurden, riefen die Fans nach der Übernahme durch die Glazers zu einem umfassenden Protest auf, der in Old Trafford seither nicht mehr abgeflaut ist. Nur Alex Ferguson nahm daran nicht teil.

Die rote Flut
26 Jahre sind eine lange Zeit für eine Beziehung. Ferguson stellte die Fans schon vor Glazers Machtübernahme mehrmals auf die Probe, mehrmals versagten sie ihm die Gefolgschaft, um später wieder reuig zurückkehren. Will man Manchester United treu bleiben, muss man wohl oder übel auch Ferguson treu bleiben. Auch wenn die Ehe immer wieder kurz vor der Scheidung stand, überwiegen in der Erinnerung die Momente eines gemeinsamen Höhenflugs.

Vor über 13 Jahren bescherten Ferguson und Manchester United ihren Fans einen der denkwürdigsten Abende der Fußballgeschichte. Am 26. Mai 1999 traf die Mannschaft, die bereits im selben Monat die Meisterschaft und den FA-Cup gewonnen hatte, im Finale der Champions League auf Bayern München. Andy Mitten, der Chefredakteur des größten United-Fanzines United We Stand, kann sich an keine bessere United-Elf erinnern: »Es war eine fantastische Zeit. Das Halbfinale bei Juventus in Turin war das beste Spiel, das ich je gesehen habe. Zidane hat bei Juve gespielt und United hat sie zerstört. Unser Mittelfeld mit Keane, Beckham, Scholes und Giggs war wahrscheinlich das beste United-Mittelfeld aller Zeiten.« Doch im Endspiel fehlten Keane und Scholes, was Ferguson zu einem Experiment zwang. David Beckham spielte nicht wie gewohnt auf der Flanke, sondern im zentralen Mittelfeld, Ryan Giggs wurde auf rechts positioniert.

Das Ergebnis war verheerend: United gelang es kaum, den Bayern, die schon in der sechsten Minute in Führung gegangen waren, etwas entgegenzusetzen, zweimal retteten Stange und Latte vor der sicheren Niederlage. Doch Ferguson fand auch in diesem Spiel den kleinen Vorteil, der ihn das Match gewinnen ließ. Gegen Ende wechselte er seine letzten Hoffnungsträger ein: Teddy Sheringham und Ole Gunnar Solskjaer. Als die Nachspielzeit im Camp-Nou-Stadion anbrach, zogen sich die Bayern-Spieler auf der Bank bereits die Sieger-T-Shirts an. UEFA-Präsident Lennart Johansson verließ seinen Sitzplatz, um den Deutschen den Pokal zu überreichen. Zwei Eckbälle später hatten Sheringham und Solskjaer ins Tor getroffen. United hatte die Sensation geschafft, die Bayern lagen weinend am Rasen und ein völlig losgelöster Alex Ferguson teilte den Reportern mit: »Football - bloody hell!«

Solskjaers Siegestreffer ist vielleicht das Tor, das für Fergusons Zeit bei Manchester United am stärksten in Erinnerung geblieben ist. Entscheidender für ihn war jedoch ein anderer, längst vergessener Treffer. Das Tor, das seinen Job rettete, fiel im Wiederholungsspiel des FA-Cup-Finales 1990. Nach dreieinhalb Jahren ohne Titel schienen Fergusons Tage im Verein schon gezählt, seine letzte Chance bestand darin, gegen Crystal Palace den Cup zu holen. Nach einem 3:3 im ersten Aufeinandertreffen wurde das Finale wiederholt. Und ein gewisser Lee Martin, der in seiner ganzen Profilaufbahn nur zwei Tore schoss, legte mit seinem Siegestreffer zum 1:0 in der 59. Minute den Grundstein für Fergusons ruhmreiche Karriere. Die rote Flut brach los.

»Get that cunt out of my tunnel«
Im Augenblick des großen Triumphes scheint selbst Alex Ferguson versucht, auch die Medien an seiner guten Laune teilhaben zu lassen. Ansonsten steht für Journalisten seine Ampel stets auf rot - seiner harten Linie und der eigenen Sturheit gegenüber den Medien blieb Ferguson immer treu. Andy Mitten führt diese tiefe Feindschaft auf seine Zeit in Aberdeen zurück: »Er war davon überzeugt, dass die Glasgower Presse Aberdeen nicht mochte.« Seit damals behandelt Ferguson die meisten Journalisten, wie es sich wohl kein anderer Trainer der Welt leisten könnte. »Shite«, »cunt« und »fucking« zählen ebenso zu seinem Repertoire bei Pressekonferenzen wie das Zerstören von Aufnahmegeräten. Als es einst ein Reporter der Times nach einem Spiel von Manchester gegen Arsenal wagte, in die Kabinen vorzustoßen, um Arsene Wenger zu interviewen, schrie Ferguson: »Get that cunt out of my tunnel!«

Überhaupt sind Verweigerung und Ausschluss die bevorzugten Mittel von Ferguson, den Journalisten zu entgegnen. Sein bekanntester Boykott betraf die größte britische Fernseh- und Rundfunkanstalt, die BBC. Als 2004 eine Dokumentation Fergusons Sohn Jason ins Zwielicht stellte und ihm vorwarf, er hätte unter dem Schutz seines Vaters als Spielervermittler bei Transfers zu viel verdient, entschloss sich Ferguson, fortan gegenüber dem Sender zu schweigen. Sieben Jahre dauerte die Stille, erst eine persönliche Unterredung mit BBC-Generaldirektor Mark Thompson konnte 2011 den Boykott beenden.

Seinen zweifachen Biografen, den Journalisten Daniel Taylor, ließ Ferguson von Pressekonferenzen aussperren, weil ihm die Zeilen unliebsam waren, die er in seinem Buch »This Is The One« geschrieben hatte. Taylor, immerhin Fußballchef des Guardian, wird seit 2007 nicht mehr zugelassen und ist dabei nur einer auf der langen schwarzen Liste. Reporter der Daily Mail, des Daily Mirror, des Independent, von Daily Star und der Associated Press dürfen alle nicht mehr zu Pressekonferenzen bei United, nur mehr eine Handvoll Zeitungen wie die Sun und die Times haben Zugang. Der Associated Press wurde etwa die Teilnahme verboten, weil ihr Reporter Rob Harris eine kritische Frage zu Giggs' Fitness gestellt hatte. Ferguson ließ Harris vor laufender Kamera hinauswerfen.

Alex Ferguson geht aber nicht nur mit den externen Medien harsch um, auch die Berichterstatter des eigenen Vereins bekommen seinen Zorn zu spüren. So gab er im Frühjahr 2011 dem Haussender MUTV keine Interviews mehr, weil dieser negative Kommentare Fergusons über den Schiedsrichter Martin Atkinson ausstrahlte. Ferguson sah sich daraufhin mit einer Sperre von fünf Spielen konfrontiert und musste 30.000 Pfund Strafe bezahlen. Schuld daran waren die Journalisten.

Besser als alle anderen
Ferguson hat sich daran gewöhnt, immer dann rot zu sehen, wenn es ihm gerade passt. Damit ist er nicht schlecht gefahren, doch so unangreifbar, wie es scheint, war er nicht immer. Schon 1990 stand er kurz vor dem Rauswurf, nach dreieinhalb ersten erfolglosen Jahren, ebenso 2000, nach einer Saison ohne Titel und Finale, und zuletzt im Jahr 2005, als er sich mit den anderen Mächtigen im Verein anlegte. Seine Verträge wurden seither mit einer kürzeren Laufzeit ausgestattet, der aktuelle garantiert ihm seinen Job nur bis zum Ende der Saison 2012/13. Doch ganz im Ernst des roten Angesichtes gesprochen: Ein Alex Ferguson entlässt sich nur selbst. Nicht einmal sein Körper durfte dabei bisher mitreden; als er es dennoch vor vier Jahren einmal probierte, bekam er einen Herzschrittmacher verpasst. Ein Leben nach Fergie scheint undenkbar, denn kaum jemand erinnert sich noch an die Zeit, als er noch nicht da war in Manchester.

Jetzt, wo Alex Ferguson tatsächlich angekündigt hat, sich nach Ende der Saison ins Direktorium von United zurückzuziehen, werden in den Erinnerungen von Spielern, Assistenten, Fans, Vereinsoberen und Gegnern trotz aller unbestrittenen Erfolge die positiven und negativen Eindrücke schwer miteinander zu kämpfen haben. Aber was auch in Hinkunft über ihn gesagt werden und wie beleidigt Ferguson darüber sein wird: Am Ende bleibt ihm die Gewissheit, den Fußball besser verstanden zu haben als alle anderen.

ballesterer # 120

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 13.04.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png