Der modernste aller Fußballklubs

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Im Jahr 1970 am Reißbrett entworfen, stand das Projekt Paris Saint-Germain stets im Zeichen von Glitzer, Glamour, Geschäftemacherei und Größenwahn. Nach wie vor wartet der Verein jedoch auf den ganz großen Erfolg.

Christoph Heshmatpour | 13.04.2015

Alles beginnt mit dem Automobil. Der in der Nachkriegszeit beständig steigende Wohlstand und der technische Fortschritt haben zu einer fast vollständigen Motorisierung der Gesellschaft geführt, die Europas Städte grundlegend verändern sollte. Auch Paris. Georges Pompidou, damals französischer Staatspräsident, gibt Ende der 1960er Jahre die Richtung vor, ihm wird der Ausspruch zugeschrieben „Die Stadt muss an das Auto angepasst werden.“ Um Platz für den Individualverkehr zu schaffen, wird das Ufer der Seine im Zentrum mit Schnellstraßen zubetoniert, am Rande der französischen Hauptstadt entsteht der Boulevard Peripherique, eine ganz Paris umschließende Stadtautobahn. Im proletarischen Norden und Osten wird der Peripherique auf Stelzen erbaut, im wohlhabenden Westen teuer und lautstärkedämmend untertunnelt. Und wenn man schon dabei ist, die halbe Stadt umzubauen, wird auch die alte Sportanlage am Pariser Westrand komplett neu errichtet: Auf dem Dach des Stadtautobahntunnels entsteht der heutige Parc des Princes, ein modernes Fußballstadion ohne Laufbahn mit Platz für zunächst knapp 50.000 Zuschauer.

Paris würde Anfang der 1970er Jahre also endlich über eine einer Weltstadt würdige Fußballarena verfügen, doch wer sollte in ihr spielen? Der Pariser Fußball befindet sich in einem traurigen Zustand. Red Star ist schon seit Jahrzehnten im Stade de Paris in der nördlichen Vorstadt Saint-Ouen daheim und sportlich wie finanziell angeschlagen, der Racing Club und Stade Francais haben sich längst vom Profifußball verabschiedet. Dabei könnte in der riesigen Pariser Metropolregion mit einem konkurrenzfähigen Fußballverein viel Geld verdient werden. Also wird ein Klub erfunden, der das neue Stadion zu seiner Heimat machen könnte. Guy Crescent, Präsident des Logistikunternehmens Calberson, und Pierre-Etienne Guyot, mehrfacher Sportfunktionär und Vizepräsident von Racing, gründen 1969 den Paris FC. Dieser fusioniert im Juli des Folgejahres mit Stade Sangermanois, dem Verein des Vorstädtchens Saint-Germain-en-Laye nördlich von Versailles. Der Paris FC bringt Startkapital und Vereinsmitglieder in die Partnerschaft ein, Stade Sangermanois seine Klubinfrastruktur samt Trainingsplätzen und einen Startplatz in der zweiten Liga. Der Name des Konstrukts: Paris Saint-Germain Football Club.

Der Modemilliardär und die rosa Hemden
Gleich in der ersten Saison steigt PSG in die erste Liga auf, doch soll der Verein nur knapp drei Jahre leben. Als die Pariser Stadtverwaltung die Auszahlung einer Förderung an die Bedingung knüpft, „Saint-Germain“ aus dem Vereinsnamen zu streichen, da die Stadt nur Pariser Klubs unterstütze, zerfällt der Paris Saint-Germain FC. Die Profis bleiben unter dem Namen Paris FC in der ersten Liga, der Rest des Klubs ändert seinen Namen nach einem Jahr wieder in Stade Sangermanois und spielt mit Amateuren in der dritten Liga weiter.

Das hätte das Ende der Geschichte sein können. Der Paris Saint-Germain FC wäre vielleicht eine kuriose Randnotiz der französischen Fußballgeschichte geblieben, eine Preisfrage fürs Pubquiz. Doch Daniel Hechter, Milliardär, Modeschöpfer und Fußballnarr, lässt die Idee eines neuen großen Klubs im neuen großen Stadion nicht los. Er steigt als Sponsor beim Paris FC ein, überwirft sich aber bald mit der Klubführung. Hechter sucht sich neue Verbündete und findet sie in den „Polymuscles“, einem aus Medienschaffenden, Wirtschaftstreibenden und Ex-Fußballern bestehenden Juxverein, zu dem der Showproduzent Charles Talar, der Journalist Adolphe Drey, der Industrielle Guy Bossant, der Schauspieler Jean-Paul Belmondo und der Gebrauchtwagenhändler und Ex-Fußballer Jacky Bloch gehören.

Von der Pariser Fußballnomenklatura als Clique mit den rosafarbenen Hemden verlacht, macht die Gruppe schließlich das Naheliegende: Sie übernimmt Stade Sangermanois, das wieder in Paris Saint-Germain FC umbenannt wird. Dem Bürgermeister von Saint-Germain-en-Laye wird vertraglich zugesichert, dass der Name der Stadt niemals aus dem Vereinsnamen verschwinden werde; gleichzeitig entsteht das Logo mit dem Eiffelturm. Modeschöpfer Daniel Hechter ist der erste große Geldgeber und entwirft das heute als klassisch geltende Dress des wiederbelebten PSG: das marineblaue Hemd mit einem roten Streifen in der Mitte. Mittlerweile schreiben wir das Jahr 1973. „Es geht darum, dem Hauptstadtfußball wieder ein Publikum und ein Prestige zu geben, die seiner Bestimmung entsprechen“, sagt Daniel Hechter im Interview mit der Sporttageszeitung L’Equipe. Der Paris Saint-Germain Football Club, wie wir ihn heute kennen, ist geboren.

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Referenzen:

Heft: 101
Thema: Katar
ballesterer # 120

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