Der Notverband

Mit Gianni Infantino steht ein Mann der UEFA an der Spitze der FIFA, dennoch ist der europäische Verband durch Korruptionsvorwürfe und renitente Klubfunktionäre gehörig unter Druck.

Moritz Ablinger | 10.05.2016

Am 26. Februar wurde Gianni Infantino in Zürich zum neuen FIFA-Präsidenten gewählt. Bereits im zweiten Wahlgang hatte er die notwendigen 50 Prozent der Stimmen der 209 Verbände auf sich vereint. Nach seiner Wahl kündigte der Schweizer eine neue Ära im Verband und im Weltfußball an. Infantino war von der UEFA für die Wahl vorgeschlagen worden. Einstimmig hatte das Exekutivkomitee seine Unterstützungserklärung für ihn abgegeben, er war der offizielle Kandidat des europäischen Verbands. Doch anstatt über den Weltfußball zu bestimmen, steckt die UEFA nur wenige Wochen nach der Wahl in einer handfesten Krise. Aktuell beraten Vertreter der europäischen Topklubs öffentlich über das Ende der Champions League und die Loslösung von der UEFA. Enthüllungen im Zuge der Veröffentlichung der „Panama Papers“ werfen ein schlechtes Licht auf den ganzen Kontinentalverband. Dazu kommt, dass die UEFA nach der Wahl Infantinos ihren Generalsekretär ersetzen musste und keinen handlungsfähigen Präsidenten zur Verfügung hat. Die Krise der UEFA hat nicht nur viele Gesichter, sie ist auch die Krise eines zunehmend gesichtslosen Verbands.

 

Das Loch beginnt am Kopf

Die auffälligste Lücke klafft seit dem vergangenen Herbst an der Spitze. Am 8. Oktober beantragte die Ethikkommission der FIFA, Michel Platini von allen Fußballaktivitäten zu suspendieren. Die zunächst 90-tägige Sperre wurde im Dezember auf acht Jahre verlängert und im Februar 2016 auf sechs Jahre reduziert. Offiziell ist Platini noch immer Präsident der UEFA, er darf in dieser Funktion allerdings weder sein Büro noch ein Fußballstadion betreten. Grund für die Sperre ist eine Zahlung aus dem Jahr 2011. Zwei Millionen Franken hatte Platini damals erhalten, gezahlt hatte die FIFA, angeblich für eine Beratertätigkeit, die er zwischen 1998 und 2001 erfüllt habe. Vier Monate nach der Zahlung wurde Joseph Blatter als FIFA-Präsident wiedergewählt, die UEFA hatte ihn den ganzen Wahlkampf hindurch unterstützt. Schon vor Bekanntwerden der Zahlung war Kritik an Platini laut geworden, so zum Beispiel als sein Sohn Laurent wenige Wochen nach der Vergabe der WM nach Katar im Dezember 2010 einen Job bei Qatar Sports Investment fand. „Platini hat die Kultur der UEFA verändert“, sagt Journalist und UEFA-Kenner Thomas Kistner. „Davor waren die Präsidenten unscheinbare Typen – mit Platini war das plötzlich anders.“

 

Gewählt worden war Michel Platini 2007. Zuvor war der Schwede Lennart Johansson der UEFA 17 Jahre lang vorgestanden. „Zum Schluss war Johansson kaum noch in Nyon“, sagt Kistner. „Er war gesundheitlich schwer angeschlagen. Die UEFA wurde von den Hauptamtlichen geführt.“ Dennoch war die Wahl Platinis alles andere als ein Selbstläufer. Sie sorgte für einen Richtungsstreit zwischen den alten europäischen Eliten um DFB und FA und den kleinen aufstrebenden Ländern. Seit dem Zerfall der Sowjetunion und Jugoslawiens war die UEFA von 32 auf 54 Verbände angewachsen. Platini wusste dies auszunutzen. Er versprach, die EM auf 24 Teilnehmer aufzustocken und in der Champions League auch den Meistern kleinerer Länder Plätze einzuräumen. „Das war ein Wahlkampf, wie ihn Blatter immer geführt hat“, sagt Kistner. „Die beiden funktionieren sehr ähnlich.“

 

Traumteam Blatini

Tatsächlich hatte der damalige FIFA-Präsident Platini offen unterstützt, Johansson hingegen war Blatter stets ein Dorn im Auge. Als er 1998 zum ersten Mal zum FIFA-Präsidenten gewählt wurde, war Johansson sein einziger Konkurrent. Auch 2002, als erstmals Vorwürfe des Amtsmissbrauchs und der Misswirtschaft gegen Blatter auftauchten, war es der Schwede, der einen Rücktritt des Präsidenten forderte. Doch Blatter konnte sich der Unterstützung der kleinen Länder immer sicher sein, Johansson konnte ihn nie ernsthaft gefährden. Schließlich waren es auch die kleineren Verbände, die Platini ins Amt hoben. Mit 27 zu 23 Stimmen setzte sich der Franzose durch. Blatter erklärte: „Der neue Präsident ist installiert. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit.“

 

Die Zusammenarbeit endete für beide Präsidenten mit demselben Urteil. Gleichzeitig mit Platini wurde letztes Jahr auch Blatter von der FIFA-Ethikkommission suspendiert. Beide haben vor dem internationalen Sportgerichtshof CAS Berufung gegen ihre Strafen eingelegt, wie dieser entscheiden wird, stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest. „Der CAS weiß um seinen Ruf als funktionärsfreundliches Gericht“, sagt Kistner. „Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, dass er in diesem prominenten Fall zugunsten Platinis und Blatters entscheidet.“ Derzeit wird der Verband vor allem von den hauptamtlichen Mitarbeitern im Sitz in Nyon geleitet. „Wir arbeiten weiterhin sehr gut und effizient“, heißt es auf Anfrage des ballesterer. Viel zu tun haben sie auf alle Fälle, immerhin stehen nicht nur das größte EM-Turnier der Geschichte vor der Tür, sondern auch interne Konflikte.

 

Alternativen zur Champions League

Denn jene Eliten, die 2007 mit der Wahl Platinis an Einfluss in der UEFA verloren haben, wollen ihn zurück. Bereits im Jänner forderte Karl-Heinz Rummenigge, Vorstandsvorsitzender des FC Bayern und Präsident des europaweiten Klubdachverbandes ECA, die Einführung einer Superliga. Die 20 besten Mannschaften Europas sollten in einer eigenen Liga spielen, das nationale Geschäft den schwächeren Teams überlassen werden. Die Spiele sollen dann nicht nur in Europa, sondern auch in den USA und Asien stattfinden, fordert Rummenigge. „Solche Fantasien hegt er schon lange“, sagt Kistner. „Wie aber ein Spiel zwischen Bayern München und Schachtjor Donezk dauerhaft Leute anziehen soll, ist mir schleierhaft.“

 

Dennoch kommen auch aus England ähnliche Forderungen. Laut Berichten der Tageszeitung The Sun trafen sich Anfang März Vertreter von fünf Premier-League-Teams, um über einen Alternativwettbewerb zur Champions League zu diskutieren. Dieser müsse nicht von der UEFA veranstaltet werden, sondern könnte auch privat organisiert werden. Auch in Spanien werden Konkurrenzbewerbe zur Champions League diskutiert, allen voran von Vertretern Real Madrids und des FC Barcelona. „Wir brauchen ein europäisches Turnier, in dem die Klubs die Kontrolle haben“, sagte Barcelona-Vizepräsidentin Susana Monja im März der katalanischen Zeitung La Vanguardia. „Zurzeit sind wir von der UEFA abhängig.“

 

Der größte Schatz der UEFA

Die Frage ist, ob die Klubvertreter lediglich Druck auf die UEFA aufbauen wollen, um ihre Position zu verbessern, oder ob tatsächlich ein Bruch bevorsteht. Noch in diesem Jahr muss die UEFA in Zusammenarbeit mit der ECA entscheiden, wie die Klubbewerbe zwischen 2018 und 2021 aussehen werden. Und dabei geht es um viel Geld. Bereits 2012 war die Champions League für die UEFA fast so ertragreich wie die EM. Im Geschäftsjahr 2013/14 erzielte der Verband einen Umsatz von 1,73 Milliarden Euro, 82 Prozent davon generierte die Champions League. Alleine 1,34 Milliarden Euro brachte der Verkauf von Übertragungsrechten. Nicht überraschend, dass die UEFA an einer grundlegenden Reform, gar einer Umverteilung der Gelder, nicht interessiert ist. „Es gibt zurzeit keine konkreten Vorschläge zur Umgestaltung des Wettbewerbes“, heißt es aus Nyon. Zuletzt berichtete der englische Guardian mit Verweis auf anonyme Quellen, dass die UEFA durchaus zu Zugeständnissen bereit wäre. Demzufolge diskutiere man eine Reduzierung der Champions League auf 16 Teams, die in zwei Achtergruppen jeweils zweimal gegeneinander spielen würden. Die beiden Gruppensieger würden dann ins Finale einziehen.

 

Der Zeitpunkt, Forderungen zu stellen, ist für die Topklubs günstig. „Der Ruf der UEFA hat unter der Ära Platini gelitten“, sagt Journalist Kistner. Der Verband steht ohne Führungsfiguren da, Korruptionsvorwürfe haben das Image nachhaltig beschädigt. Die EM-Vergabe nach Polen und in die Ukraine ist hartnäckig von Gerüchten um illegale Geldflüsse umrankt. „Das ist allerdings nur ein Teil der Geschichte“, sagt Kistner. Es war in erster Linie der zypriotische Fußballfunktionär Spiros Marangos, der immer wieder von Zahlungen im Zusammenhang mit der Vergabe sprach. Fast zehn Millionen Euro hätten vier verschiedene Funktionäre erhalten, um für ein Turnier in Polen und der Ukraine zu stimmen, behauptete Marangos. Er verfüge über Dokumente, die dies belegen. Doch angehört wurde er von der UEFA nie, schließlich erstattete der Verband sogar Anzeige gegen den Zyprioten. „Wenn man wirklich an Aufklärung interessiert ist, agiert man anders“, sagt Kistner.

 

Die Panama-Connection

In diesem Zusammenhang fällt auch immer wieder der Name Gianni Infantino, der ab 2009 Generalsekretär der UEFA war. „Platini und Infantino haben die UEFA gemeinsam regiert“, sagt Kistner. „Am Beispiel Marangos sieht man, wie sie das gemacht haben.“ Zuletzt tauchten weitere Vorwürfe gegen Infantino auf: In den zuletzt enthüllten „Panama Papers“, in der vertrauliche Unterlagen tausender Briefkastenfirmen öffentlich wurden, steht sein Name. Dokumente sollen belegen, dass er als Direktor der Rechtsabteilung einen Vertrag mit den TV-Rechtehändlern Hugo und Mariano Jinkis unterschrieb. Gegenstand war die Übertragung der Champions League, des UEFA-Cup und des Super-Cup zwischen 2006 und 2009. Insgesamt zahlten Vater und Sohn Jinkis dafür 139.000 Dollar. Kurze Zeit später verkauften sie die Rechte weiter – um fast 440.000 Dollar. „Entweder ist der Verantwortliche beim Verband so inkompetent, dass er gefeuert werden müsste, oder man könnte vermuten, dass es Abreden gab“, wird der ehemalige Sportvermarkter Dominik Schmid in der Süddeutschen Zeitung zitiert. Dazu kommt, dass die Jinkis keine Unbekannten sind. Auch im Zuge der Ermittlungen gegen FIFA-Funktionäre tauchten ihre Namen auf: Sie hätten Fußballfunktionäre bestochen und im Gegenzug unterdotierte Übertragungsrechte bekommen.

 

Am Tag, nachdem die Süddeutsche Zeitung die Vorwürfe veröffentlichte, führte die Schweizer Bundesstaatsanwaltschaft eine Razzia im Sitz der UEFA durch. „Die Behörden müssen schon in eine ähnliche Richtung ermittelt haben“, sagt Kistner, der an dem Artikel mitarbeitete. „Innerhalb eines Tages kann man keine Razzia organisieren.“ Nach anfänglichem Zögern hatte Infantino den Behörden seine Kooperation versprochen. Das Gleiche gelte auch für die UEFA, wie es auf Anfrage des ballesterer heißt. Vorerst gibt es noch keine Anzeigen, doch die Behörden ermitteln weiter.

 

Selbstverliebte Funktionäre

Um den neuen FIFA-Präsidenten Infantino selbst ist es etwas ruhiger geworden. Anfang März erzählte ÖFB-Präsident Leo Windtner auf einer Podiumsdiskussion im Sportministerium, er sei bei der Wahl des Schweizers begeistert in die Höhe gesprungen. „Infantino ist einer der ganz wenigen, die eine neue Ära in der FIFA einleiten können“, sagte Windtner damals. Heute will er sich zu ihm und dieser Causa nicht mehr äußern, für Anfragen zu internen Angelegenheiten der UEFA stehe der ÖFB-Präsident nicht zur Verfügung, wurde dem ballesterer beschieden.

 

Die neue Ära, die Infantino für die FIFA proklamiert hatte, steht auch der UEFA bevor. Doch um die Widersprüche und Konflikte, die sich in den letzten Jahren aufgetan haben, zu seinen Gunsten zu lösen, scheinen dem europäischen Fußballverband derzeit sowohl die Persönlichkeiten als auch das moralische Gewicht zu fehlen. Und dann steht noch die größte Europameisterschaft der Fußballgeschichte vor der Tür. „Das können die Leute in Nyon auch ohne selbstverliebte Funktionäre organisieren“, sagt Kistner. „Es kann der UEFA auch gut tun, dass die Riege um Platini und Infantino nicht mehr da ist.“

Referenzen:

Heft: 112
Rubrik: Thema
Thema: EM 2016, UEFA
ballesterer # 121

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