Der realistische Träumer

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Robert Almer ist seit Marcel Kollers Amtsantritt Österreichs Nummer eins. Im Interview spricht er über die Perspektiven der Nationalmannschaft, das Selbstverständnis moderner Tormänner und die Vermeidung der Kasperlrolle.

Drei Tage nach der 0:2-Heimniederlage der Austria gegen Grödig nimmt Robert Almer im Viola Pub Platz zum Interview. Medienerfahrung sammelt der 32-Jährige in der Zeit vor der EM fast täglich. „Es ist ja schön, wenn sich die Leute für einen interessieren“, sagt er und bestellt einen Caffé Latte.

 

ballesterer: In dieser Saison haben Sie zum ersten Mal in Ihrer Karriere regelmäßig Spielpraxis. Genießen Sie das?

Robert Almer: Sehr. Ich kann die tägliche Trainingsarbeit jetzt am Wochenende umsetzen. Das macht es auch in Bezug aufs Nationalteam einfacher, früher hat es immer geheißen: „Warum spielt der eigentlich?“ Diese Frage hat sich jetzt erübrigt. Davor habe ich gewusst, dass ich mir keinen Fehler erlauben darf, sonst wäre ich wahrscheinlich weg vom Fenster gewesen.

 

Haben Sie diesen Druck auch in der Mannschaft gespürt?

Druck macht man sich selbst genug. Ich will ja im Tor bleiben. Marc Janko und Christian Fuchs waren in ähnlichen Situationen, als sie bei ihren Vereinen nicht gespielt haben. Wie die beiden habe ich immer das Vertrauen vom Trainerteam bekommen.

 

Sie sind 2011 von der Austria weggegangen. Warum?

Die sportliche Perspektive hat nicht gepasst, ich war die Nummer zwei, manchmal nur die Nummer drei. Im Nachhinein war es die absolut richtige Entscheidung. Ich habe in der Zeit in Düsseldorf den Sprung ins Nationalteam geschafft und für meine Entwicklung sehr viel mitgenommen.

 

In Hannover haben Sie 2014 mit Ron-Robert Zieler einen unumstrittenen Stammtormann vor sich gehabt. Wären Sie auch ohne den Rückhalt von Marcel Koller dorthin gewechselt?

Ich habe von Marcel Koller das Vertrauen bekommen, das ich zuvor in meiner Karriere oft vermisst habe. Daher habe ich den Wechsel mit ihm besprochen. Ich wollte unbedingt in einem sehr professionellen Umfeld arbeiten. Ich bin nach Hannover gegangen, obwohl ich gewusst habe, dass ich nicht spielen werde. Das ist leichter gewesen als in der zweiten Saison in Düsseldorf, wo ich in der Vorbereitung alles gegeben habe, dann aber nur die Nummer zwei war. Es ist einfacher, wenn die Fronten abgesteckt sind.

 

Modernes Tormannspiel bedeutet heute aktives Mitspielen. Ist das eine Modeerscheinung oder eine bleibende Veränderung?

Das kommt auf die Ausrichtung der Mannschaft an. Es heißt ja gern, Manuel Neuer habe das Torwartspiel geprägt, aber das liegt auch an der Spielweise des FC Bayern. Die Bayern pressen in der Offensive immer an, da muss der Tormann höher stehen, um die Bälle des Gegners in die Tiefe abfangen zu können. Eine defensive Mannschaft braucht keinen mitspielenden Tormann. Du wirst kaum Bälle zum Ablaufen bekommen, sondern die meisten Aktionen mit den Händen haben.

 

Sie wirken immer sehr ruhig. Bringt Sie nichts aus der Fassung?

Bei der Niederlage gegen Grödig bin ich schon ausgezuckt, sonst bin ich aber sehr ruhig. Es gibt auch international nur noch wenige Tormänner, die ein bisschen verrückt sind. Das war eher früher so.

 

Können sich Fußballer dieses Image nicht mehr erlauben?

Das glaube ich nicht. Es ist einfach wichtig, dass du als Tormann ein gewisses Maß an Intelligenz hast. Du musst ein Spiel lesen und die Taktik des Trainers verstehen können. Da muss man ruhig und sachlich sein.

 

Haben Sie sich das bewusst angeeignet?

Nein, das ist mein Naturell. Vielleicht hat das in der Vergangenheit manchem Trainer vom alten Schlag nicht gepasst, und ich habe deswegen seltener das Vertrauen bekommen.

 

Wie oft denken Sie schon an die EM?

Man denkt natürlich schon daran, alles andere wäre gelogen. Aber jetzt haben wir noch Saison. Dann gibt es Ende Mai das Trainingslager und die Testspiele gegen die Niederlande und Malta. Richtig angekommen sind wir erst, wenn wir in Frankreich aus dem Flieger steigen.

 

Sie werden mit dem Team wochenlang im Quartier sein. Wie geht es Ihnen damit?

Das wird sicher intensiv. Wenn man wirklich vier Wochen aufeinander pickt, muss man schon aufpassen, dass man seine innere Ruhe behält. Wichtig wird sein, dass wir die Stimmung im Team aufrechterhalten.

 

Die gute Stimmung wird von allen Spielern und Betreuern immer wieder betont.

Wir sind wie eine Familie. Und in der Familie kann man ja auch nicht so einfach einen Lagerkoller bekommen. Wir versuchen, dass alle 23 Spieler sich gegenseitig pushen. Da gibt es kein böses Blut. Wenn wer einen Fehler macht, versucht ein anderer, den wiedergutzumachen. Das ist unser Erfolgsrezept.

 

Wie sehen Sie Ihre Rolle im Teamgefüge?

Ich bin nicht der, der Stimmung macht. Ich bin doch schon einer der Ältesten und nicht bei irgendwelchen Kindereien dabei. Ich führe lieber gemütlich und in aller Ruhe Gespräche mit den anderen. Auch das Kartenspielen oder die Playstation waren nie so meines. Da lese ich lieber ein Sachbuch oder schaue mir Dokumentationen an.

 

Wer macht das noch?

Keine Ahnung, ich habe ein Einzelzimmer.

 

Das ist doch eher die Ausnahme, oder?

Das hält sich in etwa die Waage. Bis vor zwei Jahren hab ich mir noch ein Zimmer mit dem Christian Fuchs geteilt. Aber der hat ja Frau und Kinder in den USA und führt seine Telefonate meistens tief in der Nacht. Deswegen hab ich beschlossen, mir ein Einzelzimmer zu nehmen.

 

Was kann Österreich bei der EM erreichen?

Wir wollen nicht nur dabei sein. Wir wollen die Gruppenphase überstehen, aber die wird alles andere als ein Selbstläufer. Island, Portugal und Ungarn sind auch keine Nasenbohrer. Man hat das auch gegen die Türkei und gegen Albanien gesehen: Wenn du nicht bei jedem Spiel 100 Prozent gibst, kann das ins Auge gehen.

 

Haben Sie ein persönliches Ziel?

Ich würde gerne zu null spielen. Aber mir ist auch wieder lieber, wir gewinnen ein Spiel, als es geht 0:0 aus.

 

Ein Großturnier kann auch ein Karrieresprung brett sein.

Jeder will in einer großen Liga spielen. Ich habe in Deutschland gesehen, wie es ist, wenn du Woche für Woche in einem Riesenstadion spielst. Wenn sich etwas ergeben würde, muss ich sagen: „Ja, auf alle Fälle.“ Aber da spricht dann der Verein auch noch ein Wörtchen mit.

 

ÖFB-Konditionstrainer Roger Spry hat uns in einem Interview gesagt, Österreich brauche sich keine Grenzen setzen. Gehört das auch zu dem Spirit des Teams?

Jede Mannschaft fährt zur EM, um zu gewinnen. Aber es gibt viele gute Mannschaften, und Deutschland, Spanien und Frankreich etwa haben außergewöhnliche Spieler. Natürlich würde ich gern Europameister werden, träumen darf man ja, aber man sollte schon auch realistisch sein. In der Qualifikation haben wir jedoch gesehen, dass wir auswärts andere Mannschaften dominieren können. Früher haben wir immer eher geschaut, dass wir nicht verlieren, jetzt versuchen wir zu gewinnen. Wir brauchen vor keinem Gegner Angst haben.

 

Stellt man sich als Spieler vor, wie es wäre, den Pokal hochzustemmen?

Nein, an so etwas denkt man überhaupt nicht. Wir haben das auch in der Qualifikation so gehandhabt: Wir schauen von Spiel zu Spiel. Wir versuchen, jedes Mal unsere Leistung zu bringen, uns auf jeden Gegner zu hundert Prozent vorzubereiten.

 

Bereiten Sie sich dann auch auf einzelne Gegenspieler vor?

Nein. Zlatan Ibrahimovic kennt jeder, jeder weiß, wie er tickt, wie er agiert. Sich da speziell vorzubereiten, macht keinen Sinn. Am Ende kann es eine Standardsituation geben, und dann köpfelt ein anderer aufs Tor. Das Wichtigste ist die Analyse des gesamten gegnerischen Teams. Dann versucht man sich auf die eigenen Aufgaben zu konzentrieren. Und wenn der Ibrahimovic da ist, wird eben der aus dem Weg geräumt.

 

Das bevorstehende Duell mit Cristiano Ronaldo ist also auch nichts Besonderes?

Ich konzentriere mich auf so etwas nicht. Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass wir ihn irgendwie unter Kontrolle haben.

 

Machen Sie so etwas wie Psychospielchen?

Nein. Der Ronaldo hat so viel Selbstvertrauen – so wie der am Platz steht, glaube ich nicht, dass man da etwas machen kann. Vielleicht kann man so etwas einmal bei einem Elfmeterschießen probieren. Da muss man aber auch aufpassen. Jerzy Dudek von Liverpool hätte beim Champions-League-Finale 2005 auch als Kasperl rüberkommen können, wenn er keinen Elfer gehalten hätte.

 

Im Vorfeld des Turniers ist ja auch die Sicherheit ein großes Thema. Haben Sie ein mulmiges Gefühl?

Das hat man natürlich schon im Hinterkopf. Aber es kann immer passieren, auch heute in Wien oder irgendwo sonst in Europa. In vielen Ländern, ob jetzt in Asien oder in Afrika, leben die Menschen täglich mit der Gefahr von Terroranschlägen. Das ist jetzt auch nach Europa gekommen und wird sich wohl nicht so bald ändern. Das Ministerium macht vermutlich auch alles, um uns zu schützen. Als Sportler kannst du auf so etwas aber sowieso keinen Einfluss nehmen.

 

Zur Person:

Robert Almer (32) spielt nach Engagements bei Fortuna Düsseldorf, Energie Cottbus und Hannover 96 seit Sommer 2015 wieder beim FK Austria. 2011 debütierte der Steirer unter Marcel Koller im österreichischen Nationalteam, in der abgelaufenen EM-Qualifikation absolvierte der Tormann alle Spiele über die volle Distanz.

 

Foto: Daniel Shaked


Referenzen:

Heft: 112
Rubrik: Thema
Thema: EM 2016
ballesterer # 120

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