Alfred Roscher, in den achtziger Jahren vollbärtiger Sturmtank von Wacker Innsbruck, pendelte vier Jahre lang behäbig zwischen Fernsehcouch und Kaffeehaus, um sich schließlich selbst die Antwort zu geben: »Das Nichtstun geht dir mit der Zeit nur noch auf den Hammer. Meiner Frau bin auch nur mehr auf den Geist gegangen. Ich hab einfach irgendwas tun müssen, um nicht vollständig zu verblöden.« Roscher reagierte auf die Zeitungsannonce einer Sicherheitsfirma. Heute ist er 44, trägt modischen Anzug und akkuraten Fünftagebart, jobbt beim europaweit größten Security-Unternehmen Securitas als Supervisor für den gesamten operativen Dienst in Österreich.
Damir Canadi, 33, musste vor zwei Jahren seine Karriere beenden wegen eines angeborenen Hüftschadens, der zur vorzeitigen Abnützung der Gelenke führte. In die Sinnkrise stürzte er dennoch nicht: Er machte gleich einmal einen Masseurkurs.
»Ich wollte schon immer unbedingt der Beste sein. In allem, was ich mache!« sagt Damir Canadi. Und wäre womöglich der beste Masseur des Landes geworden hätte die ehemalige FavAC- und Sportklub-Ikone sich nicht in die Position des Spielertrainers von Leopoldsdorf drängen lassen. Schnurstracks streberte sich der Kaisermühlner kroatischer Abstammung zur A-Trainerlizenz und gilt schon jetzt als einer der begehrtesten Trainer der Wienerliga, der vierthöchsten Leistungsklasse. Canadi, derzeit Coach beim SV Donau: »Ich bleib aber trotzdem auf dem Teppich, ich muss noch viel lernen. Zum Beispiel: besser mit Niederlagen umgehen. Obwohl, gegen früher kann ich das auch schon ganz gut.«
Ervin Alilovic, zarte 17, weiß heute schon, was er nach seiner hoffentlich glanzvollen Karriere machen will: »Entweder ich geh ins Management oder ich wird Talentescout. Ich glaub, ich kann das Potenzial meiner Kollegen ganz gut einschätzen« Sein eigenes Potenzial schätzen andere so ein, dass sein Name bereits bei der Euro 2008 ein Thema sein könnte. Eine detailliertere Vorstellung von seiner Zukunft hat der FavAC-Eigenbau-Youngster freilich noch nicht außer der Matura am Gymasium in der Wiener Pichelmayergasse nächstes Jahr. Nur eins ist klar: Die Rapid, wo er auch schon mittrainieren durfte, ist ihm sympathischer als die Austria. Weil: »Bei der Rapid kommen Junge zum Zug, und es ist nicht so ein Rummel und eine Hektik wie bei der Austria.« Aus dem selben Grund ist ihm übrigens auch Valencia sympathischer als Real.
Young & Wild
»Als Jugendlicher träumst du grundsätzlich drei Schritte zu weit voraus. Ich hab zum Beispiel schon als Kind davon geträumt, einmal im Nationalteam zu sein«, sagt Alfred Roscher bei Tisch in der Ostbahn-XI-Kantine. »Aber ich kann jedem Jungen nur alles Gute wünschen. Es gibt nix Schöneres als sein Hobby zum Beruf zu machen.« Sein Hobby, oder besser gesagt, seine Besessenheit. In der Donau-Kantine zu Kaisermühlen erinnert sich Damir Canadi: »Ich hätt alles gegeben für den Fußball. Für mich hat´s überhaupt nix Anderes geben, ich hab den Ball ins Bett mitg´nommen, wollt die Fußballschuh überhaupt nimmer ausziehen. Und natürlich hab ich auch geträumt: vom eigenen Haus, vom schnittigen Auto, und so weiter.«
Canadi erzählt und fuchtelt mit den Händen, als wär´s vorigen Sommer gewesen, und nicht vor 25 Jahren. Wie Canadi war auch Ervin Alilovic, nicht lange, nachdem er laufen gelernt hatte, bereits in den Käfigen und Parks der Vorstadt zu finden. Mit zehn durfte er schon bei den Fünfzehnjährigen mitkicken, ein Freund brachte ihn zum FavAC. Dort ist er bis heute geblieben. Außer Schule, drei- bis vier mal pro Woche Training und zwei Matches als Regisseur der U-19 und als Linksaußen der Kampfmannschaft in der Wienerliga bleibt nicht viel Zeit für das, was Jugendliche heute sonst gern machen: Fernsehen, Shoppen, Chatten.
Noch immer geht er mit Freunden in den Park kicken, denn, so Alilovic: »In dieser Liga musst du daneben selber trainieren.« Seine Lieblingsspieler sind Pablo Aimar und Zinedine Zidane, seine Ziele klingen vorläufig bescheiden: »Ab dem Sommer möchte ich eine Liga höher spielen. Oder in ein Internat ins Ausland, um besseres und mehr Technik-Training zu haben. Irgendwann will ich dann im Fernsehen auftauchen und dort meinen Namen hören. Aber ich will gar kein Beckham sein. Nur vom Fußball leben können.« Eine Freundin, sagt der Designershirtträger, sei aus Zeitgründen bis zur Matura kein Thema.
Über die Berufsausbildung nach der Matura hat sich Ervin Alilovic noch keine Gedanken gemacht. Und was, wenns mit der Karriere nichts wird, zum Beispiel wegen einer Verletzung? Zu vernarrt ist der junge Rastelli in das runde Leder, als dass ihm dazu allzu viel einfallen würde: »Trotzdem versuchen, irgendeinen Sport zu machen«, sagt er und runzelt die Stirn. Einen guten Ratgeber scheint er sich auf alle Fälle schon gesucht zu haben: »Ich will zuerst die Schule fertig machen, mir dann einmal einen Namen machen, und eine Zeit lang überhaupt nicht aufs Geld schauen.«
Cash & Carry
Als Teenager hat Alfred Roscher Versicherungskaufmann gelernt, heute bestreitet er seinen Unterhalt mit Sicherheit. Dazwischen erlebte er das, was für so manchen Jungen das Hauptmotiv ist, Fußballer zu werden: einen warmen Geldregen. »Jeder Profifußballer ist privilegiert. Wer das nicht zugibt, lügt. Man kann das 10- bis 20fache eines Arbeiters verdienen.« Roscher, der im Herbst 1988 (übrigens beraten von Ernst Happel) sogar ein halbes Jahr beim damaligen deutschen Bundesligisten Waldhof Mannheim zugange war, hat sich als angehender Profikicker seine Verträge selbst ausgehandelt. »1.500 Schilling Fixum plus Punkteprämien waren das bei der Austria. Und später versuchst dich halt bei mehreren Interessenten hinauf zu lizitieren. Mehr als nein sagen können sie ja eh nicht. In Innsbruck hatte ich dann einen Wahnsinnsvertrag.« Seine Tätigkeit als Sportdirektor und Spielerscout für Ostbahn XI lässt er sich nicht honorieren: »Das mach ich aus Freundschaft zur Familie Pfeifer, ich nehm nicht einen Euro.«
Ostbahn XI stand, das nur nebenbei, zur Winterpause in der Tabelle der Wiener Liga im soliden Mittelfeld einen Punkt vor jenem FavAC, mit dem Ervin Alilovic bis Sommer 2004 seine Spielervereinbarung hat und bei drei Siegen monatlich 700 Euro verdient. Einen Punkt vor jenem FavAC, mit dem Damir Canadi in der Saison 91/92 das untere Bundesliga-Playoff und im Finale gegen die Austria das Stadthallenturnier gewann. Schon vorher hatte Canadi 12.000 Schilling gecasht das Vierfache seiner Gage als Einzelhandelskaufmann im dritten Lehrjahr. Ebenso rasant wie die Einkünfte stiegen nach dem sportlichen Aufstieg auch die Ansprüche des quirligen Offensivtalents.
Canadi: »Ich konnte überhaupt nicht mit Geld umgehen. Teures G´wand, Golf Cabrio. Ich hab viel erlebt in gewissen Hütten, hab mörderisch gelebt.« Nichts gespart und viel gelernt habe er damals: »Ich hab alles ausgegeben und mir gesagt, ich verdien eh nächstes Monat wieder 60.000. Die Zeit möcht ich nicht missen, aber für die Karriere wars nicht gut.«
In den 15 Jahren seiner aktiven Karriere hat Alfred Roscher laut eigener Aussage »sehr viel verdient.« Den gewohnten Lebensstandard zu halten trotz der Umstellung von, sagen wir, 200.000 Schilling auf 20.000 Schilling Monatseinkommen sieht er als entscheidenden Punkt des Umdenkens nach dem letzten Pflichtspiel. »Von heute auf morgen zehn Mal weniger: Diesen Sprung musst du erst einmal verkraften. Ich kenn´ Leute, die da schwer runterkommen.« Nachsatz des verheirateten Vaters zweier Töchter: »Erst wenn´s dir wirklich be¬wusst ist, wenn´s in dir so einen Knacks macht, dann passt´s.«
Luck & Love
Nachdem er seine Frau Susanne kennen gelernt hatte, stand Damir Canadi am ersten Scheideweg seiner Karriere: Admira, Salzburg und Altach wollten den technisch hochversierten Goalgetter verpflichten. Altach zahlte am meisten. »Im Nachhinein die sportlich falsche Entscheidung, aber ich hab das Geld gebraucht«, sagt Canadi. »Ich wollte zum Ende meiner Karriere schuldenfrei sein und normal leben können.« Später, mit 26 (nach Mödling, Vienna und dem Sportklub), wäre nochmals der GAK unter Klaus Augenthaler in Frage gekommen. Oder ein guter Verdienst in der Regionalliga plus einem Hausbesorgerjob bei der privaten Genossenschaft Sozialbau. Frau Canadi war schwanger, die Schulden noch hoch. Kein GAK. Beim Fußballer spielt das Private eben stärker ins Berufliche hinein als zum Beispiel beim Buchhalter. Heute hat die Familie ein Haus, zwei Autos, ein Motorboot, sechs Apartments in Kroatien und keine Verbindlichkeiten mehr. Und Canadi, seit drei Monaten mit einem Titan-Keramik-Gelenk in der Hüfte, muss sich bei seiner Trainerkarriere nicht von pekuniären Erwägungen leiten lassen. Was er auch nicht vorhat: »Ich will es langsam angehen. Vielleicht noch zwei Jahre Wienerliga, dann drei Jahre als Co bei einem guten Verein. Anschließend vielleicht einen Regionalliga-Klub übernehmen und aufsteigen. Mit 40 möchte ich gern als Bundesligatrainer erfolgreich sein.« Bleibt die alte Frage, mit der sich wohl jeder im Fußball-Business ein ganzes Leben lang herumschlagen muss: Und was, wenn nicht?
Neben dem Trainer- und Hausbesorgerjob betreibt Damir Canadi die Spieleragentur CMC, gemeinsam mit dem Bankbeamten und Fortuna-Nachwuchsleiter Franz Muck. Die CMC betreut auch Vereine bei der Sponsorensuche ohne den von Muck aufgestellten Sponsor FPA Ver¬mögensverwaltung, sagt Canadi, hätte Donau drei gute Spieler weniger. Kaisermühlen lässt den leidenschaftlichen Fußballbesessenen jedenfalls so schnell nicht los.
Alfred Roscher ist mit seinem Leitungsjob bei der Securitas, wo er sich um Großkunden, Mitarbeiter und das operative Geschäft kümmert, und mit seiner Funktion als Ostbahn-XI-Galionsfigur voll ausgelastet. Das Geld sollte locker bis zur Pension reichen. Voraussichtlich in Simmering.
In der Favoritner Nachbarschaft ist Ervin Alilovic derzeit wahrscheinlich der talentierteste Fußballer des Bezirks. Ob er der beste des Landes wird, muss sich erst weisen. Bis dahin hat er hoffentlich auch noch etwas Anderes gelernt.






erscheint am 12. Juli 2013.
Abo bestellen