Der Unersetzbare

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Zwei WM-Teilnahmen, Kapitän von Deckers „Wunderteam“ und Rekorde, die Jahrzehnte halten sollten – Gerhard Hanappi hat mit dem österreichischen Nationalteam Geschichte geschrieben.

Clemens Zavarsky | 05.04.2016

„So endet eine der bemerkenswertesten Rekordleistungen der österreichischen Fußballchronik. Der Rapid-Internationale Hanappi wird erstmals seit 55 Länderspielen in einem Ländermatch fehlen“, schrieb die Arbeiter-Zeitung am 13. Juni 1956 als Vorschau auf das Länderspiel vier Tage später gegen Jugoslawien. Seit seinem Debüt am 14. November 1948 gegen Schweden war Rapids Mittelfeldstratege in jedem der folgenden Länderspiele in der Startformation gestanden – bis heute ein Rekord.

 

Flink wie drei Hanappis

Gerhard Hanappis starke Leistungen beim SC Wacker hatten den neuen Teamchef Walter Nausch bewogen, den damals 19-Jährigen in den Teamkader gegen den amtierenden Olympiasieger Schweden zu berufen. Nausch hatte die Mannschaft zu einer Zeit übernommen, als die Läuferreihe in der Krise war. Wenig optimistisch schrieb die Sportschau am 9. November 1948: „Vielleicht wagt er das Experiment Hanappi. Abwarten – und nachher einen Schnaps trinken. Auf den Schreck nämlich…“ Nach dem Spiel hatte sich der Wind gedreht. Die Zeitung sah in ihm den besten Österreicher beim 2:1-Sieg. „Hanappi ist ein nüchterner Spieler, dessen Prinzip ureinfach ist: Was geschehen muss, muss geschehen, und zwar je schneller desto besser.“ Sportjournalist Karl Heinz Schwind erinnert sich: „Schweden ist mit großen Namen wie den Brüdern Gunnar und Knut Nordahl, Henry Carlsson und Nils Liedholm gekommen. Letzterer hat gegen den Hanappi keinen Stich gemacht.“

 

Teamchef Nausch baute eine neue Mannschaft auf und setzte auf Hanappi, selbst als der damals gerade 21-Jährige wegen des Wechseltheaters zwischen der Wacker und Rapid im Herbst 1950 vorübergehend vereinslos war. „Nausch hat einen Narren am Hanappi gefressen“, sagt Schwind. „Da er weder in Hütteldorf noch in Meidling Fußballspielen durfte, hat ihn der Nausch auf den Praterplätzen selbst trainiert.“ Vier Spiele sollte Hanappi als bis heute einziger Vereinsloser für Österreich bestreiten, darunter auch der legendäre 1:0-Sieg in Glasgow gegen Schottland am 13. Dezember 1950. Am 27. Mai 1951 absolvierte Hanappi sein erstes Länderspiel als Rapidler, wieder gegen Schottland. Beim 4:0 schoss er die ersten beiden seiner insgesamt zwölf Tore. Später sagte er jedoch über das Spiel, es sei eines der hässlichsten seiner Laufbahn gewesen, der 5:3-Sieg gegen Ungarn ein Jahr zuvor hingegen sein bestes. Lob gab es auch vom Gegner. Der ungarische Star dieser Jahre, Ferenc Puskas, sagte später: „Er war derart flink, dass du geglaubt hast, du spielst gegen drei Hanappis.“

 

WM-Dritter 1954

Die WM 1954 in der Schweiz sollte Hanappis erster internationaler Höhepunkt werden. Beim 1:0 gegen Schottland bescheinigte ihm Journalist Robert Brum in seinem Bericht eine sehr gute Leistung, auch wenn er ungewohnt lange gebraucht habe, um in die Gänge zu kommen. Im zweiten Spiel, dem 5:0 gegen die Tschechoslowakei, zelebrierte Hanappi im Wechselspiel mit Ernst Ocwirk den berühmten Longpass hinter die tschechische Abwehr und bewies damit einmal mehr seine Vielseitigkeit. Beim 1:6 im Halbfinale gegen Deutschland hingegen erreichte er wie die meisten seiner Mitspieler „nie die Normalform“, wie Franz Pilsl in seinen WM-Erinnerungen schrieb. Hanappi selbst äußerte sich zum Spiel in einem zweiseitigen Text im „Bilderbuch zur WM 1954“, er war verärgert über die Bestechungsvorwürfe, die nach der Niederlage gegen einen Teil der Mannschaft erhoben wurden: „Da haben wir erleben müssen, wie man uns unseren selbstlosen Einsatz daheim zu danken wusste.“

 

Die Mannschaft von 1954 sollte in dieser Formation nie wieder zusammenspielen. Stützen wie Ernst Stojaspal und Ernst Happel wechselten ins Ausland und wurden somit nicht mehr für das Nationalteam berücksichtigt. Am 16. Oktober 1955, bei der 1:6-Niederlage gegen Ungarn, führte Hanappi die von Karl Geyer betreute Nationalmannschaft erstmals als Kapitän aufs Feld. Endgültig übernahm er die Schleife nach Ocwirks Wechsel zu Sampdoria im Sommer 1956.

 

Das zweite Wunderteam

Die Qualifikation zur WM 1958 in Schweden gelang denkbar knapp. Die Weltmeisterschaft sollte für Österreich bei Weitem nicht so erfolgreich verlaufen wie vier Jahre zuvor. Das 0:3 gegen den späteren Weltmeister Brasilien, das 0:2 gegen die Sowjetunion und das 2:2 gegen England bedeuteten die Heimreise nach der Gruppenphase.

 

Im Oktober 1958 übernahm Karl Decker das Teamchefamt. Er stellte die Mannschaft komplett um. Den Mittelfeldmotor Hanappi sah er in der defensiveren, den Vienna-Spieler Karl Koller in der offensiven Rolle. Decker hatte zu Beginn wenig Erfolg. „Abwehrchef Karl Stotz war über die Misserfolge so verärgert, dass er ein Jahr Auszeit vom Team genommen hat“, sagt Schwind. Erst als Hanappi wieder die etwas offensivere Rolle übernahm, formte sich um die Routiniers, eine Mannschaft, die als zweites „Wunderteam“ in die Geschichte eingehen sollte. In eineinhalb Jahren gewann Österreich Spiele gegen damals große Mannschaften des Kontinents wie England, Spanien, die Sowjetunion und Ungarn. Die Teilnahme an der WM 1962 in Chile sagte der ÖFB jedoch aus Kostengründen ab.

 

Wenige Monate später nahm die Teamkarriere Hanappis nach der 0:6-Niederlage gegen Vize-Weltmeister Tschechoslowakei ein unrühmliches Ende. Seine Kritiken in der Presse waren so vernichtend, dass er zurücktrat. „Die Alten raus“ war die Parole. Später sagte Hanappi im Express: „Das war respektlos.“ Mit 93 Einsätzen war er für die nächsten 36 Jahre Rekordnationalteamspieler, erst 1998 wurde er von Anton Polster überholt.

 

Foto: Privatarchiv Clemens Zavarsky

Referenzen:

Heft: 111
Rubrik: Thema
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