»Eine rechte Werbung für
die großdeutsche Vereinigung«
Das »Anschlussspiel« diente mehreren Zwecken: Im Zuge der »Gleichschaltung« des österreichischen Fußballs wurde es als »das letzte Spiel in dieser Zusammenstellung« (VB) deklariert. Der ÖFB hatte sich am 28. März de facto aufgelöst und war am Vortag des Matchs aus der FIFA ausgetreten u.a. deshalb scheint die Begegnung in der Länderspielstatistik nicht auf. Das »Versöhnungsspiel« sollte zudem so die Berliner Fußball-Woche (FW) »jene dünne, unsichtbare Linie, die wider die Natur zwischen den Angehörigen des gleichen Volkes gezogen war«, überbrücken. Nicht zuletzt stand es im Zeichen der NS-Propaganda für die eine Woche später stattfindende Volksabstimmung über die »Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich«. Am 2. April marschierten über 30.000 SA-Männer der »Österreichischen Legion« am Heldenplatz auf, den darauffolgenden Sonntag überließ man, dem Wiener Gemüt entsprechend, dem Fußball. Abends kam es auf dem Westbahnhof zu einem Zusammentreffen der beiden Mannschaften, das die FW mit großem Pathos kommentierte: »Feststimmung lag über Wien, und in sie hinein traten die Fußballabgesandten des Reiches. Sie machten Kulleraugen, als sie auf dem Bahnsteig ihre Kameraden von der Wiener Nationalmannschaft [!] in Reih und Glied angetreten vorfanden, sie konnten es erst gar nicht fassen, dass Professionals zum Bahnhof kommen, um die Amateure aus dem Reich abzuholen.« Reichstrainer Herberger und die deutschen Funktionäre wurden vom Kärntner Altnazi Friedrich Rainer begrüßt, der als Leiter des Wahlorganisationsamtes und österreichischer »Sportführer« in Personalunion für Volksabstimmung und »Versöhnungsspiel« zuständig war.
»Der Wiener Fußball wird weiterleben«
Vor den Augen von Arthur Seyß-Inquart, kurzfristig Bundeskanzler von Hitlers Gnaden, und 50 bis 60.000 Zuschauern piff Schiedsrichter Alfred Birlem die Partie an. Während Herberger mit acht Spielern auf den Stamm seiner berühmten »Breslau-Elf« setzte, zeigten sich die Wiener gegenüber ihrem letzten Länderspiel an sieben Positionen verändert. Am bemerkenswertesten war Sindelars Comeback als Mittelstürmer. Dem detaillierten Spielbericht des VB zufolge kamen beide Teams in der ersten Hälfte zu zahlreichen Chancen, wobei die »Gaumannschaft« eine leichte Feldüberlegenheit herausspielte. Eine gute Möglichkeit fand Binder vor: »Aus 25 Metern saust das Leder auf Jakobs Gehäuse, der Regensburger nimmt das Leder, kommt aber, von der Gewalt etwas überrascht, ins Wanken.« Insgesamt vermochte »Bimbo« den Berichterstatter des VB jedoch nicht zu überzeugen: »Binder zeigte sich wieder in seiner ganzen Phlegmatik.« Pech hatten die Österreicher bei einer »Bombe an die untere Querlatte« von Hahnemann, im Nachschuss vergab Sindelar.
In der Pause sprach zunächst Wiens neuer Bürgermeister Neubacher Grußworte. Reichssportführer von Tschammer und Osten wies laut VB in seiner Rede ausländische Presseberichte, der österreichische Fußballsport sei »gestorben«, als »große Lüge« zurück. Durchaus widersprüchlich zeigte sich das NS-Kampfblatt zugleich zufrieden über den Jubel, der ihm bei »seinen Worten über die reibungslose Überführung des österreichischen Fußballs in den gesamtdeutschen entgegenschallte«. Das Spiel habe somit seinen »tieferen Sinn erreicht« und »auch die ihm gestellte Aufgabe im Rahmen des Wahlkampfes voll erfüllt«.
»Eindeutige Überlegenheit«
Die »altösterreichische Landesmannschaft« (FW) dominierte die zweite Halbzeit klar. In der 62. Minute fiel das erste Tor: »Über Wagner und Mock hat Binder den Ball bekommen, kanoniert an die Stange, Stroh überlässt den Ball Sindelar, der aus der Luft für Jakob unhaltbar ins Netz schießt« (VB). Acht Minuten später überhob Sesta aus 45 Metern den deutschen Goalie zum Endstand. Die besten Kritiken des VB bekamen der »in glänzender Laune befindliche« Siegestorschütze, der Deutschlands linken Flügel »fast allein hätte lahm legen können« sowie die beiden »Veilchen« im Sturm: »Der alte Sindelar lief, schoss und kombinierte in einer Form, die geradezu an sein früheres Können erinnerte. Neben ihm zeigte sich Stroh, der glänzende Techniker, von seiner besten Seite.«
Abpfiff: »Nach dem Sieg Heil! der Spieler «
Abgesehen vom Finale um die deutsche Meisterschaft 1941 (siehe Teil 8 der Serie) konzentrieren sich auf kaum eine Partie der Jahre 1938 bis 1945 so viele Legenden wie auf das »Versöhnungsspiel«. Der erste Mythos besagt, Österreich habe auf besonderen Wunsch von Sindelar und als patriotisches Zeichen in rot-weiß-roten Dressen gespielt. Ersteres ist, wie so viele Gschichtln rund um den »Papierenen«, nicht zu verifizieren, reiht sich aber nahtlos in die um seine Person gestrickten Widerstandserzählungen ein. Die Trikotfarben waren kein Novum in der Historie des Nationalteams. Die NS-Propagandaleitung hatte zwar die Direktive ausgegeben, die österreichischen Staatsfarben zu vermeiden, doch dürfte sich die »Sportführung« nicht daran gestört haben. Schließlich kam auch den traditionellen schwarzen Hosen und weißen Leibchen der Deutschen Symbolcharakter zu: »Die Nationalmannschaft spielt auf heimatlichem Boden, nicht in der Fremde!« (FW). Der zweite Mythos betrifft in verschiedenen Abwandlungen den Ausgang der Begegnung. Das Toreschießen oder gar Gewinnen sei den Österreichern untersagt worden, das politische Wunschresultat wäre ein Unentschieden gewesen, angeblich habe man einen deutschen Sieg dekretiert, so wird in der Literatur gemutmaßt. Direkt an diese Verschwörungstheorien schließt der dritte reichlich zweifelhafte Mythos an. Demnach hätten die Österreicher ihre Chancen zunächst absichtlich vergeigt und sich dann erst recht nicht an die verordnete Torsperre gehalten. Mythos Nummer vier schlägt in eine ähnliche Kerbe: Der Torjubel der Österreicher, insbesondere die Freudentänze Sindelars, sei als Verhöhnung der Nazis gedacht gewesen. Ob tatsächlich politische Intentionen hinter dem überlieferten Freudentaumel standen, lässt sich heute freilich nicht mehr beurteilen. Beide Torschützen, »Sindi« und »Schasti«, profitierten jedenfalls später von »Arisierungen« jüdischen Vermögens. »Sesta betätigte sich auch eifrigst als Wahlhelfer«, wie der Fußball-Sonntag vermerkte.
Auf die »Wiedervereinigung« mit dem »Reich« folgte der Zusammenschluss der beiden Nationalmannschaften für die bevorstehende Weltmeisterschaft (siehe Teil 9). Bis zum nächsten Sieg über Deutschland dauerte es 40 Jahre und auch Córdoba wurde zu einem zentralen Moment österreichischer Fußballgeschichte.
Der Titel dieser Folge entspricht der Schlagzeile der »Fußball-Woche« vom 4. April 1938, die Zwischentitel sind der Berichterstattung des »Völkischen Beobachters« entnommen.






erscheint am 12. Juli 2013.
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