Der Zerrissene

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Anführer oder Ausgestoßener, Mitspieler oder Konkurrent, Motivator oder Taktiker – Dietmar Kühbauer lässt sich nicht leicht festlegen. Eine Reise vom Mattersburger Spielplatz bis zur deutschen Bundesliga und zurück.

Stefan Kraft | 12.12.2016

„Man ist da und will da sein, wie man ist – damit beginnt der Kampf um Anerkennung, der bisweilen auch ein Spiel sein kann.“

Clemens Berger – „Mein Burgenland, mein Balkan“

 

Damals ist er der Kleinste unter ihnen, damals in den 1970er Jahren. Die Kinder am Fußballplatz neben dem Mattersburger Stadion sind alle älter als er, sie sind kräftiger als er, sie sind schneller als er. Sein Bruder Josef will nicht, dass er mitspielt, er will ihn beschützen vor den Großen. Aber Dietmar hört nicht auf ihn, er setzt sich durch, er spielt mit den viele Jahre älteren Kindern Fußball. Und beweist so zum ersten von vielen Malen in seinem Leben, dass er so lange gegen die anderen ankämpfen wird, bis sie ihn entweder ausschließen oder als Anführer akzeptieren.

 

Für Dietmar Kühbauer ergibt sich auf die Frage, warum er denn in jeder Mannschaft seiner Karriere, von der Mattersburger Kinderpartie über den SK Rapid bis zum VfL Wolfsburg, die Führungsrolle einnehmen musste, eine natürliche Antwort: Weil er härter als jeder andere gearbeitet habe. Das ist die eine Seite der möglichen Wahrheit, und sie ist ihm anzusehen. Dietmar Kühbauer lächelt allzu selten, selbst wenn er einen dieser Sprüche von sich gibt, bei denen man vor Lachen unter den Tisch sinkt.

 

Ein Mattersburger Traum

Viel haben sie nicht daheim, die Kühbauers, die Familie kommt gerade durch, ein strukturschwacher Haushalt in einer strukturschwachen Region. „Mit Ecken und Kanten geboren“, so wird er das einmal beschreiben. Martin Pucher, Obmann des SV Mattersburg seit sich Menschen daran erinnern, wird dem Profifußballer Kühbauer später die Verträge für die erste spanische und deutsche Liga aushandeln und er wird das, so Kühbauer, aus einem einzigen Grund tun: Weil er stolz darauf ist, wie weit es ein Mattersburger gebracht hat. Der Bruder, Rudolf Pucher, hatte Jahre zuvor das Talent des jungen Kühbauers erkannt. „Über die Beiden könnte ich nichts Schlechtes sagen. Sie wollten nur, dass es ein Bub aus Mattersburg schafft. Das war ihr Traum und meiner sowieso“, sagt Kühbauer. Wenn man Dietmar Kühbauer danach befragt, welche Berufe ihm als Kind außer Profifußballer in den Sinn kamen, dann antwortet er: Tennisspieler. Tennis gefällt ihm fast noch besser als Fußball, weil es bei diesem Sport keine Ausreden gibt. Beim Tennis, sagt er, da zählt der Kampf Mann gegen Mann. Aber es sollte der Fußball werden, und wie.

 

Kühbauer übersiedelt während der Schulzeit ins Bundesnachwuchszentrum, auch dort ist er bald der Anführer. Mit 14 spielt er in der ÖFB-Nachwuchsauswahl, sein damaliger Kollege Patrick Binder sagt: „Er hat die Kommandos gegeben und hat sich absolut nichts gefallen lassen. Das ist aber in der Mannschaft akzeptiert worden. Er war damals schon der Leithammel.“ Unter Gustl Starek debütiert Kühbauer mit 16 Jahren in der Bundesliga bei Admira Wacker, sein Jugendverein Mattersburg liegt hinter ihm. Doch er wird ihn viel später in seinem Leben auf das Herzlichste wieder willkommen heißen.

 

Didi und die Daltons

In der Saison 1992/93 folgt der 21-jährige Dietmar Kühbauer seinem Trainer Starek zum SK Rapid nach Wien. „Als ich Rapid-Trainer geworden bin, habe ich gesagt: ‚Holt den Kühbauer, der ist gut‘“, erzählt Starek. „Ab und zu hat er aufgemuckt. Das ist aber normal. Ich kann mich in seine Psyche hineinversetzen, ich war selbst nicht der einfachste Spieler. Er ist in seine Rolle hineingewachsen als Spieler, der in der Mannschaft den Ton angibt.“ Bei Rapid verbindet Kühbauer seine verbissene Zweikampfstärke mit kreativem Offensivspiel. Er rackert hinten um jeden Ball und treibt das Spiel nach vorne an, nicht zuletzt mit einem genialen Passspiel. Kühbauer wird in seiner ersten Saison bei den Hütteldorfern Stammspieler, bestreitet 33 Matches und erzielt drei Tore. Rapid spielt eine schwache Saison und wird Vierter. Kühbauer aber ist bei Rapid angekommen. „Er hat nie egoistisch gespielt, indem er Aktionen alleine abgeschlossen hat, sondern immer den besser stehenden Spieler gesucht“, sagt Starek. „Andere hat er nie kritisiert, wenn sie einen Fehler gemacht oder schlechter gespielt haben. Deswegen war er ein Leader.“ Nur wenn einer nicht alles für die Mannschaft gibt, läuft Kühbauer heiß. Egal, ob das Mannschaftskollegen wie Marcus Pürk bei Rapid oder Andreas Herzog im Nationalteam sind. Auf Starek folgt Hubert Baumgartner, der Verein befindet sich in einer sportlichen und der schlimmsten finanziellen Krise seines Bestehens, es ist die blödeste Zeit für Kühbauer, um bei seinem zweiten Herzensverein zu spielen. Nach einer Saison denkt Rapid daran, ihn wieder zu verkaufen, so leer ist die Kassa. Die Klubchefs tun gut daran, es nicht zu tun.

 

Im Juni 1994 übernimmt Ernst Dokupil das Ruder, er wird Rapid aufrichten und in das Finale des Cupsiegerbewerbs führen. Im Mittelfeld gesellen sich zu Kühbauer Stephan Marasek und Sergei Mandreko. Gemeinsam mit einem gewissen Zoran Barisic sind sie die „Daltons“ – wie die vier Sträflingsbrüder in den Lucky-Luke-Comics. „Ich habe den Didi immer ‚Zwerggrantler‘ genannt“, erzählt Barisic. „Und er mich ‚blade Sau‘.“ Es dauert eine gewisse Zeit, bis sich alle die Hörner abstoßen, aber als es so weit ist, funktioniert die Mannschaft wie keine andere in Österreich. Trifon Iwanow, Andreas Heraf, Michael Konsel, Christian Stumpf, Peter Schöttel, Peter Stöger: Eine allerletzte Generation an raubeinigen, dialektsprachigen, hochprozentigen Schmähtandlern, deren Härte, Witz und Kreativität so gut zusammenpasst, dass Rapid nach acht Jahren wieder Meister wird und im Europacup von Triumph zu Triumph eilt. Mittendrin der ewige Vordermann Kühbauer, der jedes Derby so spielt, als hätte die Austria-Mannschaft am Tag zuvor sein Haus angezündet. Auf der Gegenseite tritt ihm mit Andreas Ogris ein Bruder im Geiste entgegen. Im wahrsten Sinne des Wortes: Beim Duell der Stadtrivalen im Jahr 1996 grätscht Ogris Kühbauer hinein. „Dann ist er mir auf den Oberschenkel gestiegen“, sagt Ogris. Kurz darauf stehen sie sich Nase an Nase gegenüber, es wird ein ikonisches Foto geschossen, der ballesterer illustriert seine Ausgabe zum Schwerpunkt „Wahnsinn“ viele Jahre später damit, beide müssen auch noch 20 Jahre danach Fragen zu dieser Spielsekunde beantworten.


Mitarbeit: Michael Graswald, Benjamin Schacherl, Martin Schreiner & Clemens Zavarsky

Foto: Lisa Edi

Lesen Sie den gesamten Artikel in der aktuellen Ausgabe des ballesterer (Nr. 118 Jänner/Februar 2017). Seit 15. Dezember 2016 österreichweit in den Trafiken sowie einige Tage später im deutschen und Schweizer Bahnhofsbuchhandel und digital im Austria-Kiosk der APA!

Referenzen:

Heft: 118
Rubrik: Thema
ballesterer # 121

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