Die große Desillusion

Nationalismus galt in Kroatien lange Zeit als zentrale Antriebsfeder für sportliche Erfolge. Was 1998 in Frankreich klappte, ging bei der EM vor vier Jahren ordentlich in die Hose. Nun werden Rufe nach einem Paradigmenwechsel laut.
Aleksandar Holiga | 16.05.2012

Es ist immer derselbe Song, der vor den Heimspielen der kroatischen Nationalmannschaft durch die Stadionanlage dröhnt: die ABBAeske Melodie, die Hardrock-Riffs, der schwere Bass, der trippig-folkloristische Touch. Die Nummer heißt »Lijepa li si« (Du bist so schön). Und der Mann, der sie singt, nennt sich Thompson nach einer Maschinenpistole. Der Spitzname wurde ihm als Soldat im Kroatien-Krieg gegeben. Die Textzeilen handeln von den historischen Regionen Kroatiens und gipfeln in der Passage »Herceg-Bosno, srce ponosno« (Herzeg-Bosna, stolzes Herz).

 

Es ist bekannt, dass sich auch die Teamspieler das Lied als Motivationsspritze in der Kabine anhören. Allerdings ist Herzeg-Bosna kein Teil von Kroatien. Das Lied bezieht sich auf eine einseitig von den Kroaten ausgerufene Republik, die während eines kurzen Zeitraums im Bosnien-Krieg der 1990er Jahre bestand, und auf den nationalistischen Anspruch auf Bosnien-Herzegowina eine kroatische Absonderlichkeit. Oder ist es vorstellbar, dass sich ein deutsches Team mit dem Absingen von »Ostmark, stolzes Herz« in Stimmung bringt? Das wirklich Seltsame ist jedoch, dass das Abspielen des Thompson-Songs kaum einmal von den Medien angesprochen wird, genauso wie das Faktum, dass Darijo Srna, der kroatische Kapitän, einen bosnisch-muslimischen Hintergrund hat. Es hat sich eingebürgert, dass man darüber nicht spricht.

Patriotismus mit Ablaufdatum
Das kroatische Team ist eine bunte Mischung: Vedran Corluka, Dejan Lovren und Nikica Jelavic sind in Bosnien geboren, Ivan Rakitic und Mladen Petric in der Schweiz sowie Ivo Ilicevic und Ivan Klasnic in Deutschland. Joe Simunic ist gebürtiger Australier und Eduardo Brasilianer. All diese Spieler hätten auch für ein anderes Nationalteam auflaufen können. Aber seit dem Zeitpunkt, als sie sich das kroatische Dress übergestreift haben, werden sie als Kroaten angesehen.

 

Dafür gibt es einen tieferen Grund: Das legendäre kroatische Team von 1998, das bei der WM in Frankreich Platz drei erreichte, hatte einen starken patriotischen Antrieb. Dadurch, dass sie nur vier Jahre nach der Zulassung durch die FIFA Weltruhm erlangten, waren sie Botschafter einer neuen, kleinen Nation, die ihren Patriotismus auslebten. Sie spielten in psychedelischen Karomustern, mit drei Spielmachern nebeneinander, und bezogen ihre Kraft aus ihrer Einheit für Vielfalt war damals kein Platz.

 

Patriotische Gefühle haben jedoch ein Ablaufdatum. Nachdem Teamchef Slaven Bilic eine neue Generation der »Karos« 2008 ins EM-Viertelfinale geführt hatte, wurden diese vor dem Spiel gegen die Türkei mit einem irrationalen medialen Druck konfrontiert. Sie wurden zu »Verteidigern von Wien« ausgerufen, die eine »türkische Invasion« zu stoppen hätten, genauso wie es ihre Vorfahren als Soldaten der k. u. k. Monarchie ein paar Jahrhunderte zuvor getan hatten. Das vielversprechende junge Team konnte damit nicht umgehen. Nach dem späten Ausgleichstor in der Verlängerung zerbrach die Mannschaft im Elferschießen, die Spieler waren leer und erschöpft. Srna erlitt auf dem Feld des Ernst-Happel-Stadions einen Nervenzusammenbruch.

Srna auf der Couch
Vier Jahre später wird das kroatische Team ohne große Erwartungen nach Polen geschickt. Die Qualifikation für die Endrunde war ein beschwerlicher Weg. Fans und Medien haben das Vertrauen in Bilics Burschen verloren und sie oft dafür kritisiert, dass sie bei ihren Klubs das große Geld scheffeln und für das Land nicht das Beste geben würden. »Es gab Zeiten, da bin ich mir vorgekommen, als stünde ich wegen sechsfachen Mordes vor Gericht«, sagt Srna. »Ich schäme mich nicht dafür zuzugeben, dass ich einen Psychotherapeuten aufsuche. Ich brauche das, um vor großen Matches zur Ruhe zu kommen.« Und auch Bilic geht die Sache an die Substanz: »Meine Familie schaut sich die Spiele an. Ihre Nachbarn, Lehrer, Mitschüler alle kritisieren mich für meine Entscheidungen.«

 

Als die Wirtschaftskrise in Kroatien um sich griff, entpuppten sich sowohl die ehemalige Regierung als auch die aktuelle Spitze des Fußballverbands als korrupt bis auf die Knochen. Die Kroaten sind desillusioniert, und »Lijepa li si« klingt im halbleeren Maksimir-Stadion von Zagreb noch eine Spur düsterer. Patriotismus reicht nicht mehr. Die Spieler müssen bei dieser EM beweisen, dass sie nicht nur gute Kroaten, sondern auch gute Fußballer sind. Wenn sie das schaffen, könnten sie einen revolutionären Wandel auslösen und Kroatien einen Sprung aus der Depression machen.

Referenzen:

Heft: 72
Rubrik: Thema
ballesterer # 121

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