Die Konterrevolution

cache/images/article_1614_00512765_140.jpg Er galt als Brot der Armen, gespielt von Liberos und Leichtathleten. Die Geschichte des Catenaccio. Oder: Wie ein trinkfester Triestiner, ein eitler Gockel und ein verrückter Philosoph den italienischen Fußball revolutionierten. (Foto: Imago)
Heute hat man Angst, das Wort Catenaccio zu verwenden. Es klingt zu stark nach der alten bäuerlichen Gesellschaft, auf die alle spucken. Das Wort hat zu wenig Glamour«, sagt Massimo Raffaeli, Autor mehrerer Fußballbücher und Literaturkritiker. Tatsächlich wird der Begriff Catenaccio (italienisch für Riegel) nicht nur ungern, sondern häufig auch missbräuchlich verwendet: für fantasiearmes Mauern, reduziertes Tempo und ergebnisorientierte Verteidigungsschlachten, meist mit italienischer Beteiligung. »Catenaccio wird als Schimpfwort verwendet, um eine gewisse Mentalität auszudrücken. Mit dem tatsächlichen System hat das nichts zu tun«, sagt der britische Historiker John Foot, der das Standardwerk »Calcio. A History of Italian Football« geschrieben hat. »Vielleicht kann man überhaupt nicht von einem System sprechen. Der Catenaccio war unglaublich variantenreich und flexibel.«

Der Aufstand der Kleinen
Ihren Anfang nahm die Geschichte nach Ende des Zweiten Weltkriegs, in einer Krisenzeit des italienischen Fußballs. Hatte die Nationalmannschaft davor noch die Weltmeisterschaften 1934 und 1938 gewonnen und Bologna in den 1930ern die Meisterschaft und phasenweise den Mitropa-Cup dominiert, setzte es für italienische Mannschaften nun herbe Niederlagen. »Italien war vom Krieg zerstört, es war arm und ohne Kultur«, sagt Alberto Brambilla. »Im Vergleich zu den Athleten des Nordens waren die Italiener physisch schwächer. Das hatte mit der Ernährung und dem Klima zu tun, aber auch psychologische Gründe.« Brambilla ist Herausgeber der Schriften von Gianni Brera, einem der schillerndsten Sportjournalisten und Fußballphilosophen Italiens. Brera war der theoretische Vater des Catenaccio, den er zu einem Symbol des Wiederaufbaus und der damit verbundenen Renaissance Italiens hochstilisierte. Einen zentralen Bestandteil in seiner Theorie nahm eine Art genetische Erklärung ein: Brera vertrat die Ansicht, dass Italien gegen die Technik der Südamerikaner und die Physis der Nordeuropäer mit anderen Mitteln zum Erfolg kommen müsse: der Taktik.


Damit vertrat Brera zunächst eine Minderheitenposition. Die tonangebenden Mannschaften spielten mit dem von Arsenal-Trainer Herbert Chapman entworfenen WM-System (3-2-2-3). Herausragender Interpret war das »Grande Torino«, das bis zu seinem tragischen Ende durch den Flugzeugabsturz am Superga 1949 viermal in Folge die Meisterschaft gewinnen konnte. 1947/48 erzielten die Turiner dabei 125 Tore, bis heute Torrekord in der Serie A. Um gegen solch übermächtige Gegner bestehen zu können, war gerade bei den Kleinen Einfallsreichtum gefragt. Nicht verwunderlich daher, dass der Catenaccio seine Wurzeln in den Provinzstädten Salerno und Triest hat. Um seine Verteidigung zu stärken, opferte Salernitana-Trainer Gipo Viani einen Stürmer für einen zusätzlichen Mann hinter den Abwehrreihen. Anleihen für diese Neuerung soll Viani bei den Fischern von Salerno genommen haben, die stets auch ein Reservenetz auswarfen für den Fall, dass ihnen Fische durch die Maschen schlüpften. Da dieser Spieler anders als die vor ihm postierten Verteidiger frei von Manndeckungsaufgaben agieren konnte, fand Fußballphilosoph Brera schnell die treffende Bezeichnung: Libero.


Während Vianis Erfolge mit Salernitana abgesehen von einem einjährigen Intermezzo in der Serie A 1947 bescheiden blieben, experimentierte weiter nördlich ein anderer Trainer viel erfolgreicher mit der Innovation. Mit dem WM-System war Triestina um ein Haar abgestiegen, mit Nereo Rocco und Libero erreichte es 1947/48 sensationell den zweiten Platz. Wichtigster Mann in Roccos Team war Ivano Blason, der seine Kompetenzen am Feld klar abzustecken wusste. So soll der Libero den gegnerischen Stürmern vor jedem Spiel eine imaginäre Linie gezogen haben, verbunden mit der Warnung: Übertreten verboten! War die solide Verteidigung mit dem Libero anfangs noch das Vorrecht der kleinen Teams, sorgte Inters Trainer Alfredo Foni 1953 für heftige Diskussionen. Seine Mannschaft mit dem eingekauften Blason wurde mit nur 46 geschossenen Toren Meister. Foni sah sich aufgrund des öffentlichen Drucks gezwungen, in der Folgesaison das System wieder zu ändern. Dennoch stand der Catenaccio vor seinem großen Siegeszug.

Räume des Spektakels
Wichtiger Baustein war neben der Neukonzeption der Verteidigung das veränderte Angriffsspiel. »Catenaccio besteht nicht aus Mauern. Es geht darum, gegen stärkere Gegner den Kampf auf offenem Feld zu verhindern«, sagt Raffaeli. »Die Strategie ist es, die Gegner kommen zu lassen und dann zuzuschlagen. Das funktioniert nur, wenn du schnelle Stürmer hast. Italien hatte in der Leichtathletik nie eine Tradition an Langstreckenläufern, immer nur schnelle Sprinter.« Durch die zurückgezogene Verteidigung und die nachrückenden Gegner eröffneten sich neue Räume, das Mittelfeld sollte möglichst schnell überbrückt werden, um sofort zum Abschluss zu kommen. »Brera hat gesagt, das Spiel um Ballbesitz ist schön, aber nicht spektakulär. Der Catenaccio ist weniger harmonisch, aber dank dieser Szenenwechsel unglaublich spektakulär«, so Raffaeli.­ Mit seiner zynischen Theorie teilte Gianni Brera das Land in Befürworter und Gegner des Catenaccio: »Es war ein Bruch mit den traditionellen olympischen Werten«, sagt Brambilla. »Im Grunde waren die Catenacciari weniger heuchlerisch und haben gesagt, dass das Resultat zählt.« Galt Brera als Theoretiker des Catenaccio, fand er in Rocco den perfekten Praktiker. Auf die Aussage eines Journalisten, »Möge der Bessere gewinnen«, antwortete der trocken: »Hoffen wirs nicht.«


1954 wechselte Rocco, der Fleischhauersohn mit Wiener Wurzeln, der seinen Nachnamen Rock erst im Faschismus italianisiert hatte, aus der ehemaligen k.u.k.-Marine-Stadt Triest zum Serie-B-Klub Padova. Nach dem sofortigen Aufstieg angelte sich Rocco Ivano Blason. Der Libero sollte das Kernelement werden, um die »linea Maginot« benannt nach dem französischen Verteidigungswall zum Schutz vor deutschen Angriffen nach dem Ersten Weltkrieg abzusichern. 1957/58 trug Roccos Arbeit auch bei Padova erste Früchte: der Provinzklub wurde Dritter der Serie A. Rocco, der als passionierter Weintrinker seine Besprechungen statt in Vereinsgebäuden lieber in Wirtshäusern abhielt, symbolisierte mit seiner erdigen Erscheinung und pragmatischen Einstellung den Wiederaufbau nach dem Krieg. Sein auf Disziplin und spezialisierte Arbeitsteilung ausgerichtetes Spiel erinnert an eine fordistische Fabrik, die mit Massenproduktion und Massenkonsum den Aufschwung Italiens und das einsetzende Wirtschaftswunder ermöglichte.

Mailand dominiert Europa
Ausgehend von der Provinz erreichte der Catenaccio die Industriemetropolen. Nach seinen Erfolgen mit Padova wurde Rocco 1961 von Sportdirektor und »Fischer« Viani, der bis dahin selbst das Traineramt innehatte, zu Milan geholt. Die Mannschaft um Kapitän und Libero Cesare Maldini, den defensiven Mittelfeldspieler Giovanni Trapattoni, Stürmer Jose Altafini und den blutjungen Regisseur Gianni Rivera gewann gleich in Roccos erster Saison den Meistertitel und stand im Folgejahr im Finale des Meistercups, in dem zwei Welten aufeinanderprallten. Auf der einen Seite das offensive Benfica von Bela Guttmann, das mit Eusebio die letzten beiden Meistercups gewonnen hatte, auf der anderen die defensive Kontermannschaft Roccos. »Guttmann war ein Romantiker«, schreibt Jonathan Wilson in »Inverting the Pyramid«, »Rocco wollte einfach nur gewinnen.« Und tat das auch: Zwei Konter über Rivera und Altafini drehten das Spiel, und so durfte Milan als erste italienische Mannschaft den Meistercup bejubeln.

 

Am anderen Ende der Stadt waren diese Erfolge nicht gern gesehen. Um Milan den Rang abzulaufen, verpflichtete Inter-Präsident Angelo Moratti einen aufstrebenden Trainer aus Spanien: Helenio Herrera. Der in Buenos Aires geborene Weltenbummler hatte den FC Barcelona 1959 und 1960 zu zwei Meistertiteln geführt. Von einer defensiven Spielanlage konnte dabei noch keine Rede sein, Barca erzielte 1958/59 fast 100 Tore in 30 Spielen. Und auch beim FC Internazionale änderte Herrera daran zunächst nichts. Erst als ihm Moratti nach einem dritten und einem zweiten Platz ein Ultimatum stellte, krempelte er seine Mannschaft um. »Ich habe einen Mittelfeldspieler rausgenommen und ihn zum Libero gemacht. Gleichzeitig hat der linke Verteidiger die Freiheit bekommen, nach vorne mitzugehen«, beschrieb er später seine Strategie. »Im Angriff haben alle Spieler gewusst, was ich wollte. Vertikalen Fußball in hohem Tempo, mit nicht mehr als drei Pässen zum Sechzehner des Gegners.«...

 

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Referenzen:

Heft: 61
Rubrik: Thema
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