Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen

Die vergangene Saison endete mit dem erwarteten Ergebnis: Red Bull Salzburg wurde Meister. Nicht gerechnet haben die Zuschauer allerdings mit einer derart langwierigen Titelentscheidung, so vielen schwachen Partien und einer Rekordanzahl an Unentschieden. Ein Lagebericht zur österreichischen Bundesliga in sechs Thesen.
Jakob Rosenberg | 12.07.2012

Es herrschen paradiesische Zustände in Österreich. Es gibt keine Favoriten in der Bundesliga, noch am 31. Spieltag der abgelaufenen Saison hat der Tabellenführer nur zehn Punkte Vorsprung auf den Siebten. In der 17. Runde waren sogar noch vier Mannschaften punktegleich in Führung gelegen. In Österreich kann jeder gegen jeden verlieren. Oder zumindest unentschieden spielen. 63 Begegnungen enden letztes Jahr remis, das sind 35 Prozent aller Spiele und deutlich mehr als in den Top-10-Ligen der UEFA-Fünfjahreswertung. Die italienische Serie A kommt österreichischen Verhältnissen noch am nächsten, dort gab es in 29 Prozent aller Spiele keinen Sieger. Am anderen Ende der Skala steht Russland, wo nur 17 Prozent der Spiele mit einem Remis endeten.


Doch nicht nur der Kampf um den Meistertitel ist in Österreich spannend, auch die Qualifikation für einen europäischen Wettbewerb bleibt bis zuletzt offen. Vorjahresmeister Sturm Graz und die Wiener Austria gehen leer aus, dafür spielt mit der Admira der Aufsteiger, der die Saison als Dritter beendete, um die Qualifikation für die Europa-League-Gruppenphase. Bei dieser Leistungsdichte und der Spannung bis zur letzten Minute könnte man meinen, dass das Zuschauerinteresse für den heimischen Kick explodieren müsste. Tut es aber nicht. Der Schnitt fiel gegenüber 2010/11 um neun Prozent auf 7.128 Zuschauer. Im Vergleich zur Rekordsaison 2007/08 sogar um 23 Prozent. Die Ausgeglichenheit spiegelt also nicht die Stärke der Liga wider, sondern die Schwäche der vermeintlich Großen, wie eine Analyse offenbart.

1. Die Spielphilosophie: ideenlose Trainer
»Mattersburg und Kapfenberg haben immer viel defensiv taktiert. Das schlägt jetzt auf den gesamten Fußball über. Trainer achten nur mehr auf das Ergebnis, das Spiel wird weniger attraktiv«, sagt Josef Michorl, der Assistent des ehemaligen Austria-Trainers Karl Daxbacher. Tatsächlich hatten Mattersburg und Kapfenberg gerade gegen Großklubs vergangene Saison die richtigen Mittel gewählt. Die Burgenländer holten in vier Begegnungen gegen Salzburg sieben Punkte, die Steirer gegen die Austria ebenso viele. Doch nicht nur schwache Favoriten prägten die letzte Spielzeit, sondern auch die hohe Anzahl an Remis. Der Tabellenzweite Rapid spielte 14-mal unentschieden, Sturm, Ried und Wacker Innsbruck sogar 15-mal.


Wieso gelingt es einer kleineren Mannschaft, einem qualitativ weitaus besser aufgestellten Gegner das System aufzwingen? »Viele Vereine geben sich eine Viertelstunde vor dem Ende mit dem Punkt zufrieden und riskieren nichts mehr«, sagt Johannes Uhlig, Sportwissenschaftler und Trainer der SV-Neulengbach-Frauen. »Das Defensivspiel ist einfacher zu trainieren, was bei uns auch getan wird. Zu reagieren fällt immer leichter als zu agieren«, sagt Uhlig, der das schwache Niveau der Liga an der durchschnittlichen österreichischen Trainerausbildung festmacht. »Wenn ich mir die deutschen oder englischen Konzepte anschaue, sind wir davon weit entfernt. Dort wird detailgetreuer, ehrgeiziger gearbeitet einfach qualitativ besser.« Vergangene Saison trainierten mit Walter Kogler, Dietmar Kühbauer, Peter Schöttel, Peter Stöger und Ivica Vastic fünf Protagonisten der »98er-Generation«, also der österreichischen WM-Teilnehmer von 1998, in der Bundesliga. Drängten die »98er« die »78er-Generation« in den letzten Jahren erfolgreich zurück, ist dennoch ein Vorwurf geblieben: Ausgezeichnete Spieler werden nicht automatisch zu ausgezeichneten Trainern. »Peter Schöttel und Peter Stöger sind sehr fleißige, intelligente Trainer, aber in österreichischen Konzepten fehlt noch ein gutes Stück«, sagt Uhlig. Dieser Mangel an Konzepten führe zur Selbstermächtigung der Spieler. »Was wir auf dem Spielfeld sehen, ist meist von den Spielern unter sich ausgemacht«, sagt Uhlig. »Ein Beispiel: Drei Spieler stehen beim Freistoß zusammen und probieren eine Variante, bei der einer den Schuss antäuscht, der zweite ablegt und der dritte schießt. Nehmen wir an, der Ball geht ins Tor. Der Reporter wird die super einstudierte Variante bejubeln, jedoch wird so etwas meist nur von den Spielern selbst nach dem Training oder eben spontan besprochen. Und es steckt kein Trainer-Know-how dahinter.«


Rapid-Trainer Schöttel will den Vorwurf nicht gelten lassen und verweist auf strukturelle Probleme: »Keiner von uns behauptet, dass wir den Fußball erfunden hätten. Besuche bei Stuttgart und Chievo Verona sind zwar interessant, sie prägen einen aber nicht, wenn man nie dieselben Möglichkeiten haben wird.« Von internationalen Standards zeigt er sich dennoch beeindruckt. »Vor der WM 2010 war ich in Irdning bei der englischen Nationalmannschaft. Da waren acht Trainer am Feld. Der Tormanntrainer hat sogar Matten mitgehabt, damit die Goalies nicht zu hart fallen.«

 

2. Die Infrastruktur: holprige Böden
In Maria Enzersdorf hatte es am 11. Februar minus 10 Grad. Auf dem Rasen der Südstadt versahen zwei Schneeräumfahrzeuge einsam ihren Dienst. Vergeblich, denn der Schiedsrichter sagte die Begegnung der 20. Runde zwischen der Admira und Kapfenberg ab. Der gefrorene Boden war unbespielbar, das Verletzungsrisiko zu hoch. Eine Rasenheizung hat die Admira nicht, muss sie laut Lizenzbestimmungen der Bundesliga aber auch nicht haben. In Kapfenberg, Mattersburg, Ried und Wiener Neustadt wird ebenfalls ohne Rasenheizung gespielt, den Heimmannschaften und ihren Gästen bleibt in den ersten Frühjahrsrunden also nur, auf einen milden Winter zu hoffen.


Doch selbst dort, wo im Februar gespielt werden kann, präsentiert sich der Boden zumeist holprig. Der Jammer über das schlechte Niveau der Liga erreichte zu Beginn des Frühjahrs seinen Höhepunkt. In der 22. Runde fielen insgesamt nur drei Tore. Eines davon in Wien-Favoriten, wo die Austria gegen Kapfenberg verlor. »Im Frühjahr sind die Plätze vom harten Winter schlecht, da kann das Niveau naturgemäß nicht hoch sein«, sagt SV-Ried-Co-Trainer Gerhard Schweitzer. Im März veröffentlichte die Fußballergewerkschaft VdF die Ergebnisse einer Spielerbefragung über die Qualität der heimischen Rasen. Die Spielunterlagen im Hanappi-Stadion (3,5 von zehn möglichen Punkten), in Kapfenberg (3,0) und in Innsbruck (2,5) schnitten dabei besonders schlecht ab, die Bestnoten gab es trotz fehlender Rasenheizung für Mattersburg und Ried (jeweils 7,5).


Doch nicht nur die Plätze der heimischen Stadien entsprechen nicht unbedingt hohen Anforderungen, wie die Diskussion um die Sanierung des Hanappi-Stadions zeigt. »In den Kabinen wars zu heiß, zu kalt, es hat alles geschimmelt, dort hat wieder was getropft. Unser einziger Trainingsplatz war auch in keinem guten Zustand mehr«, sagt Peter Schöttel. Seine Mannschaft trainiert mittlerweile auf den Plätzen des Ernst-Happel-Stadions. Die längst fällige Sanierung des Hanappi-Stadions wird in der Saison 2013/14 in Angriff genommen und ist nur dank großzügiger Förderungen der Stadt Wien möglich.


Lesen Sie die restliche vier Thesen und den Ausblick für die Bundesliga-Saison 2012/13 in der aktuellen Printausgabe des ballesterer (Nr. 73, August 2012) Ab 20.7. österreichweit in den Trafiken sowie im deutschen und Schweizer Bahnhofsbuchhandel!

Referenzen:

Heft: 73
ballesterer # 121

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 18.05.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png