Die Männer im Schatten

cache/images/article_2484_hauptartikel_140.jpg Sie sind auf den internationalen Fußballplätzen zu Hause, verpassen keine Jugendspiele, nutzen ihr mühsam geknüpftes Netzwerk. Scouts operieren im Geheimen, die Ergebnisse ihrer Arbeit sind oft erst Jahre später sichtbar – wenn sie den entscheidenden Wettbewerbsvorteil im heiß umkämpften Fußballmarkt bringen.
Benjamin Schacherl | 14.07.2015

Die Haupttribüne der Hohen Warte ist an diesem Abend Mitte Juni etwa zur Hälfte besetzt. Es sind vorwiegend Freunde und Familienangehörige der Spieler, die das Testspiel zwischen der österreichischen U21-Nationalmannschaft und ihren Altersgenossen aus Bulgarien sehen wollen. Doch auch einige Abgesandte prominenter europäischer Vereine haben sich unter die Zuschauer gemischt. Sie sind Scouts von Borussia Dortmund, Fiorentina, Bayer Leverkusen, dem Hamburger SV und anderer internationaler Vereine. Ein junger Mann notiert ständig entweder ein Plus oder ein Minus zu einer Nummer in seinem Notizblock. Er ist im Auftrag eines deutschen Zweitligisten nach Wien-Döbling gekommen, um einen Spieler genau unter die Lupe zu nehmen. Den Namen seines Auftraggebers will er nicht in der Presse lesen und wen er beobachtet, bleibt ein Geschäftsgeheimnis. Schließlich lässt er sich doch eine Einschätzung entlocken: Die Nummern 7, 8 und 17 hätten Potenzial – Dominik Wydra, Alessandro Schöpf und Marvin Egho.

Heute für übermorgen
Auf der Suche nach den vielversprechendsten Talenten werden im globalisierten Profifußball nicht nur Nachwuchsspiele auf der ganzen Welt beobachtet. Scouts – im Wortsinn Kundschafter – sehen mehr Fußballspiele als die härtesten Groundhopper, sitzen auf Tribünen zwischen Astana und Faro und hoffen, dass der Spieler, dem sie auf der Spur sind, nicht gerade heute kurzfristig ausfällt. Sie knüpfen Netzwerke von ehemaligen Aktiven, Trainern und anderen Experten, um jedes möglicherweise relevante Detail über den potenziellen Königstransfer in Erfahrung zu bringen.


Dabei dürfen sie nicht nur an die nächste, sondern müssen immer schon an die übernächste Saison und noch weiter denken. Will ein Verein sich in diesem hart umkämpften Geschäft behaupten, muss er seinen Kader ständig erneuern. Es zählen nicht nur die Spieler, die heute auf dem Platz stehen, sondern jene, die sie morgen und übermorgen ersetzen können: Der Scout ist verantwortlich für die sogenannte Schattenelf. In dieser fiktiven Mannschaft sind alle Positionen mit potenziellen und finanziell realisierbaren Neuzugängen besetzt. Verlässt ein Spieler den Klub, hat der Verein im Idealfall bereits mehrere gescoutete Spieler für seine Position parat.

Wiener Professionalisierung
„In unsere Schattenelf kommen die Spieler, bei denen die Faktoren Alter, Qualität und Finanzierbarkeit stimmen. Am Anfang der Saison haben wir auf jeder Position viele Namen stehen, die wir dann intensiv verfolgen“, sagt Bernard Schuiteman. Seit einem Jahr ist der Niederländer als Chefscout bei Rapid engagiert. Der 41-Jährige war Profi in den Niederlanden und Deutschland sowie hierzulande beim GAK und zuletzt als Scout bei Twente Enschede tätig. Als Andreas Müller im Jänner 2014 Sportdirektor von Rapid wurde, setzte er sich dafür ein, die Scoutingabteilung professioneller aufzustellen. Die Effekte dieser Veränderungen werden wohl erst nach einigen Jahren deutlich sichtbar sein. „Für das breite Publikum ist nach meinem ersten Jahr bei Rapid nichts zu erkennen“, sagt Schuiteman. „So etwas ist im Profifußball ungewöhnlich, normalerweise will man immer nach drei Wochen Veränderungen sehen. Im Scouting geht das nicht.“


Auch die Austria will seit dem jüngsten Sportdirektorenwechsel verstärkt auf den Bereich Scouting setzen. „Bislang hat der Verein überhaupt kein eigenes Scouting gehabt“, sagt der ehemalige Spielerberater Otto Hauptmann, der Zlatko Junuzovic 2009 zur Austria lotste. Sportdirektor Franz Wohlfahrt, der im Jänner sein Amt antrat, hat den Budgetposten Scouting neu verhandelt und laut eigenen Angaben eine deutliche Aufstockung auf jährlich rund 100.000 Euro erreicht. Im Mai wurde der Posten des Chefscouts geschaffen und mit Gerhard Hitzel besetzt. Der 67-Jährige war Leiter der ÖFB-Trainerausbildung und als Nachwuchskoordinator auch bei Lokomotive Moskau und dem SV Mattersburg tätig. Hitzel stand dem ballesterer für ein Gespräch nicht zur Verfügung, Interviews mit dem neuen Chefscout seien derzeit nicht möglich, heißt es aus der Austria-Pressestelle. Verlautbart wurde lediglich, dass die Zahl der Scouts, die für die Austria arbeiten, im Steigen begriffen ist. Fünf Scouts sind derzeit für den Profi- und drei für den Nachwuchsbereich tätig.

Grazer Aufbau, Salzburger Dominanz
Bei Sturm Graz hat sich in den letzten Jahren in Sachen Professionalisierung und Strukturierung bei der Spielerbeobachtung ebenfalls einiges getan. Der Ex-Profi Imre Szabics leitet die Ende 2013 etablierte Scoutingabteilung, in der zwei weitere Mitarbeiter beschäftigt sind. Man habe mittlerweile Scouts mit langjähriger Erfahrung auf der Payroll, einen Deutschen für Westeuropa und einen Ungarn für Osteuropa, erklärt Sturm-Manager Gerhard Goldbrich dem ballesterer. Zusätzlich vertraue man noch auf den langjährigen Vereinsmitarbeiter Stojadin Rajkovic, der sich hauptsächlich um den Balkan kümmere. Rapid, Austria und Sturm sind bemüht, die Versäumnisse der Vergangenheit aufzuholen – wohl auch deshalb, weil der Branchenkrösus aus Salzburg Druck auf die Konkurrenz ausübt.


Denn dort herrschen andere Voraussetzungen. Nachwuchsleiter Ernst Tanner hat vor drei Jahren sein Job bei Red Bull angetreten und mit dem ehemaligen Sportdirektor Ralf Rangnick ein Scoutingsystem etabliert, das in Österreich bisher unerreicht ist. „Ich will mir nicht anmaßen, dass unser Scouting besser ist als das der anderen. Aber wir haben einen neuen Weg eingeschlagen, der uns Qualität sichert“, sagt der 48-jährige Deutsche während des Rundgangs über das Gelände der Akademie von Red Bull Salzburg. 400 Talente finden dort die besten Trainingsmöglichkeiten vor: sieben Fußballplätze, einer davon überdacht, medizinische Versorgung wie in einer Privatklinik, ein großer Motorikpark, Krafträume, eine Turnhalle, eigene Trainings- und Regenerationseinrichtungen.


Einen echten Chefscout gibt es bei Salzburg nicht. „Der Chefscout ist die Datenbank“, sagt Tanner: „Die Scouts müssen ihre Arbeit dokumentieren, erst dann ist sie für uns wertvoll.“ Darüber hinaus setzt der Verein auf ein Netz von freien Mitarbeitern und nutzt dabei die internationalen Verbindungen des Konzerns. Für die Standorte in Salzburg und Leipzig stehen mehr als zwei Dutzend Scouts zur Verfügung, zwölf arbeiten regelmäßig für Salzburg. In den Standorten in New York und Brasilien stehe ebenfalls jeweils ein eigener Mitarbeiter mit den europäischen Standorten in ständigem Kontakt. Natürlich sei Scouting auch eine Frage des Geldes, sagt Tanner. „Es ist klar, dass die kleinen Vereine nicht die finanziellen Möglichkeiten haben, um so ein Scoutingsystem aufzubauen.“

 

Mitarbeit: David Eder, Wolfgang Fiala, Martin Hanebeck & Jürgen Pucher

Foto: Stefan Reichmann


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Referenzen:

Heft: 103
Rubrik: Thema
Thema: Scouting
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