Die Piratenheftln der depperten Buam

cache/images/article_1361_clarke_liv_140.jpg Sie tragen lustige Namen, wissen zu provozieren und sind beinahe ausgestorben: Fanzines. Ein Blick auf ein Phänomen, das den Punk in den Fußball brachte und den Fans auch abseits von Gesängen eine Stimme verlieh.
Die Gründungsgeschichten von Fanzines sind überall die gleichen. Ob in London, Hamburg oder Wien: Am Anfang stehen die Unzufriedenheit, eine Portion Mitteilungsbedürfnis und der Wille zur Veränderung. »Wir wollten weg von den Zeitungsberichten und uns selbst artikulieren«, erzählt Michael Regen. Gemeinsam mit ein paar Gleichgesinnten hat Regen im Wien der zu Ende gehenden 1980er Jahre das Sport-Club-Fanzine Schwarz auf Weiß (SAW) ins Leben gerufen. Die erste Ausgabe, ein Rückblick auf die Herbstsaison 1988, erschien ohne Titel und mit einer Auflage von »rund einem Dutzend«. Am Cover stand lediglich »Die Bundesliga 88/89 ein Wiener Sportclub-Saisonrückblick«, dazu handgeschrieben, auf einem viel zu dunklen Foto eines Zweikampfs zwischen einem unkenntlichen WSC- und einem Austria-Spieler: »Wir, wir bleiben oben «


Die Produktionsbedingungen der ersten SAWs waren denkbar einfach. »Wir waren so vier, fünf Leute, es gab keine Strukturen. Alle haben alles gemacht. Wir haben uns im Büro einer Freundin getroffen und sind mit ein paar Bier nächtelang gesessen, haben getippt und layoutiert. Irgendwer ist dann in einen Copyshop gefahren und hat das Heft zusammengefaltet.« Beeinflusst waren die jungen Dornbacher vor allem von der alternativen Musikszene. »Wir sind ins alte Chelsea gegangen und haben Indie, Alternative und Punk gehört. Da sind die Einflüsse aus der englischen Sub- und Fankultur zusammengekommen«, so Michael Regen. Das Underground-Lokal in der Piaristengasse war nicht nur, was die Musik betrifft, stilprägend. Mit dem Chelsea Chronicle wurde in dessen Dunstkreis auch ein Musikzine produziert, das in seiner Berichterstattung den britischen Fußball miteinschloss.

Punkige Klebstoff-Ästhetik
Auf der Insel hatte auch die moderne Fanzine-Bewegung ihren Anfang genommen. Zwar finden sich schon in der US-Science-Fiction-Szene der 1920er und 30er ähnliche Publikationsformen, so richtig wurde die mediale Untergrundbewegung aber von den britischen Punks der 70er Jahre losgetreten. Anders als ihre Vorgänger konnten sie bereits auf ein technisches Hilfsmittel zurückgreifen, das die Verbreitung enorm erleichterte: »Die frühen Punk-Fanzines sind erschienen, als die ersten Xerox-Kopierer frei zugänglich waren. Dadurch konnten diese Publikationen auch in kleinen Auflagen erscheinen«, umreißt Andreas Kuttner vom Berliner Archiv der Jugendkulturen die technische Revolution. Der entscheidende Punkt dabei war die Erzeugung einer Gegenöffentlichkeit. »Alternative Szenen sind in die hochorthodoxen Märkte nicht reingekommen. Fanzines waren die einzige Möglichkeit, eigene Kanäle zu schaffen, um sich Gehör zu verschaffen. Die ganze Vernetzung ist über den Postweg gelaufen«, erklärt Thomas Mießgang, Museumskurator der Kunsthalle Wien und Punk-Experte, den Ursprungsgedanken. Trotz der einfachen Reproduzierbarkeit und Auflagen von teilweise einigen hundert Stück waren die technischen Möglichkeiten der Punks beschränkt: »Das waren nur ein paar mit Maschine geschriebene Seiten und schlecht reproduzierte Fotos«, beschreibt Mießgang das Erscheinungsbild der Punk-Fanzines. »Aus diesem Do it yourself-Gedanken ist ein neuer Grafikstil geworden, der die ganze Punk-Ästhetik geprägt hat.«


Paradebeispiel für ein erfolgreiches Punk-Fanzine war das 1976 gegründete Sniffin Glue, eine Referenz an die Band Ramones, die auf ihrem Debütalbum mit dem Track »Now I Wanna Sniff Some Glue« der Billigdroge Klebstoff ein musikalisches Denkmal gesetzt hatte. Noch im selben Jahr lief The Ostrich, das erste deutsche Punk-Heft, durch den Kopierer. Eine Welle von Neugründungen folgte: Anfang der 80er gab es im deutschsprachigen Raum bereits über 300 Titel, die ersten österreichischen Ausprägungen trugen Namen wie Es ist zum Scheißn und Totes Wien.


Mit den Fanzines kämpften die Punks um eine bestimmte Form der »illegitimen Kultur«, wie es Mießgang nennt. Die Ausrichtungen reichten von den politischen Zines der Hausbesetzerszene bis hin zu normalen Rockmusikzeitschriften. »Manche wollten nur mit den wenigen Menschen kommunizieren, die dieselben Interessen hatten, und waren in ihrer Nische hochzufrieden. Andere hatten die Hoffnung, professionell zu werden. Das ist ein ganz natürlicher Lauf. Eine Widerspruchshaltung eröffnet ein neues Paradigma. Daraus entsteht ein neues Milieu. Manche wurden zu Stars, die große Masse ist nach drei Ausgaben eingegangen«, so Mießgang. Beispiele für später kommerziell erfolgreiche Fanzines sind Crawdaddy, Jamming und das deutsche Spex.

Foulende Akademiker, halbanständige Trendsetter
Ausgehend von den Punks beeinflusste der Fanzine-Gedanke auch andere Subkulturen. Skins produzierten ihre Hefte ebenso wie Rockabillys. Und weil die Verbindung zwischen subkultureller Musik und Fußball vor allem in England seit jeher eng war als Beispiele seien nur die West-Ham-Fans Cockney Rejects und Billy Bragg sowie die Tranmere-Supporter Half Man Half Biscuit genannt , schlug sich diese Entwicklung schließlich auch im Fußball nieder. Zu Beginn der 1980er wurden in Punk-Zines zunächst kleine Fußballbeilagen eingeheftet, später wurden daraus eigene Hefte für den Lieblingsverein. Die neue Bewegung wurde schnell breiter: Existierten Mitte der 80er sechs Fußball-Fanzines in England, waren es 1990 schon über 200 mit einer geschätzten Gesamtauflage von rund einer Million Stück.


Abseits von Punks und Skins hatten Absolventen der Uni Cambridge für Aufsehen gesorgt, als sie ab 1972 Foul herausbrachten. In diesem Footballs Alternative Paper gab es erstmals alternative, satirische Statements zum Profifußball. »Foul war herzhaft anders, weil es in großen Lettern aussprach, was kein Vereinsboss je zu sagen wagte: Fußball über 90 Minuten, besonders in den 1970ern, konnte verdammt langweilig sein«, schreibt Gerd Dembowski im Buch »Ballbesitz ist Diebstahl«. 1976 wurde das Magazin eingestellt, nachdem die Macher von professionellen Medien abgeworben worden waren.


Der englische Fußball spielte sich derweil in eine Krise: Zu den Matches in kaputten Stadien kamen immer weniger Zuschauer, die Gewalt wurde zunehmend zum Problem. Das Unglück im Brüsseler Heysel-Stadion 1985 manifestierte das Bild von britischen Fußballfans als betrunkenen und aggressiven Idioten, an dem die Boulevardpresse eifrig mitgezeichnet hatte. Noch im selben Jahr erschien das Buch »The Rising Sons of Ranting Verse« von Steven Wells und Attila The Stockbroker mit dem Untertitel »Warnende Märchen für tote Dauerkarteninhaber«. Ziel der Autoren war es, den entstehenden Fanzine-Untergrund voranzutreiben und »gegen die Verblödung der fußballinteressierten Sun-Leserschaft« aufzutreten.


Im März 1986 wurden mehrere hundert handkopierte Exemplare des überregionalen und nach einem Undertones-Song benannten When Saturday Comes (WSC) vor Stadien und in Plattenläden verkauft. Der bis heute verwendete Untertitel Half Decent spielt mit dem Vorurteil vom chauvinistischen, rassistischen und gewaltbereiten Fan. »Wir wollten, dass Leute über ihre Erfahrungen als Fußballfans schreiben«, sagt Co-Gründer Andy Lyons über die Intention hinter WSC. »Diese Perspektive war nicht vorhanden. Es gab Fußballhefte für Kinder und klassische Nachrichtenmagazine, aber kein Medium für die Leute, die sich auch für andere oder kleinere Klubs interessiert haben.« Überrascht waren Lyons und sein Mitstreiter Mike Ticher, »dass eine richtige Subkultur entstand. Über das ganze Land verstreut schossen Fanzines aus dem Boden.«


Lesen Sie den gesamten Artikel in der aktuellen Printausgabe des ballesterer (Nr. 50/März 2010) Ab sofort österreichweit in den Trafiken sowie im deutschen und Schweizer Bahnhofsbuchhandel!

Referenzen:

Heft: 50
Rubrik: Thema
ballesterer # 82

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