Die Reisekrankheit

Eine Auswärtsfahrt ist lustig für die meisten. Sie stärkt das Gemeinschaftsgefühl, man darf schon am Vormittag Dosenbier trinken und kommt wieder einmal heraus aus der Stadt. Für jene Menschen, die an der Reisekrankheit leiden, ist sie jedoch ein Graus. Tröstend: Die Symptome nehmen mit der Zeit ab.
Wolfgang Pennwieser | 07.04.2009
Neulich in der Notfallambulanz. »Jedes Mal, wenn ich in den Flieger steige, wird mir schlecht«, bekennt ein ballesterer-Redaktionsmitglied, seines Zeichens Intellektueller und vordergründiger Misanthrop. Je mehr er gegen die Beschwerden antrinke, umso schwindliger und unwohler werde ihm. Bisher versuchte er   selbsttherapeutisch , zumindest einen einstelligen Promillespiegel bis zum Boarding zustande zu bringen. Ohne Erfolg. Die Strategie einer forcierten Einnahme von Alkoholika mag zur Anxiolyse bei der Flugangst durchaus erfolgreich sein scheitert aber bei der Reisekrankheit. Im Gegenteil, die Symptome können durch Alkohol sogar noch verstärkt werden.

Fahrt in den Schwarzwald
Die Reisekrankheit ist ein Leiden, das besonders Kinder quält. Nicht selten speiben die Halbwüchsigen ihren Eltern ins Auto meist auf dem Weg zur Tante, zum Kaffee am Sonntagnachmittag, mit dem schönen Anzug von der Erstkommunion fesch gemacht. Und nach der dritten Kurve schon »Marandjosef«: Das Schnitzel mitsamt den Fritatten auf der Hose, dem Rücksitz, den Schuhen, der Schwester, den Schuhen der Schwester.

Im Idealfall wird vom Papa dann umgedreht und der Ausflug abgesagt. Meistens jedoch: notdürftige und insuffiziente Reinigung des Malheurs mit einem zu kleinen Stofftaschentuch und Weiterfahrt in Richtung Schwarzwälder Kirschtorte. Freilich könnte man das Ins-Auto-Erbrechen auch als aggressiven Akt des Sprösslings gegen den faden Ausflug oder das repressive familiäre System werten. Und im Rahmen einer Psychotherapie wird man darauf schauen und in dieser Hinsicht arbeiten.

Im Zuge einer schulmedizinischen Begutachtung wird aber wohl eine Reisekrankheit diagnostiziert werden. Die Schulärztin erklärt, dass dies keine Seltenheit ist, mit dem Alter oft wieder vergeht und irgendwie mit den Ohren zu tun hat. Genauer: mit dem Gleichgewichtsorgan dem Vestibularapparat. Eine wiederholte Stimulation dieses Organs durch plötzliche und schnelle Bewegungen verursacht vegetative Symptome. Andauernde Widersprüche zwischen der erfahrenen Bewegung und der Lage des Körpers lösen ein Fehlersignal im Hirnstamm aus. Anscheinend kann sich das Gehirn daran gewöhnen, denn nach zwei bis drei Tagen lassen die Symptome der Reisekrankheit bei den meisten Menschen nach.

Ein Whisky-Ginger-Ale ist kein Ingwer
Ein schwacher Trost, wenn man im Flieger sitzt und einen Speibbeutel nach dem anderen füllt. Daher bietet der Apotheker auch eine Reihe von mehr oder weniger wirksamen Mitteln an, wenn er nach lindernden Arzneien gefragt wird. Vom Reisepflaster bis zum Kaugummi ist alles dabei. Der Biofuzzi unter den Reisenden  wird es allerdings mit den Seefahrern halten und Ingwerwurzeln kauen. Der Knolle sagt man eine antiemetische Wirkung nach, dies sollte gegen Übelkeit helfen. Zudem gilt die Empfehlung, möglichst ausgeruht die Reise anzutreten, nicht mit vollem Bauch in den Flieger, den Zug oder aufs Schiff zu steigen und nach Möglichkeit in Fahrtrichtung zu sitzen. Wer einen Führerschein hat, soll selbst das Auto lenken und ruhig über die Straßen gleiten. Je fahriger der Fahrstil, umso höher ist die »Speibwahrscheinlichkeit« bei den Beifahrern.

Die Notfallambulanz kann nur raten, Alkohol vor der Reise zu meiden. Auch an das ballesterer-Redaktionsmitglied erging dieser sachdienliche Hinweis. Worauf der Schreiber beim nächsten Europapokal-Auswärtsflug vollkommen nüchtern und mit zwei Sackerln Ingwerzuckerl in den Flieger gestiegen ist. Mit ersten Teilerfolgen: Es war ihm erst nach der Landung schlecht. »Vielleicht hätte ich die fünf Ginger Ale im Flugzeug doch nicht mit Whisky mischen sollen«, spekuliert er nun retrospektiv. Ein Intellektueller eben.

Referenzen:

Heft: 41
Rubrik: Thema
ballesterer # 82

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Der nächste ballesterer fm erscheint am 12. Juli 2013.

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