Die schlaflosen Nächte des Sebastian P.

BUNDESLIGA Die Transferbombe ist also doch noch geplatzt. Kurz vor Drucklegung des ballestererfm gab Sebastian Prödl bekannt, nach der Saison für vier Jahre zu Werder Bremen zu wechseln.
Simon Hirt | 08.05.2008
Am Abend nach der Bekanntgabe seines Wechsels ist Sebastian Prödl erleichtert, doch die vergangenen Tage haben sichtlich an seiner Substanz gezehrt. Einsilbig wiederholt er am Telefon jene Phrasen, die er zuvor schon Dutzenden anderen Journalisten in die Blöcke diktiert hat. »Bremen ist eine Topadresse. Ausschlaggebend war aber auch das Vertrauen, das mir Trainer Thomas Schaaf vorausgeschickt hat und die Tatsache, dass junge Talente in Bremen ihre Chance bekommen«, sagt der 20-jährige Steirer mit Blick auf seinen ÖFB-Teamkollegen Martin Harnik, der seit zwei Jahren bei den Hanseaten unter Vertrag steht.
Bereits zuvor hatte Prödl klargemacht, den Verein nicht vor dem Sommer wechseln zu wollen. Um vor der EM nicht Gefahr zu laufen, eine Reservistenrolle einzunehmen, behält er bis Saisonende eine Hauptrolle in Sturms Verteidigung. Meistertitel statt Ersatzbank lautet seine verständliche Devise, sind Stimmung und Leistung in Graz doch seit der erfolgreichen Herbstsaison wieder auf einem Hoch. »Die Situation ist einfach extrem schön, der Titel mit Sturm wäre ein Traum«, meint der 1,92 Meter große Nachwuchskicker. Als Meister will Prödl dann in Deutschland zu einem Spieler internationaler Klasse reifen.

 

Alptraum Karriereplanung

 

Die ersten Wochen des Jahres sind für die heißeste Transferaktie der österreichischen
Bundesliga nicht leicht gewesen. Die Gedanken über seine Karriereplanung raubten ihm den
Schlaf, in so mancher Nacht schreckte Prödl gequält aus seinem Bett. Er versuchte, sich freizumachen von den anstrengenden Überlegungen. Zu viele Gedanken kreisten im Kopf des 20-Jährigen. Sie drehten sich um seine Zukunft, seinen neuen Arbeitsplatz. Der Druck, die richtige Entscheidung zu treffen, war groß: »Es gibt Nächte, in denen ich aufwache und darüber nachdenke, wie es weitergehen soll. Wie legt man seine Karriere an, und wohin soll sie führen«, sagte Prödl noch Mitte Jänner.
Unterstützung bekam der Sturm-Verteidiger von seiner Familie: Anstatt eines Managers standen ihm Vater Josef, Mutter Brigitte und Bruder Matthias zur Seite. Um die rechtlichen
Fragen kümmerte sich ein Freund. Trotz der Schmeicheleien, die ihm die Transferküche
bescherte, bemühte sich der Jungnationalspieler, nie die Übersicht zu verlieren. Er präsentierte sich abgebrüht und zielstrebig. »Manager brauche ich keinen, ich bin alt genug, um selbst Entscheidungen zu treffen«, meinte Prödl vor seinem Transfer.

 

Die Transferküche »prödelt«

 

Glaubt man der heimischen Presse, hätte für Prödl-Scouts bei jedem Länderspiel ein eigener
Sektor reserviert sein müssen. Die Visitenkarten renommierter Talentejäger sammelten sich
unterm Grazer Uhrturm. »Namen sind viele aufgetaucht, wobei an manchen Gerüchten
wirklich nichts dran war. Erst wenn sich wer bei mir gemeldet hat, habe ich die Sache ernst
genommen«, sagt der gebürtige Kirchberger. Als Zeitungsente österreichischer Blätter watschelte Prödl vom hohen Norden Trondheims bis ins südliche Barcelona.
Sein Schweigen beflügelte die abgehobenen Gerüchte der heimischen Blätter. Als sein Wechsel schon vertagt schien, ließ der Abwehrspieler die Katze aus dem Sack: »Ich habe mich für Werder entschieden.« Für die Bremer ist es kein Problem, dass Prödl vor seinem Wechsel »Sturm noch etwas zurückgeben will« und vor der Europameisterschaft in Österreich Spielpraxis sammelt. Nach außen wirkt Prödl weiterhin gelassen, auch die EM bringt ihn nicht aus der Fassung: »Wir sind krasser Außenseiter, das ist keine schlechte Situation.« Aber eine, in der er den Medien wohl wieder den Kopf verdrehen wird.

Referenzen:

Heft: 32
Rubrik: Thema
ballesterer # 82

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Der nächste ballesterer fm erscheint am 12. Juli 2013.

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