Matthias Seidel: Ich saß mit meiner kleinen Internetagentur in Hamburg und war 120 Kilometer entfernt von meinem Lieblingsverein Werder Bremen. Ich hatte Probleme, an Informationen zu Werder zu gelangen, und habe sie gesammelt und dann ins Internet gestellt. Daraufhin sind immer mehr Mails gekommen, und ich habe das erste Forum gegründet, in das Leute Gerüchte gepostet haben. 2001 haben wir begonnen, die Seite mittels Datenbanken zu füllen. Vorher musste ich die Änderungen bei Spielern manuell anpassen. In der Anfangszeit hatten wir 50 bis 100 Besucher pro Tag, und ich habe mir gedacht: Es kann doch nicht wahr sein, dass es so viele Bekloppte gibt! Bei der WM 2006 waren es dann täglich rund 450.000.
Wer füttert die Datenbanken? Wie funktioniert das Update?
Seidel: Unsere Datenbank ist sehr intelligent aufgebaut. Wir vermeiden redundante, also doppelte Daten. Wenn wir einen Spielbericht eingeben, werden diese Informationen in allen anderen Statistiken, die darauf aufbauen, wieder genutzt. Die Infos geben die User ein, in erster Linie die sogenannten Paten. In Deutschland gibt es für jeden Verein einen Paten, insgesamt sind es rund 70 Personen. Theoretisch kann jeder eingreifen, indem er ein Berichtigungsformular abschickt.
Werden eure Paten bezahlt?
Seidel: Nein. Es gibt einmal im Jahr ein User-Treffen, bei dem ich das Bier übernehme. Das ist ein Teil der Entlohnung, aber ich glaube, dass es nicht ums Monetäre geht. Es ist eher wie bei einem Fan in der Kurve, der seine Freude hat, wenn er an einer Choreographie mitarbeitet. Die Hauptmotivation ist das Fantum. Und es macht ja auch Spaß. Wenn ich einen Fehler bei einem Oberligisten entdecke, dann schaue ich mir den ganzen Verein an und habe eine Riesenfreude, wenn sich alles schließt.
Wie hoch ist der Zeitaufwand für einen Paten?
Thomas Lintz: Ich sitze drei, vier Stunden pro Tag vor dem Laptop. Allerdings macht es einen großen Unterschied, ob man Bayern München betreut oder einen kleinen Zweitligisten, wo man mit einer halben Stunde pro Tag auskommt.
Das klingt alles sehr sympathisch. Aber wie finanziert sich die Seite?
Seidel: Durch Werbung, wobei wir schauen, dass diese nicht überhandnimmt. Wir wollen mit dem Projekt kein Geld machen, müssen aber den Apparat finanzieren. Wir haben zwei Programmierer, einer davon in Ausbildung. Es ist schon schön, wenn aus einer Fangeschichte
etwas wächst, mit dem man jemandem einen Arbeitsplatz bieten kann.
Wie kommen die Marktwerte auf transfermarkt.at zustande? Warum ist Austria-Spielmacher Milenko Acimovic mit drei Millionen Euro gelistet und Steffen Hofmann von Rapid mit 2,8 Millionen?
Seidel: Begonnen hat es damit, dass ich ein Excel-Programm mit verschiedenen fixen Parametern geschrieben habe. Deutschlandspezifisch war ein Torhüter zum Beispiel immer vergleichsweise günstiger als ein Innenverteidiger, weil es traditionell viele gute Torleute gab. Diese Parameter ergaben den Marktwert, der bei 80 Prozent der Spieler auch gepasst hat. Den Rest konnte man aber so nicht erfassen. Da musste man den subjektiven Fangeist reinbringen. Deshalb haben wir die Marktwertanalyse ins Leben gerufen eine Art Forum, in dem die User über die Werte diskutieren.
Lintz: Zur konkreten Frage: Steffen Hofmanns Marktwert lag schon höher, ist aber gefallen, weil er sich bei 1860 München nicht durchgesetzt hat. Acimovic hat Premier League, Ligue 1 und Champions League gespielt. Obwohl er älter ist als Hofmann, ist er mit 30 noch in einem guten Fußballeralter.
Wie kann man das aber in einem Marktwert ausdrücken?
Seidel: Man kann so etwas nicht errechnen, sondern nur diskutieren. Wenn man Experten vor der Saison fragt, wo Austria Wien am Ende in der Tabelle stehen wird, dann sagen sie auch einen konkreten Platz, weil man mit knallharten Zahlen besser diskutieren kann. Mit den Marktwerten verhält es sich ähnlich. Man muss das als Diskussionsgrundlage sehen, wie eine Spielerbenotung in einer Zeitung.
Lintz: In den Sozialwissenschaften gibt es die Delphi-Methode, die wir auf den Fußball umlegen. Eine Frage wird an einige Experten gestellt, dann werden deren Antworten gepoolt und wieder an alle verschickt. Jeder kann auf jeden antworten. In einem Forum, das von
einem Paten geschickt moderiert wird, kristallisiert sich dann meist ein recht plausibler Wert heraus.
Wie geht ihr mit Kritik an den Marktwerten um?
Seidel: Es gibt natürlich Berater, die von unseren Marktwerten gar nichts halten. Das merkt man in der Regel daran, dass sie sie auch nicht kommentieren. Wenn aber ein Berater anruft und sagt »Eure Zahlen sind Schmarrn, aber könnt ihr meinen Spieler nicht um 500.000 Euro teurer machen?« dann hat er natürlich seine Glaubwürdigkeit verloren.
Um wie viel hat sich das Transferaufkommen in den sieben Jahren des Bestehens eurer Plattform gesteigert?
Seidel: Gar nicht so stark. Das hing und hängt auch von den Trainern ab. Ein Kandidat war immer Frank Pagelsdorf, der sowohl beim HSV als auch bei Rostock pro Saison 20 Spieler ausgewechselt hat. Nach der Kirch-Krise ist das Transferaufkommen natürlich zurückgegangen. Jetzt hat es wieder angezogen, weil die Vereine besser aufgestellt sind.
Wird der große finanzielle Aufwand, den die Bayern im Sommer betrieben haben, eine Signalwirkung für andere deutsche Vereine haben?
Seidel: Es hatte schon Konsequenzen. Als Miroslav Klose nach München gewechselt ist, hatte Werder Geld für neue Investitionen. Sobald Geld im Markt ist, wird es im Fußball auch ausgegeben.
Ist es für euch nachvollziehbar, ob die bei großen Transfers verlautbarten Summen auch wirklich fließen?
Seidel: Marcio Amoroso kam 2001 für die angebliche Summe von 25 Millionen Euro zu Dortmund, wobei da der Transfer von Evanilson dabei war, der für eine Million zurückgekauft, aber für 17 Millionen mitverrechnet wurde. Im Nachhinein wurde immer klarer, dass das Summen für die Bücher gewesen sind. In solchen Wechseln steckt viel drin,
was der klassische Fan gar nicht wissen will. Der will sich ja immer noch in erster Linie unterhalten lassen. Wenn man zu tief unter diesen Teppich guckt, dann verliert der Fußball einiges von seiner Romantik.
Ein besonderes Feature von transfermarkt.at ist die Auflistung der Spielerberater. Wie viele Manager gibt es in Deutschland und Österreich?
Seidel: In Österreich sind es rund 30, in Deutschland 180 bis 190 lizenzierte Berater. Dazu kommen die Rechtsanwälte, die die Erlaubnis zur Arbeitsvermittlung haben, die vielen Väter, die ebenfalls vermitteln dürfen, und die Berater, die ohne Lizenz arbeiten, aber in der Hinterhand einen Anwalt haben, der die Verträge mitunterschreibt. Alles zusammen sind es 400 bis 500 Berater im weitesten Sinn, wobei es eine Top-20 gibt, die sich rund 80 Prozent der Spieler untereinander aufteilen.
Was sind deine lustigsten Erlebnisse mit Beratern?
Seidel: Da gibt es einige. Einer wollte mich und meine Familie zum Urlaub in die Türkei einladen, wenn ich an zwei Marktwerten etwas drehen könnte. Zu den meisten haben wir aber guten Kontakt.
Du bist ein großer Werder-Bremen-Fan. Hat das Auswirkungen auf die Bewertung der Werder-Spieler?
Seidel: Bei den Werder-Marktwerten halte ich mich dezent zurück. Ich bin auch in keinen Diskussionen dabei. Es gab eine einzige Geschichte, wo mir der Kragen geplatzt ist: Als kurz nach dem Krstajic-Transfer auch noch Ailton zu Schalke gewechselt ist, war ich so sauer, dass ich Schalke für einen Tag aus der Datenbank geschmissen habe, was natürlich eine Menge Leute aufgeregt hat.
Was sind eure weiteren Ziele?
Seidel: Wir bauen gerade transfermarkt.at und transfermarkt.ch auf. Wenn das funktioniert, schauen wir, ob die Seite auch in einer anderen Sprache angenommen wird. Natürlich wollen wir die Qualität und die Quantität der Angaben weiter steigern, beispielsweise soll zukünftig
aufscheinen, ob ein Spieler kopfballstark ist oder nicht. Einen klaren Strich ziehe ich allerdings zwischen Privatleben und Fußball. Die Fans können sich gern darüber unterhalten, ob ein Spieler zu viel gesoffen hat aber nicht über unsere Plattform. Wir wollen uns nicht auf Kosten der Spieler lustig machen. Schließlich sind sie immer noch unsere Götter in kurzen Hosen.






erscheint am 12. Juli 2013.
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