Die Summe der einzelnen Teile

NATIONALMANNSCHAFT 70 Jahre lang spielten Serben, Kroaten, Slowenen, Bosnier, Montenegriner und Mazedonier in einem gemeinsamen jugoslawischen Team. Am Höhepunkt ihrer Entwicklung wurden Mannschaft und Staat zerstört. Ein Rückblick auf ein einzigartiges Experiment.


Tatjana Kojic, Stefan Kraft | 13.05.2008

Das Match musste in der 41. Minute abgebrochen werden. Die Spieler von Hajduk Split und Roter Stern Belgrad, die an diesem 4. Mai 1980 im Poljud-Stadion von Split aufeinander trafen, konnten nicht mehr. Reihenweise brachen sie am Spielfeld zusammen, vergruben die Köpfe in ihren Händen oder starrten fassungslos in das weite Oval. Der Stadionsprecher hatte kurz zuvor verkündet, dass Josip Broz Tito, der Staatspräsident Jugoslawiens, gestorben war. Die letzten Bilder, die das Fernsehen aus dem Poljud übertrug, zeigten die bitterlich weinenden Spieler beider Mannschaften und den Schiedsrichter, umarmt im Mittelkreis. Gemeinsam mit den 50.000 Zusehern stimmten sie an: »Drue Tito, mi ti se kunemo« (Genosse Tito, wir geloben Dir).

Jugoslawien trauerte an diesem Abend um seinen Gründer, in einem Stadion, das Josip Tito erst ein Jahr zuvor seiner Lieblingsmannschaft Hajduk Split bauen hatte lassen. Eine späte Anerkennung für die Standhaftigkeit des Vereins während der deutschen Besatzung. Hajduk war einer der wenigen Klubs in der jugoslawischen Liga, dessen Geburtsstunde vor 1945 schlug. Genauso wie jene der gesamtjugoslawischen Nationalmannschaft, die schon 1920 zu ihrem ersten Spiel antrat.

 

Der Held von 1930


Nachdem die österreichische Monarchie im Ersten Weltkrieg besiegt worden war, gründete sich 1918 das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen und bald darauf auch der Fußballverband des neuen Staates. Das erste Spiel der Nationalmannschaft fand am 28. August 1920 in Antwerpen statt in blauen Shirts und weißen Hosen ging man gegen die Tschechoslowakei mit 0:7 unter, die bis dato höchste Niederlage eines gemeinsamen jugoslawischen Teams. Doch innerhalb weniger Jahre entwickelte sich der Balkanstaat zu einer Größe im noch jungen Weltfußball und nahm bereits an der ersten Weltmeisterschaft 1930 in Uruguay teil. Von den Strapazen einer 30-tägigen Schiffsfahrt abgeschreckt, verzichteten große Fußballnationen wie Österreich oder Deutschland auf das Turnier Jugoslawien ergriff seine Chance und erreichte das Halbfinale. In der Vorrunde war Brasilien mit 2:1 besiegt und Bolivien mit 4:0 deklassiert worden. 

Dabei war Jugoslawien nicht mit der stärksten Mannschaft angetreten. Kurz vor der WM hatte der Verband seinen Sitz von Zagreb nach Belgrad verlegt. Ein Ereignis, das unter anderem mit den politischen Entwicklungen des Staates verbunden war, der seit 1929 den Namen »Königreich Jugoslawien« trug. Die kroatischen Klubs verlangten nun zum Trotz hohe Versicherungssummen für ihre Spieler, so dass der Verband für die WM auf Kicker aus Belgrader Vereinen und drei Legionäre in Frankreich zurückgriff. 

Topscorer der jugoslawischen Mannschaft wurde Ivan Bek, Sohn eines Deutschen und einer Tschechin, der beim FC Sète 34 in Frankreich spielte. Unvergessen für die Nation blieb noch ein anderer Spieler: Milutin Ivkovi, der 24-jährige Kapitän. Nach seinem Abschiedsspiel im Nationaldress 1934 beendete Ivkovi sein Medizinstudium und engagierte sich in der Politik. An der Spitze eines Komitees von über 100 Sportlern wollte er verhindern, dass die olympische Fackel für die Spiele im nationalsozialistischen Deutschland 1936 durch Jugoslawien getragen wurde. Zwar konnte das Feuer trotz heftiger Demonstrationen passieren, doch führte der Protest dazu, dass die Spieler der Nationalmannschaft nicht nach Berlin reisten. Während Länder wie Großbritannien, Österreich oder die USA am Olympischen Fußballturnier in Nazi-Deutschland teilnahmen, blieb das jugoslawische Team den Spielen fern. Milutin Ivkovi musste seine Haltung mit dem Leben bezahlen: Nachdem deutsche Truppen Belgrad besetzt hatten, wurde er im Anschluss an eine Feier seines früheren Vereins BASK am 6. Mai 1943 von der Gestapo verhaftet und 18 Tage später im KZ Jajinci erschossen.

 

Nach dem Krieg 


Im April 1941 war die Wehrmacht in Jugoslawien einmarschiert. Nur der von den Nazis neu gegründete »Unabhängige Staat Kroatien« spielte noch Fußball, gegen verbündete faschistische Länder wie Ungarn, Italien oder Bulgarien. Hunderttausende Gegner der neuen Machthaber, orthodoxe Serben, Juden und Roma wurden bis zur Befreiung 1945 ermordet, was die FIFA nicht daran hinderte, Kroatien kurzzeitig als Mitgliedsland aufzunehmen. Titos Partisanen bekämpften die Wehrmacht erfolgreich und proklamierten am 29. November 1945 die Föderative Volksrepublik Jugoslawien. Neue Vereine entstanden aller Orten, mit Namen wie »Sloboda« (Freiheit), »Napredak« (Fortschritt), »Metalac« (Metaller), »Radnik« (Arbeiter), »Proleter« (Proletarier)  oder »Zeljeznicar« (Eisenbahner); nicht zu vergessen »Dinamo«, »Partizan« oder »Crvena Zvezda« (Roter Stern). Auch eine neue Nationalmannschaft begann für das sozialistische Land zu spielen. Sie setzte sich, ebenso wie die Partisanen und der neue Staat, aus allen großen Volksgruppen zusammen. Sportliche Erfolge sollten die schwierige Identifikation mit der Nation Jugoslawien vorantreiben und die Gräuel des Krieges vergessen machen. Simon Kuper beschreibt die neue Lage in seinem Bestseller »Football Against the Enemy« auf zynische Weise: »Als Jugoslawien in den 50er Jahren die Sowjetunion besiegte und die Lautsprecher auf den Straßen das Match übertrugen, begannen die Kroaten, frisch zurück vom Massakrieren der Serben und Juden, stolz auf ihren neuen Staat zu sein.« Doch das pauschale Urteil des Journalisten der Financial Times wird durch seine eigenen Recherchen relativiert: So berichtet Kuper, dass Franjo Tuman, der spätere radikale kroatische Nationalist, nach dem Krieg ausgerechnet Präsident von Partizan Belgrad, dem Klub der jugoslawischen Armee, gewesen war. Tuman stand in den Reihen der Partisanen, die vom Kroaten Tito angeführt wurden.

Zu den unverdauten inneren Konflikten kam ein außenpolitischer. 1948 brach Tito mit Stalin, das ehemalige Bruderland Sowjetunion wurde zum Feind erklärt. Vier Jahre später trafen sich beide Länder am Fußballfeld, beim Olympischen Turnier von Helsinki. Wie Kuper nacherzählt, übertrugen große Radiohäuschen die Begegnung auf die Straßen Jugoslawiens. Die Dramaturgie des Spiels hätte kaum spannender ausfallen können: Bei dichtem Regen führte Jugoslawien bis zur 75. Minute mit 5:1, doch die Sowjetunion erzielte vier Treffer in der letzten Viertelstunde und erzwang eine Neuaustragung. In dieser blieb Jugoslawien mit 3:1 siegreich, verpasste aber die Goldmedaille gegen die überragenden Ungarn. Einer der Stars im Team der Jugoslawen war Zlatko ajkovski, genannt »Tschik«. Ihm sollte es später gelingen, als Trainer mit einem Regionalligisten namens Bayern München bis in die Bundesliga aufzusteigen und den Europacup zu gewinnen.

 

Die Klasse von 1987


Eine ganz eigene Tragik begleitete die Geschichte des jugoslawischen Nationalteams. Dreimal reichte es bei den Olympischen Spielen nur zur Silbermedaille: 1948, 1952 und 1956. Zweimal verloren die Jugoslawen ein Finale der Europameisterschaft, in den Jahren 1960 und 1968. 1960, bei der ersten EM überhaupt, ging es trotz einer 1:0-Führung ausgerechnet gegen die Sowjetunion in die Nachspielzeit, wo man mit 1:2 unterlag. 1968 entschied erst ein Rückspiel gegen Jugoslawien und für Italien. Und bei den Weltmeisterschaften 1954 und 1958 schieden die Jugoslawen jeweils erst im Viertelfinale aus.

Die stärkste jugoslawische Mannschaft aller Zeiten sollte aber erst Ende der 80er Jahre entstehen. Neben den späteren europäischen Superstars Robert Prosineki und Zvonimir Boban standen bei der U20-WM in Chile 1987 auch Davor Suker und Predrag Mijatovi am Feld. Diesmal konnte Jugoslawien gar nicht anders, als Weltmeister zu werden. Gemeinsam mit Dejan Savievi, dem Torhüter Tomislav Ivkovi, Faruk Hadibegi und Dragan Stojkovi sollten die »ileanci« (Chilenen) zur WM 1990 nach Italien fahren. Der Teamtrainer stammte noch aus der Blütezeit des jugoslawischen Fußballs der 60er Jahre: Der herausragende Mittelfeldregisseur der EM 1968, Ivan Osim, sollte die Mannschaft bis zu ihrem Zerfall im Jahr 1992 dirigieren. 

 

Vor dem Krieg


Osim hatte das Amt 1986 übernommen und rund um die goldene Generation eine sensationelle Mannschaft aufgebaut. Geboren in Sarajevo, der Hauptstadt des jugoslawischen Mikrokosmos Bosnien, in dem der sozialistische Staat Jugoslawien gegründet wurde, setzte Osim seine Elf aus allen Teilen des Landes zusammen. In der Offensive harmonierte Prosineki, Sohn eines Kroaten und einer Serbin, mit dem Montenegriner Savievi und dem Mazedonier Panev, hinter ihnen standen Kapitän Hadibegi aus Bosnien und der Slowene Katanec. Doch noch vor Beginn der WM wurde ihr Zusammenhalt von den politischen Ereignissen massiv gestört.

Als das Team am 3. Juni 1990 zum Spiel gegen die Niederlande ins Zagreber Maksimir-Stadion einlief, wurde es von 20.000 Zusehern ausgebuht. Aus den ehemaligen Fans der Nationalmannschaft waren die Verfechter eines kroatischen Separatstaates geworden, die dem gemeinsamen jugoslawischen Team feindlich gegenüber standen. Die Hymne wurde niedergepiffen, während des Spiels hagelte es Beschimpfungen für die jugoslawischen Spieler. Ein konsternierter Ivan Osim verließ das Stadion mit einer ironischen Geste: Er zeigte den pfeifenden Zuschauern den erhobenen Daumen. 

Angeschlagen durch die feindliche Stimmung daheim, kämpfte sich die Mannschaft in Italien dennoch ins Viertelfinale, wo sie gegen Argentinien und Maradona eine ihrer glanzvollsten Leistungen bot. abanadovi wurde in der 30. Minute ausgeschlossen, doch die Jugoslawen rannten zu zehnt völlig entfesselt gegen das Tor von Goycoechea an und vergaben mehrere hundertprozentige Chancen. Schließlich musste ein Elfmeterschießen über das Schicksal des letzten gesamtjugoslawischen Teams bei einer Weltmeisterschaft entscheiden. Stojkovi und Brnovi vergaben, aber auch die Argentinier Troglio und Maradona. Symbolhaft für den jugoslawischen Fußball, der mit viel Einsatz, aber auch Witz gespielt wurde, jedoch fast nie zum endgültigen Erfolg führte, ist die Szene des entscheidenden Elfmeters. Im wichtigsten Moment seiner Karriere entschied sich Faruk Hadibegi dafür, seinen Penalty mit dem schwächeren rechten Fuß zu schießen, um so den Torhüter zu überlisten. Doch sein Schuss fiel zu schwach aus und Goycoechea auf den Trick nicht herein. 

Verstärkt um Jugovi und Mihajlovi sollte die Nationalmannschaft zur EM 1992 nach Schweden fahren. Doch nach dem Kriegsausbruch in Bosnien trat Trainer Ivan Osim schweren Herzens zurück und Jugoslawien wurde auf Druck der westlichen Staaten, die im jugoslawischen Bürgerkrieg klar Stellung für die Separatisten einnahmen, von der Europameisterschaft ausgeschlossen. Trotzdem flogen die Spieler, unter ihnen Jugovi und Savievi, als Vertreter ihres Landes nach Schweden. Beim Umsteigen auf einem Schweizer Flughafen wartete der bosnische Kapitän Hadibegi auf sie: Um seine ehemaligen Mitspieler auf einen Kaffee einzuladen und ihnen Glück zu wünschen. Es sollte das letzte Zusammentreffen einer gesamtjugoslawischen Mannschaft sein.   

 


Zum Thema sind einige sehenswerte Dokumentarfilme erschienen: 


»The Last Yugoslavian Football Team« von Vuk Janic (NL 2000, 85 Min., OmeU)


»11 Freunde« von Miklos Gimes und Michele Andreoli (CH 1998; 55 Min., Deutsch)


»Fudbal, nogomet i jo poneto« von Igor Stoimenov (SRB 2007, 229 Min., Serbo-kroatisch)



Referenzen:

Heft: 29
Thema: Jugoslawien
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