Die Toskanafraktion

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Siebtligist Dulwich Hamlet bietet ein Gegenmodell zum Fußball der Premier League. Der Verein will Zuschauer mit einem attraktiven Spielstil, günstigen Kartenpreisen und einer fanfreundlichen Atmosphäre in den Südosten Londons locken.

Mike Bayly | 12.11.2014

Immer mehr Fans können sich die absurden Ticketpreise in den höchsten Ligen nicht mehr leisten. Von diesem Problem wollen die kleineren Klubs profitieren, seit 2010 wird in England, Wales und Schottland der Non-League Day begangen, um Werbung für den Amateurfußball zu machen und Anhängern eine Alternative zum hochpreisigen Fußball zu bieten. Die Schlagzeilen des diesjährigen Non-League Days Anfang September wurden in Südost-London geschrieben. Der Siebtligist Dulwich Hamlet konnte beim Heimspiel gegen Hampton & Richmond Borough 2.856 Zuschauer begrüßen, mehr als dreimal so viel wie beim bisherigen Saisonrekord von 811. Einer der Gründe für den großen Andrang war die Kartenpreisaktion des Vereins: Jeder Stadionbesucher konnte so viel oder wenig Eintritt zahlen, wie er wollte. Hinter der Rekordkulisse steht aber weit mehr als eine geglückte Marketingaktion.

Supermarkt statt Olympiastadion
Dulwich Hamlet war einmal ein großer Name im englischen Amateurfußball. Der 1893 gegründete Klub holte zwischen den Weltkriegen vier Amateur-FA-Cup-Titel und zog fünfstellige Besucherzahlen an. In den frühen 1990er Jahren war von der großen Vergangenheit jedoch nicht mehr viel übrig. 1991 wurde das Stadion Champion Hill abgerissen, nachdem der Klub große Teile seines Geländes an die Supermarktkette Sainsbury's verkauft hatte. Einst hatte das 1931 eröffnete Stadion 30.000 Menschen Platz geboten, 1948 war es gar ein Austragungsort der Olympischen Sommerspiele. Heute trägt der Klub seine Heimspiele auf dem zum 3.000er-Stadion adaptierten ehemaligen Trainingsplatz aus. Doch die Sainsbury's-Gelder änderten wenig an der Situation des Vereins - um die Jahrtausendwende war Dulwich sportlich in der Isthmian League, einer Regionalliga für den Großraum London, angekommen. Zu den Spielen kamen wenige hundert Zuschauer.

Die Wende kam mit dem heutigen Trainer Gavin Rose, der den Verein seit 2009 betreut. Ihm ist es gelungen, ein attraktives Passspiel zu etablieren und 2013 den Titel in der achtklassigen Division One South der Isthmian League zu holen. Vergangene Saison kämpfte Dulwich bis zuletzt um einen Platz im Aufstiegs-Play-off, scheiterte aber knapp. Zwischen 2010 und 2014 stieg der Zuschauerschnitt von 181 auf 667. "Der Spielstil und die Spieler, die unser Trainer geholt hat, sind ein Plus, aber wir profitieren auch von unserer besonderen Lage in der Stadt", sagt Mishi Morath, der Dulwich Hamlet seit 1974 begleitet und sich im Vorstand des Klubs engagiert. "Wir haben ein großes Einzugsgebiet. Jetzt müssen die Leute nur noch erfahren, dass es uns überhaupt gibt."

Wie in so vielen anderen Londoner Bezirken verändert sich auch in Dulwich die Demografie ständig. Durch den Gentrifizierungsprozess der vergangenen 20 Jahre sind viele neue Einwohner zugezogen, und der örtliche Fußballverein kann dazu beitragen, sie willkommmen zu heißen. "Wir wollen positiv auf die veränderte Bevölkerungsstruktur reagieren, ohne die alteingesessenen Bewohner zu verprellen", sagt Morath. "Bei Dulwich Hamlet geht's darum, gemeinsam Spaß zu haben. Rassismus, Homophobie und Sexismus werden hier nicht geduldet."

Falsettgesänge für Gästefans
Das Konzept scheint aufzugehen. Hinsichtlich der ethnischen und kulturellen Herkunft ist das Publikum auf dem Champion Hill bunt gemischt. Die Kulisse ist eine der lautesten im englischen Amateurfußball, der Supportstil unterscheidet sich deutlich von anderen Fußballplätzen. Statt Flüchen und Schmähgesängen, die auf englischen Tribünen sonst zu hören sind, präsentieren die Anhänger den Auswärtsfans Falsettgesänge, Polonaisen und manchmal verwirrende Sprechchöre. Einer der beliebtesten erinnert an die Initiative für einen neuen Stadionbau in den 1980er Jahren. Obwohl die Umgebung mit abgewrackten Sozialwohnungen und einem heruntergekommenen Spielplatz wahrlich keine Augenweide war, erhob ein Anrainer Einspruch gegen die Pläne. Ein Neubau würde das Gelände zerstören, das ihn an die Toskana erinnere. Das Argument wurde von den Fans übernommen, regelmäßig singen sie: "Tuscany! Tuscany! We're the famous Dulwich Hamlet and we look like Tuscany." Dazu wird mitunter die Fahne der italienischen Region geschwenkt. Andere Gesänge nehmen Bezug auf Themen aus Fan- und Lokalpolitik. Auch der Hamburger Amateurklub Altona 93 ist häufig präsent, mit den Fans des linksalternativen Vereins pflegt Dulwich Hamlet eine enge Freundschaft.

Das alles trägt dazu bei, dass Champion Hill als Sammelbecken für Intellektuelle und linke Aktivisten gilt. Dieses Image ist allerdings nur ein Teil der Wahrheit, das Publikum ist weitaus vielfältiger. David Moyle geht erst seit dem vergangenen Jahr zu Dulwich Hamlet, inzwischen verpasst er jedoch kaum ein Spiel. "Ich mag die witzigen Lieder, die rosa-blauen Trikots und das Bemühen um eine angenehme familiäre Stimmung", sagt er. "Außerdem spielt die Mannschaft wirklich guten Fußball."

Das Beispiel Dulwich Hamlet zeigt, dass sich Amateurvereine wohl eher durch eine fanfreundliche Atmosphäre profilieren können als durch die Verpflichtung bekannter Spieler oder allzu ambitionierter Aufstiegspläne. Doch nicht nur die restlichen Amateurvereine können von dem Modell etwas lernen, sondern auch die Profiklubs. Die weiter steigenden Preise und die zahlreichen Beschränkungen in den Stadien könnten bald noch mehr Fans dazu bringen, ihr Fußballglück in den unteren Ligen zu suchen. Denn dort können sie einen Nachmittag stehend auf den Tribünen verbringen, mit Freunden etwas trinken und sich als Teil einer Gemeinschaft fühlen - und nicht nur als zahlungskräftiger Kunde.

Foto: Dulwich Hamlet FC

Der Text ist die bearbeitete Fassung eines Artikels für die November-Ausgabe des englischen Fußballmagazins When Saturday Comes

Referenzen:

Heft: 97
Thema: England
Verein: Dulwich Hamlet
ballesterer # 121

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