Somalisches Veilchen
Omar wäre auf jeden Fall sichtbar, allein schon wegen seiner Hautfarbe. Allerdings zieht der vermutlich einzige Austria-Fan aus Somalia meist die Nord- der Westtribüne vor, weil auch das Gros seiner Freundinnen und Freunde dort hingeht. Der 17-Jährige versucht in Wien, seine Jugend nachzuholen. In Somalia war er Kindersoldat, ihm und seiner Familie sind schreckliche Dinge zugestoßen. Seit vier Jahren lebt Omar in Österreich, im Sommer 2003 hat er dann sein erstes Austria-Match gesehen, ein 4:0 gegen Bregenz. Der Funke sprang sofort über. »Austria, das ist wie ein Virus«, sagt Omar heute, »mein Blut ist violett geworden.«
Davon konnten sich auch seine Kollegen in einer WG für minderjährige Flüchtlinge überzeugen, in der Omar in seiner Anfangszeit in Wien wohnte. »Dort gab es viele Neuzugänge aus der Ukraine, aus Russland, Polen, Afghanistan. Manche hatten großes Interesse an Fußball«, erzählt Omar. »Ich habe sie gefragt: Willst du eine gute Mannschaft sehen? So sind alle Austrianer geworden. Ich habe den Virus weitergegeben.«
Mittlerweile hat Omar auch dank der Initiative »connecting people« im zweiten Anlauf einen positiven Asylbescheid bekommen. Er lebt jetzt in seiner eigenen kleinen Wohnung im 10. Bezirk. An den Wänden sind Zeitungsausschnitte und Mannschaftsposter der Austria aufgeklebt, überall finden sich violette Fahnen, Trikots und andere Fan-Devotionalien, bis hin zur Bettwäsche und den Servietten. Omar geht in die Schule und kickt als Mittelstürmer im Nachwuchs von Ostbahn XI. Seine Lieblingsspieler aus dem derzeitigen Austria-Kader sind Jocelyn Blanchard und Markus Kiesenebner, »aber eigentlich alle, denn Austria ist Austria«. Sogar Roman Wallner sei violett, findet Omar.
Sein Austria-Fantum sieht der Somalier als bewusste Wahl und jedenfalls nicht durch Erfolge beeinflusst: »Kinder lieben Chelsea, weil die jetzt stark sind. Aber das geht nicht. Würde ich heute nach Österreich kommen und Red Bull gut finden, wäre das wie bei kleinen Kindern. Aber so bin ich nicht.« Er lese viel über die Austria, erzählt Omar. »Ich lerne, wer Austrianer und wer Rapidler war. Ich bin neu in Österreich, bei Prohaska und Polster war ich noch nicht da.«
Rassismus im Stadion habe er noch nicht mitbekommen, sagt Omar: »Ich habe noch nie etwas Blödes erlebt.« Wenn ihn die Leute auf der Nord mit »Ah, hallo Ronaldinho!« grüßen, freut ihn das. Überhaupt sagt er: »Nette Menschen, das ist für mich Austria.« Seine große Dankbarkeit, hier in Österreich leben zu können, macht es vermutlich schwierig, über Themen wie Rassismus zu sprechen gerade in Zusammenhang mit seiner geliebten Austria. Wenn er in der U-Bahn seine »Hauptstadt-Kult«-Jacke trage, sagt der 17-Jährige, würde ihn zwar manchmal ein Rapidler blöd anreden, »aber nicht wegen der Hautfarbe oder meinem Heimatland, sondern wegen dem Fußball.« Er antwortet dann: »Schimpf mich nicht, jeder hat ein Hobby.«
Kroatischer Wikinger
Ein weitgehend positives Zeugnis in Hinblick auf kurveninternen Rassismus stellt auch Robert seiner Fanszene aus. Der heute 13-Jährige wurde als kroatischer Staatsbürger im Innviertel geboren, lebt seit einiger Zeit in Ried und unterstützt seit Herbst 2003 die dortige Spielvereinigung. »Bisher habe ich nix Negatives erlebt«, sagt der Teenager, der selbst im Nachwuchs des Bundesligisten kickt und deshalb gratis auf den Stehplatz des Fill-Metallbau-Stadions darf. »Ich und meine kroatisch-stämmigen Cousins wurden noch nie beleidigt, weil wir Ausländer sind. Die anderen Leute im Stadion sind Mitschüler oder Nachbarn, die man grüßt.«
Ried-Fan sei er geworden, »weil ich hier daheim bin und andere Bundesligisten zu weit weg sind«, gibt der Gymnasiast zu, »ich mag aber auch Salzburg und bin deshalb in der Klasse nicht so beliebt.« Überhaupt gibt Robert scheinbar wenig auf klassische Rivalitäten: »In Kroatien finde ich Dinamo Zagreb und Hajduk Split super. Mein Onkel ist Klubpräsident des kroatischen Zweitligisten Imotski, der Heimatstadt meines Vaters.«
Der Anteil von migrantischen Zuschauern bei der SV Ried ist für Robert »schwer zu schätzen. Aber vermutlich sind es zwischen fünf und zehn Prozent, der Großteil davon sicher auf der Stehplatz-Tribüne.« Eine Verbindung sieht der zweisprachig aufgewachsene Austro-Kroate zu den Kickern, die gerade das grün-schwarze Trikot tragen. Als Sanel Kuljic noch in Ried spielte, habe er vermehrt bosnische Familien im Stadion gesehen. Bei Muhammet Akagündüz dürfte es mit türkischen Zuschauern ähnlich gewesen sein. Robert kennt dieses selektive Interesse auch aus eigener Erfahrung: »Ich hab es klasse gefunden, als Dario Dabac noch hier gespielt hat. Er ist auch Kroate, das macht das Ganze gleich interessanter.«
Türkischer Wild Boy
Dass Migranten und deren Kinder auch in den organisierten Fanklubs vertreten sind, beweist der 22-jährige Innsbrucker Olum. »Ich gehe seit ungefähr neun Jahren zu den Spielen von Wacker, bin also auch schon im alten Tivoli auf der Nordtribüne gestanden«, erzählt der Österreicher türkischer Abstammung. »Früher war ich bei den Verrückten Köpfen, jetzt bin ich bei den Wild Boys.« Der Zugang zu den aktiven Fans sei unproblematisch gewesen: »Da gab es keine Schwierigkeiten, ich wurde offen aufgenommen.«
Seine Wurzeln sind aber auch Olum wichtig. »Wacker Innsbruck ist mein absoluter Lieblingsverein«, sagt er, »daneben bin ich aber auch Fan von Fenerbahçe.« Zuletzt habe er sich in Istanbul das UEFA-Cup-Spiel gegen Eintracht Frankfurt angeschaut, Kontakte betreibt er auch zum Fenerbahçe-Fanklub GFB. Als die Blau-Gelben vor einigen Jahren beim Alpencup in Innsbruck spielten, schlug die große Stunde Olums. »Ich habe mich um die Stimmung gekümmert und vorgesungen. Von den ca. 5.000 Zuschauern waren 700 Fenerbahçe-Fans!« Dennoch ist für Olum eines klar: »Zuerst kommt der FC Wacker. Ich wohne in Innsbruck, Innsbruck ist meine Stadt.« Ein sichtbares Zeichen dafür, dass die Integration auch im Fanblock gelingen kann.
Buchtipp:
Omar: »Meine Waffe ist der Bleistift« In: Asylkoordination (Hg.): »Annäherungen. Junge Flüchtlinge und ihre PatInnen erzählen« (Mandelbaum Verlag, 2006)






erscheint am 12. Juli 2013.
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